mini|William John Bankes, Porträt 1812 von George Sanders

William John Bankes (* 11. Dezember 1786 in Kingston Lacy, Dorset; † 15. April 1855 in Venedig) war ein englischer Politiker, Reisender und Sammler.

Familie mini|hochkant|Herrenhaus von Kingston Lacy mit dem Obelisken

William John Bankes entstammt der englischen Familie Bankes. Er war das zweitälteste Kind von Henry Bankes und Frances Woodley (1760/61–1823). Sie war die Tochter von William Woodley von St. Christopher, dem Gouverneur der Inseln unter dem Winde, und als sie Bankes mit 22 Jahren heiratete, brachte sie eine Mitgift von 6.000 Pfund in die Ehe.Anne Sebba: The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countryhouse. Stanbridge 2009, ISBN 1-904349-67-6, S. 18. Sein Vater war Abgeordneter und interessierte sich für Antiquitäten, Interessen, die sein zweiter Sohn teilte.Norman N. Lewis, Annie Sartre-Fauriat, Maurice Sartre: William John Bankes. Travaux en Syrie d’un voyageur oublié. In: Syria. Band 73, 1996, 57–95, hier S. 57 (Digitalisat). William John Bankes hatte fünf weitere Geschwister, George (* 1787), die Schwestern Anne Frances (* 1789) und Mary (* 1791), sowie Edward (* 1794) und Frederic (* 1799), der im Kindesalter verstarb.

Erziehung William John Bankes besuchte die Westminster School in London,John Burke: A genealogical and heraldic history of the commoners of Great Britain and Ireland, enjoying territorial possessions or high official rank; but uninvested with heritable honours. Band 3. London 1836 (online). die damals ein ähnliches Renommée hatte wie Eton oder Harrow, auch wenn hier sehr rohe Sitten herrschten. Hier lernte er Latein und Griechisch.Anne Sebba: The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countrybhouse. Stanbridge 2009, S. 28 f.

Er studierte am Trinity College in Cambridge, wo er durch seinen ausschweifenden Lebenswandel auffiel, antike Literatur (Classics).Don Boyer: Guilty or innocent? The Buckingham vs. Bankes Libel Trial of 1826. In: Neil Cooke, Vanessa Daubney (Hrsg.): Lost and now Found: Explorers, Diplomats and Artists in Egypt and the Near East. Oxford 2017, S. 184 Bankes hatte seine Räume im College im Stil einer katholischen gotischen Kapelle ausgestaltet, einschließlich eines Hochaltars, auf dem er täglich Weihrauch verbrannte. Er holte auch Chorknaben in diese Räume, um hier zu singen. Da damals Katholiken das Studium verwehrt war, war dies sicher geeignet, seine Zeitgenossen zu schockieren. Anne Sebba vermutet den Einfluss des skandalumwitterten William Beckford.Anne Sebba: The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countryhouse. Stanbridge 2009, S. 31. Man fragte sich zudem, was er mit den Chorknaben sonst noch trieb.Anne Sebba: The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countryhouse. Stanbridge 2009, Anmerkung 7 zu Kapitel 2. In Trinity College lernte Bankes den jüngeren George Byron kennen, gehörte aber nicht zu dessen inneren Kreis.Anne Sebba,:The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countrybhouse. Stanbridge 2009, S. 34.

Bankes ältester Bruder Henry (* 1785) hatte in Trinity Hall in Cambridge studiert und war 1806 als Fähnrich im 35. Infanterieregiment auf der L’Athenienne unterwegs nach Sizilien, als das Schiff vor Tunis auf das Esquerries-Riff lief und sank. Henry Banks ertrank, weil er sich weigerte, ein Rettungsboot zu besteigen,Anne Sebba: The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countrybhouse. Stanbridge 2009, S. 28 f. so wurde William mit 20 Jahren der Haupterbe.

Bankes wurde 1808 der Bachelor of Arts und 1811 der Master of Arts verliehen, auch wenn er seine Studien vernachlässigt hatte. Er war von 1814 bis 1822 Fellow im Trinity College. Banks studierte Jura in Lincoln’s Inn und ab 1815 im Inner Temple und wurde 1815 als Anwalt vor Gericht zugelassen.

Von seinem Großonkel Sir William Wynne erbte er 1815 Soughton Hall in Flintshire und das Gut Dol-y-Moch im Maentwrog-Tal, was ihn mit einem jährlichen Einkommen von 6.000 Pfund finanziell unabhängig machte.Anne Sebba: The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countryhouse. Stanbridge 2009, S. 31.

Politische Karriere Obwohl ein oft konfuser Redner, war Bankes, der Familientradition folgend, insgesamt sechs Jahre Tory-Abgeordneter im britischen Unterhaus. Den Sitz für Truro erhielt er 1810 durch Vermittlung des Verlobten seiner Schwester Anne, dem Ultra-Tory Edward Boscawen, 4. Viscount von Falmouth, dem späteren 1. Earl of Falmouth. Truro war ein sogenanntes Pocket borough, also fest in der Hand der Lords Falmouth. Banks musste mit Boscawen stimmen und fand zudem heraus, dass die Parlamentssitzungen recht viel Zeit in Anspruch nahmen. Seine erste Rede, die gegen die Katholikenemanzipation gerichtet war, wurde nicht gut aufgenommen. So gab er den Sitz 1812 auf, um auf Reisen zu gehen.Anne Sebba: The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countryhouse. Stanbridge 2009, S. 52–54.

Von 1821 bis 1825 war er nach dem Tode von John Henry Smythe Unterhausabgeordneter für die University of Cambridge, bis er den Sitz an Lord Palmerston verlor. Er opponierte im Parlament gegen die Gleichberechtigung von Katholiken; zu dieser Zeit hatten nur Anglikaner das Wahlrecht. Von 1829 bis 1831 war er Abgeordneter für das Borough Marlborough in Wiltshire und von 1833 bis 1835 für das County Dorset, bis ein Skandal seine politische Laufbahn beendete.

Reisen Bankes hatte bereits Nordengland auf der Suche nach Kunstwerken bereist. 1812 reiste er nach Spanien und Portugal. Während der spanischen Feldzüge der Koalitionskriege agierte er als Lord Wellingtons Adjutant, fiel aber wiederholt durch Kunstdiebstahl unangenehm auf.Anne Sebba: The exiled collector, Willian Bankes and the making of an English Countryhouse. Stanbridge 2009, S. 52–54. So entstand die Grundlage seiner Sammlung barocker und manieristischen Gemälde, die heute in Kingston Lacy im spanischen oder goldenen Saal ausgestellt ist. Ohne Mitglied der Britischen Armee zu sein, nahm er an Schlachten und Scharmützeln teil, was ihn zu einem Freischärler machte.

1815 bis 1819 unternahm Bankes ausgedehnte Reisen in den Orient,Itinerar bei Norman N. Lewis, Annie Sartre-Fauriat, Maurice Sartre: William John Bankes. Travaux en Syrie d’un voyageur oublié. In: Syria. Band 73, 1996, S. 57–95, hier S. 57. auf denen er einige Pläne und Skizzen anfertigte, aber kein zusammenhängendes Tagebuch. Seine Reisen sind daher hauptsächlich aus den Berichten anderer Autoren bekannt.Don Boyer: The relative Contributions of William John Bankes and Charles Barry to the early Plans of Gerasa/Jerash (Jordan): Evidence from the Bankes and Barry Archives. In: Neil Cooke, Vanessa Daubney (Hrsg.): Every Traveller needs a Compass, Travel and Collecting in Egypt and the Near East. Oxford 2015, S. 34; 1815 war er in Ägypten, hier lernte er Johann Ludwig Burckhardt kennen, der sein Interesse an den Städten der Dekapolis weckte.Don Boyer, Guilty or innocent? The Buckingham vs. Bankes Libel Trial of 1826. In: Neil Cooke, Vanessa Daubney (Hrsg.), Lost and now found: Explorers, Diplomats and Artists in Egypt and the Near East. Oxford 2017, S. 185 Im Winter 1816 besuchte er daher zusammen mit James Silk Buckingham, den er in Jerusalem kennengelernt hatte, die Orte Jerash und Umm Qais (Gadara) im heutigen Jordanien.Don Boyer: Guilty or innocent? The Buckingham vs. Bankes Libel Trial of 1826. In: Neil Cooke, Vanessa Daubney (Hrsg.): Lost and now found: Explorers, Diplomats and Artists in Egypt and the Near East. Oxford 2017, S. 183. Ab Sommer 1816 besuchte er Zypern, Kleinasien und dann Griechenland. Im November 1817 kehrte er nach Syrien zurück, wo er bis zum Sommer 1818 blieb, um dann nach Ägypten und Nubien zu reisen. Er hatte den italienischen Deserteur Giovanni Finati als Dolmetscher angestellt. Im Auftrag von Thomas Young kopierte Bankes einige Hieroglypheninschriften, besonders solche mit Königs- und Götternamen, und eignete sich außerdem Antiquitäten an.Jed Z. Buchwald, Diane Greco Josefowicz: The Riddle of the Rosetta, How an English Polymath and a French Polyglot discovered the Meaning of Egyptian Hieroglyphs. Princeton 2020, S. 343; Er untersuchte den 1815 in Philae gefundenen neun Meter hohen sogenannten Obelisken von Philae, auf dem er die hieroglyphischen Namen von Ptolemaios VIII. und Kleopatra III. erkannte.Jed Z. Buchwald, Diane Greco Josefowicz: The Riddle of the Rosetta, How an English Polymath and a French Polyglot discovered the Meaning of Egyptian Hieroglyphs. Princeton 2020, S. 345. Frédéric Cailliaud und Bankes fertigten Abschriften der Basis an. Auf dem Rückweg nach England besuchte Bankes Byron, der mit seiner Tochter Allegra in Venedig lebte.

1818 entfernte Giovanni Belzoni im Auftrag von Bankes mit Unterstützung des englischen Generalkonsuls Henry Salt unter großen Schwierigkeiten den Obelisken und die Basis, auf der sich ebenfalls Inschriften befanden.Jed Z. Buchwald, Diane Greco Josefowicz: The Riddle of the Rosetta, How an English Polymath and a French Polyglot discovered the Meaning of Egyptian Hieroglyphs. Princeton 2020, S. 346. Bankes ließ sie 1821 nach England bringen. Bei der Ankunft des Denkmals in Deptford fertigte der Lithograph Charles Hullmandel Abbildungen aller vier Seiten und der Basis an, die Banks im November 1821 publizierte.Jed Z. Buchwald, Diane Greco Josefowicz: The Riddle of the Rosetta, How an English Polymath and a French Polyglot discovered the Meaning of Egyptian Hieroglyphs. Princeton 2020, S. 347. Lord Wellington stellte eine Lafette zur Verfügung, um den Obelisken nach Kingston Hall zu transportieren und legte 1827 das Fundament im formalen Garten des Herrenhauses.‘Philae‘ Obelisk. nationaltrustcollections.org.uk; abgerufen am 1. Oktober 2021.The Philae Obelisk. nationaltrust.org.uk; abgerufen am 1. Oktober 2021. Das ungeschützte Relikt ist inzwischen stark verwittert. Banks war sich des Problems bewusst und entwarf einen Winterschutz, der freilich nie gebaut wurde. Der Obelisk, das zu der Zeit einzige große Exemplar in England, steht in der Hauptsichtachse des Hauses und bildet das Zentrum des Landschaftsgartens.

mini|Ägyptischer Granitsarkophag im Garten von Kingston Lacy

Bankes Sammlung ägyptischer Altertümer befindet sich noch heute in Kingston Lacy, wo sie Bankes bei seiner Neugestaltung des Hauses in dem Keller verbannte, ein ägyptischer Sarkophag (14. Jh. v. Chr.) wittert im Garten vor sich hin.