mini|hochkant|Porträt von Rudolf Virchow, Lithographie von Georg Engelbach mini|hochkant|Rudolf Virchow (1884), Fotografie von Julius Cornelius Schaarwächter Rudolf Ludwig Karl VirchowBeim Rufnamen findet sich auch die Schreibweise Rudolph oder lateinisch Rudolphus, beim dritten Vornamen auch die Schreibweise Carl. (Aussprache des Nachnamens meist ,Virchow, Rudolf duden.de, siehe Aussprache. ursprünglich ;Theodor Siebs: Deutsche Aussprache. Reine und gemäßigte Hochlautung mit Aussprachewörterbuch. Hrsg. von Helmut de Boor, Hugo Moser und Christian Winkler. 19., umgearbeitete Auflage. De Gruyter, Berlin 1969, S. 72 (vgl. auch Ausgabe von 1902, S. 50: Digitalisat, dort „firchọ“). * 13. Oktober 1821 in Schivelbein, Pommern, Königreich Preußen; † 5. September 1902 in Berlin) war ein deutscher Arzt, Pathologe, Pathologischer Anatom, Anthropologe, Prähistoriker und liberaler Politiker. In Würzburg und Berlin erlangte er als Professor der Pathologie Weltruf.

Im Jahr 1853 (und umfassender 1855) stellte er den Grundsatz auf, dass „die Zelle wirklich das letzte Formelement aller lebendigen Erscheinungen sowohl im Gesunden als im Kranken ist, von welchem alle Tätigkeit des Lebens ausgeht“.Zitiert nach Paul Diepgen, Heinz Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 37. Er begründete damit die Zellularpathologie; mit dieser und seinen Forschungen zur Thromboseentstehung auch die moderne Pathologie. Er vertrat eine sowohl naturwissenschaftlich als auch sozial orientierte Medizin, proklamierte die Medizin als eine soziale Wissenschaft und gilt zudem als Begründer der modernen Sozialhygiene. Auch als liberaler Politiker und Mitbegründer der Deutschen Fortschrittspartei und der Deutschen Freisinnigen Partei stand er in hohem Ansehen.

Leben und Wirken Kindheit und Jugend mini|hochkant|Virchows Geburtshaus in Schivelbein

Rudolf (auch Rudolph) Virchow wurde in Hinterpommern geboren und war das einzige Kind von Carl Christian Siegfried Virchow (1785–1864) und dessen Ehefrau Johanna Maria Virchow, geborene Hesse (1785–1857). Der Vater war der Sohn eines Fleischermeisters und gelernter Kaufmann. Ab 1828 war er als landwirtschaftlicher KämmererWerner Leibbrand: Rudolf Carl Virchow. In: Über bedeutende Ärzte der Geschichte. Band II. Sonderdruck, Droemersche Verlagsanstalt, Zürich 1982, ISBN 3-426-03919-2, S. 14. in Schivelbein tätig, später betrieb er eine 50 Morgen große Landwirtschaft. Die Mutter stammte aus Belgard (Landkreis Belgard),Heinz Otremba: Rudolf Virchow. Begründer der Zellularpathologie. Eine Dokumentation. Echter-Verlag, Würzburg 1991, S. 6–7. sie war eine Schwester des Baurats Ludwig Ferdinand Hesse.

Rudolf Virchow war als Kind häufig krank. Er besuchte ab 1828 die Stadtschule in Schivelbein und erhielt zusätzlich bei Geistlichen fremdsprachlichen Unterricht. Ab Mai 1835 besuchte er das Gymnasium in Köslin, wo er im Frühjahr 1839 seine Reifeprüfung bestand.Heinz Otremba: Rudolf Virchow. Begründer der Zellularpathologie. Eine Dokumentation. Würzburg 1991, S. 7. In jungen Jahren konnte sich Virchow vorstellen, Pfarrer zu werden. Er gab dieses Berufsziel jedoch bald auf, angeblich weil seine eher hohe Stimme für einen Prediger zu wenig Volumen hatte.Virchows Pathologievorlesung in Würzburg. Institut für Pathologie der Universität Würzburg.

Studium Vom 26. Oktober 1839 bis zum 1. April 1843Paul Wätzold: Stammliste der Kaiser Wilhelms-Akademie für das Militärärztliche Bildungswesen. Springer, Berlin/Heidelberg 1910, S. 19. studierte Virchow, dessen finanzielle Verhältnisse kein Studium an einer Universität zuließen, nach erfolgreicher Bewerbung um einen Ausbildungsplatz Medizin am Medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut (der berühmten militärärztlichen Akademie „Pépinière“) in Berlin. Anschließend wurde er als Unterarzt der Chirurgie an der Charité klinisch tätig, versorgte im April 1843 als Militärarzt chirurgische Patienten und führte unter anderem chemische und mikroskopische Forschungsarbeiten durch. Mit einer pathologischen Doktorarbeit bei Johannes Müller wurde er im Oktober 1843 von der Friedrich-Wilhelms-Universität mit seiner Dissertation über Rheuma, vor allem der Hornhaut, zum Dr. med. promoviert.Rudolf Virchow: De rheumate praesertim cornea. Dissertation in lateinischer Sprache, Berlin 1843 (PDF online).Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Würzburg 2001, S. 448. Anschließend setzte Virchow eine begonnene militärärztliche Ausbildung fort und arbeitete danach als Assistent von Robert Froriep in der Prosektur der Charité.

Am 3. Mai 1845 hielt Virchow zum 50. Gründungstag der Pépinière seinen ersten öffentlichen Vortrag mit dem Titel Über das Bedürfnis und die Richtigkeit einer Medizin vom mechanischen Standpunkt. Zu dieser Rede, in der er verschiedene physiologische Vorgänge beschrieb, sei es ihm, erklärte er selbst, darum gegangen, „zu zeigen, daß die praktische Medizin nie etwas anderes als angewandte Naturwissenschaft sein darf“.Über das Bedürfnis und die Richtigkeit einer Medizin vom mechanischen Standpunkt. Rede von Rudolf Virchow am 3. Mai 1845. Mit Vorwort von Johannes Orth und Einleitung von Virchow. In: Virchows Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin. Band 188, Heft 1, April 1907 (online), S. 1–21, hier: S. 5. Insbesondere seine neuartigen Erklärungen zur Entstehung von Venenentzündungen riefen bei der Zuhörerschaft erheblichen Widerspruch hervor. 1845 beschrieb er Weißes Blut bei Blutkrebs, dessen Namen Leukämie er ab 1847 prägte. Auch die Bezeichnungen Thrombose und Embolie gehen gleichfalls auf Virchow zurück. Seine Staatsexamina bestand er von Herbst 1845 bis Frühjahr 1846.Heinz Otremba: Rudolf Virchow. Begründer der Zellularpathologie. Eine Dokumentation. Würzburg 1991, S. 9 f., 22 f. und 25.

Erste Tätigkeit in Berlin Im Mai 1846 erhielt Virchow, der als 24-Jähriger bereits Privatvorlesungen hielt, die freigewordene Stelle des Prosektors an der Charité. Nachdem er auf eigenen Wunsch aus dem militärärztlichen Dienst ausgeschieden war, habilitierte er sich im November 1847, wurde (statt nach den üblichen drei Jahren nach dem Staatsexamen) sofort danach PrivatdozentHeinz Otremba: Rudolf Virchow. Begründer der Zellularpathologie. Eine Dokumentation. Würzburg 1991, S. 10 f. und begann, auch um seine Ansichten in Form einer Zeitschrift zu verbreiten, mit seinem Freund Benno Reinhardt das Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medicin herauszugeben, das bis heute, inzwischen als Virchows Archiv, in über 450 Bänden erschienen ist.

Im Jahr 1848 war Virchow durch Teilnahme am Barrikadenbau in die Märzrevolution verwickelt, überwarf sich aber auch durch seine Sozialanalyse der Fleckfieber-Epidemie in Oberschlesien, wo er bis zum 10. März tätig war, mit der preußischen Regierung, die ihn dorthin gesandt hatteChristian Andree: Rudolf Virchow. Leben und Ethos eines großen Arztes. Langen-Müller, München 2002, ISBN 3-7844-2891-6, S. 51 f. und deren Politik er als ursächlich für die schlechten hygienischen und sozialen Verhältnisse ansah.Heinrich Schipperges: Rudolf Virchow. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 17. Dadurch wurde seine Stellung in Berlin unhaltbar, und er verlor im März 1849 schließlich seine Wohnung sowie die Stelle als Prosektor. Mehrere Universitäten, darunter die ETH Zürich, boten ihm einen Lehrstuhl an.

Professur in Würzburg (1849–1856) mini|Rudolf Virchow im Kreise seiner Würzburger Kollegen 1850. Stehend, von links: Virchow, Albert von Kölliker. Sitzend, von links: Johann Joseph von Scherer, Franz Kiwisch von Rotterau, Franz von Rinecker.

Rudolf Virchow nahm, bewogen durch Differenzen mit dem preußischen Kultusministerium, zum Wintersemester 1849/50 den von dem einflussreichen Professor Franz von Rinecker (später mit Virchow befreundet) beim bayerischen Innenministerium (Karl von Abel) sowie von Franz Kiwisch von Rotterau unterstütztenAndreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Würzburg 2001, S. 265–266 und 447–449. Ruf der Universität Würzburg auf den seit 1845 bestehenden Lehrstuhl für Pathologische Anatomie am Juliusspital an. Virchows Vorgänger, der bis 1848 am Juliusspital tätige Schönlein-Schüler (Adam) Bernhard Mohr (1809–1848), war an Lungentuberkulose gestorben.Bernhard Mohr. Institut für Pathologie der Universität Würzburg. Einen Ruf an die Universität GießenVgl. etwa G. Falk: Über Virchows geplante Berufung nach Gießen 1849. In: Virchows Archiv. Band 235, 1921, S. 45–54. hatte er abgelehnt. Virchow setzte sich bei der Berufung gegen die bayerischen Mitbewerber Ludwig von Buhl, Johann Baptist Friedreich und Ferdinand Escherich (damals Stadtgerichtsarzt in Bamberg) durch. Dem Staatsministerium musste er versichern, sich von der „politischen Arena“ zurückzuziehen, und der Medizinischen Fakultät Würzburgs erklärte er, dass er „bei sich etwa ergebender Gelegenheit nicht auch Würzburg zu dem Tummelplatz seiner früheren kundgebenden radikalen Tendenzen machen würde“.Heinz Otremba: Rudolf Virchow. Begründer der Zellularpathologie. Eine Dokumentation. Würzburg 1991, S. 15–19.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Würzburg 2001, S. 447.

Am 29. November 1849 kam Virchow mit der Postkutsche in Würzburg an, schon am nächsten Tag hielt er seine erste Vorlesung als ordentlicher Professor für Pathologische Anatomie.Lars Harald Feddersen: Die Darstellung Rudolf Virchows in der Vossischen Zeitung im Zeitraum vom 1. Januar 1844 bis zum 31. Dezember 1865. Dissertation an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder 2010, S. 74. Gleich nach seiner Ankunft in Würzburg war er an der Gründung der Würzburger Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft mit anfänglich 23 Mitgliedern beteiligt, für die er auch Vorträge hielt (etwa über den „Kretinismus in Unterfranken“) und zu deren Sitzungen auch Studenten Zutritt hatten.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Würzburg 2001, S. 453. Er fungierte zunächst als Sekretär und Mitglied in der Redaktionskommission, spielte aber bald eine führende Rolle in der rasch wachsenden Fachgesellschaft und wurde 1852 zum Vorsitzenden gewählt.Fachgesellschaft. Institut für Pathologie der Universität Würzburg.

Am 14. August 1850 heiratete er Rose Mayer in Berlin. Er hatte sich noch in Berlin mit ihr verlobt, nach der Heirat zog sie zu ihm nach Würzburg. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor (siehe #Ehe und Kinder).