mini|Wahlwerbung vor einem Berliner Wahllokal am 10. April 1932 mini|Schutzpolizei im Regierungsviertel während der Reichspräsidentenwahl; im Hintergrund ein Propagandafahrzeug für Hindenburg Die Reichspräsidentenwahl von 1932 war die zweite und letzte Reichspräsidentenwahl in der Weimarer Republik, bei der der Reichspräsident direkt vom Volk gewählt wurde. Sie fand am 13. März und 10. April 1932 statt. Im zweiten Wahlgang kandidierten Paul von Hindenburg (parteilos), Adolf Hitler (NSDAP) und Ernst Thälmann (KPD). Um einen Reichspräsidenten Hitler zu verhindern, unterstützten – anders als 1925 – SPD, Linksliberale (seit 1930 Deutsche Staatspartei) und Zentrumspartei, die Parteien der so genannten Weimarer Koalition, Hindenburg. Dieser ging im zweiten Wahlgang als Sieger aus der Wahl hervor. Stimmengewinne für Hitler zeigten, dass der Aufschwung der NSDAP keineswegs gebrochen war.
Vorgeschichte Die reguläre Amtszeit des am 26. April 1925 gewählten Paul von Hindenburg endete am 5. Mai 1932. Reichskanzler Heinrich Brüning von der Zentrumspartei versuchte ab Herbst 1931, den Weg für eine Wiederwahl Hindenburgs zu ebnen. Zunächst wollte er eine Volkswahl verhindern und stattdessen im Reichstag eine Verlängerung der Amtszeit Hindenburgs beschließen lassen. Dazu hätte es einer verfassungsändernden Zweidrittelmehrheit bedurft. Brüning brauchte also auch die Zustimmung der politischen Rechten, insbesondere der DNVP und der NSDAP, und machte Hitler deshalb weitreichende Zugeständnisse. Dennoch lehnten Alfred Hugenberg (DNVP) und Hitler seine Vorschläge ab. Hitler konnte diese Vorgänge sogar politisch ausschlachten, indem er sich als Hüter der Verfassung stilisierte. Letztlich blieb nur eine regelgerechte Volkswahl übrig.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. Beck, München 1993, S. 444.
Kandidaten Nominierung Hindenburgs mini|Paul von Hindenburg (1932) mini|Rede Hitlers im Berliner Lustgarten; v. l. n. r. Wilhelm Brückner, Wolf-Heinrich von Helldorff, Joseph Goebbels, Hitler (4. April 1932) mini|Ernst Thälmann (l.) und Willy Leow beim Reichstreffen des RFB in Berlin (1927) mini|Wahlkampf des Stahlhelms in Berlin: „Wer die echte Volksgemeinschaft will, der wählt Duesterberg, den deutschen Mann“ Der bereits 84-jährige Hindenburg selber hatte sich zunächst noch nicht bereit erklärt, sich erneut zur Wahl zu stellen. Brüning hoffte, dass bei Hindenburg sein Pflichtgefühl siegen würde und auch Hindenburg einen Reichspräsidenten Hitler verhindern wollte. Für Brüning war es angesichts der wahrscheinlichen Mehrheitsverhältnisse klar, dass Hindenburg nur eine Chance zur Wiederwahl hatte, wenn ihn auch die SPD unterstützen würde. Damit Hindenburg angesichts dieser Konstellation nicht doch auf eine Kandidatur verzichtete, mussten aus dem eher rechten politischen Lager Stimmen kommen, die Hindenburg drängten, diesen Schritt zu tun.
Tatsächlich bildete sich am 1. Februar 1932 der sogenannte „Hindenburgausschuss“ mit dem Berliner Oberbürgermeister Heinrich Sahm an der Spitze. Dieser Ausschuss veröffentlichte einen Appell ganz im Geist der politischen Rechten. Darin wurde Hindenburg als „der Erste im Kriege, der Erste im Frieden und der Erste im Herzen seiner Mitbürger“ stilisiert. Hindenburg stehe für die „Überwindung des Parteigeistes“ und sei „Sinnbild der Volksgemeinschaft“. Unterschrieben wurde der Aufruf unter anderem von Gerhart Hauptmann, Max Liebermann, dem Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, Artur Mahraun, dem Vorsitzenden des Reichsverbandes der deutschen Industrie, Carl Duisberg, dem Generalsekretär der liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften Ernst Lemmer sowie den ehemaligen Reichswehrministern Otto Geßler (DStP) und Gustav Noske (SPD). Brüning und Sahm gelang es nicht, namhafte Vertreter der Großgrundbesitzer oder rechte Verbände wie den Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten mit „ins Boot zu holen“. Allerdings bekannte sich der Kyffhäuserbund zu Hindenburg. Vor diesem Hintergrund erklärte sich Hindenburg zu einer erneuten Kandidatur bereit.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. Beck, München 1993, S. 444 f. Die Deutsche Volkspartei, Deutsche Staatspartei, Zentrum und Bayerische Volkspartei erklärten sich nun auch für Hindenburg.
Brüning war während des Wahlkampfes einer der aktivsten Unterstützer Hindenburgs. Er sah durchaus die politischen und geistigen Defizite des 84-Jährigen. Aber dieser schien der Einzige zu sein, der Hitler schlagen konnte. Eine Wahlkampfrede beendete er mit dem Ausruf: „Hindenburg muss siegen, weil Deutschland leben muss!“Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. Beck, München 1993, S. 448. Hindenburg selbst hielt als Kandidat nur eine Rundfunkrede. Er betonte, dass er angetreten sei, um dem „Vaterland die Erschütterungen zu ersparen, die mit der Wahl eines extremen Parteimannes versetzt werden würde.“ Er betonte seine Überparteilichkeit und appellierte an den „Geist von 1914.“ Er versprach, wie im Krieg auch jetzt „in Treue auszuharren und dem deutschen Volke in Treue zu dienen.“
Haltung der SPD Die Parteiführung versuchte schon früh, Mitglieder und Wähler auf eine mögliche Unterstützung von Hindenburg vorzubereiten. Ernst Heilmann schrieb: „Die Lebensgefahr für die gesamte deutsche Arbeiterklasse ist der Faschismus, und die aktuelle Todesdrohung gegen alle Freiheit ist der faschistische Reichspräsident.“ Heilmann meinte bei allen Gegensätzen, dass Hindenburg im Gegensatz zu einem Präsidenten Hitler die Verfassung nicht brechen würde. Die Sozialdemokratie „hat alles zu tun, um die Wahl eines Nazireichspräsidenten zu verhindern, eine Wahl, die für Deutschland ebenso wie für die Arbeiterklasse den Untergang bedeutete, und alles dran zu setzen, dass in der Wilhelmstraße ein verfassungstreuer Reichspräsident amtet. Das ist das Ziel, und alles andere ist Nebensache.“Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. 2. Auflage, Berlin und Bonn 1990, S. 511. Diese Position war in der Partei allerdings nicht unumstritten. Vom linken Flügel kam die Forderung nach einem eigenen Kandidaten, zumindest für den ersten Wahlgang.Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. 2. Auflage, Berlin und Bonn 1990, S. 511 f.
Heinrich Brüning machte der SPD die Entscheidung für Hindenburg nicht leicht, sondern diffamierte die Partei verschiedentlich. Dies hinderte die SPD nicht daran, an dem vom Parteivorstand beschlossenen Kurs einer Unterstützung für Hindenburg festzuhalten. Sie gingen mit einem Aufruf unter dem Titel Schlagt Hitler an die Öffentlichkeit. Die Partei stellte dabei heraus, dass Hindenburg – anders als vor der Reichspräsidentenwahl von 1925 befürchtet – in seiner ersten Amtszeit keinen verfassungsfeindlichen Kurs gefahren habe. Sie machte mit Blick auf die Kandidatur von Thälmann deutlich, dass jede Stimme, die nicht für Hindenburg abgegeben werde, Hitler stärke. Otto Braun, der 1925 ebenfalls kandidiert hatte, wandte sich in einer persönlichen Erklärung an die Wähler, lobte Hindenburg bei aller Kritik als „Verkörperung der Ruhe und Stetigkeit, von Mannestreue und hingebender Pflichterfüllung für das Volksganze.“Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. Beck, München 1993, S. 447.
Der Wahlkampf war die erste Bewährungsprobe für die Funktionsfähigkeit der Eisernen Front aus Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, den freien Gewerkschaften (ADGB, AfA-Bund), dem Arbeiter-Turn- und Sportbund und der SPD.Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. 2. Auflage, Berlin und Bonn 1990, S. 514. Nachdem in der Partei die Entscheidung für die Unterstützung Hindenburgs gefallen war, schwenkten auch die innerparteilichen Kritiker auf diesen Kurs ein. Der Partei und der Eisernen Front gelang es, ihre Anhänger zu Großversammlungen zu mobilisieren.Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. 2. Auflage, Berlin und Bonn 1990, S. 516.
Nominierung der weiteren Kandidaten Die Harzburger Front brach auseinander. Die DNVP und der Stahlhelm wollten Hitler nicht zum Präsidentenamt verhelfen und stellten mit Theodor Duesterberg einen eigenen Kandidaten auf.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. Beck, München 1993, S. 445 Während des Wahlkampfes wurde Duesterberg von der NSDAP als „Vierteljude“ diffamiert.
Dass die NSDAP Hitler nominieren würde, war von Anfang an klar, und Joseph Goebbels verkündete dies in einer Rede im Berliner Sportpalast. Allerdings gab es dabei noch einen formalen Hinderungsgrund. Um bei der Wahl antreten zu können, war es notwendig, dass der seit 1925 staatenlose Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Erst Ende Februar 1932, aber gerade noch rechtzeitig für die Reichspräsidentenwahl, erhielt Hitler diese, indem der von einer NSDAP-DNVP-Koalition regierte Freistaat Braunschweig ihn zum Schein zum Gesandten Braunschweigs bei der Landesvertretung in Berlin ernannte und damit zum Staatsbeamten. Damit war automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft verbunden.
mini|Ernst Thälmann als Kandidat bei der Reichspräsidentenwahl 1932. mini|81 Jahre später: In Weimar ist auch im Jahr 2013 die originale Wahlwerbung „Wählt Thälmann“ für den Kandidaten der KPD zur Reichspräsidentenwahl 1932 noch zu lesen. Für die Kommunistische Partei trat Ernst Thälmann an. Sowohl die Parteiführung wie auch die Komintern hofften, dass Thälmann bei einer erwarteten Unterstützung der SPD für Hindenburg einen Großteil der SPD-Anhänger für sich gewinnen könnte. Tatsächlich musste vielen SPD-Anhängern eine Unterstützung des erklärten Monarchisten Hindenburg als ein Unding erscheinen. Eine Parole der KPD lautete: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. 2. Auflage, Berlin und Bonn 1990, S. 518 Es gelang der KPD, bei allen weiter bestehenden Vorbehalten, die Unterstützung der kleinen Linksorganisationen Sozialistische Arbeiterpartei und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes für Thälmann zu erreichen. Auch von linken Intellektuellen wie Carl von Ossietzky bekam Thälmann Zustimmung, weil dieser der einzige linke Kandidat sei.
Im Munde für eine Nominierung waren Gerhart Hauptmann und Heinrich Mann.Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt. Fischer, 3. Auflage 2001, S. 468 f.
Wahlgänge 1. Wahlgang mini|Stimmzettel beim 1. Wahlgang mini|Wahlwerbung für Hindenburg im ersten Wahlgang Im ersten Wahlgang traten fünf Kandidaten an. Neben den bereits Genannten bewarb sich noch Gustav A. Winter für die Inflationsgeschädigten.
Eine Kuriosität dieses Wahlkampfes waren von Joseph Sablatnig entwickelte Lautsprecherflugzeuge, die Wahlwerbung aus der Luft verbreiteten.
Der Wahlgang fand am 13. März 1932 statt. Die Wahlbeteiligung lag bei 86,2 %. Um zu gewinnen, war im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen nötig, die keiner der Kandidaten erreichte. Hindenburg hatte mit 49,5 % die absolute Mehrheit knapp verfehlt. Deutlich schwächer schnitt Hitler mit 30,1 % und abgeschlagen Thälmann mit 13,2 % und Duesterberg mit 6,8 % ab. Völlig bedeutungslos blieb Winter mit 0,3 %. Daneben wurden noch einige tausend zersplitterte Stimmen abgegeben.
49,5 % 30,1 % 13,2 % 6,8 % 0,3 % Paul vonHindenburg AdolfHitler ErnstThälmann TheodorDuesterberg Gustav A.Winter