mini|Marcel Proust (1895, Fotografie von Otto Wegener) Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (französischer Originaltitel: À la recherche du temps perdu, erschienen zwischen 1913 und 1927) ist ein siebenteiliger Roman von Marcel Proust. Er ist als fiktionale Autobiographie geschrieben. Das Werk schildert die Erinnerungen des Ich-Erzählers an sein Leben, die vielfach von Prousts eigenen Erlebnissen inspiriert sind. Das detailreiche Heraufbeschwören der Vergangenheit mittels „unwillkürlicher Erinnerungen“ (und damit der Prozess des Schreibens) wird zur allegorischen Suche nach der Wahrheit, die Berufung des Ich-Erzählers zum Schriftsteller damit zum unsichtbaren Kern der Erzählung. Die Romanfolge entfaltet ein großes Gesellschaftspanorama im Paris des Fin de siècle und ist das Hauptwerk der französischen Romanliteratur des frühen 20. Jahrhunderts.In Search of Lost Time. In: Encyclopædia Britannica.

Als Proust im Januar 1909 einen Zwieback, welcher im Roman zu einer Madeleine wird, in seinen Tee tauchte, fühlte er sich unwillkürlich in seine Kindheit zurückversetzt. Im Juli desselben Jahres zog er sich von der Welt zurück, um seinen Roman zu schreiben, von dem der erste Entwurf im September 1912 fertiggestellt wurde. Der erste Band Du côté de chez Swann (1913; deutsch: In Swanns Welt, auch: Auf dem Weg zu Swann) wurde von Verlagshäusern aus verschiedenen Gründen abgelehnt und erschien auf Prousts eigene Kosten im November 1913. Zu diesem Zeitpunkt waren vom Autor nur drei Bände geplant.

Während der Kriegsjahre überarbeitete Proust den Rest seines Werkes, vertiefte seine Empfindungen, Struktur und Interpretation, entwickelte die realen und satirischen Elemente weiter und verdreifachte seine Länge. Im Juni 1919 erschien À l’ombre des jeunes filles en fleurs (1919; Im Schatten junger Mädchenblüte) zeitgleich mit einer Neuauflage von Swann. Im Dezember 1919 erhielt À l’ombre den Prix Goncourt und machte Proust auf einen Schlag berühmt. Zwei weitere Bände wurden noch zu Lebzeiten veröffentlicht und profitierten von seiner letzten Überarbeitung: Le Côté de Guermantes (1920/1921; Die Welt der Guermantes) und Sodome et Gomorrhe (1921/1922; Sodom und Gomorra). Die letzten drei Teile von À la recherche erschienen posthum in einer fortgeschrittenen, aber noch nicht fertigen Bearbeitung: La Prisonnière (1923; Die Gefangene), Albertine disparue (1925; Die Entflohene) und Le Temps retrouvé (1927; Die wiedergefundene Zeit). Die erste zuverlässige Gesamtausgabe erschien erst 1954.

Handlung Ein Ich-Erzähler - sein Name Marcel - berichtet von seinem Leben und vom Vorgang des Sich-Erinnerns. Der Roman ist an vielen Stellen autobiographisch inspiriert, bleibt aber insgesamt Fiktion.Der Ich-Erzähler und Hauptheld bleibt weitgehend anonym, lediglich an zwei Stellen in dem Band Die Gefangene fällt der Name Marcel. Beim ersten Mal mit dem ausdrücklichen Vorbehalt: „indem wir dem Erzähler denselben Vornamen geben wie dem Autor dieses Buches“. Zum Umgang Prousts mit seinen Quellen, siehe: Vorbilder für Prousts Figuren.

Der Roman spielt im Frankreich des Fin de siècle bis in die frühe Zwischenkriegszeit. Der Ich-Erzähler stammt aus einer Familie des Pariser Bürgertums. In seiner Kindheit, deren Erinnerungen er sich wachruft, verbrachte die Familie den Sommer üblicherweise bei den Großeltern auf dem Land, in dem kleinen Ort Combray. Minutiös beschreibt er die Verwandten und Bekannten in ihrem dortigen alltäglichen Dasein, mit ihren Gewohnheiten, Charaktereigenschaften und Gefühlen, von der hinfälligen Tante bis zur bescheidenen Dienstmagd. Darunter lernt er auch Personen kennen, die in seinem weiteren Leben eine Rolle spielen werden, etwa den Kunstliebhaber Swann, dessen Tochter Gilberte oder die lokale Adelsfamilie, die Guermantes.

Als er alt genug ist, einen Beruf zu wählen, weckt ein Theaterbesuch in ihm das Interesse für Kunst und er will Schriftsteller werden. Allerdings hindern ihn seine schwache Gesundheit und seine Trägheit daran, ein literarisches Werk zu schaffen. Er erlebt bei der genauen Beobachtung der Natur aber immer wieder Augenblicke höchster Konzentration, die er gerne verarbeiten würde, nur kommt er niemals dazu.

mini|Cabourg (Balbec) Grand Hotel Der Erzähler verbringt die Sommerfrische in dem fiktiven Badeort Balbec, die zweite Hälfte des zweiten Bandes und ein Großteil des vierten Bandes spielen im dortigen Grandhotel. Vorbild für Balbec ist der Badeort Cabourg an der Küste der Normandie, in dessen Grandhotel Proust häufig an seinem Roman arbeitete. Hier verliebt sich der Ich-Erzähler erstmals in die junge Albertine. Er freundet sich auch mit dem Marquis Robert de Saint-Loup an, der mit der Familie Guermantes verwandt ist.

In der Folge besucht der Ich-Erzähler gesellschaftliche und literarische Salons, zunächst solche der Bourgeoisie, auch der jüdischen, und findet über Freunde allmählich Zugang in die sonst geschlossenen Zirkel des französischen Adels, für die meisten Menschen eine terra incognita, deren vielfältige Nuancen sich ihm erst langsam erhellen. Aufmerksam und belustigt lernt er die Verachtung kennen, mit der die alten Adelshäuser des Ancien Régime die Noblesse d'Empire behandeln, die unter Napoleon aufgestiegen war. Beide wiederum blicken auf die neureiche Bourgeoisie herab, die infolge der Industrialisierung Frankreichs erst entstanden war, indem sich Handwerker, Kleinhändler oder Geldwechsler aus bescheidenen Anfängen zu Fabrikanten, Großhändlern und (vor allem jüdischen) Bankiers hochgearbeitet hatten. Diese wiederum sind sehr auf Abstand bedacht zum Kleinbürgertum, dem sie eigentlich entstammen, sowie zum Proletariat, dem sie Lohn und Brot geben und das sie ausbeuten. Die Bohème wiederum – Schriftsteller wie der Ich-Erzähler selbst, Musiker, Sänger, Maler, Tänzer – blickt einerseits künstlerisch selbstbewusst auf alles Bourgeoise und Etablierte herab, andererseits bemüht sie sich – finanziell prekär – um Zutritt zu den Salons, wohin nicht nur reichgedeckte Tafeln sie locken, sondern auch die Hoffnung auf einflussreiche Kontakte – besser noch auf Aufträge oder heiratsfähige Töchter.

All dies beobachtet Proust mit scharfem Auge, beschreibt es mit spitzer Feder. Schon Voltaire hatte fürs Ancien Régime die Beziehungen zwischen den Ständen und auch innerhalb der Stände als „Kaskade der Verachtung“ bezeichnet. Niemand hat diese rauschende, schwemmende, sprühende und glitzernde Kaskade jemals mit größerer Präzision und Spitzzüngigkeit beschrieben als Proust in der Recherche. Die genannten Milieus kontrastiert er wiederum mit seiner eigenen väterlichen Familie und ihrem Umkreis, solidem, fleißigem, selbstbewusstem und leicht provinziellem Bildungsbürgertum von Notaren, Ärzten, Apothekern, Ingenieuren usw. Auch hier skizziert er aber feine Nuancen: Während der geschichtsbeflissene Großvater bei seinem Studium der Biographien Großer nicht unempfänglich ist für pikante Details ihres Intimlebens, vertreten die Großmutter und ihre altfräuleinhaften Schwestern unbeugsam idealistische Positionen, halten in stolzem Republikanismus Bürgertugenden hoch und verwerfen jegliche Kunst oder Literatur, die nicht der Hebung der Moral dient. Sie verachten das blasierte, prätentiöse Gehabe der mondänen Zirkel ebenso wie den angestrengten Geltungsdrang der Aufsteiger.

mini|hochkant|Comtesse Élisabeth Greffulhe, Vorbild für die Herzogin von Guermantes; Gemälde von Philip Alexius de Laszlo, 1905 Während der Ich-Erzähler all diese Milieugrenzen vor allem als Beobachter überquert, gelingt dies anderen Figuren voller Ehrgeiz, wie der Hauptfigur Charles Swann, der als Kunstkenner und -sammler aus wohlhabender jüdischer Wechselhändlerfamilie (wie sein reales Vorbild Charles Haas)Vorbild für Swann war Charles Haas (1832–1902), siehe Marcel Proust#Leben. Auch Prousts Großvater mütterlicherseits, Nathee Weil, war ein gutsituierter jüdischer Börsenmakler. zum Habitué der exklusivsten Zirkel des Jockey-Club de Paris aufsteigt und dank perfekten Manieren und erlesenem Geschmack zum engen Freund hoher und höchster Aristokraten wie des Herzogs de La Trémoille, des Grafen von Paris oder des britischen Kronprinzen wird. Im Salon der Herzogin von GuermantesSiehe: Élisabeth Greffulhe in der Literatur., dem ebenso exklusiven wie snobistischen „Tempel“ der aristokratischen „Welt des Faubourg Saint-Germain“, gelingt es dem jüdischen Parvenü gegen alle Wahrscheinlichkeit, sich zum arbiter elegantiarum aufzuschwingen. Swann wird zum Vertrauten der Herzogin („ihr Lachen klingt wie das Glockenspiel von Brügge“Gemeint ist das Carillon des Brügger Belfrieds.), die sich mit Eleganz, Kunstsinn und Esprit an die Spitze der mondänen Pariser Gesellschaft gesetzt hat, jedoch von ihrem Mann betrogen wird. Proust zeichnet seine Herzogin von Guermantes als eine typische Nachfahrin des Adels des Ancien Régime aus „ultra-legitimistischer“ Familie, die ihre Rivalen nicht etwa in Revolutionären oder Republikanern sieht (mit denen man ohnehin nicht verkehrt), sondern in der napoleonischen Noblesse d’Empire; sie darf daher keinesfalls gemeinsam mit der Prinzessin Mathilde Bonaparte eingeladen werden. Swann verbirgt diese gesellschaftlichen Erfolge jedoch vor den alten Freundeskreisen seiner Familie in Combray, zu denen die Eltern des Ich-Erzählers gehören. Diese hätten sie auch kaum für möglich – ja für ungehörig – gehalten, da sie sich von der Gesellschaft eine „leicht hinduistische Vorstellung“ machten, mit einem undurchdringlichen Kastenwesen. „Sie sahen wie die Eleganz seine Gesichtszüge prägte, die aber an seiner gebogenen Nase haltmachte wie an einer natürlichen Grenze.“In Swanns Welt, Kapitel 1: Combray.

Proust schildert maliziös das leere Geplauder der Salonmenschen, ihre Eitelkeiten und Eifersüchteleien. Politische Entwicklungen tauchen nur im Hintergrund auf, können aber gesellschaftliche Kulissen verschieben. So führt der Ich-Erzähler die Veränderungen vor Augen, die sich innerhalb der konservativ-elitären Gesellschaft im Laufe der Zeit ergeben: Wie ein Kaleidoskop, das gelegentlich gedreht wird, setzt sie sich in immer neuen Mustern zusammen: Waren noch in seiner Kindheit Angehörige des französischen Judentums – ebenso wie Republikaner – aus der „eleganten Gesellschaft“ grundsätzlich ausgeschlossen, fanden beide Gruppen doch allmählich Zugang in diese, bis die Dreyfus-Affäre die Juden wieder ausschloss; die Affäre ermöglicht es gewissen Personen, gesellschaftlich aufzusteigen, während sie andere zum Abstieg zwingt. Doch nachdem viele Juden sich als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg bewährt hatten, wurden sie wieder zugelassen, während ein österreichischer Prinz, der den elegantesten Salon von Paris geführt hatte, obgleich konservativ und ultra-katholisch, plötzlich als „Feind“ dastand. In den Zwischenphasen aber, solange das Kaleidoskop stillsteht, herrscht gesellschaftliche Immobilität und diese erscheint den Beteiligten ebenso unabänderlich und ewig wie der aktuelle Gebrauch von Öllampen und Pferdeomnibussen.Der Kaleidoskop-Vergleich mit den genannten Veränderungen findet sich im ersten Kapitel des zweiten Bandes, Autour de Madame Swann.

mini|hochkant|Robert de Montesquiou, Vorbild für den Baron Charlus, 1897 Der homosexuelle Aristokrat und Dandy Baron de Charlus – dem realen Schriftsteller Robert de Montesquiou nachempfunden – pflegt einerseits den Standesdünkel seiner Kaste bis zur ironischen Übertreibung, begibt sich als „Paradiesvogel“ – aus Langeweile und Neugier – jedoch auch in Kreise jüdischer Bourgeoisie und künstlerischer Bohème sowie – diskret, aber mit eindeutigen Absichten – in die proletarische Welt der Dienstboten.