Tataren (tatarisch татарлар /tatarlar/), veraltet auch Tartaren, ist seit der ausgehenden Spätantike in den alttürkischen Quellen (Orchon-Runen) und seit dem Mittelalter eine Sammelbezeichnung verschiedener, überwiegend islamisch geprägter Turkvölker und Bevölkerungsgruppen.
Im engeren Sinne handelt es sich heute um ein turksprachiges Volk, welches vor allem in Russland lebt, insbesondere in den Republiken Tatarstan und Baschkortostan. In der Republik Tatarstan bilden die Tataren die Titularnation. In Russland leben 5.310.649 Tataren (Volkszählung 2010), sie sind nach den Russen das zweitgrößte Volk Russlands. Darüber hinaus gibt es geografisch getrennt siedelnde Volksgruppen der Tataren in Sibirien, Polen, Ukraine und Belarus. In religiöser Hinsicht sind die Tataren überwiegend sunnitisch-muslimisch geprägt.
In Europa wurden die Truppen des Mongolischen Reiches und der Goldenen Horde vom späten 12. bis ins frühe 16. Jahrhundert als „Tataren“ bezeichnet. Oft wurden sie auch als „Tartaren“ bezeichnet, abgeleitet von griechisch Tartaros, mit der Bedeutung „die aus der Hölle kommen“. Man verballhornte dabei die Eigenbezeichnung irrtümlich mit einem ähnlich klingenden Begriff.Stephan Theilig: Historische Konzeptionen von Körperlichkeit. Frank & Timme, 2011, ISBN 978-3-86596-333-8, S. 109,
mini|hochkant=2|Die Verbreitung der Turko-Tataren
Tataren – ein Name für viele Völker Das Wort tātār lässt sich von dem mandschurischen Verb tata-me (mehrdeutig: „ziehen, den Bogen spannen, schießen, vor einem Heer lagern, kämpfen“) ableiten. Von Beginn an kam das zusätzliche r am Ende des Wortes nur in westlichen Quellen vor. Einerseits kann es auf eine bereits frühe Verschmelzung bzw. Verballhornung von tata-ere (mandsch.: „ein Krieger werden“) zurückzuführen sein, andererseits sollte eine bewusste Assoziation zu dem griechischen Begriff Τάρταρος (Tartarus), „Unterwelt“, hergestellt werden.
Der Name „Tataren“ wird in vielen verschiedenen Zusammenhängen gebraucht. So wurden und werden als Tataren bezeichnet: eine im Mittelalter südlich und östlich des Baikalsees lebende turkomongolische Bevölkerung, deren Hauptsiedlungsgebiet im 13. Jahrhundert der untere Kerulen und der Amur war, weshalb sie auch als Kerulen-Tataren bezeichnet werden; bis zur Frühen Neuzeit im Osten Sibiriens und Nordosten der heutigen Volksrepublik China lebende tungusischsprachige Bevölkerungsgruppen; vor der Gründung der Sowjetunion (1922) verschiedene eurasische auf dem Gebiet Russlands lebende Turkvölker, darunter die Aserbaidschaner, Nogaier, Kasachen, Chakassen und viele andere; die Krimtataren und die mit ihnen verwandten Dobrudscha-Tataren (siehe auch: Turkvölker), die aber zu einem anderen Zweig der Turksprachen gehören; die Muslime in Polen, Litauen und Belarus, die zum Teil Nachfahren der Krimtataren sind, aber heute Belarussisch und andere Sprachen sprechen; die Muslime Finnlands werden als Finnland-Tataren bezeichnet.
Zur Zeit Dschingis Khans wurden nur zwei Clans der östlichen Mongolei zu den Tataren gerechnet:
Fälschliche Bezeichnung der Mongolen in Europa als Tataren
Die mongolischen Truppen, die erstmals in den 1220er Jahren unter dem Großkhan Dschingis Khan in Europa einfielen, wurden in manchen Quellen als Ta(r)taren bezeichnet. (Nach dem Tartaros hatte man in Europa tatarische Völker manchmal auch als „Tartaren“ bezeichnet, da man annahm, diese kämen direkt aus der Hölle. Auch die Mongolen unter Dschingis Khan und seinen Nachfolgern wurden später so bezeichnet.) Schon in der Chronica Maiora von Matthäus Paris, der einzigen halbwegs umfassenden europäischen Primärquelle zum mongolischen Reich, wird diese Gleichstellung als ein (vermutlich dem französischen König Ludwig IX. unterlaufener) Irrtum klargestellt.Jack Weatherford: Genghis Khan and the Making of the Modern World. Minnesota 2004, S. 14.J. J. Saunders: Matthew Paris and the Mongols. Toronto 1968, S. 124. Der US-amerikanische Historiker David O. MorganDavid O. Morgan: The Mongols. Oxford 1986, S. 57. und der britische Historiker Peter JacksonPeter Jackson: Tughluk Temür. In The Encyclopaedia of Islam. New Edition, S. 705. sehen den Ursprung dieses „Fehlers“ im Versuch westlicher Chronisten, die als besonders grausam angesehenen Mongolen als „aus dem Tartarus stammend“ zu verballhornen. Der österreichische Historiker Johannes Gießauf verweist darauf, dass das Volk der Tataren bereits unter Dschingis Khan fast vollständig von den Mongolen ausgerottet und die geringfügigen Überreste von den Mongolen assimiliert wurden; die Tataren gehörten daher in Wahrheit zu den ersten Opfern der mongolischen Eroberungen, die vom späten 12. Jahrhundert bis ins frühe 16. Jahrhundert dauerten.Johannes Gießauf: Die Mongolei. Graz, 2001, S. 57.
Unterteilungen der Tataren Alle heutigen Völker und Volksgruppen, die als Tataren bezeichnet werden, gehen weitestgehend auf die staatstragende Ethnie der Goldenen Horde zurück. Mit dem Zerfall der Goldenen Horde entwickelten sich die einzelnen „tatarischen“ Gruppen kulturell und sprachlich in verschiedene Richtungen. Die isolierte Gruppe der Lipka-Tataren soll dabei kulturell am stärksten Elemente der ursprünglichen gemein-tatarischen Identität bewahrt haben. Die Tataren auf der Krim entwickelten sich im Zuge der Staatsgründung des Khanats der Krim kulturell und sprachlich weitestgehend selbstständig. Als Vasallenstaat des Osmanischen Reiches kam es zu einer kulturellen und sprachlichen Annäherung an die Osmanen der Türkei. Obgleich die Krimtatarische Sprache (Literatursprache und Steppendialekt) zum kiptschakischen Zweig der Turksprachen zählt, weist sie zahlreiche Einflüsse aus dem oghusischen Zweig auf. Der Dialekt der Südküste wird gar komplett dem oghusischen Zweig zugeordnet, was auf die Einwanderung zahlreicher osmanischer Türken zurückzuführen ist. Spätestens mit der Bildung der ASSR Krim 1921 im Zuge der Korenisazija, mit den Krimtataren als der faktischen Titularnation (Krimtatarisch war eine der beiden Staatssprachen), bilden sie eine eigene Nation. Dementsprechend wurden sie in sowjetischen und werden heute in russischen Volkszählungen als eigene Ethnie gelistet. Historisch eng verwandt mit den Krimtataren sind die Dobrudscha-Tataren. Zwischen den ethno-territorialen Gruppen der Wolga-Ural Tataren, Astrachaner Tataren und Sibirischen Tataren kam es im 19. Jahrhundert zu einem Konsolidierungsprozess. Im engeren Sinne werden diese Gruppen heute, vor allem in Russland, als Tataren bezeichnet. In der Republik Tatarstan bilden sie die Titularnation. Die größte Gruppe bilden die Wolga-Ural Tataren. Die Astrachaner Tataren werden häufig mit dem Volk der Nogaier in Verbindung gebracht, aber auch als Nachkömmlinge des Khanats von Astrachan betrachtet. Ab dem 18. Jahrhundert gab es einen starken Zuzug von Tataren aus der mittleren Wolgaregion, dies führte zu einer Vermischung der beiden Gruppen. Bei den Sibirischen Tataren handelt es sich vor allem um Nachkommen des Khanats von Sibir. Sie gliedern sich in verschiedene getrennt voneinander siedelnden Volksgruppen.
Tataren im engeren Sinne Die Astrachan-Tataren leben am Unterlauf der Wolga auf dem Gebiet des ehemaligen Khanats Astrachan. Sie standen bis ins 20. Jahrhundert der nomadischen Tradition der Nogaier-Tataren nahe und werden in der Regel als ihnen zugehörig betrachtet. Sie entstammen ursprünglich der Weiß-Nogaier Horde. In der Oblast Astrachan lebten 60.523 Tataren im Jahr 2010, sie stellen damit rund 6,6 Prozent der Bevölkerung. In der gesamt russischen Volkszählung hatten sich lediglich 7 Personen als Astrachan-Tataren deklariert. Die Wolga-Ural-Tataren leben vor allem im tatarischen Kernland an der Wolga und dem Vorland des Urals (siehe auch: Wolgabulgaren, Kasaner Khanat). Sie unterscheiden sich noch einmal in verschiedene, teilweise geografisch voneinander getrennte, Untergruppen mit teilweise verschiedenen Dialekten. Die Kasaner Tataren, in Tatarstan. Die Qasim-Tataren, heute nur wenige 10.000, sind Nachfahren der Bevölkerung des im 16. Jahrhundert mit den Moskauer Großfürsten verbündeten Khanats von Qasim. Die Teptjaren waren eine sozial determinierte Subethnie der Tataren im Uralvorland (u. a. Glasover Tataren). Auf sie gehen ein Teil der Tataren Baschkortostans zurück. Sie standen den Baschkiren sprachlich und in der traditionellen Kultur nahe. Die ca. 300.000 Mischaren (Mischeren, Mischär, Tatarisch: мишәр, mişər) sind die überwiegend westlich der Wolga (auch in Tschuwaschien und Mordwinien) lebenden Tataren. Der Name dieser Bevölkerungsgruppe verweist auf regionale oder darüber hinaus gehende Bezüge zu den mittelalterlichen Meschtscheren (siehe auch: Finno-ugrische Völker). Spekulativ ist die unterstellte historische Verbindung dieser Gruppe mit den Magyaren (Magyor). Die rund 32.000 Keräschen (Keräşen, Krestschen) sind orthodoxe Christen. Sie leben an der Wolga und vor allem im Ural-Vorland. Die Nagaibaken sind eine im östlichen Ural-Vorland siedelnde Untergruppe orthodoxen Glaubens. mini|Sibirische Tataren Die sibirischen Tataren leben in Bevölkerungsinseln verstreut im gesamten westlichen Sibirien und unterteilen sich in zahlreiche weitere Untergruppen (Tobol-Tataren, Tumen-Tataren, Baraba-Tataren etc.). Sie sind Nachfahren der Kernbevölkerung des Khanats Sibir. Manche hängen Naturreligionen an.
Tataren im weiteren Sinne Die Krimtataren sind eine turksprachige Ethnie. Ihre Sprache, das Krimtatarische, ist eine der nordwesttürkischen Sprachen. Sie werden heute zu den Turkvölkern gerechnet. Die Lipka-Tataren in Polen, Litauen und Belarus sprechen kein Tatarisch mehr und definieren ihr Tatarentum vor allem über den islamischen Glauben. Die Finnland-Tataren stehen den Lipka-Tataren nahe und sind Muslime. Die turkstämmigen Krimtschaken sind eine auf der Krim ansässige turksprachige Minderheit jüdischen Glaubens. Sie gehören der talmudischen Richtung des Judentums an. Die krimtschakische Sprache ist fast ausgestorben. Den Kaukasus-Tataren (veraltet) werden heute die Balkaren, Karatschaiern und Kumyken zugeordnet. Dieser Begriff löste die frühere Bezeichnung „Berg-Tataren“ ab. Die tatarischsprachigen griechisch-orthodoxen Urum zählen sich selbst oft zur Ethnie der Griechen; manche betonen jedoch ihre tatarischen Wurzeln (Gegend Mariupol, Ukraine).
(Die Zahlenangaben für Astrachaner, Kasimer und Mischaren beruhen, ausgehend von älteren Zahlen, auf Schätzungen.)
Bevölkerungszahl mini|hochkant=1.5|Regionen in Russland mit 2–100 % Tataren Die Zahl der Tataren war lange Zeit umstritten und diese erhielten nie eine eigene Unionsrepublik, obgleich sie einst im damaligen Staatswappen der UdSSR als eine der sechs Nationen sprachlich vertreten waren.
Bei der Volkszählung in der Sowjetunion (1989) gaben insgesamt 6.648.700 Menschen an, Tataren zu sein. Von diesen lebten in der damaligen Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik 5.552.000. Der tatarische Anteil an der Bevölkerung betrug in der damaligen ASSR Tatarstan (1989) 1.765.400 und in der benachbarten ASSR Baschkiren 1.120.700 Tataren.
Aktuell geht man davon aus, dass sich die Zahl der Tataren weltweit auf etwa 8 Millionen beläuft. Die letzte Volkszählung in Russland (2010) ergab, dass dort 5.310.649 Tataren leben. Unter diesen waren auch 34.822 Kryaschen (Keräschen), 786 Mischaren und 6.779 Sibirische Tataren.
Geschichte Die eigentlichen Tataren (genannt auch „Turko-Tataren“Vgl. Aktschura Oglu Jussuf: Die gegenwärtige Lage der mohammedanischen Turko-Tataren Russlands und ihre Bestrebungen. 1915.) werden als Nachfahren einer Vermischung von Wolga-Bulgaren und Kiptschaken mit „Tataro-Mongolen“ (Turkomongolen) angesehen. Ihre eigentliche Geschichte beginnt mit der Goldenen Horde im 13. Jahrhundert. Sie waren die Kernbevölkerung der Khanate (Fürstentümer) von Kasan, Astrachan, Kasimov, Sibir und dem Khanat der Krim.