Das Lörracher Rathaus ist ein von 1972 bis 1976 errichtetes siebzehngeschossiges Verwaltungshochhaus in der Lörracher Innenstadt und seit 2012 ein Baudenkmal. Das vom Architekten Thomas Heiß entworfene Bauwerk mit dunkelgrüner Fassade ist mit knapp 72 Metern das höchste Gebäude im Landkreis Lörrach und höchstes Rathaus in Baden-Württemberg. Das markante Bauwerk gliedert sich in einen auskragenden Sockelbereich aus hellem Beton, in dem sich unter anderem der große Ratssaal sowie die Fraktionsräume befinden. Mittig ragt aus dem grünen Hochhaus der zentrale Versorgungskern hervor.
Das Rathaus beherbergt neben den städtischen Ämtern auch den Amtssitz des Oberbürgermeisters von Lörrach und das Lörracher Stadtarchiv. Im Rathaus existiert ein Zugang zum unterirdischen Parkhaus, das sich westlich vom Hochhaus befindet und zum Baukomplex dazugehört. Der Verwaltungsbau mit einigen seiner baulichen und technischen Sonderlösungen wurde im Laufe der Jahre sanierungsbedürftig. Entsprechende Sanierungsoptionen wurden öffentlich diskutiert und schließlich im Frühjahr 2024 die Sanierung durch den Lörracher Gemeinderat beschlossen.
Geschichte Vorgeschichte Die ab dem 5. August 1927 als Rathaus genutzte Villa Favre in der Turmstraße 45 bot bereits in den 1930er Jahren nicht allen städtischen Ämtern genügend Platz, so dass 1934 das Stadtbauamt, das Fürsorge- und Jugendamt, das Grundbuch- sowie das Vermessungsamt in umgebaute Fabrikräume gegenüber dem Bahnhof umziehen mussten. Pläne für einen Erweiterungsbau im Garten der Villa scheiterten an Geldmangel und der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verschärfte die Situation. Im Jahr 1955 wurde die Diskussion über die Raumnot erneut geführt und weitere zehn Jahre später waren die städtischen Behörden an fünf verschiedenen Standorten in Lörrach verteilt.Stadt Lörrach: Das neue Rathaus.
Planung Der Gemeinderat griff das Problem Mitte der 1960er Jahre energischer auf und sprach sich zunächst für einen Neubau am bisherigen Standort der Villa Favre aus. Es zeigte sich allerdings, dass Holzwerk und Sandsteinteile des Rathauses brüchig geworden waren, so dass man die Villa Favre im Frühjahr 1975 schließlich abbrechen musste. Bereits Ende 1966 bildete sich eine Rathaus-Baukommission aus Stadträten und Vertretern der Stadtverwaltung. Diese besichtigte von Dezember 1967 bis Mai 1968 insgesamt 13 Rathäuser in der Bundesrepublik und eines in der Schweiz und stimmte am 18. Juli 1968 der Durchführung eines Architektenwettbewerbes zu. Das Preisgericht, dem der bekannte Architekt Egon Eiermann vorstand, wählte aus insgesamt 72 eingereichten Projekten am 10. Juni 1969 die Arbeit des Freiburger Architekten Thomas Heiß aus. Die Entwürfe wurden der Öffentlichkeit in einer Ausstellung im Hans-Thoma-Gymnasium vorgestellt und in der Schulaula das Gespräch mit dem Bürger gesucht. Der prämierte Entwurf wurde am 13. November 1969 durch den Gemeinderat zur Ausführung empfohlen und Heiß wurde beauftragt, eine baureife Planung vorzubereiten.Jung: Die Rathäuser in Lörrach. S. 25
Bau und Daten Nachdem der Gemeinderat im März 1971 den Kostenvoranschlag in Höhe von 23.230.000 DM bewilligt hatte, erfolgte der Spatenstich am 21. März 1972. Das Richtfest wurde am 21. Juni 1974 begangen und die Ämter konnten im Januar 1976 den Neubau beziehen. Am Wochenende des 12. und 13. Juni 1976 wurde die Vollendung des Rathauses mit einem großen Volksfest auf dem Rathausplatz begangen. Gleichzeitig konnte im Rahmen des Tags der offenen Tür die Bevölkerung das neue Haus besichtigen. Mit Gesamtkosten in Höhe von rund 23,7 Mio. DM verteuerte sich der Bau um rund 500.000 DM. Da der Neubau in die Amtszeit des damaligen Oberbürgermeister Egon Hugenschmidt fiel, der den Bau auch maßgeblich unterstützte, trägt das Bauwerk auch den Spitznamen „Langer Egon“.
Die nach DIN 276 angegebenen Kosten verteilten sich auf folgende Einzelpositionen:
+ Baukosten 18.897.000 DM Außenanlagen 680.000 DM Baunebenkosten 2.395.000 DM Besondere betriebliche Einrichtungen 954.000 DM Geräte und Ausstattung 803.000 DM 23.729.000 DM
Die Größe des Baugrundstückes für das Lörracher Rathaus beträgt 7210 Quadratmeter, die überbaute Grundstücksfläche beläuft sich auf 570 Quadratmeter. Die Kubatur misst 47.885 Kubikmeter. Der gesamte umbaute Raum inklusive der Tiefgarage und technischer Räume beträgt sogar 62.247 Kubikmeter. Dieses Volumen teilt sich in die Bereiche Bürozonen (28.896 Kubikmeter), Saalbereich 1. Obergeschoss (6.483 Kubikmeter), Eingangszone im Erdgeschoss (2.020 Kubikmeter) sowie Lagerräume (10.486 Kubikmeter) und Tiefgarage (14.362 Kubikmeter).
Die nach DIN 277 gemessenen Netto-Grundrissflächen ergeben für den Rathausbau eine Gesamtfläche von 10.721 Quadratmeter, die Nutzfläche umfasst zusätzlich 6.139 Quadratmeter. Sie verteilt sich wie folgt:
+ Bürofläche 4.400 m² Säle 1. OG 490 m² Trausaal EG 44 m² Ausstellungsfläche EG 250 m² Archiv- und Lagerräume 589 m² WC- und Putzräume 366 m² Funktionsfläche (Haustechnik, Aufzüge) 1.150 m² Verkehrsfläche 3.432 m² 10.721 m²
Betrieb und Ereignisse seit Errichtung mini|Untersicht des Lörracher Rathauses Mit der Inbetriebnahme des Rathauses 1976 nahmen 193 Mitarbeiter in 180 ausgestatteten Büroräumen ihren Dienst auf.
Im November 2006 geriet das Rathaus in Lörrach in die Schlagzeilen, als eine Gruppe Jugendlicher eine junge Frau, die sich vom Dach des Hochhauses stürzen wollte, dazu ermunterten. Durch das Eingreifen der Polizei konnte die aufgeheizte Situation beruhigt und die Frau von ihrem Vorhaben abgebracht werden.Bernd Dörries: Beihilfe zum Selbstmord. In: Süddeutsche Zeitung. 7. November 2006.
Das Rathaus wurde Ende 2012 als „einmaliges Dokument des 70er-Jahre-Baustils“ unter Denkmalschutz gestellt.Badische Zeitung: Artikel vom 21. Mai 2016, zuletzt abgerufen am 22. Mai 2018. Entscheidungsgründe für den Status waren neben der einzigartigen Profilierung durch den abgesetzten Sockelbau und die Sondergeschosse des 11. oder 13. Obergeschosses auch die Alleinstellung des Gebäudes im Lörracher Stadtraum. Zum denkmalgeschützten Hochhausbau zählt ebenso der Vorplatz mit seiner Gestaltung.Oberbadische Zeitung: Das Rathaus: ein Lörracher Wahrzeichen, Artikel vom 7. Januar 2023, aufgerufen am 12. Januar 2023.
Am Morgen des 30. Juni 2020 löste der Einwurf eines zunächst unbekannten weißen Pulvers in den Briefkasten des Rathauses einen Feuerwehr-Großeinsatz mit 70 Einsatzkräften und 20 Fahrzeugen aus, nachdem drei Mitarbeiter in der Poststelle über Augen- und Atemwegsreizungen klagten. Das Pulver stellte sich später als ungefährlich heraus; es handelte sich um Calciumcarbonat. Der Einsatz und die Reinigung nach der Evakuierung führte zur ganztägigen Sperrung des Rathauses.Südkurier: Großeinsatz in Lörrach beendet: Kalziumkarbonat wurde in Rathaus-Briefkasten geleert, Artikel vom 30. Juni 2020, aufgerufen am 1. Juli 2020. Zu einem ähnlichen Gefahrguteinsatz kam es am 7. Dezember 2020.Oberbadische Zeitung: Substanz entpuppt sich als Wasser, Artikel vom 7. Dezember 2020, aufgerufen am 7. Dezember 2020.
Der wachsende Verwaltungsbedarf ließ auch die Arbeitsplätze im Rathaus ansteigen. Die Voll- und Teilzeitarbeitsplätze betrugen im Mai 2022 insgesamt 302.
Sanierungsfall Das Rathausgebäude ist seit Jahren ein bautechnischer, sicherheitsrelevanter und aufgrund des hohen Energieverbrauchs auch ein energetischer Sanierungsfall mit dringendem Handlungsbedarf.Oberbadische Zeitung: Abriss oder Sanierung: Rathaus-Bau ein Sorgenkind, Artikel vom 26. Mai 2022, aufgerufen am 28. Juni 2022.
Im Jahr 2018 wurde in einem mehrmonatigen Prüfungsverfahren festgestellt, dass die emaillierten Fassadenplatten des Lörracher Rathaus (→ Außenfassade des Rathauses Lörrach) deutliche Verwitterungserscheinungen aufweisen. Da auch die Unterkonstruktion der eingedübelten Platten beschädigt ist, mussten die fensterlosen Fassadenflächen zusätzlich mit Netzen gesichert werden, um die Verkehrssicherheit aufrechtzuerhalten. Auch stellten Gutachter fest, dass das Sicherheitstreppenhaus zurückgebaut werden muss. Nach einer Vorentwurfsplanung von 2019 sollte 2020 mit der Sanierung begonnen werden.Weiler Zeitung: Die Fassade bröckelt, Artikel vom 17. Mai 2018, zuletzt abgerufen am 22. Mai 2018 Zu Jahresbeginn 2020 konnte jedoch noch kein Termin für einen möglichen Beginn der Arbeiten vorgelegt werden. Das Projekt wurde damit zurückgestellt. Zwischenzeitlich erwogen die Verantwortlichen sogar einen vollständigen Abriss des Gebäudes.Badische Zeitung vom 18. Februar 2020 Am 29. Februar 2024 stimmten 20 von 27 Lörracher Gemeinderäte der 45 Millionen Euro teuren Sanierung zu. Während der Sanierungsphase ist ein Umzug der Belegschaft in das frei werdende Kreiskrankenhaus Lörrach geplant.SWR: Gemeinderat: Lörracher Rathaus wird saniert, Artikel vom 29. Februar 2024, aufgerufen am 9. September 2024.
Lage und Beschreibung Städtebauliche Bedeutung mini|Sicht vom östlichen Egon-Hugenschmidt-Platz Das Lörracher Rathaus befindet sich in der Nähe des Hauptbahnhofes und der Hauptpost am nordöstlichen Ausläufer der Fußgängerzone. Im Zuge seines Neubaus wurde östlich der Hauptpost auch ein Fußgängerbereich zwischen Post und Bahnhof neu erschlossen, der mittlerweile mit der neuen innerstädtischen Fußgängerzone fast komplett verwachsen ist. Nördlich des Rathauses befindet sich der Zentrale Omnibusbahnhof der Stadt.
Der Egon-Hugenschmidt-Platz, der bis April 2022 Rathausplatz hieß,Pressemitteilung Stadt Lörrach: Egon-Hugenschmidt-Platz am Rathaus, aufgerufen am 25. Dezember 2022. östlich des Rathauses ist zum übrigen Straßenniveau leicht abgesenkt. Der mit Natursteinen gepflasterte Platz, auf dem häufig Flohmärkte oder anderer Veranstaltungen stattfinden, wird von teilweise alten Bäumen gesäumt. Auf dem Platz befindet sich die Granitskulptur Triade des Künstlers Giancarlo Sangregorios (1925–2013), die eine Station des Lörracher Skulpturenwegs bildet. Südlich vom Rathaus am Fußweg zur nah gelegenen Bonifatiuskirche steht ein kleiner von Jörg Bollin 1974 gestalteter Brunnen Lebensquell in Form einer Frucht, der den Ursprung des Lebens symbolisieren soll.
Das 72 Meter hohe Bauwerk bildet eine städtebauliche Dominante und ist sowohl innerhalb der Stadt wie auch von vielen Hügeln des unteren Wiesentals gut zu erkennen. Während die dunkelgrüne Farbgebung der Fassade sich an die waldreiche Gegend des Lörracher Umlandes anpassen soll, nimmt das helle Sockelgeschoss die Traufhöhe der umgebenden Bauwerke auf.
Architektur und Gliederung mini|Sockelbau, der den Ratssaal beherbergt Das Lörracher Rathaus gliedert sich grob in zwei außen sichtbare Bereiche: den Eingangs- und Saalbereich in Form eines auskragenden, elf Meter hohen Sockelbaus sowie den Verwaltungsbereich im anschließenden Büroturm mit grünen Fassadenelementen.
Durch das Hauptportal im Osten vom Rathausplatz – ein weiterer Eingang im Norden von der Luisenstraße wurde zugunsten des Bürgerservicebüros „In-Se-L“ geschlossen – gelangt man in das Foyer, das manchmal auch als Ausstellungshalle genutzt wird. In den Servicebüros der „In-Se-L“, einer Abkürzung für Informations-Service-Lörrach, sind einfache Dienstleistungen wie Meldebescheinigungen, Anwohnerparkausweise, Handwerkerparkgenehmigungen oder andere einfache Bestätigungen abzuwickeln. Termine dafür können Online gebucht werden.Stadt Lörrach: Online-Terminvereinbarung, aufgerufen am 3. März 2021.
Im ersten Obergeschoss befinden sich der Ratssaal, zwei durch eine Schiebewand verbundene Sitzungssäle, Fraktionsräume sowie ein Aufenthaltsraum. Die Fußböden bestehen im Erdgeschoss aus Marmor, die Decken aus Sichtbeton. Im Plenarbereich ist der Boden teilweise mit Teppich ausgekleidet; Decken und Wände bestehen aus Rauputz oder Sichtbeton.