Hygiene spielte im Römischen Reich ab der späten Republik eine große Rolle. Ruinen von Aquädukten, Thermen, Kanalisation und Latrinen selbst in den abgelegensten Winkeln des Reichs legen noch heute Zeugnis davon ab. Die Krankenhäuser dienten der Pflege verwundeter Soldaten.
Mit dem Thema der Hygiene im Römischen Reich befasst sich die Forschung erst seit wenigen Jahrzehnten. Das liegt nicht an einem Mangel an Quellen, sondern eher an der überwältigenden Vielfalt: Neben Texten aller Gattungen und künstlerischen Darstellungen finden sich Ruinen und vor allem eine Unmenge an Kleinfunden jeder Art, Abfällen und Bodenbefunden. In der Vergangenheit schufen die beeindruckenden Ruinen der Thermen und Aquädukte das Klischee vom „sauberen Römer“, die gar die „reinlichste Nation der Welt“ gewesen sein sollten.Günther Thüry: Müll und Marmorsäulen. Siedlungshygiene in der römischen Antike. 2001, S. 59; vgl. Moderne Untersuchungen richten sich dagegen auf das antike Rom der „kleinen Leute“, abseits großer Thermen und vornehmer Villen und erbringen dort Ergebnisse, die diesem Klischee widersprechen.
Wohnverhältnisse Die Wohnverhältnisse im antiken Rom unterschieden sich nicht wesentlich von denen in den Großstädten des 19. Jahrhunderts. Während die Armen in ungesunden Wohnungen bzw. bestimmten (oberen) Bereichen der InsulaeMary Beard: SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-10-002230-1, S. 479 f. in der Subura zusammengepfercht hausten, besaßen die Reichen großzügig geschnittene Villen auf den Hügeln der Stadt.
Stadtreinigung Obwohl vier Ädile für die Straßenreinigung verantwortlich waren, existierte keine öffentlich organisierte Müllabfuhr. Man hat diverse Aufschriften gefunden, die das Abladen von Müll an bestimmten Orten verbieten oder anordnen. Trotzdem befanden sich überall wilde Mülldeponien, besonders entlang von Fluss- und Seeufern sowie an den Stadtmauern. Der Monte Testaccio ist die bekannteste davon. Die dort entsorgten Amphoren, die nach dem Transport von Öl und garum für die Weiterverwendung unbrauchbar geworden waren, wurden zur Verringerung des Gestanks regelmäßig mit Kalk bedeckt. Auch Kanalisation und Senkgruben wurden für die Abfallentsorgung genutzt, wie archäologische Funde beweisen. Oftmals warfen die Anwohner, obwohl zur Entsorgung verpflichtet, ihre Abfälle einfach aus dem Fenster, wie Gesetze dagegen und diverse überlieferte Rechtsstreitigkeiten wegen Sachbeschädigung oder gar Körperschaden bezeugen.
Bei Ausgrabungen fand man Überreste von Ratten sowohl in Abfallhaufen als auch in der Kanalisation. Mäuse zwischen Speiseresten sind auf diversen Mosaiken abgebildet. Von den Tieren, die sich von den verstreuten Abfällen ernährten, nennt die antike Literatur neben Schweinen, Katzen, Hunden, Geiern und Rabenvögeln auch den Ibis.Claudius Aelianus, De natura animalium 10,28.
Die Archäozoologie hat in Kloaken, Senkgruben und Abfallplätzen Flöhe, Läuse, Fliegen sowie verschiedene andere Insekten und Insektenlarven nachgewiesen. Dass dieses Ungeziefer sich durch die Allgegenwart von Müll zur Plage entwickelt, war den antiken Schriftstellern wie Plinius bereits bekannt, desgleichen, dass Kalk nicht nur den Gestank, sondern auch die Ausbreitung von Schädlingen im Müll eindämmt. Man glaubte, dass das Ungeziefer durch Urzeugung im Unrat entstehe. Auch nahm man an, dass Krankheiten sich durch das bei Verrottung entstehende Miasma verbreiteten. Trotz dieses Wissens leisteten die vielen wilden Müllkippen mit ihren Bewohnern in den engbesiedelten Räumen Epidemien wie der Antoninischen und der Justinianischen Pest Vorschub.Günther Thüry: Müll und Marmorsäulen. S. 54.
Auch die Ausführung der Straßenreinigung oblag den Anwohnern. Gesetze regelten ihre Pflichten, städtische Aufsichtsbeamte kontrollierten sie. Zur Spülung der Straßen diente das Überfallwasser der öffentlichen Brunnen, wie Sextus Iulius Frontinus in seiner Schrift De aquis urbis Romae beschrieb.Frontinus, De aquis urbis Romae 103. Die hohen Bordsteine und die Trittsteine, die in Pompeji gefunden wurden, ermöglichten den Fußgängern, trockenen Fußes durch die Stadt zu kommen.
Eine wichtige Quelle für die offizielle Ordnung der Stadtreinigung ist auf Bronzetafeln festgehalten, die man bei Herakleia fand. Diese Bronzetafeln enthalten Kopien der Lex Iulia municipalis. U. a. ist davon die Rede, dass die Karren, die Abfälle aus der Stadt herausbringen, von den ansonsten üblichen Sperrstunden für Fuhrwerke während des Tages befreit waren. Da es sich dabei vermutlich um dieselben Karren handelt, die abends Waren in die Stadt hineinbefördern, ist anzunehmen, dass die Bauern auf dem Rückweg Speiseabfälle und den Inhalt von Dunggruben als Dünger für ihre Felder mitnahmen.So Günther Thüry: Müll und Marmorsäulen. Siedlungshygiene in der römischen Antike. S. 6 ff. Auf denselben Tafeln werden auch die Aufgaben der Ädile und des Stadtpräfekten (praefectus urbi), dem die Stadtreinigung im 3. nachchristlichen Jahrhundert übertragen wurde, genauer beschrieben.
Wohnungen miniatur|Ruinen einer Insula in Rom
Der Großteil der römischen Bevölkerung lebte in sehr beengten Wohnverhältnissen. Die billig hochgezogenen Insulae besaßen höchstens in ihren unteren Stockwerken Annehmlichkeiten wie fließend Wasser und Latrinen. Zwar gab es über die ganze Stadt verteilt öffentliche Brunnen und Pissoirs, aber nach der Liste des Polemius Silvius um 450 waren es nur 1352 Brunnen und 144 öffentliche Latrinen für mehr als 30.000 Insulae.Ingemar König: Caput Mundi. Rom – Weltstadt der Antike. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, S. 30–33. Zudem mussten die Bewohner der oberen Stockwerke alles hinauf- und hinuntertragen, teilweise über 200 steile Stufen. Den Inhalt des Nachttopfs sowie sonstige Abfälle entsorgte man daher oft direkt durchs Fenster.
Die Wohnungen in den teilweise bis zu zwölf Stockwerke hohen Insulae waren eng und schlecht belüftet und oftmals erheblich überbelegt. Wegen der Brandgefahr durften sie keine Feuerstelle haben, sondern höchstens ein Kohlebecken. Zum Schutz vor Kälte oder Sonneneinstrahlung – bei der sehr engen Bebauung eher unwahrscheinlich – dienten hölzerne Fensterläden. Verglasung konnten sich nur die Reichen leisten. Das Raumklima war je nach Jahreszeit feucht-heiß oder feucht-kalt. Da sich die Wohnungen oft hinter den Läden befanden, fiel in viele Zimmer Licht nur durch kleine Fenster im Gang. So wohnten und schliefen die meisten Römer in düsteren, ungelüfteten Räumen. Juvenal schilderte im 3. Buch seiner Satiren eindrucksvoll das Elend der Bewohner der ständig einsturz- und brandgefährdeten Mietskasernen und die Enge der übervölkerten, von häufigem Hochwasser und Bränden gefährdeten Subura.Juvenal, Satiren 3.
Augustus erließ Gesetze, die die Höhe der Häuser begrenzen sollte, und Nero setzte nach dem großen Brand breitere Straßen und Feuermauern durch, doch Tacitus berichtet, dass die Einwohner um ihre Gesundheit fürchteten, weil nun Sonnenhitze ungehindert bis zum Boden gelangte.Tacitus, Annalen 15,43.siehe auch Feuerwehren im Römischen Reich
Auch die Schlafkammern in den domus der Reichen waren meist fensterlos, um den Lärm des nächtlichen Verkehrs und die Mücken fernzuhalten, für die die Wasserbecken (impluvia) der Atrien ideale Brutstätten darstellten. In der Kaiserzeit bürgerte es sich ein, sich während der Sommermonate aufs Land zurückzuziehen.
Zum Hausputz dienten Besen, Bürsten und Schwämme mit Sägemehl, Asche und Gipspulver als Scheuermittel.
Küche In vielen Häusern befand sich die Toilette in der Küche, um einen gemeinsamen Schmutzwasserabfluss zu nutzen. Auch die Küchenabfälle wurden dort entsorgt, alternativ in im Hausinneren oder Garten angelegten Gruben. Während Ratgeber wie Cato der Ältere und Columella die tägliche Reinigung der Küche empfahlen, zeigen archäologische Funde, dass es nicht jeder so genau damit nahm. Teilweise wurden die Abfälle zusammen mit der Asche einfach in den Lehmboden eingetreten.Günther Thüry: Müll und Marmorsäulen. S. 31.
Ein beliebtes Mosaikmotiv zeigte den „Ungefegten Speisesaal“, ein weiteres Beispiel aus Canterbury, auf dem sich Mäuse zwischen abgenagten Knochen und sonstigen Speiseresten tummeln. Doch selbst wenn der Boden nach einem Fest so aussah, so standen doch den Gastgebern genügend Sklaven zur Reinigung zur Verfügung.
Nahrungsmittel wurden von weither in die Stadt geschafft. Man konnte sie auf verschiedene Weise lagern und haltbar machen. Columella gibt in seinem Ratgeber De re rustica Anweisungen dazu.Columella, De re rustica 12 (Text in der lateinischen Wikisource) Fleisch wurde eher getrocknet als eingepökelt, weil Salz selten und teuer war. Obst wurde zu Most gepresst und eingekocht oder getrocknet, Gemüse konservierte man in Essig. Vitruv empfiehlt die Lagerung von Korn in nördlichen Räumen, weil dort weniger Schädlingsbefall zu erwarten sei.Vitruv, De Architectura 2. Mit erstaunlicher Logistik gelang es sogar, empfindliche Nahrungsmittel wie Austern und lebende Fische mit Hilfe von Frischwasserbehältern und Eis durch halb Europa zu transportieren.
Die Bewohner der Insulae besaßen keine Herde und mussten sich in Garküchen versorgen.
Da zu dem Rauch von unzähligen Kochfeuern und Werkstätten in der Großstadt Rom noch die Verbrennung der Leichen vor den Mauern kam, war die Luftbelastung im städtischen Ballungsraum Rom recht hoch.
Körperpflege In der römischen Königszeit und der frühen Republik waren die Römer vermutlich kaum sauberer als ihre „barbarischen“ Nachbarn, wie Seneca beschrieb: Denn die Schriftsteller über die alten Sitten Roms sagen uns, dass man Arme und Beine, die nämlich bei der Arbeit beschmutzt wurden, alle Tage abwusch, den ganzen Körper aber nur alle acht Tage badete.Allerdings mokiert er sich im Folgenden über seine Zeitgenossen, die, statt sich zu waschen, alles mit Salböl überdecken. Seneca, Ad Lucilium epistulae morales 86,12 (lateinischer Text und deutsche Übersetzung). Ab dem dritten vorchristlichen Jahrhundert kam das Baden und Frisieren in Mode. Bald galten Haarpflege, Zähneputzen, tägliche Körperwäsche, das Enthaaren von Achseln und Beinen mit Wachs oder Pinzetten sowie das Zupfen der Augenbrauen nicht nur für Frauen als normal, wie Ovid in seiner Ars amatoriaOvid, Liebeskunst 3,200 ff. (lateinischer Text und deutsche Übersetzung). beschreibt und zahlreiche Funde von Pinzetten und Kämmen belegen. Kosmetik und Parfüm gehörten selbstverständlich zum Alltag. Neben Spiegeln, Schminkkästchen und Flakons für Duftmittel, Salben und Öle sind mehrere Werke über die Schönheitspflege überliefert. Und es fehlte auch nicht an Kritikern, die das tägliche Salben des Körpers und kunstvolle Frisuren als unmännlich oder als überflüssigen Luxus geißelten.Zum Beispiel die satirischen Epigrammata des Martial. Seife (sapo), die aus Ziegenfett und Asche gekocht wurde, oder Seifenkraut dagegen nutzte man anfangs zum Haarefärben und erst spät zur Körperreinigung. Zuvor schabte man Schweiß und Dreck mit dem Strigilis vom eingeölten Körper ab oder schrubbte sich mit Bimsstein oder Schwämmen. Anschließend parfümierte man sich mit Salböl.
Nicht nur die reichen Sklavenbesitzer kamen in den Genuss eines gepflegten Aussehens: Der Besuch eines Bades kostete nur einen Viertel As. Friseure hatten ihre Läden an jedem öffentlichen Platz. Es gab sogar professionelle Haarausrupfer (alipili)Seneca, Epistulae morales 56,2., deren Dienste man in den Thermen in Anspruch nehmen konnte.
Wasserleitungen
Eine Großstadt wie Rom mit einem täglichen Wasserverbrauch von etwa 370 – 450 l pro Einwohner mit genügend Wasser zu versorgen, war eine technische und logistische Großleistung. Zwar sind solche Wasserleitungen keine römischen Erfindungen, doch gehören die Aquädukte, die Wasser aus bis zu 90 km Entfernung in die Stadt leiteten, zu den großartigsten Überresten der römischen Kultur.