mini|Mann, der einen Baum mit den zehn Sephiroth hält – Abbildung aus Portae Lucis (deutsch „Die Pforten des Lichts“), der 1516 in Augsburg erschienenen lateinischen Übersetzung und Bearbeitung von Josef ben Abraham Gikatillas (1248–1305) Werk Schaʿarej Ora durch Paul Riccius. Das Werk steht im Kontext der Beschäftigung des christlichen Humanismus mit der jüdischen Kabbala, zu der auch Johannes Reuchlin maßgeblich beitrug. mini|300px|Der geographische Raum, in dem die bedeutenden kabbalistischen Texte entstanden: Südfrankreich und Nordspanien mini|hochkant|Kabbalistisches Gebetbuch aus Italien, 1803, Jüdisches Museum der Schweiz
Die Kabbala (auch Kabbalah, Gelegentlich auch , bedeutet wörtlich „die Lehre des Geheimnisses“ oder „die Lehre des Geheimen“; s. Tzvi Freeman: Was ist Kabbala? Die Seele des Judentums. Jüdische Info, ().), übersetzt „das Überlieferte“, ist in ihrem klassischen Verständnis eine kulturelle Ausdrucksform der mystischenPeter Schäfer: Die Ursprünge der jüdischen Mystik. Verlag der Weltreligionen/Insel, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-71037-0, S. 15 f. Tradition des JudentumsHelmut Werner: Die Kabbala. Eine Textauswahl mit Einleitung, Bibliografie und Lexikon. Komet, Köln 2009, ISBN 3-89836-165-9, S. 9. und bezeichnet sowohl bestimmte („kabbalistische“) überlieferte Lehren als auch bestimmte überlieferte Schriften.Alfred Lehmann: Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart. (2. Auflage 1908; 4. Auflage 1969) 5., unveränderte deutsche Auflage (Nach der 2., umgearbeiteten dänischen Auflage übersetzt und nach dem Tode des Verfassers bis in die Neuzeit ergänzt von Dominikus Peters I.) Aalen 1985; Neudruck Bindlach 1990, ISBN 3-8112-0698-2, S. 164. Sie steht in einer jahrhundertelangen mündlichen Überlieferung, deren Wurzeln sich in der Tora bzw. im Tanach, der Heiligen Schrift der jüdischen Religion, aber auch der frühen rabbinischen Literatur finden. Unabhängig von vielfältigen früheren Einflüssen entstand die klassische Kabbala Anfang des 13. Jahrhunderts in dem geographischen Raum der Provence und Okzitaniens mit dem Languedoc und Katalonien. Sie ist auch heute noch eine wichtige Strömung im Judentum.
Ziele Abgrenzung und Teilaspekt der Kabbala Der Bereich des Sod (Die verborgene oder mystische Bedeutung einer Passage in der Tora oder einem anderen heiligen Text.) umfasst auch Methoden wie Gematria (Zahlenwerte von Buchstaben), Notarikon (Akronyme), Temurah (Buchstabenumstellungen), Zeruph (Kombination bzw. Permutation von Buchstaben) sowie Struktur- und Zahlensymbolik. Diese Techniken sollen helfen, tiefere Bedeutungsschichten im Text der Tora zu erschließen. Sie machen jedoch nur einen begrenzten Teil der kabbalistischen Tradition aus; die Kabbala als solches erschöpft sich keineswegs in solchen textbezogenen Verfahren, sondern beschäftigt sich darüber hinaus mit umfassenden metaphysischen, spirituellen und ethischen Dimensionen.
Definition der jüdischen Mystik und Abgrenzung zur Kabbala Für Gershom Scholem ging die jüdische Mystik aus dem klassischen Stadium in der Geschichte einer Religion hervor. Deshalb verortete er die Mystik im ‚talmudischen Zeitalter‘. Dennoch unterschied auch er zwischen einer „jüdischen Mystik“ und der „Kabbala“. Erstere habe im Altertum begonnen, letztere kristallisierte sich im Mittelalter.
Rachel Elior wiederum definierte die jüdische Mystik wie folgt: „(…) Mystik bezieht sich im gegenwärtigen Zusammenhang auf literarische Traditionen, die von der ewigen Existenz eines transzendenten himmlischen Gegenstücks zur rituellen Welt des Tempels und der levitischen Priesterschaft ausgehen (…)“zitiert aus Peter Schäfer: Die Ursprünge der jüdischen Mystik. Verlag der Weltreligionen / Insel, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-71037-0, S. 32, nach Rachel Elior: The Foundations of Early Jewish Mysticism. The Lost Calendar and the Transformed Heavenly Chariot. In: Peter Schäfer: Wege mystischer Gotteserfahrung. Judentum, Christentum und Islam. Oldenbourg, München 2006, S. 1–18.
Peter Schäfer versteht „jüdische Mystik“ als eine religiöse Praxis und Literaturtradition, „in der Menschen die unmittelbare Nähe Gottes suchen – durch Visionen, Himmelsreisen, Thronschau (Merkaba, ) oder Begegnungen mit Engeln.“Peter Schäfer: Die Ursprünge der jüdischen Mystik. Verlag der Weltreligionen / Insel, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-71037-0, S. 25 f.
Die Kabbala ist eine Ausprägung dieser jüdischen Mystik, aber nicht die einzige.
Erkenntnis und Verständnis der göttlichen Wahrheit Die Basis kabbalistischer Traditionen ist die Suche des Menschen nach der Erfahrung einer unmittelbaren Beziehung zu JHWH.Diese Erfahrung kann sich bei dem Adepten in einer „spirituelle Krise“ äußeren, die auf seinem „spirituellen Entwicklungsweg“ entsteht, dabei handelt es sich dann u. a. um eine „mystische Erfahrung“ oder „außergewöhnliche Bewusstseinszustände (ABZ)“, auch „veränderte Bewusstseinszustände“, () oder erweiterter Bewusstseinszustand, (ASC), manchmal auch veränderter Wachbewusstseinszustand (VWB) oder außergewöhnliche Erfahrung (AgE). Liane Hofmann, Patrizia Heise: Spiritualität und spirituelle Krisen. Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Schattauer, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7945-6861-1, S. 3.Lilo Endriss: Alltägliche Parallelwelten. Springer, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-41163-3.
Das rabbinische Judentum lässt sich – ähnlich wie viele andere Religionen – als eine Tradition mit einer „äußeren und einer inneren Dimension“ verstehen.Anton Kielce: Sufismus. (= Band 08/9107, Fernöstliche Weisheiten), Heyne, München 1985, ISBN 3-453-41672-4, S. 8.Friedrich Heiler: Erscheinungsformen und Wesen der Religion. (= Band 1, Die Religionen der Menschheit), Kohlhammer, Stuttgart 1961, 2., verbesserte Auflage ebenda 1979, ISBN 3-17-004967-4. Die „äußere Dimension“ manifestiert sich im offenbarten Wort Gottes in der Tora, in den halachischen Gesetzen sowie in den rituellen Vorschriften und Gebetspraxen, die das religiöse Leben ordnen. Die „innere Dimension“ wird im mystischen Judentum (Kabbala) sichtbar, dessen Ziel die Läuterung des HerzensAnnelies Kuyt: Ist das Herz doch weiblich? Die Bedeutung des Herzens in der jüdischen Mystik. Forschung Frankfurt, 2/2019, S. 73 (uni-frankfurt.de PDF). von und die geistige Vereinigung des Menschen mit JHWH ist.
Mit „Kawwana“ () wird in der jüdischen Mystik eine tiefere Absicht und Hingabe beim Gebet und bei der Erfüllung der Mitzwot gesehen. Es geht nicht nur um das ‚Aussprechen von Worten‘ oder das ‚Erfüllen von Geboten‘, sondern um eine bewusste, geistige ‚Ausrichtung des Herzens und des Verstandes‘ auf das Göttliche. Durch diese Ausrichtung wird der Mensch in einen Zustand versetzt, in dem er sich mit den göttlichen Attributen und Emanationen, mit bestimmten Sephiroth, verbinden kann. Durch seine Kawwana wird der Mystiker in einen Zustand spiritueller Einkehr und Erleuchtung gebracht, in dem er nicht nur mit den äußeren Worten des Gebets in Kontakt steht, sondern auch mit den tieferen, göttlichen Dimensionen.Klaus S. Davidowicz: Die Kabbala. Eine Einführung in die Welt der jüdischen Mystik und Magie. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2009, ISBN 978-3-205-78336-7, S. 68.
Der Begriff „Devekut“ () beschreibt diese Erfahrung, er leitet sich von der Aussage ab, „[…] den Herrn, deinen Gott, zu lieben, auf all seinen Wegen zu wandeln und ihm treu zu bleiben.“ . Es ist ein jüdisches Konzept, das sich auf die ‚Nähe zu Gott‘ bezieht, es kann sich auf einen ‚tiefen, tranceähnlichen meditativen Zustand‘ beziehen, der sich während des jüdischen Gebets, des Studiums der Tora oder der Befolgung der Halacha einstellt.Living With a God of Light and Dark: A Jewish Perspective. Ground Floor, 2023 (devekut.com).Gilya G. Schmidt: „Cleaving to God“ through the Ages: An Historical Analysis of the Jewish Concept of „Devekut“. Mystics Quarterly, Band 21, Nr. 4 (December 1995), S. 103–120.
Durch Meditation, Gebet, das Studium der heiligen Texte und die Vervollkommnung der eigenen Seele kann der Mensch das universelle und ‚göttliche Licht‘ „erkennen“, das in ihm und in der Welt verborgen ist. Dies führt zu einer tieferen Verbindung mit Gott und einer umfassenderen Erkenntnis der wahren Natur des Universums. Dabei ist „Erkennen“ weit mehr als ein rationaler Akt; es ist ein ganzheitlicher Prozess, der sowohl den „Verstand“ als auch das „Herz“, die Seele und den gesamten Körper einbezieht. Es bedeutet, sich mit dem Göttlichen zu verbinden, tiefere Ebenen der Wahrheit zu erfahren und sich selbst zu transformieren.
Vereinigung mit dem Göttlichen, kabbalistische Meditation und Gebet als Mittel zur Vereinigung Im Zentrum der kabbalistischen Vorstellung steht also das Streben des Mystikers, eine emotionale, erfahrungsmäßige und mentale Vereinigung mit der Gottheit zu erreichen und die Kluft zwischen der physischen Welt, in die der Mystiker eingepflanzt ist, und Gott zu verringern; dabei durchdringt das ‚Göttliche‘ alles, es ist die ‚Allgegenwart des Göttlichen‘.Peter Dinzelbacher: Mystik und Krankheit. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1020 (zitiert). Der Adept nimmt die gesamte physische Realität und die darin enthaltenen Phänomene als ein ‚symbolisches System‘ wahr, das die Offenbarung Gottes in der Welt widerspiegelt. Er versucht, durch Beobachtung in sie einzudringen und das göttliche Wesen zu offenbaren, das in allem, was war und ist, verborgen sei. Auf diese Weise versucht der Kabbalist, die Höhen spiritueller Vollkommenheit zu erreichen, seine Seele zu ihrer göttlichen höchsten Wurzel zurückzubringen, an der Gottheit festzuhalten und in sie einbezogen zu werden.
Klaus Davidowicz erklärt die zentrale Lehre der Kabbala so: „Normale Gebete werden mit einer Ausrichtung auf Gott verbunden, die zu einer Vereinigung mit Gott führen soll. Das heißt, man versucht, seine Seele dabei auszurichten, eine Meditation zu machen, um aufzusteigen in die göttlichen Welten.“zitiert aus Klaus Davidowicz: Schwerpunkt Mystik. Die Kabbala: Mystische Tradition des Judentums. Religion ORF, 12. März 2021 (religion.orf.at).
Ein Ziel der mystisch-kabbalistischen Erfahrung in der Meditation ist es, die Einheit der ‚göttlichen Kräfte‘ (Sephiroth) durch Ausgleich der inneren Gegensätze zu fördern.Susanne Galley: Das jüdische Jahr. Feste, Gedenk- und Feiertage. C. H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49442-0, S. 44. Kabbalisten suchen nicht nach bildlichen oder konkreten Darstellungen Gottes , sondern nach einer tieferen Verbindung zu den geistigen und göttlichen Ebenen der Sephiroth und der Schechina, der göttlichen Präsenz, die der Welt innewohnt. Die „Vorstellung“ in der Kabbala ist keine physische oder visuelle Vorstellung, sondern eine spirituelle Wahrnehmung und Erkenntnis der göttlichen Wahrheit, welche die der physischen Welt weit übersteigt. Dabei sind die Symbole des Lebensbaums () mit seinen zehn Sephiroth () eng mit der Kabbala verbunden. In dieser Symbolik beschreibt die Kabbalistik die ‚innere Verfasstheit‘ Gottes, um die Kräfte, die in Allem wirken, zu erkennen, um ihm näher zu kommen und so Gott in dieser Welt sichtbar werden oder wirken zu lassen.Michel Bollag: Das Gottesbild der jüdischen Mystik. Vortrag am 18. Februar 2008 im Katharinensaal St. Gallen (erf-sg.com).
Transformation des Individuums