mini|Briefmarkenbetrachtung
Die Philatelie oder Briefmarkenkunde beschäftigt sich mit dem systematischen Sammeln von Postwertzeichen sowie von Belegen für ihre Verwendung auf Postsendungen jeglicher Art und der Erforschung postgeschichtlicher Dokumente.
Begriff Der Begriff Philatelie wurde von Gustave Herpin in der fünften Ausgabe der Pariser Briefmarkensammlerzeitschrift Le Collectionneur de timbres-postes vom 15. November 1864 geprägt als Zusammensetzung aus den griechischen Wörtern „Freund“ und „lasten-/steuerfrei“, genauer aus dem (von diesem abgeleiteten) Substantiv „Abgabenfreiheit“.Gustave Herpin: Baptême. [Taufe] In: Le Collectionneur de timbres-poste. n° 5, 15. November 1864. fr.wikisource: « Philatélie est formé de deux mots grecs: ami, amateur, et (en parlant d’un objet) franc, libre de toute charge ou impôt, affranchi: substantif: . Philatélie signifierait donc: amour de l’étude de tout ce qui se rapporte à l’affranchissement. »Carlrichard Brühl: Geschichte der Philatelie. Band 1, Olms, Hildesheim u. a. 1985, ISBN 3-487-07619-5, S. 24; mit einer Kopie des Artikels Baptême (deutsch: Taufe). Diese Abgabenfreiheit bezieht sich auf den Empfänger, der bei der zunächst ausschließlich üblichen Versandform unfrei für das Beförderungsentgelt aufzukommen hatte, wovon ihn die durch entsprechende Stempel oder Freimarken dokumentierte Frankierung, Freimachung auf Kosten des Absenders, befreite (französisch affranchir, wörtlich: befreien).frankieren (Wiktionary)
Obwohl inhaltlich nicht auf Anhieb nachzuvollziehen, setzte sich der Wortbildungen wie Philosophie, Philanthropie und Philharmonie nachahmende Begriff in allen Sprachen durch. Andere Vorschläge wie Timbrophilie oder Timbrologie verschwanden bald wieder. Als deutsche Version für Philatelie wird häufig „Briefmarkenkunde“ und für die praktizierenden Personen „Briefmarkensammler“ oder „Briefmarkenliebhaber“ verwendet.
Geschichte Die Anfangsjahre der Philatelie mini|One Penny Black,erste Briefmarke der Welt Die Philatelie hat ihre Anfänge kurz nach der Ausgabe der ersten Briefmarke der Welt. Dabei handelt es sich um die sogenannte One Penny Black, die am 6. Mai 1840 in Großbritannien ausgegeben wurde. Die Einführung der Briefmarke in anderen Ländern verhalf auch dem Briefmarkensammeln zu seiner Verbreitung. Zunächst sammelte man aus Spaß die kleinen Postwertzeichen aus der Tagespost und verwendete sie beispielsweise zum Bekleben von Lampenschirmen oder Tapeten, was die Sammelobjekte fast immer zerstörte.
Erst langsam begann man, sich mit den Briefmarken genauer zu befassen. Die Zahl der Briefmarken, die zur damaligen Zeit ausgegeben wurden, war noch sehr klein. Für den damaligen Sammler war es selbstverständlich, sogenannte Generalsammlungen anzulegen. Dies bedeutet, dass der Philatelist alle Briefmarken der Welt in seine Sammlung aufnahm. In den frühen Anfangsjahren standen dem Philatelisten noch keinerlei Hilfsmittel oder Aufbewahrungsmöglichkeiten, wie Briefmarkenalben, zur Verfügung, was dazu führte, dass die Briefmarken oft durch unsachgemäße Aufbewahrung oder das behelfsmäßige Aufkleben postfrischer Marken beschädigt oder sogar zerstört wurden.
Die ersten Hilfsmittel für den Philatelisten In den 1860er Jahren erschienen die ersten Briefmarkenalben der Welt. Das erste kommerzielle Album hatte der Pariser Philatelist Lallier 1862 herausgebracht. Dabei handelte es sich allerdings noch um eine einfache querformatige Mappe, die in Leder gebunden war. Für alle bisher erschienenen Briefmarken der Welt war auf den jeweils rechten Seiten ein Leerfeld angelegt, in das die Briefmarke hineingeklebt werden konnte. Auf den jeweils gegenüberliegenden linken Seiten befand sich das Wappen, die Flagge sowie eine kurze Beschreibung der Geographie und der bisher ausgegebenen Briefmarken des Landes.
Das große Manko dieser Briefmarkenalben bestand darin, dass die einzelnen Briefmarken direkt mit Knochenleim oder Gummi arabicum in das Album geklebt werden mussten. Dies beschädigte die Briefmarke, vor allem beim Versuch des Ablösens, stark. Zahlreiche Philatelisten machten sich Gedanken über eine bessere Art der Aufbewahrung ihrer „Schätze“. Eine vernünftige Alternative wurde allerdings erst 21 Jahre später, im Jahr 1881, gefunden.
Bereits ein Jahr später, 1861, entstanden die ersten Vorläufer der heutigen Briefmarkenkataloge. John Edward Gray und Oscar Berger-Levrault entwickelten die ersten „Briefmarkenverzeichnisse“. Zur selben Zeit kam es zur Gründung der ersten Briefmarkenvereine. In ihnen konnten Sammler zum ersten Mal ihre Erfahrungen und ihr Wissen sowie ihre Briefmarken austauschen.
mini|Deckblatt des ersten Scott-Kataloges aus dem Jahr 1868
Im Jahr 1862 kam es zur Ausgabe der ersten philatelistischen Fachzeitschriften – zuerst erschien am 15. Dezember 1862 im Geburtsland der Philatelie „The Monthly Advertiser“.Wolfgang Maassen: Philatelie und Vereine im 19. Jahrhundert. Phil Creativ, Schwalmtal 2006, ISBN 3-932198-69-7, S. 218 f.Carlrichard Brühl: Geschichte der Philatelie. Band 2, Georg Olms Verlag, Hildesheim 1986, ISBN 3-487-07620-9, S. 771. Kurz darauf erschienen auch die ersten Fachzeitschriften in Deutschland und Österreich-Ungarn. Bei dem ersten Briefmarkenfachblatt Deutschlands handelt es sich um das „Magazin für Briefmarken-Sammler“, das erstmals am 1. Mai 1863 vom Münzen- und Antiquitätengeschäft Zschiesche & Köder in Leipzig herausgegeben wurde.Wolfgang Maassen: Philatelie und Vereine im 19. Jahrhundert. Phil Creativ, Schwalmtal 2006, ISBN 3-932198-69-7, S. 222 f.
Die Briefmarkenzeitschriften förderten vor allem den Tausch von Briefmarken zwischen den Philatelisten. Außerdem berichteten sie über die Neuausgaben der ganzen Welt und informierten die Sammler über alles Wissenswerte der Philatelie.
Im Jahre 1881 erschienen die ersten Falze für Briefmarken. Diese lösten längerfristig das Problem der Aufbewahrung von Briefmarken. Die Briefmarkenfalze wurden vom Frankfurter Briefmarkenhändler Dauth ausgegeben. Man nannte sie damals noch „Marken-Charniere“. 1000 Stück der ersten Briefmarkenfalze der Welt kosteten 75 Pfennig.
Vor der Erfindung des Briefmarkenfalzes gab es einige einfallsreiche provisorische Lösungen, um das direkte Einkleben der Briefmarken in das Album zu verhindern. Man knickte beispielsweise die nicht benötigten Bogenränder der Briefmarken so um, dass ein Teil der Klebefläche auf die Briefmarke geklebt wird und der andere Teil des Bogenrandes auf die Unterlage. Der Briefmarkenfalz funktionierte nach dem Prinzip der Befestigung von Briefmarken auf Albumseiten mittels Bogenrändern, er wurde jedoch speziell dafür hergestellt.
In den folgenden Jahrzehnten setzte sich der Briefmarkenfalz als Befestigungsmittel für Briefmarken bei den Philatelisten durch. Dies wurde natürlich auch bei der Herstellung der Briefmarkenalben berücksichtigt. Außerdem kamen immer mehr neue Formen auf den Markt. Heute werden keine Briefmarkenfalze mehr verwendet, da diese die Gummierung leicht beschädigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie von Klemmtaschen und anderen Systemen der Briefmarkenaufbewahrung abgelöst, die es nicht mehr erforderten, die Marken irgendwo aufzukleben.
Die Briefmarkenalben selbst wurden ebenfalls verbessert. Im Jahre 1884 vertrieb Dauth ein „Mechanisches Briefmarkenalbum“. Dies war das erste Briefmarkenalbum der Welt mit Schraubenheftung. Es ermöglichte ein einfaches Austauschen und Einfügen einzelner Blätter des Briefmarkenalbums.
Entstehung von Vereinen und Veranstaltungen mini|Postwertzeichen anlässlich 150 Jahre Österreichische Briefmarke und WIPA 2000
Neben den neuen Hilfsmitteln für den Philatelisten entstanden auch immer mehr Briefmarkenvereine und Veranstaltungen speziell für den Philatelisten. Bereits aus dem Jahre 1856 sind Treffen von Philatelisten in den Vereinigten Staaten bekannt. Im Jahre 1866 kam es zur offiziellen Gründung des ersten Briefmarkenvereines der Welt. Es handelt sich dabei um die Excelsior Stamp Association in den Vereinigten Staaten. Die weltweit älteste noch bestehende philatelistische Vereinigung wurde 1869 als The Philatelic Society, London gegründet. Heute ist sie als Royal Philatelic Society LondonThe Royal Philatelic Society London, auf rpsl.org.uk bekannt. Im selben Jahr, im August 1869, kam es auch in Deutschland zur Gründung der ersten Briefmarkenvereine. Der erste deutsche Briefmarkensammlerverein, der Süddeutsche Philatelisten-Verein, wurde in Heidelberg gegründet. Es folgten in den nächsten drei Jahren Dresden, Stuttgart und Berlin mit heute noch aktiven Vereinen (Württembergischer Philatelistenverein Stuttgart 1882 e. V. und Berliner Philatelisten-Klub von 1888 e. V.Berliner Philatelisten-Klub von 1888 e. V., auf berliner-philatelisten-klub-1888.de) sowie Hamburg. Auch der 1886 in Hannover gegründete Briefmarken-Club Hannover von 1886 e. V. ist nach über 130 Jahren weiterhin mit wöchentlichen Treffen aktiv.
Die steigende Zahl philatelistischer Vereine führte zu zahlreichen Zusammenschlüssen. In Deutschland ist dies heute der Bund Deutscher Philatelisten, in Österreich der Verband Österreichischer Philatelistenvereine und in der Schweiz der Verband Schweizerischer Philatelistenvereine.
Seit 1889 gibt es den Philatelistentag in Deutschland, der erstmals in Mainz stattfand. In den Jahren von 1947 bis 2011 wurde der Deutsche Philatelistentag jährlich durchgeführt. Entsprechend einem Mehrheitsbeschluss der BDPh-Hauptversammlung am 3. September 2011 in Wuppertal wurde für die Durchführung der Deutschen Philatelistentage ab 2011 ein zweijähriger Rhythmus festgelegt. In Österreich ist diesbezüglich die größte Veranstaltung die Wiener Internationale Postwertzeichen Ausstellung (WIPA). Mit der Zeit entstanden viele weitere große Veranstaltungen rund um die Briefmarke.
In den 1960er und 1970er Jahren hatte die Philatelie ihre größte Beliebtheit und hatte sich von einer Freizeitbeschäftigung des Großbürgertums zu einem Volksphänomen entwickelt. Große Kaufhäuser hatten Regale mit Briefmarken und Zubehör, Fachgeschäfte befanden sich in den meisten Innenstädten. Um die Beliebtheit von Briefmarken zu bedienen, wurde Material gezielt für Sammler produziert und vertrieben, die auch zu Skandalen Anlass gab. Mitunter fehlte den Sammlern die Kenntnis, den geringen Wert der nur für Sammler produzierten Erzeugnisse zu bewerten.
Gegenwart In den 1990er Jahren nahm die Bedeutung des Briefverkehrs ab, und Briefmarken wurden auf Poststücken z. B. durch die Labelfreimachung ersetzt. Briefmarken sind nunmehr eine Randerscheinung des Postverkehrs und abgestempelt werden diese in Deutschland in Anlagen, die allesamt mit dem Begriff „Briefzentrum“ abstempeln. Der frühere Einstieg über das Sammeln von Briefmarken aus der Tagespost existiert somit nicht mehr.
Heutige Sammlungen haben meist nicht mehr die kaum noch existierende Gegenwart der Briefmarke im Fokus, als vielmehr die postgeschichtliche Vergangenheit, z. B. Belege der Wirtschaftsgeschichte oder Briefmarken mit Abstempelungen einer bestimmten Region und Epoche.
Die Szene verlagert sich mehr und mehr von der Präsenz hin zu Internetforen, viele der Sammler treten nicht mehr in Erscheinung, so dass Vereine weniger Nachwuchs haben.Briefmarken Handeln, Haben, Horten, auf handelsblatt.comPost macht Sammlern das Leben schwer, auf fnp.deEin gigantisches Erbe, das niemand antreten will, auf sueddeutsche.de
Philatelisten und berühmte Sammlungen Frühe Philatelisten und Vorläufer mini|John Edward Gray (1800–1875)
Vorläufer der späteren Philatelie existierten bereits vor der Einführung von Briefmarken. Die älteste bekannte Markensammlung stammt von dem Iren John Bourke, Receiver General of the Stamp Duties in Ireland, der 1774 eine Sammlung von Steuer- und Stempelmarken zusammenstellte. Die Sammlung befindet sich heute in der Royal Irish Academy in Dublin. Bourke wird in der philatelistischen Literatur teilweise als erster Markensammler der Welt bezeichnet.