mini|hochkant|Der Davidstern (hebräisch magen david „Schild Davids“) ist eines der Symbole des Judentums.
Als Judentum (, griechisch ioudaismos; veraltet auch Mosaismus) werden einerseits die Gesamtheit der Juden (das jüdische Volk, die Judenheit) sowie andererseits die jüdische Religion und jüdische Kultur als für die jüdische Identität maßgebliche Konzepte bezeichnet.
Das jüdische Volk entstand ab etwa 1200 v. Chr. und entwickelte den JHWH-Monotheismus, aus dem später die weiteren abrahamitischen Religionen Christentum und Islam hervorgingen. Die jüdische Eingottlehre wird auch als ethischer Monotheismus bezeichnet.Louis Jacobs: Judaism. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica. Band 11. 2. Auflage, Macmillan, Detroit 2007, S. 511–520.
Nach dem Verlust des Jerusalemer Tempels (70) entstand in der Spätantike das Rabbinische Judentum. Seit der frühneuzeitlichen Haskala (der jüdischen Aufklärung) bestehen als Hauptströmungen ein Orthodoxes Judentum und ein Konservatives Judentum, seit dem 19. Jahrhundert kam ein Liberales Judentum dazu.
Ihre gemeinsame Grundlage ist die schriftliche ToraNorman Solomon: Torah from Heaven. The Reconstruction of Faith. Littman Library of Jewish Civilization, Oxford 2012, ISBN 978-1-906764-13-5, S. 19–31. („Weisung“), der erste und wichtigste Teil der hebräischen Bibel (Tanach). Die rabbinische Literatur legt die Tora vor allem mit Mischna und Talmud aus.
Begriff Das deutsche Wort „Judentum“ geht auf das griechische Substantiv Ioudaismos zurück. Es ist abgeleitet vom Wort Ioudaioi für die Personengruppe, das das hebräische Original Jehudi übersetzt. So nannten sich zunächst die Angehörigen des Stammes Juda, dann die des ehemaligen Königreichs Juda. Im Perserreich (ab ~539 v. Chr.) umfasste Jehudi tendenziell alle exilierten Nachfahren der Israeliten und die Bewohner der persischen Provinz Jehud, behielt also seine ethnische und territoriale Bedeutung.Shaye J. D. Cohen: The Beginnings of Jewishness: Boundaries, Varieties, Uncertainties. University of California Press, Berkeley 1999, ISBN 0-520-21141-3, S. 69ff. und 82f.
Das Nomen Ioudaismos erschien erstmals in den Makkabäerbüchern (; ; ; ) als Antonym zu Hellenismos. Es drückte die Ablehnung griechischer kultureller Normen seitens der Makkabäer und ihrer Anhänger in Judäa aus.Dieter Sänger: Ἰουδαϊσμός – ἰουδαΐζειν – ἰουδαϊκῶς: Sprachliche und semantische Überlegungen im Blick auf Gal 1,13 f. und 2,14. In: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft, Band 108, Nr. 1, De Gruyter, Berlin 2017, ISSN 1613-009X, S. 150–185 Das zugehörige Verb ioudaizein bezeichnete ein Verhalten, das Judäer dazu bringen sollte, sich von griechischen Praktiken abzuwenden und zu ihren eigenen Praktiken zurückzukehren, nämlich den damals in Judäa gültigen Torageboten und dem Jerusalemer Tempelkult.Steve Mason: Jews, Judaeans, Judaizing, Judaism: Problems of Categorization in Ancient History. In: Journal for the study of Judaism in the Persian, Hellenistic and Roman period 38 / Nr. 4–5. Brill, Leiden 2007, S. 457–512, hier besonders S. 511 Der Makkabäeraufstand (ab 168 v. Chr.) richtete sich sowohl gegen die von hellenisierten Judäern übernommenen kulturellen Normen als auch gegen den Versuch des Seleukidenherrschers Antiochus IV., den Judäern den Zeus-Kult aufzuzwingen und das Befolgen wesentlicher Toragebote zu verbieten. Mit der Wortschöpfung Ioudaismos stellten die Makkabäer ihren Glauben an den einzigen Gott JHWH und die Tora jenen Herrschern gegenüber, die damals ihr Volk und dessen Religionsausübung in Judäa bedrohten. In dieser Selbstbezeichnung waren also ethnische, kultische, rechtliche und politische Aspekte untrennbar verbunden.Gershom Scholem: Judaismus. In: Arthur A. Cohen, Gershom Scholem (Hrsg.): Contemporary Jewish Religious Thought: Original Essays on Critical Concepts, Movements, and Beliefs. Scribner, New York 1987, S. 505–508
Der urchristliche Missionar Paulus von Tarsus erinnerte seine Adressaten mit dem Wort Ioudaismos () an seine Treue zu den „väterlichen Überlieferungen“: Gemeint ist die Tora-Auslegung der Pharisäer, in der er ausgebildet worden und für die er vor seiner Berufung zum Völkerapostel Jesu Christi besonders eingetreten war. Die Stelle wurde früher oft als Abkehr des Paulus vom Judentum fehlgedeutet; dagegen sprach er hier präsentisch von „meinem Volk“.Axel Wiemer: Der Galaterbrief im Religionsunterricht: Die Theologie des Paulus in ihrer Zeit und im Dialog mit Jugendlichen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, ISBN 978-3-7887-3148-9, S. 38 und Fn. 104 In lehnte Paulus als ioudaizein ab, Heidenchristen zum Einhalten jüdischer Speisegebote zu zwingen. Der Kontext lässt nicht erkennen, dass der kritisierte Simon Petrus dies getan hatte.Axel Wiemer: Der Galaterbrief im Religionsunterricht, Göttingen 2017, S. 52 und Fn. 147
Die Ignatiusbriefe (~100) verwenden Ioudaismos erstmals als negativen Gegenbegriff zu Christianismos („Christentum“). Die Gegenüberstellung spiegelte die vollzogene Trennung der Christen vom Judentum. Als christliche Fremdbezeichnung war das Wort „Judaismus“ fortan stets abwertend konnotiert (Antijudaismus).Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte mit Brüchen im 1. und 2. Jahrhundert. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2021, ISBN 978-3-579-07176-3, S. 327–331, hier S. 329 Ab dem 3. Jahrhundert bezeichnete es in christlichen Texten ein von den Realitäten im Raum Israel abstrahiertes, dem Christentum gegenübergestelltes Gesamtkonzept und Glaubenssystem. Das englische Wort „Judaism“ und das deutsche Wort „Judentum“ folgen dieser Konstruktion, die ein einheitliches Religionsmodell unterstellt.
Der neuzeitliche Begriff einer „Religion“ war in der Antike unbekannt. Die als Ioudaismos bezeichnete Lebensweise war nicht auf religiöse Aspekte im heutigen Sinn begrenzt, sondern umfasste alle Verhaltensweisen, die Judäer zu Judäern bzw. Juden zu Juden machten. Darum meinte Shaye J. D. Cohen, das griechische Wort sei auf Englisch eher mit “Judaeaness” oder „Jewishness“ („Jüdischkeit“) zu übersetzen.Shaye J. D. Cohen: The Beginnings of Jewishness: Boundaries, Varieties, Uncertainties. University of California Press, Berkeley 1999, ISBN 0-520-21141-3, S. 105
Geschichte
Das Judentum entstand ab ~1200 v. Chr. im Bergland Samarien als Stämmebund namens „Israel“ und bildete bis etwa 900 v. Chr. zwei Kleinstaaten mit einer Königsdynastie, das Nordreich Israel mit Samaria und das Südreich Juda mit Jerusalem als Hauptstadt. Nach Israels Eroberung durch das Großreich Assyrien (720 v. Chr.) und Judas durch Babylonien (586 v. Chr.) entfaltete das Judentum im babylonischen Exil seinen exklusiven JHWH-Monotheismus und verankerte diesen mit dem Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels als gemeinsame Religion der Juden in Israel und der Diaspora.
Auf den Hellenismus (seit 332 v. Chr.) reagierten Teile der jüdischen Oberschicht mit Anpassung. In Alexandria entstand ein hellenistisches Judentum. Aus dem Widerstand der Makkabäer entstand der teilautonome Staat Judäa der Hasmonäer (ab 141 v. Chr.). Das Römische Reich machte ihn 63 v. Chr. zum Vasallenstaat und wandelte ihn 6 n. Chr. in eine römische Provinz um. Die Widerstandsbewegung der Zeloten gegen die römische Besatzungsmacht scheiterte mit verheerenden Niederlagen: Der Jüdische Krieg (66–70) endete mit der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels, der Bar-Kochba-Aufstand (132–136) mit der Vertreibung großer Teile der Juden aus der Region, ihrer Versklavung oder Zerstreuung.
In den Lehrzentren Javne und Tiberias sowie einigen babylonischen Diasporagemeinden entwickelten Pharisäer und Tannaiten aus der in Halacha, Mischna und Talmud verschrifteten Toraauslegung bis etwa 500 das rabbinische Judentum. Bis zum Mittelalter bildeten sich in großen Teilen Europas jüdische Gemeinden, die ab dem Hochmittelalter immer wieder starken Verfolgungswellen unter dem herrschenden Christentum ausgesetzt waren. Durch die erzwungenen Fluchtbewegungen verbreitete sich das Judentum auch im Bereich des Islam, in Nordafrika und Osteuropa.
Unter dem Druck des Antisemitismus, der die in einigen Nationalstaaten begonnene jüdische Emanzipation revidieren und Juden aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgrenzen wollte, entstand im 19. Jahrhundert die jüdische Nationalbewegung des Zionismus. Dieser wurde im Judentum erst durch den Holocaust (1941–1945) an rund sechs von damals 17 Millionen Juden mehrheitsfähig.
1948 gründeten Zionisten im Anschluss an den UN-Teilungsplan für Palästina von 1947 den Staat Israel, der sich seitdem gegen mehrere Angriffskriege arabischer Nachbarstaaten und zahlreiche Terroranschläge verschiedener Gruppen behaupten musste.
Jüdische Religion
mini|Eine Torarolle
Die jüdische religiöse Tradition ist eine monotheistische Religion, deren Gott auch als der Gott Jisraels bezeichnet wird. Dieser Gott wird im orthodoxen Verständnis als Schöpfer des Universums angesehen, der noch aktiv in der Welt handelt (Theismus). Einige wenige jüdische Philosophen des Mittelalters (Gersonides, Abraham ibn Daud), beeinflusst durch die Kabbala und Neu-Aristotelismus, und der Neuzeit, Harold Kushner (insbesondere nach dem Holocaust) tendieren allerdings zu einer eher distanzierten Positionierung dieses Gottes (Deismus), der sich von seiner Schöpfung entfernt habe.
Die jüdische Religion basiert auf den religiösen Überlieferungen der Juden. Diese Überlieferungen teilen sich auf in eine schriftliche Lehre, die in der Tora niedergelegt ist (schriftliche Tora), und eine mündliche Lehre, auch: mündliche Tora, die im Talmud diskutiert wird. Dieser ist historisch gesehen in Mischna und Gemara aufgeteilt. Auf beiden beruht die Halacha, das jüdische Gesetz. Die Halacha beruht aber auch auf rabbinischen Gesetzgebungen und Responsen, die im Laufe der Zeit gefällt wurden. Im Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche Versuche unternommen, die Halacha zusammenzufassen; eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der Schulchan Aruch.
Glaube Der Begriff Jüdischer Glaube bezieht sich auf die religiösen Traditionen des Judentums in der jüngsten Geschichte, in der biblischen und vorbiblischen Zeit und in der Vielfalt seiner Strömungen. Das diese religiösen Traditionen tragende, bewahrende und lehrende Judentum der Gegenwart wird rabbinisch genannt. Häufig wird im Sinne dieses Begriffs von den jüdischen Glaubensprinzipien gesprochen, die im angelsächsischen Raum Jewish principles of faith genannt werden. Diese sind jedoch im Unterschied zum Christentum nicht allgemeingültig definiert und somit nicht dogmatisch. Der Glaube an die Existenz Gottes ist im Judentum nicht dogmatisch, im Gegensatz zum Beispiel zum islamischen Glaubensbekenntnis, der Schahāda. Das Judentum kennt keinen Katechismus.
Glaubensprinzipien In der Geschichte des Judentums entstand eine Reihe grundlegender Glaubensprinzipien, deren Einhaltung von Juden mehr oder weniger erwartet wird, um in Einklang mit der jüdischen religiösen Gemeinschaft und ihrem Glauben zu sein, deren genaue Anzahl jedoch nicht feststeht und immer noch diskutiert wird. Die Strenge und der Umfang dieser Forderungen variieren unter den verschiedenen jüdischen Gemeinden. Siehe Strömungen des Judentums, insbesondere Orthodoxes Judentum, Liberales Judentum und Rekonstruktionismus. Rabbiner Josef Albo zählt im Sefer ha-Ikkarim drei Glaubensprinzipien.
Maimonides hat in seiner halachischen Sammlung Mischne Tora wie auch in seinem religionsphilosophischen Führer der Unschlüssigen einige Grundprinzipien des jüdischen Glaubens formuliert, darunter der Glaube an Gott als höchste und erste Ursache und Schöpfer von Allem, an Gottes Einheit und Unkörperlichkeit. Diese Kodifikation wurde breit rezipiert. Ähnliche Hervorhebungen treffen andere Autoren der jüdischen Scholastik vor und nach Maimonides. Die 13 Glaubenssätze des Maimonides sind unter anderem im Hymnus Jigdal und an weiteren Stellen des jüdischen Gebetbuchs schriftlich niedergelegt, haben jedoch keine kanonische Bedeutung.