mini|hochkant=1.4|Mont-Saint-Michel mini|Buchmalerei mit Darstellung des Mont-Saint-Michel bei Ebbe aus den Très Riches Heures du Duc de Berry (um 1415). Zu sehen sind der Mitte des 15. Jh. abgerissene romanische Chor der Kirche sowie die beiden im 18. Jh. zerstörten Westtürme, deren Brüstungen darauf schließen lassen, dass sie auch als Wachtürme geplant waren und zumindest zeitweise auch so genutzt wurden. Über der Bergspitze kämpft der Erzengel Michael mit Schwert und Stab gegen einen Lindwurm mit Fledermausflügeln.
Mont-Saint-Michel ist eine ehemalige Abtei der Benediktiner in Frankreich. Sie liegt auf der gleichnamigen Klosterinsel in der Region Normandie im Département Manche auf dem Gemeindegebiet von Le Mont-Saint-Michel, südwestlich von Avranches.
Die Bauten der Abtei Mont-Saint-Michel wurden weitgehend gleichzeitig mit den gotischen Kathedralen errichtet und immer wieder verändert. Es war eines der umfangreichsten, schwierigsten und kostspieligsten Bauprojekte des gesamten Mittelalters.
Jährlich besuchen ca. 3,5 Millionen Menschen den Berg. Die Bauten auf dem Mont-Saint-Michel gehören zum kulturellen Erbe Europas. Seit 1979 sind sowohl der Klosterberg als auch die umgebende Bucht Teil des UNESCO-Welterbes.
Auf dem Berg leben Ordensfrauen der Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem. Die Wallfahrtsseelsorge wird durch die Gemeinschaft Sankt Martin ausgeübt.
Geschichte Im Jahr 708 wurde Bischof Aubert von Avranches in einem Traum vom Erzengel Michael aufgefordert, eine Kirche für ihn zu bauen, was er nach einigem Zögern auch in die Wege leitete. Um die notwendigen Reliquien zu erhalten, wurden Abgesandte nach Monte Sant’Angelo geschickt, dem bedeutendsten Michaels-Kloster Italiens.
Zunächst wurde wohl nur ein einfacher Bau errichtet, von dem sich nur Reste einer Granitmauer in der im 10. Jahrhundert erbauten Kirche Notre-Dame-sous-Terre erhalten haben. Im Jahre 966 wurden die bisher für den Berg und seine Reliquien verantwortlichen Mönche durch 30 Benediktiner aus der Abtei Saint-Wandrille abgelöst. Von nun an ging es langsam aufwärts mit dem Kloster; um das Jahr 996 wurde hier die Hochzeit zwischen dem normannischen Herzog Richard II. und Judith de Bretagne gefeiert.
Im 11. Jahrhundert begann der Neubau. Er wurde 1204 durch bretonische Truppen gebrandschatzt. Die nachfolgenden Restaurierungs- und Neubauarbeiten dauerten über 300 Jahre und wurden auch während des Hundertjährigen Kriegs (1337–1453) nicht unterbrochen. In diese Zeit fällt die Umgestaltung von Berg und Abtei zu einem Festungsbauwerk, das sowohl den Engländern als auch den protestantischen Angriffen während der Hugenottenkriege (1562–1598) standhielt.
König Ludwig XI. erhielt von den Mönchen die Möglichkeit, Räumlichkeiten als Gefängnis zu nutzen. Dafür erhielten sie für jeden Gefangenen ein Unterhaltsgeld. Politische Gegner ließ der König hier einsperren, auch in seinem an der Decke hängenden berüchtigten Eisenkäfig. Die Praxis, Gegner der Staatsgewalt hier in der Abtei einzusperren, wurde von späteren Machthabern fortgesetzt. Inhaftierungen erfolgten oft ohne Gerichtsurteil. Für wohlhabende Häftlinge wurden komfortable Zellen eingerichtet.
Die Fassade der Abteikirche wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts in zeitgenössischen Stilformen erneuert.
In der Französischen Revolution wurden am 13. Februar 1790 Orden verboten und die Abtei aufgelöst. Die Abteigebäude dienten bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als Gefängnis – insbesondere für politische Häftlinge. Napoleon machte den Berg zum Zentralgefängnis für Häftlinge mit langjährigen Haftstrafen. Aufseher und Soldaten einer hier stationierten Einheit bewachten sie. Öffnungen wurden vergittert und bis zu 600 Frauen und Männer untergebracht. Dazu wurden Umbauten durchgeführt und unter anderem im Refektorium in der Kirche Zwischendecken eingezogen. Darunter wurden Werkstätten eingerichtet. In den Kapellen entstanden Webereien und Schuhmeistereien. Der Rittersaal wurde zur Spinnerei umfunktioniert. Die Haftbedingungen waren schwierig. Da die Hygiene vom Wassermangel geprägt war, wurde die Krypta zur Zisterne gemacht.
Da die Abtei als "romantischer Ort" viele Besucher hatte, ließ einer der Direktoren einen Führer zur Besichtigung des Gefängnisberges drucken. Victor Hugo prangerte nach einem Besuch die "erbärmlichen" Zustände an sowie die Respektlosigkeit, auf der Spitze der Abteikirche einen Telegraphen zu installieren. Durch kaiserliches Dekret vom 20. Oktober 1863 wurde das Gefängnis geschlossen.
Die Baugeschichte der Abtei und die zeitliche und räumliche Zuordnung der Bauteile ist äußerst komplex (Claude Quétel spricht von einem „verschachtelten Baukonglomerat“).
Seit 1966, dem Jahr der Jahrtausendfeier der Benediktiner-Abtei des Mont, gibt es hier wieder Ordensleute. Sie erhielten Wohnmöglichkeit im nach Süden gelegenen Abtgebäude, die gesamte Klosteranlage blieb jedoch in staatlicher Hand. Es leben Brüder und Schwestern der Gemeinschaften von Jerusalem in dem Kloster. Für die Wallfahrtsseelsorge ist seit 2022 die Gemeinschaft Sankt Martin verantwortlich.
Architektur Die – in Stilformen der Romanik, der Gotik und des Klassizismus errichteten – Klosterbauten auf dem Mont-Saint-Michel wurden bereits im Mittelalter als merveille („Wunder“) bezeichnet, da sich kaum jemand vorzustellen vermochte, wie auf der Spitze eines Berges ein derart gewaltiger Gebäudekomplex in drei Ebenen geplant und errichtet werden konnte.
Für nahezu alle Bauten auf dem Klosterberg wurde Granit verwendet, den man auf kleineren benachbarten Felseninseln (Îles Chausey) brach, dort grob bearbeitete und mittels Flößen, Booten und Lastkähnen herbeischaffte; die Feinarbeiten erfolgten vor Ort. Aus dem äußerst wetterbeständigen Granit ließen sich jedoch keine feingearbeiteten Skulpturen herstellen, daher mangelt es dem gesamten Bau an bildhaftem Schmuck. Lediglich einige – vor salzhaltigem Regen und Wind geschützte – Bauteile im Chor der Abteikirche sowie im Kreuzgang sind aus dem leichteren und feiner zu bearbeiteten Kalkstein aus der Umgebung von Caen gefertigt, der ebenfalls herantransportiert werden musste.
mini|Plan der oberen Ebene (Abteikirche, Kreuzgang und Refektorium mit Küche) mini|hochkant|Abteikirche (romanisches Langhaus; spätgotischer Chor mit Arkadenzone, Triforium und Obergaden)
Abteigebäude (obere Ebene) Abteikirche Die Arbeiten an der ursprünglich siebenjochigen (heute nur noch vierjochigen) Kirche (franz. l’abbatiale = „Abteikirche“) wurden im Jahr 1023 begonnen; 61 Jahre später war die frühromanische Kirche mit ihrem dreigeschossigen Wandaufriss (Arkaden, Emporen, Fensterzone) fertiggestellt; sie gehört somit zu den frühesten Bauten der normannischen Sakralarchitektur in Frankreich. Wie damals europaweit üblich (Vgl. Michaeliskirche in Hildesheim) wurde das Langhaus nur mit einem einfachen hölzernen Gebälk – vielleicht mit abgehängter Decke – ausgestattet (das heutige Holzgewölbe stammt aus dem 19. Jahrhundert). Chor und Querhaus des romanischen Baues wurden durch steinerne Tonnengewölbe architektonisch hervorgehoben; die Seitenschiffe hatten durchgängig Kreuzgratgewölbe. Dominierender Bauteil des Sakralbaues war ein alles überragender – möglicherweise ursprünglich zum Kircheninnern hin offener – Vierungsturm (Laternenturm), der aber bereits im Jahr 1103 einstürzte und dabei Teile des nördlichen Seitenschiffs beschädigte. Turm und Langhauswand wurden innerhalb kurzer Zeit und in ähnlicher Manier wiederaufgebaut; kleinere Unterschiede zwischen Nord- und Südwand sind allerdings erkennbar: So werden die Joche auf der Südseite jeweils von einem großen, bis über die oberen Fenster geführten Blendbogen eingefasst; die Laibungen der Fensterwölbungen im Obergaden auf der Nordseite sind – zwecks besserer Belichtung – abgeschrägt. Die Vierung wurde durch mächtige Bündelpfeiler verstärkt und mit einem Rippengewölbe stabilisiert.
Ob der romanische Chor im 15. Jahrhundert Bauschäden zeigte oder gar einstürzte, oder ob er – wie in vielen anderen Fällen auch – absichtlich durch einen Neubau (1446–1521) im spätgotischen Stil ersetzt wurde, ist unklar. Der Chor der Abteikirche – im Innern aus hellem Kalkstein, außen aus Granit erbaut – mit seinem durchlichteten Triforium zählt zu den schönsten Choranlagen der Normandie.
Nach einem Blitzeinschlag im Jahre 1776, vielleicht auch schon früher, zeigte die ehemals doppeltürmige Westfassade, über deren mittelalterliches Aussehen (abgesehen von der Buchmalerei im Stundenbuch des Herzogs von Berry) nur wenig bekannt ist, Risse, deshalb wurden – im Zeitalter der Aufklärung – die drei westlichen Langhausjoche mitsamt der Zweiturmfassade niedergelegt und nicht wieder aufgebaut. Stattdessen wurde die Kirche im Westen mit einer turmlosen und – wegen des Fehlens jeglichen Dekors – streng wirkenden Fassade im klassizistischen Stil geschlossen. Der heutige Vorplatz der Kirche ist somit etwa dreimal so groß wie im Mittelalter.
Dormitorium Der mittelalterliche Schlafsaal der Mönche schloss unmittelbar nordwestlich an die Abteikirche an. Die Mönche konnten ihn nur nach Durchquerung eines kleinen Hofes von der Kirche aus erreichen. Dazu mussten sie ein kleines Portal im nördlichen Seitenschiff der Kirche benutzen. Das Dormitorium wurde seit dem 16. oder 17. Jahrhundert nicht mehr benutzt und in wesentlichen Teilen beim Abriss der westlichen Kirchenjoche zerstört. Die verbliebenen Reste dienen heute als – für Besucher nicht zugängliche – Sakristei.
Refektorium mini|Mönchsrefektorium; die engen seitlichen Fensterarkaden sind bestens geeignet, Winddruckkräfte aufzufangen. Das im 13. Jahrhundert oberhalb des Gästesaals auf der Nordseite der Kirche erbaute Mönchsrefektorium gehört zu den architektonischen Höhepunkten der Abtei. Es hat über 50 Fenster, von denen beim Betreten des Raums allerdings nur die beiden in der Ostwand sichtbar sind – alle anderen verbergen sich in den Tiefen der Seitenwände, die wie eine enggestaffelte, beinahe unendliche Arkadengalerie wirken. Man kann vermuten, dass diese außergewöhnliche Lösung weniger aus ästhetischen Gründen gewählt wurde, sondern in erster Linie der Stabilisierung der Außenwände gegen Winddruck geschuldet ist. Keines der Fenster des Refektoriums hat Maßwerkfüllungen im Bogenbereich – dieses Schmuckelement blieb lange Zeit allein Sakralbauten (Kirchen und Burgkapellen) vorbehalten. In einem der Bögen auf der Südseite verbirgt sich ein erhöhter Sitz, von dem aus ein Mitbruder den Mönchen während der Mahlzeiten vorlas. Der – nicht beheizbare – etwa 10 Meter breite und ca. 30 Meter lange Raum ohne Mittelstützen hatte zu keiner Zeit ein steinernes Gewölbe, sondern immer nur ein hölzernes Gebälk; im Verlauf der umfangreichen Restaurierungen des 19. Jahrhunderts wurde er mit einem – von Zugankern zusammengehaltenen – Holzgewölbe überspannt. Die Akustik ist außergewöhnlich gut, deshalb wird der Raum auch für Konzertveranstaltungen genutzt.
Die Abteiküche schließt sich unmittelbar südlich an das Refektorium an. Ihre beiden – wie runde Türme wirkenden – Schornsteine sind vom Kreuzgang aus zu sehen; ein weiterer Turm mit Spitzhelm hat eine Wendeltreppe im Innern und dient als Treppenaufgang zum Dach.
Kreuzgang mini|Kreuzgang und Blick auf das Refektorium mit den Schornsteinen der Küche mini|Blick vom Kreuzgang der Abtei über das Watt