Der Berliner Antisemitismusstreit war eine öffentliche Debatte von 1879 bis 1881 im Kaiserreich über den Einfluss des Judentums, die „Judenfrage“. Er wurde damals als Treitschkestreit oder Treitschkiade bezeichnet und erhielt erst mit einer Sammlung von Dokumenten durch Walter Boehlich aus dem Jahr 1965 seinen heute üblichen Namen.Julius H. Schoeps: Das Evangelium der Intoleranz. 2003, S. 2. Auslöser war ein Aufsatz des konservativ-preußischen Historikers und Reichstagsabgeordneten Heinrich von Treitschke, zu dem verschiedene Politiker und Intellektuelle Stellung bezogen, darunter 1880 auch der Althistoriker Theodor Mommsen.
Der Streit machte das Schlagwort Antisemitismus, das Moritz Steinschneider 1860 geprägt und der Journalist Wilhelm Marr 1879 in Umlauf gebracht hatte, landesweit publik und trug die Diskussion darüber in das deutsche Bildungsbürgertum und die Universitäten hinein. Er gab den Forderungen der Berliner Bewegung um Adolf Stoecker nach Begrenzung der Judenemanzipation ein Forum. Die im August 1880 gestartete Antisemitenpetition, die Juden von allen hohen Staatsämtern ausschließen und die jüdische Einwanderung stoppen wollte, erhielt so Aufmerksamkeit und Zustimmung.
Politischer Kontext Nach dem Gründerkrach von 1873 befand sich das Deutsche Reich in der „Großen Depression“. Zur industriellen Krise kam eine Agrarkrise hinzu, die in der Konkurrenz des billigeren überseeischen Getreides ihre Ursache hatte. Schwerindustrielle und Großgrundbesitzer forderten gemeinsam Schutzzölle und gewannen über ihre Verbände zunehmend politischen Einfluss. Ihr Ziel war, Reichskanzler Bismarck von den Liberalen zu trennen, die weiterhin am Freihandel festhielten und den weiteren Abbau der Zollschranken forderten. Bismarck, dessen Finanzberater Gerson von Bleichröder Jude war, hatte ein Jahrzehnt lang Freihandelspolitik verfochten und war von den jüdischen Führern der Liberalen im Reichstag Eduard Lasker und Ludwig Bamberger gestützt worden. Er vollzog 1878/1879 eine politische Wende, wandte sich den konservativen Parteien und dem katholischen Zentrum zu und führte wieder Zölle auf Getreide und Eisen ein. Damit zog er auch den liberalen Mittelstand, der durch die Wirtschaftskrise hart getroffen worden war, an sich. Die Sozialistengesetze waren verabschiedet worden und hielten die Sozialdemokratie in Schach.
Diese konservative Wende war ein politischer Erdrutsch und bedeutete das Ende des Liberalismus, der politischen Heimat der meisten deutschen Juden, als politisch beherrschender Kraft in der nationalen Politik. Wegen der Zustimmung der Nationalliberalen Partei zu den Sozialistengesetzen verschärften sich ihre Flügelkämpfe bis in die Nähe einer Parteispaltung. Den liberalen Kurs, den Ludwig Bamberger und Eduard Lasker befürworteten, stützten weiterhin die Vertreter von Banken und Handel. Der rechte Flügel der Nationalliberalen wurde weniger liberal, er suchte die Nähe zur Macht.
Zugleich wurde im Herbst die antisemitische Agitation im Kaiserreich verstärkt. Adolf Stoecker hatte nach Misserfolgen seiner 1878 gegründeten Christlich-sozialen Partei am 16. September 1879 mit einer Rede „Unsere Forderungen an das Judentum“ gestellt, um damit unzufriedene Kleinbürger und Handwerker, aber auch konservative Großbürger als neue Wähler zu gewinnen. Das kulturpessimistische und rassistische Buch von Wilhelm Marr Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum fand damals reißenden Absatz. Die Antisemiten, die bisher als Vereinigung der Verlierer des neuen Deutschen Reiches wenig Zulauf gefunden hatten, profitierten von Bismarcks Wende. Es fanden sich politische Führer, die seinen Bruch mit dem Liberalismus begrüßten und den Antisemitismus benutzten, um den nationalen Geist zu verstärken, von dem das deutsche Reich noch zu wenig zu haben schien. Heinrich von Treitschke, Abgeordneter der Nationalliberalen Partei im Reichstag, vertrat wie viele Bildungsbürger den nationalen und konservativen Kurs, der die neue Politik des Reichskanzlers unterstützte.
Der Auslöser miniatur|Heinrich von Treitschke
Am 15. November 1879 veröffentlichte Treitschke in den von ihm herausgegebenen Preußischen Jahrbüchern einen Aufsatz mit dem Titel „Unsere Aussichten“.Heinrich von Treitschke: Unsere Aussichten (PDF; 1,2 MB), in: Preußische Jahrbücher, Band 44, 1879, S. 559–576; Auszug auch abgedruckt in Walter Boehlich (Hrsg.): Der Berliner Antisemitismusstreit. 1965, S. 5–12. Gut zwei Drittel bestanden aus einem Jahresrückblick auf die Außen- und Innenpolitik des Deutschen Reiches. Er begrüßte Bismarcks Verhalten auf dem Berliner Kongress vom Juli des Jahres als Ausdruck nationalen Selbstbewusstseins, das sich auf weltanschauliche und kulturelle Homogenität stütze. Der Vollendung der äußeren Einheit müsse die „innere Reichsgründung“, nämlich ein „gekräftigtes Nationalgefühl“ folgen. Das „constitutionelle Königthum“ sei gegen „innere Reichsfeinde“ offensiv zu verteidigen.
Auf den letzten fünf Seiten thematisierte Treitschke Gefahren, die er für die nationale Einheit zu erkennen glaubte. Er sah sie durch „die weichliche Philanthropie unseres Zeitalters“ und eine „nationale Sonderexistenz“ der deutschen Juden bedroht und behauptete, sie seien Gegner der nationalen Einigung Deutschlands und nicht willens zur gesellschaftlichen Assimilation. Gleichwohl seien sie Deutschland für die Emanzipation Dank schuldig:
Daher müssten die Juden „sich den Sitten und Gedanken ihrer christlichen Mitbürger annähern“ und „Pietät zeigen gegen den Glauben, die Sitten und Gefühle des deutschen Volks, das alte Unbill längst gesühnt und ihnen die Rechte des Menschen und des Bürgers geschenkt hat […]“, indem sie nun „auch innerlich Deutsche werden“. Er entrüstete sich über ihren vermeintlichen Undank und Egoismus:
Dagegen sei mit Recht eine „natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element“ entstanden:
Wie schon Ernst Moritz Arndt (1821) beschwor er einen angeblichen Zustrom jüdischer Einwanderer aus den polnischen Gebieten des Russischen Reiches bzw. Österreich-Ungarns:
„Der Jude“ sitze bereits „in tausenden deutscher Dörfer“, wo er „seine Nachbarn wuchernd“ ausverkaufe. Die Diskussion dieser Frage werde nur durch die „Tabuisierung jüdischer Schwäche“ in der Presse gehemmt. Dieses Tabu gelte es zu brechen. Treitschke verlangte wie Stoecker, Juden sollten ihre angebliche Überheblichkeit zurücknehmen. Sie seien „Deutsch redende Orientalen“, die auf ihren traditionellen Unterschieden beharrten; daher müsse von ihnen Bescheidenheit, Demut, Toleranz gegenüber den Deutschen verlangt werden. Er forderte „unsere israelitischen Mitbürger“ auf:
Das gesellschaftliche Klima jener Zeit fasste er mit dem Satz zusammen:
Treitschke verstand die Gleichberechtigung der Juden nicht als Element unveräußerlicher Menschenrechte, die der Nationalstaat zu schützen habe, sondern als Geschenk der preußischen Monarchie, die daher Ansprüche an die Beschenkten stellen könne. Der Führungsanspruch einer als Leitkultur aufgefassten Synthese von Deutschtum und Christentum stand für ihn außer Frage. Auf dieser Basis griff er fremdenfeindliche Stereotypen auf, die vorher nur von antisemitischen Agitatoren zu hören waren: Er beschwor die nationale Einheit gegen eine angeblich unzuverlässige und fremdartige Minderheit, berief sich auf „Volkes Stimme“, schürte Überfremdungsängste und die Verschwörungstheorie eines angeblichen jüdischen Vormachtstrebens, zeigte Verachtung für Zuwanderer, ihre Berufe und ihre Kultur, aber auch für die Liberalen, die der vermeintlichen Gefahr einer „Mischcultur“ nicht entgegentreten wollten. Er vertrat dies bewusst als Tabubruch eines bis dahin gültigen liberalen Meinungskonsenses und bot zuletzt eine einprägsame Parole an.
Dabei nahm der angesehene Historiker scheinbar die Rolle des objektiven Beobachters von Zeiterscheinungen ein und grenzte sich vom „Radau-Antisemitismus“ ab. Dessen Ursache sah er bei den Juden, die er als Nichtdeutsche fremden Ursprungs beschrieb. So gab er sich im weiteren Verlauf sogar als Kämpfer gegen antisemitische Umtriebe aus. Damit trug er den Antisemitismus in das intellektuelle und akademische Bürgertum hinein.
Jüdische, christliche und liberale Reaktionen Bis zum Sommer 1880 reagierten fast nur politische Gegner und jüdische Akademiker auf Treitschkes Angriffe. Die Öffentlichkeit nahm den Streit daher zunächst als Kontroverse zwischen einem angesehenen deutschen Professor und einigen betroffenen Juden wahr, die seine Angriffe abzuwehren versuchten.
Am 9. Dezember 1879 wies die von Ludwig Philippson redigierte Allgemeine Zeitung des Judenthums mit einem Leitartikel auf die fehlenden Belege hin, die man von einem „Kenner der deutschen Geschichte“ eigentlich erwarten konnte, und stellte Treitschkes Aussagen über jüdische Börsenjobber, Zeitungsmagnaten und Hosenverkäufer in eine Linie mit mittelalterlicher Pogromhetze:Antwort an Professor Dr. v. Treitschke, Bonn. 9. December. In: Allgemeine Zeitung des Judenthums. Bd. 43, H. 50, 1879, S. 785–787, Zitate S. 787. (online)
Als erster Akademiker reagierte der Breslauer Rabbiner und Philosoph Manuel Joël (1826–1890) im Dezember 1879 mit einem offenen Brief, in dem er Treitschke vorwarf, die Juden zu Unrecht allein für Missstände im Land verantwortlich zu machen und damit erst recht als Sonderkörper […] im nationalen Organismus zu isolieren. Treitschke übertreibe die angebliche Masseneinwanderung aus Polen. Jüdischer und germanischer Geist seien miteinander verträglich, da das Christentum jüdischen Ursprungs sei.
Der zum Protestantismus konvertierte Paulus Cassel veröffentlichte ebenfalls noch im Dezember seine Schrift Wider Heinrich von Treitschke. Für die Juden. Er war zunächst der einzige Christ, der den Angriffen öffentlich entgegentrat.
Von Ludwig Bamberger erschien im Januar 1880 in der Zeitschrift Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart der lange Aufsatz Deutschtum und Judentum, der historische und politische Unzulänglichkeiten Treitschkes ironisch aufdeckte und das Selbstverständnis deutscher Juden erklärte. Er stellte abschließend fest:Karl Heinrich Rengstorf, Siegfried von Kortzfleisch (Hrsg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden. Darstellung mit Quellen (= dtv. dtv/Klett-Cotta 4478). Band 2. Klett-Cotta im Deutschen Taschenbuch-Verlag, München 1988, ISBN 3-12-906730-2, S. 677.
Der jüdische Historiker Heinrich Graetz (1817–1891), Autor einer bis heute berühmten Geschichte der Juden, versuchte Treitschkes Vorwürfe als unhaltbar zu widerlegen. Er wollte nicht als jüdischer Nationalist betrachtet werden, betonte aber im letzten Band seines Werks, dass die Eigenart des „jüdischen Volksstamms“ in der Nachwirkung und Erinnerung seiner biblischen Berufung am Berg Sinai bestehe. Ohne Kenntnis dieses Ursprungs bleibe das Gemeinschaftsgefühl heutiger Juden unverständlich.Karl Heinrich Rengstorf, Siegfried von Kortzfleisch (Hrsg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden. Darstellung mit Quellen (= dtv. dtv/Klett-Cotta 4478). Band 2. Klett-Cotta im Deutschen Taschenbuch-Verlag, München 1988, ISBN 3-12-906730-2, S. 678.
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