Die Schlacht am Antietam (), vor allem in den Südstaaten auch Schlacht bei Sharpsburg genannt, war die entscheidende Schlacht des konföderierten Maryland-Feldzuges während des Amerikanischen Bürgerkrieges. Sie fand am 17. September 1862 entlang des Antietam in der Nähe der Ortschaft Sharpsburg in Maryland statt.
Sie gilt als die wichtigste Schlacht auf dem östlichen Kriegsschauplatz im Jahr 1862. General Robert E. Lee hatte nach dem Scheitern des Halbinsel-Feldzuges der Union und dem Sieg der Konföderierten in der Zweiten Schlacht am Bull Run die Nord-Virginia-Armee im Maryland-Feldzug erstmals auf das Territorium der Nordstaaten geführt. Dort stellte sich ihr erneut die Potomac-Armee unter Generalmajor George B. McClellan entgegen. Durch einen Zufall fielen McClellan vor der Schlacht Lees detaillierte Operationspläne in die Hände, die die Verwundbarkeit des Gegners zeigten. Er ließ jedoch mehrere Gelegenheiten verstreichen, den Vorteil zu nutzen. Obwohl McClellans Truppen die Konföderierten am Ende unter schweren Verlusten trotzdem zum vorläufigen Rückzug zwingen konnten, brachte die Schlacht am Antietam daher keine Entscheidung auf dem östlichen Kriegsschauplatz, sondern gilt als verpasste Gelegenheit der Union, der Nord-Virginia-Armee einen vernichtenden Schlag zuzufügen und den Bürgerkrieg frühzeitig zu beenden. Das Gefecht war die verlustreichste Ein-Tages-Schlacht des gesamten Bürgerkrieges. Wegen der rund 3.600 Gefallenen und Gesamtverlusten von etwa 23.000 Mann wird der 17. September 1862 auch als bezeichnet.
Gleichzeitig markierte der Ausgang der Schlacht aber einen sehr wichtigen Sieg für die Union, da sie nach Meinung der meisten Historiker politisch als einer der folgenreichsten Wendepunkte des Krieges gilt. Denn auch wenn der militärische Erfolg der Unionstruppen letztlich relativ begrenzt war, eröffnete der teuer erkaufte Sieg Lincoln dennoch die Möglichkeit, aus einer Position der Stärke heraus seine Emanzipationserklärung zur Befreiung der Sklaven in den Südstaaten anzukündigen, unterminierte Bestrebungen von Großbritannien und Frankreich, einen Verhandlungsfrieden mit einvernehmlicher Teilung der Vereinigten Staaten herbeizuführen, und half der Republikanischen Partei Lincolns, eine drohende Niederlage bei den Kongresswahlen im Herbst 1862 abzuwenden.
Am Antietam wurden erstmals die Folgen einer Schlacht des Bürgerkrieges ausführlich fotografisch dokumentiert. Alexander Gardners Aufnahmen von toten Soldaten, die Ende 1862 in New York von Mathew Brady in seiner Ausstellung The Dead of Antietam („Die Toten von Antietam“) präsentiert wurden, erschütterten viele Betrachter und führten zu einer realistischeren Einschätzung des bis dahin idealisierten Geschehens auf den Schlachtfeldern.
Vorgeschichte: Der Bürgerkrieg im Jahr 1862
Militärische Lage Anfang des Jahres
mini|„Raffinierte Untätigkeit“oder Sechs Monate am PotomacKarikatur zur Pattsituation im OstenFrank Leslie’s Illustrated Newspaper, Februar 1862 Im zweiten Kalenderjahr des Amerikanischen Bürgerkrieges konzentrierte sich ein Großteil der Anstrengungen der Union (Nordstaaten) auf dem wichtigen Kriegsschauplatz im Osten weiterhin darauf, Richmond einzunehmen und zu besetzen. Der Fall ihrer nur 160 Kilometer Luftlinie von Washington entfernt in Virginia liegenden Hauptstadt würde, so hoffte man im Norden, der Konföderation (Südstaaten) einen vernichtenden Schlag zufügen, die Regierung des konföderierten Präsidenten Jefferson Davis zusammenbrechen lassen und die als „Rebellion“ angesehene Sezession des Südens null und nichtig machen. Zum Erreichen dieser Kriegsziele musste die Union allerdings in die Offensive gehen, während die Konföderierten sich auf die Verteidigung des eigenen Territoriums beschränken konnten. Ein Hindernis auf dem Weg nach Richmond bildete eine Reihe kleinerer und größerer Flüsse, die parallel zur Grenze Virginias zwischen ihr und der Hauptstadt der Konföderation verliefen. Erste Anläufe, Richmond zu erobern, waren denn auch im Vorjahr mit Niederlagen der Union in der Ersten Schlacht am Bull Run (21. Juli 1861) und im Gefecht bei Balls Bluff am Potomac (21. Oktober 1861) im frühen Stadium gescheitert. Seitdem hatte die zwischen Manassas und Centreville stehende konföderierte Armee von General Joseph E. Johnston die zahlenmäßig stark überlegene Potomac-Armee der Union von Vorstößen nach Virginia abhalten können. Das Ergebnis war eine Pattsituation, die den Norden mehr störte als den Süden. McPherson: Crossroads of Freedom. S. 27f. mini|George B. McClellan
Generalmajor George B. McClellan, Oberbefehlshaber der Potomac-Armee, hatte zwischen Sommer 1861 und Anfang 1862 sein organisatorisches Talent unter Beweis gestellt und aus einer geschlagenen eine wohlstrukturierte Armee mit neuem Selbstvertrauen geformt. Die Presse hatte ihn daher zum „jungen Napoléon“ erhoben. Tatsächlich war er ein Zauderer und Perfektionist, der Risiken scheute und – selbst konfrontiert mit deutlich unterlegenen Verbänden – beständig auf weitere Verstärkungen der eigenen Truppen und bessere Vorbereitungen vor deren Einsatz drängte. McClellan neigte dazu, die numerische Stärke des Gegners zu überschätzen (häufig um ein Vielfaches) und mit der Fehlkalkulation seine mangelnde Initiative zu rechtfertigen. Dies machte ihn für Angriffe politischer Gegner anfällig, die ihm mitunter sogar Sympathien für die Sache des Südens unterstellten. Bei seinen Truppen war der charismatische General trotzdem sehr beliebt.McPherson: Crossroads of Freedom. S. 12–15. Als kurzzeitiger Oberbefehlshaber des US-Heeres erzielte McClellan im Winter 1861/2 eine Serie von Erfolgen auf anderen Kriegsschauplätzen, auch wenn sein persönlicher Beitrag dazu gering war. Im Westen eroberte die Union die konföderierten Festungen Fort Henry (6. Februar 1862) und Fort Donelson (16. Februar) in Tennessee und kontrollierte damit erstmals wichtige Zuflüsse zum Mississippi, einem möglichen Einfallsweg in den Süden. Der Fall von Nashville (25. Februar) festigte die Position der Union weiter. Zwischen Februar und April gelang es außerdem einer Expeditionsarmee, einen Großteil der konföderierten Häfen an der Küste North Carolinas zu erobern.McPherson: Crossroads of Freedom. S. 15–19., S. 24., S. 34. Der Versuch mehrerer konföderierter Armeen, einen weiteren Vormarsch der Union in Tennessee zu unterbinden, endete mit einer Niederlage in der Schlacht von Shiloh (6.–7. April), der bis dahin verlustreichsten Auseinandersetzung des Bürgerkrieges. Anschließend nahmen Unionsarmeen Corinth ein, einen Eisenbahnknotenpunkt im Norden Mississippis (30. April). Der Fall konföderierter Stellungen und Städte entlang des Mississippi River wie Island No. 10 (7. April), New Orleans (24. April), Baton Rouge (9. Mai) und Natchez (12. Mai) komplettierte die Serie militärischer Erfolge der Union im Winter und Frühjahr 1862.McPherson: Crossroads of Freedom. S. 22–27. Diese Entwicklung machte die Enttäuschungen des Jahres 1861 vergessen und erneuerte die Hoffnung vom Beginn des Bürgerkrieges, die Rebellion des Südens innerhalb weniger Wochen beenden zu können. Gleichzeitig mehrten sich in den Südstaaten die Stimmen der Pessimisten. Der konföderierte Vizepräsident Stephens erklärte bereits im Februar 1862 im privaten Kreis: McPherson: Crossroads of Freedom. S. 19–22.
Halbinsel-Feldzug und Zweite Schlacht am Bull Run
Von Unions-Präsident Abraham Lincoln gedrängt, in die Offensive zu gehen, entwarf General McClellan Anfang 1862 den Plan, Johnstons vermeintlich überlegene Streitmacht und die Fließgewässer Virginias zu umgehen. Dafür sollte seine Armee mit Schiffen über die Chesapeake Bay an die Ostküste des Staates transportiert werden und von dort aus auf die Hauptstadt der Konföderation marschieren. Lincoln willigte in das Vorhaben ein, obwohl er es lieber gesehen hätte, wenn McClellan die nahe Washington am Bull Run stehende Armee Johnstons angegriffen hätte, statt direkt gegen Richmond vorzugehen.McPherson: Crossroads of Freedom. S. 27–30. mini|Vormarsch der Potomac-Armee auf der Virginia-Halbinsel McClellans Feldzug begann am 17. März mit der Landung erster Einheiten der 120.000 Mann starken Potomac-Armee an der Spitze der Virginia-Halbinsel, etwa 100 Kilometer entfernt von Richmond. Der Vormarsch der Union kam mit der einmonatigen Belagerung von Yorktown (ab 5. April) aber schnell zum Stehen. Dies ließ Johnston genügend Zeit, seine nunmehr als Nord-Virginia-Armee bezeichnete Streitmacht zum Schutz Richmonds zurückzuziehen. Erst nach einem Unionssieg bei Williamsburg (5. Mai) konnte die Potomac-Armee weiter vorrücken. Richmond schien nun ernsthaft bedroht. Der Versuch Johnstons, McClellan mit einem Angriff acht Kilometer vor der Stadt aufzuhalten, scheiterte durch den unentschiedenen Ausgang der Schlacht von Seven Pines (31. Mai–1. Juni), bei der Johnston überdies schwer verwundet wurde.McPherson: Crossroads of Freedom. S. 29–34, 42. mini|links|Robert E. Lee Der Oberbefehl der Nord-Virginia-Armee ging nun auf General Robert E. Lee über. Er hatte seit März 1862 als militärischer Berater von Präsident Davis gedient und den Shenandoah-Feldzug von Generalmajor Thomas „Stonewall“ Jackson mitkonzipiert, der erste nennenswerte konföderierte Erfolge im Jahr 1862 gebracht hatte. McClellan erwartete eine defensive Einstellung Lees, dieser entschloss sich jedoch, die Unionsarmee anzugreifen. Fast alle Kämpfe der folgenden Sieben-Tage-Schlacht (25. Juni–1. Juli) resultierten aus Attacken der numerisch unterlegenen Konföderierten. Obwohl Lees komplexe Angriffspläne zumeist fehlschlugen und seine Armee hohe Verluste zu verzeichnen hatte, ließ McClellan sich durch die variantenreiche Offensive des Gegners beeindrucken. Er zog seine Truppen an den James River zurück, wo sie für den Rest des Monats Juli untätig verharrten.McPherson: Crossroads of Freedom. S. 42–47., S. 78. McClellan forderte von Washington Verstärkungen zum Gegenangriff auf die vermeintlich 200.000 Mann umfassende Nord-Virginia-Armee – eine dreifache Überschätzung ihrer Größe. Als er seine Forderungen weiter in die Höhe schraubte, ordnete der entnervte Henry Wager Halleck, neuer Oberbefehlshaber des US-Heeres, Anfang August den Abzug von der Halbinsel an. McClellan solle seine noch über 90.000 Mann verfügende Potomac-Armee möglichst schnell mit der 40.000 Mann starken Virginia-Armee unter Generalmajor John Pope vereinigen, die inzwischen in den Norden Virginias vorgerückt war. Lincoln hatte den neuen Großverband der Union erst im Juni bilden und am Potomac aufstellen lassen, weil er die Stadt Washington aufgrund von McClellans Feldzug unzureichend geschützt sah. Der widerstrebende McClellan war unsicher, ob er oder Pope die zusammengeführte Armee kommandieren werde. Daher hoffte er insgeheim auf eine Niederlage des Konkurrenten gegen mehrere Divisionen, die Lee unter dem Kommando von Jackson zum Kampf gegen die Virginia-Armee gesandt hatte. McClellan ließ sich derweil mit der Rückverschiffung der eigenen Armee Zeit.McPherson: Crossroads of Freedom. S. 53–55., S. 77ff.
mini|Ablauf der Kämpfe im Norden Virginias im Sommer 1862
Jackson erzielte am 9. August in der Schlacht am Cedar Mountain einen ersten Erfolg gegen einen Teil von Popes Truppen. Angesichts des sich abzeichnenden Abzugs von McClellans Armee ließ Lee 22.000 Mann zur Verteidigung Richmonds zurück und eilte mit dem Rest der Nord-Virginia-Armee Jackson zu Hilfe. Er war entschlossen, mit seinen insgesamt 55.000 Mann Pope zur Schlacht zu provozieren, bevor dessen Virginia-Armee sich mit der gesamten Potomac-Armee vereinigen konnte.McPherson: Crossroads of Freedom. S. 78ff.