mini|Elisabeth Förster-Nietzsche, etwa 1894 mini|Försterhof in Siedlungskolonie Nueva Germania, Paraguay Therese Elisabeth Alexandra Nietzsche (* 10. Juli 1846 in Röcken, Königreich Preußen; † 8. November 1935 in Weimar), bekannt als Elisabeth Förster-Nietzsche, war die Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche. Als alleinige Nachlassverwalterin ihres Bruders und Gründerin und Leiterin des Weimarer „Nietzsche-Archivs“ nahm sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erheblichen Einfluss auf die Nietzsche-Rezeption in Deutschland.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ihre Fälschungen an Nietzsches Schriften und Briefen bekannt. Sie wird für bestimmte Deutungen der Philosophie ihres Bruders, besonders für die Nietzsche-Rezeption im Nationalsozialismus, verantwortlich gemacht und kritisiert. Das von ihr verbreitete Nietzsche-Bild kam jedoch dem damaligen Zeitgeist entgegen und wurde von zahlreichen Gelehrten und Literaten weitgehend geteilt.

Leben Vor Friedrich Nietzsches geistiger Umnachtung Friedrich Nietzsches zwei Jahre jüngere Schwester war – nach dem Tod des Vaters Carl Ludwig Nietzsche 1849 – zusammen mit der Mutter Franziska Nietzsche seine engste Bezugsperson. Das Verhältnis der beiden Geschwister war lange Zeit recht innig, wenn auch nicht frei von wiederholtem Streit und Versöhnung. Zeitweilig führte Elisabeth ihrem unverheirateten Bruder, der ihr den Spitznamen „das Lama“ gab, den Haushalt. Beider Verhältnis verschlechterte sich deutlich in den 1880er Jahren, unter anderem weil Elisabeth sich Bernhard Förster (1843–1889) anschloss, einem deutschnationalen Gymnasiallehrer, der wegen seiner rabiaten antisemitischen Agitation vom Schuldienst suspendiert worden war und daraufhin mit Gleichgesinnten in Paraguay die Siedlungskolonie Nueva Germania gründete. Elisabeth heiratete Bernhard am 22. Mai 1885 – der Geburtstag Richard Wagners wurde wohl absichtlich als Termin gewählt – und folgte ihm 1886 nach Paraguay, wo sie noch 1889 lebte, als Friedrich in Turin zusammenbrach.Kracht, C., & Woodard, D., Five Years (Hannover: Wehrhahn Verlag, 2011).

Kurz vor seinem Zusammenbruch äußerte sich Friedrich Nietzsche in Briefen und in seiner Autobiographie Ecce homo äußerst abfällig über seine Schwester: „Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und meiner Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann – in meinen höchsten Augenblicken, … denn da fehlt mir jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm zu wehren.“Friedrich Nietzsche: Ecce homo, Warum ich so weise bin, 3. Abschnitt (KSA 6, S. 268). Viele frühere Briefe zeigen dagegen auch Liebe, Sorge und Zuneigung. Über das wechselhafte Verhältnis der Geschwister gibt es entsprechend bis heute unterschiedliche Ansichten. Recht übereinstimmend wird festgestellt, dass Elisabeth ihren Bruder persönlich bedingungslos bewunderte, aber wenig Kenntnis von seiner Philosophie hatte.

Herausgeberin und Herrin des Nietzsche-Archivs 1893 kehrte Elisabeth Förster, inzwischen verwitwet (Förster hatte sich nach dem Scheitern seines Projekts das Leben genommen), aus Übersee zurück und stand vor der Aufgabe, sich eine eigene Existenz aufbauen zu müssen. Sie begann, sich die Kontrolle über Nietzsches Werk zu sichern, was ihr vollständig erst 1897 gelang, nach dem Tod ihrer Mutter. 1895 erhielt sie die amtliche Genehmigung, den Doppelnamen „Förster-Nietzsche“ zu tragen. Sie gründete das Nietzsche-Archiv, das zunächst in Naumburg und ab 1897 in der von Meta von Salis gestifteten „Villa Silberblick“ in Weimar untergebracht war. Im oberen Stockwerk des Hauses lebte der umnachtete Philosoph bis zu seinem Tod im Jahre 1900.

Sie war alleinige Besitzerin des Nietzsche-Archivs. Für archivalische Arbeit stellte sie fachkundige Mitarbeiter ein, so etwa Rudolf Steiner, der Erfahrungen aus dem Goethe-Archiv mitbrachte und in den 1890er Jahren noch ein begeisterter Nietzscheaner war, und Heinrich Köselitz (bekannt als Peter Gast), der über viele Jahre sozusagen Nietzsches Sekretär war und zur Entzifferung von dessen Handschrift unverzichtbar. Keiner der Mitarbeiter hatte freien Zugang zu dem gesamten Archiv, so dass Elisabeth Förster-Nietzsches später berüchtigte Fälschungen bis zu ihrem Tod 1935 unbemerkt blieben. Diese Fälschungen, die meist Äußerungen über sie in Briefen ihres Bruders betrafen, sollten ihr, einer Frau ohne akademische Ausbildung, als Legitimation zur Leitung des Archivs dienen. Bei Rudolf Steiner nahm sie auch für einige Zeit Privatstunden, um sich über die Philosophie ihres Bruders zu unterrichten.

Wenngleich Elisabeth Förster-Nietzsche als Archivleiterin in den folgenden Jahren zahlreiche Zwistigkeiten – mit Mitarbeitern, Verlegern, dem ihr nicht trauenden Nietzsche-Freund Franz Overbeck und anderen – hatte, gelang es ihr doch, eine Reihe angesehener Unterstützer des Archivs zu finden: etwa Harry Graf Kessler und den Stockholmer Bankier Ernest Thiel.Zum Vornamen: Auf Thielska Galleriet und in der Literatur findet man die beiden Versionen Ernst und Ernest. Auf genannter Website wird Thiels Vater als „freidenkerischer schwedischer Techniker“ und seine Mutter als „fromme deutsche Jüdin“ bezeichnet. Der berühmte belgische Architekt Henry van de Velde konnte für die repräsentative Umgestaltung der Villa Silberblick gewonnen werden. Diese wurde zu einer Pilgerstätte für Verehrer des Philosophen. Die Namen von Stefan George, Richard Dehmel, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und anderen Berühmtheiten findet man im Gästebuch des Nietzsche-Archivs.

Elisabeth Förster-Nietzsche kümmerte sich um die Herausgabe der Werke ihres in den 1890er Jahren schnell zu großem Ruhm gelangten Bruders, um die Archivierung und Erschließung der nachgelassenen Papiere und mit besonderem Nachdruck um den Erwerb der zahlreichen Briefe Nietzsches an Freunde und Bekannte. Ihrem jahrzehntelangen Sammeleifer ist zu verdanken, dass Nietzsche heute eine der Personen des 19. Jahrhunderts ist, zu deren Biographie die reichhaltigsten Materialien überliefert sind. Außerdem schrieb Elisabeth Förster-Nietzsche selbst eine Nietzsche-Biographie in mehreren Bänden.

Außer den genannten Brieffälschungen wird ihr heute vor allem die Herausgabe eines Buches, Der Wille zur Macht, zur Last gelegt. Sie hat es unter Mitarbeit von Peter Gast aus dem Nachlass Nietzsches zusammengestellt und als Nietzsches Hauptwerk ausgegeben: zunächst 1901, in stark erweiterter Fassung 1906. In dieser Kompilation wird oft die Ursache einer fehlgeleiteten Rezeption Nietzsches, vor allem durch Faschisten und Nationalsozialisten, gesehen. Für die nationalsozialistische Nietzsche-Vereinnahmung sind allerdings weitere Umstände entscheidend gewesen, hier ist unter anderem an Alfred Baeumlers Nietzsche-Deutung und seine den Willen zur Macht an politischer Tendenz noch übertreffende Auswahl Die Unschuld des Werdens zu denken.

Die akademische Philosophie zeigte erst nach etwa zehn Jahren ein oft noch zögerliches Interesse an Nietzsche. Renommierte Philosophen wie Hans Vaihinger, Alois Riehl, Bruno Bauch u. a. setzten sich für Nietzsche und das Nietzsche-Archiv ein, auch, trotz ihrer Umstrittenheit, für Elisabeth Förster-Nietzsche. Einige von ihnen schlugen sie sogar wegen ihrer Verdienste um das Lebenswerk Nietzsches für den Literatur-Nobelpreis vor. Nachdem dies nicht zum Erfolg geführt hatte, wurde ihr zu ihrem 75. Geburtstag im Jahr 1921 von der Universität Jena der Titel „Dr. phil. h.c.“ verliehen.

Elisabeth Förster-Nietzsche und ihr Nietzsche-Archiv wurden von Anfang an kritisiert. Sie wehrte sich dagegen mit zahlreichen Gerichtsprozessen, etwa gegen Carl Albrecht Bernoulli, und 1907 in einer Schrift Das Nietzsche-Archiv, seine Freunde und seine Feinde. Trotzdem gab es offenbar eine genügend tragfähige Schicht von national und völkisch gesinnten Bildungsbürgern, die ungeachtet ihrer Vergangenheit als Ehefrau des Bernhard Förster den von ihr begründeten Nietzsche-Kult zelebrierten. Mit der aufsteigenden NSDAP konnte sie sich auch unter dem Einfluss ihrer drei im Archiv tätigen Vettern Adalbert Oehler, Richard Oehler, Max Oehler leicht arrangieren, auch wenn sie vor allem Benito Mussolini bewunderte und sich selbst zumindest 1932 noch als „deutschnational“ gegen die Nationalsozialisten absetzte, wie Harry Graf Kessler notierte: „Im Archiv ist alles vom Diener bis zum Major hinauf Nazi, nur sie selbst ist noch, wie sie sagt, deutschnational.“Harry Graf Kessler, Tagebuch, 7. August 1932, zitiert nach Krummel: Nietzsche und der deutsche Geist, Band II, S. 30. Mit „Major“ ist Förster-Nietzsches Vetter Max Oehler gemeint, der die Archivleitung nach ihrem Tod übernahm und sich der herrschenden Politik noch stärker anpassen sollte. In den Jahren 1932 bis 1934 empfing Förster-Nietzsche mehrfach Adolf Hitler als Besucher im Nietzsche-Archiv. Die Nietzsche-Gedächtnisstätte hat hier ihren Anfang genommen.

Spätere Beurteilungen Schon vor Elisabeth Förster-Nietzsches Tod hatte Erich F. Podach 1930 mit der Publikation einer Reihe kritischer biographischer Untersuchungen begonnen, die den von ihr errichteten Nietzsche-Mythos nachhaltig zersetzen sollten. Zuvor hatte bereits Heinrich Rickert in Vorlesungen geäußert, „dass man Schwester eines Philosophen sein kann, ohne etwas von Philosophie zu verstehen“.Heinrich Rickert: Schopenhauer und Nietzsche. Vorlesung Sommersemester 1928; erneut im WS 1932/33 unter dem Titel „Schopenhauer, Richard Wagner, Nietzsche“ (UB Heidelberg, Nachlass Heinrich Rickert). Nach ihrem Tod 1935 blieb aufgrund des geistigen Klimas in der Zeit des Nationalsozialismus und dann wegen des Krieges eine kritische Nietzscheforschung in ihren Anfängen stecken (sogenannte Historisch-Kritische Ausgabe). Erst mit der Ausgabe Karl Schlechtas 1959 wurden die Eingriffe, Fälschungen und Zerstörungen Elisabeth Förster-Nietzsches an Werk, Briefen und Nachlass ihres Bruders einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Seither wird sie in vielen Veröffentlichungen über Nietzsche und die Nietzsche-Rezeption sehr negativ dargestellt.

Im Jahr darauf wandte sich Podach gegen eine nun oft übertriebene Schuldzuweisung an Förster-Nietzsche und sah darin „die neueste Legende.“Erich F. Podach: Friedrich Nietzsches Werke des Zusammenbruchs, Heidelberg 1960, S. 11. Er warf den zahlreichen ehemaligen Unterstützern und Mitarbeitern des Archivs vor, damit von ihrem eigenen Versagen, ihrer Unfähigkeit oder sogar aktiver Mithilfe an der Verfälschung Nietzsches abzulenken. Gegen den dennoch anhaltenden Trend hat ihr Ernst Nolte 1990 „ganz überragend[e]“Ernst Nolte: Nietzsche und der Nietzscheanismus, Berlin 1990, S. 13. Verdienste um Nietzsches Werk bescheinigt. David Marc Hoffmann gestand dies zwar nur bezüglich der Sammlung von Nietzsches Papieren zu, sah sich aber 1991 zur Erneuerung von Podachs Mahnung berechtigt: