mini|Das Gebäude auf einer Briefmarke aus dem Eröffnungsjahr 1978
Die Staatsbibliothek Potsdamer Straße wurde von 1967 bis 1978 nach Plänen des Architekten Hans Scharoun errichtet. Als Haus Potsdamer Straße ist sie eines der beiden Hauptgebäude der Staatsbibliothek zu Berlin. Das Gebäude befindet sich im Berliner Ortsteil Tiergarten des Bezirks Mitte, nahe dem Potsdamer Platz und gehört zum Kulturforum Berlin.Hans Stimmann: Zukunft des Kulturforums. Vom Tiergartenviertel zum Museum des 20. Jahrhunderts. Berlin 2020, ISBN 978-3-86922-488-6. Nach Scharouns Tod im Jahr 1972 wurden die Arbeiten von seinem Schüler und langjährigen Mitarbeiter Edgar Wisniewski zu Ende geführt, der auch vorher schon maßgeblich am Projekt beteiligt war. Das auch „Bücherschiff“ genannte außen goldfarbene Gebäude ist das größte Bauwerk Scharouns. Die Baukosten beliefen sich auf 226,5 Millionen Deutsche Mark.
Trotz nicht weniger Eigenheiten und aus heutiger Sicht von manchen als Fehlplanungen wahrgenommener Ideen gilt das markante Gebäude vielfach immer noch als Referenz im Bereich der Bibliotheksarchitektur. Dazu trägt nicht nur die Offenheit der Raumkomposition bei, sondern auch die zahlreichen Details des Stils Hans Scharouns, der dem organischen Bauen zugerechnet wird und schon dessen Berliner Philharmonie berühmt machte.
Das Gebäude soll 2030 für die Öffentlichkeit geschlossen und bis 2041 für 1,1 Milliarden Euro saniert werden.
Entstehung und Nutzung Zeitgeschichtlicher Hintergrund
Die Staatsbibliothek zu Berlin war ursprünglich in der Staatsbibliothek Unter den Linden beheimatet. Durch die besonderen Umstände der Teilung Deutschlands und der Stadt Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Sammlung jedoch ebenfalls geteilt; große Teile waren im Krieg aus der Stadt evakuiert worden und befanden sich nun in den Gebieten der Westalliierten. Die in Westdeutschland befindlichen Bestände der Staatsbibliothek wurden 1946 zunächst im Gebäude der Universitätsbibliothek Marburg untergebracht und dort als Hessische Bibliothek eröffnet, die 1949 in Westdeutsche Bibliothek umbenannt wurde. Die Geschichte um den Neubau am Kulturforum begann erst später:
1957 wurde die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit der Aufgabe gegründet, die „aus kriegsbedingten Gründen aus Berlin verlagerten Kulturgüter alsbald zurückzuführen“.Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „Preußischer Kulturbesitz“ (PDF; 18 kB), § 3, Absatz 2. Die Stiftung konnte wegen verfassungsrechtlicher Auseinandersetzungen zwischen Bund und Ländern allerdings erst vier Jahre später die Arbeit in Berlin aufnehmen. Stiftung Preußischer Kulturbesitz 1961 fand in beiden Teilen der Stadt die 300-Jahr-Feier der Staatsbibliothek zu Berlin statt. Eine publizistische Kampagne der DDR über das „Marburger Büchergrab“ verstärkte den Handlungsdruck auf der westlichen Seite.Martin Hollender: Das »Marburger Büchergrab« – Politische Kontroversen um die beiden Berliner Staatsbibliotheken in Ost und West im Kalten Krieg. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens. 63, Berlin 2008, ISBN 978-3-598-44105-9, S. 158. In diesem Jahr stellte der Senatsbaudirektor Werner Düttmann eigene Entwürfe für einen Neubau der Staatsbibliothek am Kemperplatz vor, die den Stiftungsrat aber nicht überzeugen konnten. Im Mai 1963 beschloss der Stiftungsrat, einen Architektenwettbewerb für den Neubau der Staatsbibliothek am Kulturforum auszuschreiben. Scharoun bewarb sich – wenige Wochen nachdem auf der gegenüberliegenden Straßenseite seine damals kontrovers diskutierte Philharmonie eröffnet worden war. Am 9. Juli 1964 gewann Scharoun den Ersten Preis. Sein Entwurf umfasste auch ein Gästehaus des Senats auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Potsdamer Straße, das allerdings nie realisiert werden sollte. Die Dienststelle der Staatsbibliothek wurde in Berlin eingerichtet und zunächst im Bendlerblock untergebracht, in dem heute das Bundesministerium der Verteidigung residiert. 1965 begann die Rückführung der Sammlungen aus der Westdeutschen Bibliothek nach Berlin. Wegen der Besitzansprüche der DDR entschied man sich für einen Transport auf dem Luftweg.Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz: Lese-Landschaft. Die Staatsbibliothek von Hans Scharoun. Katalog zur Ausstellung vom 9. Juli bis 4. September 2004, Berlin 2004, S. 5. Scharoun besuchte zu Studienzwecken Bibliotheken in Basel, München, Stuttgart, London, New York, San Francisco, Stanford, Chicago, Washington, Boston, Yale und Princeton. 1966 beschloss der Stiftungsrat, das Ibero-Amerikanische Institut in den Neubau der Staatsbibliothek zu integrieren. Das zuvor an der gleichen Stelle geplante Restaurant wurde hierzu aus den Plänen gestrichen.
Bauzeit Die Baugeschichte der Staatsbibliothek ist von notorisch vielen Querelen, Unregelmäßigkeiten und Konflikten geprägt. Der Spiegel sprach damals von einer „Bau-Chronik scandaleuse“, der „typische Merkmale eines Meisterwerks anhafteten“. In der Tat führten Konflikte zwischen dem künstlerischen Anspruch des Architekten und den bibliothekarischen Vorstellungen während der Bauzeit wiederholt zu Abstimmungsproblemen und Planänderungen. Seinen vielfach kritisierten Arbeitsstil ständiger Veränderungen sah Scharoun selbst als gesunden Bestandteil des architektonischen Prozesses: 1970 sagte er, er wünsche sich „dass vielmehr statt Perfektion Improvisation gelten möge, die den Weg der Entwicklung offenhält“.Aus einer Rede anlässlich der Verleihung des Erasmus-Preises 1970, zitiert in: Edgar Wisniewski: Raumvision und Struktur – Gedanken über Hans Scharouns Konzeption zum Bau der Staatsbibliothek. In: Ekkehart Vesper (Hrsg.): Festgabe zur Eröffnung des Neubaus in Berlin. Dr. Ludwig Reichert Verlag, Wiesbaden 1978, ISBN 3-88226-035-1, S. 144–158, Zitat S. 158. Damit bezog er sich offensichtlich auf konzeptionelle Änderungen, nicht auf die beim Bau der Staatsbibliothek sich wiederholenden Änderungen aus technischen oder finanziellen Gründen.Edgar Wisniewski: Hans Scharouns letztes Werk für Berlin. In: Liselotte Orgel-Köhne: Staatsbibliothek Berlin. arani-Verlag, Berlin 1980, ISBN 3-7605-8546-9, S. 19.
Die Schätzungen sowohl zur Bauzeit als auch zu den Kosten wurden im Laufe der Zeit sukzessive nach oben korrigiert. Ursache hierfür waren nicht nur die äußerst komplizierten Konstruktions- und Statikherausforderungen, sondern auch die Individualität des Baus: „In diesem Haus gibt es kaum irgendeine Wiederholung“ sagte damals der Baudirektor Hans Wurzler.Hans Wurzler: Bauausführung und Konstruktion. In: Ekkehart Vesper (Hrsg.): Festgabe zur Eröffnung des Neubaus in Berlin. Dr. Ludwig Reichert Verlag, Wiesbaden 1978, ISBN 3-88226-035-1, S. 164. Wegen der dadurch zahlreich nötigen Einzelanfertigungen konstruktiver Elemente geriet das Projekt immer wieder in substantielle Zeit- und Finanzprobleme.
Aus anfänglich 90 Millionen Mark und fünf Jahren Bauzeit (Schätzung zu Baubeginn) wurden schließlich 226,5 Millionen Mark und elf Jahre.Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz: Lese-Landschaft. Die Staatsbibliothek von Hans Scharoun. Katalog zur Ausstellung vom 9. Juli bis 4. September 2004, Berlin 2004. Der SPD-Abgeordnete Rudolf Walther lästerte damals über einen „Genie-Zuschlag“. Dass das gewaltige Bauvorhaben schließlich überhaupt noch in der dann erfolgten Konsequenz durchgeführt werden konnte, wird heute vor allem als das Verdienst von Scharouns langjährigem Mitarbeiter Edgar Wisniewski gesehen, der nach Scharouns Tod im Jahr 1972 bis zur Fertigstellung des Baus im Jahr 1978 die künstlerische Oberleitung weiterführte.Holger Kleine: Kontemplative Phantastik – zur Staatsbibliothek Hans Scharouns im Kontext der Gegenwart. In: Mitteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin (PK). N.F. 8 (1999), Nr. 1, , S. 23–37.
Die Grundsteinlegung war am 10. Oktober 1967. Tatsächlich lief die Bautätigkeit zu diesem Zeitpunkt allerdings schon seit fünf Monaten: Wegen der schlechten Auftragslage in Berlin hatte man sich entschlossen, den Beginn vorzuziehen – obwohl die Ausführungszeichnungen noch gar nicht fertiggestellt waren. 1969 begann der zweite Bauabschnitt, der den zentralen Lesesaal, die Foyers und das prägnante Hochmagazin umfasst. Bereits in diesem Jahr (nicht erst, wie häufig berichtet, nach Scharouns Tod) wurde dem Büro Scharoun die Ausbauplanung entzogen und dessen Zuständigkeit auf „künstlerische Oberleitung“ eingegrenzt.Eberhard Syrting, Jörg Kirschenmann: Hans Scharoun: Außenseiter der Moderne. Taschen, Köln 2007, ISBN 978-3-8228-2449-8, S. 83. Scharoun selbst, dessen Werdegang notorisch häufig von derartigen Interventionen geprägt war, empfand diesen Eingriff offensichtlich als besonders schmerzhaft.Edgar Wisniewski: Hans Scharouns letztes Werk für Berlin. In: Liselotte Orgel-Köhne: Staatsbibliothek Berlin. arani-Verlag, Berlin 1980, ISBN 3-7605-8546-9, S. 28. 1970 wurden die Baukosten das erste Mal präzise geschätzt: 155,34 Millionen Mark. 1971 wurde der erste Bauabschnitt, der nördliche Verwaltungstrakt, beendet und im Juni in Betrieb genommen. Zuvor im Mai wurde die Ausführungsplanung vom Büro Scharoun auf die Bundesbaudirektion übertragen. Im Juli 1972 wurde östlich der Baustelle eine Traglufthalle errichtet, um die Rückführung der Sammlungen aus ihrem Exil in Marburg zu beschleunigen. Schon als die Halle erst zu etwa einem Viertel der vollen Kapazität von zwei Millionen Bänden gefüllt war, zerstörte im November 1972 der Orkan Quimburga die konstruktionsbedingt fragile Außenhülle der Halle. Hans Scharoun starb am 25. November 1972 im Alter von 79 Jahren. Am 16. November 1973 war Richtfest. Man ging von einer Fertigstellung des Gebäudes bis 1976 aus. 1975 wurde mit dem Einzug der Bücher in den Neubau begonnen, der im September 1976 beendet war. Der Rechnungshof rügte Scharouns Pläne als vielfach mangelhaft und beklagte, dass er diese zudem „noch während der Ausführung ständig geändert“ habe. Am 30. Juni 1977 wurde der dritte Bauabschnitt (Ibero-Amerikanisches Institut und Veranstaltungssäle) abgeschlossen. Die Dienststelle der Westdeutschen Bibliothek in Marburg wurde endgültig geschlossen.
Inbetriebnahme Am 15. Dezember 1978 fand die feierliche Eröffnung statt.https://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/die-gebaeude/potsdamer-strasse/baugeschichte Dabei sprachen unter anderen Bundespräsident Walter Scheel, der Regierende Bürgermeister von Berlin Dietrich Stobbe, Bundesinnenminister Gerhart Baum sowie der Generaldirektor der Staatsbibliothek Ekkehart Vesper.
mini|Gedenktafel im Ostfoyer
Nachdem der Bau zwei Tage später der Öffentlichkeit übergeben worden war, war die Bibliothek in der Folgezeit auch immer wieder Ort repräsentativer Veranstaltungen. Als damals teuerstes, größtes und neuestes Gebäude West-Berlins übte es eine hohe Anziehungskraft auf die politische Prominenz aus.1979 wurde es in diesen Kriterien vom ICC abgelöst. Zu einiger Bekanntheit gelangte etwa der Staatsbesuch des französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing am 29. Oktober 1979. Seine Rede, die mit den Worten La liberté de Berlin, c’est aussi la nôtre („Die Freiheit Berlins ist auch die unsere“) schloss, hielt er im Ostfoyer der Staatsbibliothek.Martin Hollender: «La liberté de Berlin, c’est aussi la nôtre» – Valéry Giscard d’Estaing und die Staatsbibliothek. In: Bibliotheksmagazin, Nr. 3/2009, , S. 47–49. An den bedeutenden Satz erinnert dort heute eine bronzene Gedenktafel.
Unter anderem wegen des hohen organisatorischen Aufwandes derartiger größerer Festveranstaltungen im Bibliotheksgebäude wurden solche kurze Zeit später vom damaligen Generaldirektor wieder untersagt.Werner Schochow: Die Berliner Staatsbibliothek und ihr Umfeld. 20 Kapitel preußisch-deutscher Bibliotheksgeschichte. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-465-03442-2, S. 167.
Sanierungen