mini|hochkant|Vivienne Westwood (2011)|alternativtext=Frontale Farbfotografie von einer älteren rothaarigen Frau, die in der rechten Hand ein Mikrofon hält. Sie trägt ein schwarzes Oberteil mit funkelnden Details und hat eine Ansteckplakette mit den roten Großbuchstaben AR an der linken Brust.
Dame Vivienne Isabel Westwood DBE (geb. Swire; * 8. April 1941 Tintwistle, Cheshire; † 29. Dezember 2022 in Clapham, London) war eine britische Modedesignerin. Sie wurde bekannt mit der Erfindung der Punk-Mode Mitte der 1970er-Jahre.Uli Hesse, Dpa: Vivienne Westwood: Die Mutter der Punkmode wird 75. In: Frankfurter Rundschau, 7. April 2016. Später waren ihre Entwürfe geprägt von neu und exzentrisch zusammengesetzten Kombinationen aus historischer Bekleidung, seltenem Textilgewebe und farbenfrohen Webmustern. Von 1989 bis 2005 nahm sie Lehraufträge für Modedesign an der Universität für angewandte Kunst Wien wahr und arbeitete von 1993 bis 2004 als Professorin an der Universität der Künste Berlin, wo sie zur Ehrensenatorin ernannt wurde. Vivienne Westwood engagierte sich in vielen Initiativen im Bereich von Menschenrechten, Abrüstung und Umweltschutz.
Leben und Werk Herkunft und Ausbildung Westwood wurde als erstes von drei Kindern in der mittelenglischen Gemeinde Tintwistle (Cheshire, jetzt Derbyshire) dreizehn Meilen östlich von Manchester geboren. Ihre Mutter Dora Ball war Weberin in der örtlichen Baumwollspinnerei,Vivienne Westwood, & Ian Kelly, Vivienne Westwood, Eichborn, Köln, 575 S., 2014, ISBN 978-3-8479-0571-4, Beleg auf S. 66. und ihr Vater Gordon Swire kam aus einer Familie von Schuhmachern.Vivienne Westwood, & Ian Kelly, Vivienne Westwood, Eichborn, Köln, 575 S., 2014, ISBN 978-3-8479-0571-4, Beleg auf S. 78. 1944 kamen ihre Schwester Olga und 1946 ihr Bruder Gordon zur Welt.Vivienne Westwood, & Ian Kelly, Vivienne Westwood, Eichborn, Köln, 575 S., 2014, ISBN 978-3-8479-0571-4, Beleg auf S. 80. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen ihre Eltern ein kleines Postamt in Tintwistle.Vivienne Westwood, & Ian Kelly, Vivienne Westwood, Eichborn, Köln, 575 S., 2014, ISBN 978-3-8479-0571-4, Beleg auf S. 92. 1958 zog sie mit ihren Eltern nach Harrow (Middlesex, jetzt Greater London), wo diese nun eine größere Postfiliale leiteten. Westwood besuchte die Harrow Art School, wo sie jeweils ein Semester lang Kunst, Mode und schließlich Silberschmiedekunst belegte,Vivienne Westwood, & Ian Kelly, Vivienne Westwood, Eichborn, Köln, 575 S., 2014, ISBN 978-3-8479-0571-4, Beleg auf S. 105. doch konnte sie sich als Tochter von Arbeitern noch keine berufliche Zukunft damit vorstellen. Daraufhin machte sie eine Ausbildung zur Lehrerin und unterrichtete ab 1961 an einer Grundschule in Willesden im Norden Londons.
Sie heiratete 1962 den Werkzeugmacher Derek Westwood und hatte mit ihm den Sohn Benjamin „Ben“ Arthur (* 1963). Nach drei Jahren flüchtete sie mit Ben zu ihrer Tante Ethel in Nordwales und ließ sich 1965 von Derek Westwood scheiden. Danach lernte sie den damals 18-jährigen Malcolm Edwards (alias Malcolm McLaren) kennen, einen Freund ihres Bruders, der am benachbarten Harrow Technical College studiert hatte. Mit ihm bekam sie 1967 einen weiteren Sohn namens Joseph Corre und unterrichtete noch bis 1971. Als Mutter zweier Söhne begann sie vermehrt, ihre eigene Kleidung zu schneidern. Seit ihrer Schulzeit interessierte sie sich für das Modemachen und nähte ihre eigene Mode. Sie kopierte Kleidungsstücke, indem sie die Nähte auftrennte und so den Schnitt abnahm.Gertrud Lehnert: , Könemann, Köln 2000, ISBN 3-8290-0513-X, (Auszug). Diese Angewohnheit, den Dingen auf den Grund zu gehen, bewahrte und perfektionierte sie ihr Leben lang. Die Radikalität ihrer Einstellung sollte sich nicht nur auf die Mode beschränken.
Radical chic und Professionalisierung mini|hochkant|World's End Boutique mit 13-Stunden-Uhr|alternativtext=Frontale Farbfotografie von einer schmalen schwarzen Häuserfassade mit zwei oberen Stockwerken. Die Fensterumrandungen der Obergeschosse sind weiß und teilweise verziert. Im Erdgeschoss ist ein Laden mit einer riesigen Uhr zu sehen, dessen Ziffern bis 13 gehen.
Die aus der Not geborene Tätigkeit entwickelte sie bald zu einer ansehnlichen Fähigkeit. Daher gründete sie im November 1971 mit ihrem Partner Malcolm McLaren in der Londoner Kings Road 430 ihre erste Boutique unter dem Namen „Let it rock“ in Anspielung an das Chuck-Berry-Lied. McLaren hatte an diesem Ort bereits zwei Monate zuvor mit einem Freund von der Kunstschule, Patrick Casey, begonnen, in dem bisherigen Geschäft namens „Paradise Garage“ seine Mode zu verkaufen, bis der Eigentümer, Trevor Myles, ihm das Ladengeschäft überließ. Der Hauptanteil der Kleidung, zum Teil Second-Hand, richtete sich an „Teds“, da McLaren selbst Teddy-Boy-Anzüge trug und die damals dominante Hippie-Bekleidung verachtete. Westwood entwarf die Modelle und der Schneider Sid Green aus dem East End sowie eine Näherin sorgten für die Anfertigung. Zum Standard-Sortiment gehörten Teddy-Jacketts, enge Hosen und Creepers-Schuhe. Als der Rassismus und Sexismus der Teds immer offensichtlicher wurde, benannten sie den Laden in Erinnerung an den frühen Tod der Schauspielerikone James Dean im Frühjahr 1973 in „Too Fast To Live, Too Young To Die“ um und konzentrierten sich auf Rocker-Mode. Ende 1974 änderten sie den Namen in „Sex“ und das Sortiment wechselte zu Erotikwäsche und S&M-Artikeln. Die Boutique wurde zu einem Treffpunkt der Londoner Punk-Rock-Szene, zu denen unter anderem Sid Vicious und andere Mitglieder der späteren Sex Pistols, die Chelsea-Bandmitglieder oder Mark Stewart gehörten. Die Radikalisierung von Westwoods Weltsicht spiegelte sich auch in der weiteren Namensgebung des Ladengeschäfts: „Seditionaries – Clothes for Heroes“ (dt. „Aufwiegler“, ab 1976) und „World’s End“ (seit 1979).. In: punkpistol.com. Unter diesem Namen besteht das Ladengeschäft bis heute. 1974 übernahm McLaren das Management der New York Dolls und ein Jahr später das der Sex Pistols.
Westwoods erste professionelle Mode-Kollektion, die sie mit wallenden Hosen und Rüschenhemden an Seefahrern orientierte und „Pirates“ (H/W '81) nannte, schneiderte und präsentierte sie 1981. Diese Unisex-Kollektion und die folgende namens „Savage“ (F/S 82), in der sie Indianer- und Wild-West-Motive interpretierte, zeigte Westwood 1981 als Laufstegmodenschauen im Rahmen der London Designers Collection in der Olympia-Ausstellungshalle. Ihr Ladengeschäft „World’s End“ hatte sie im Piraten-Stil umdekoriert; unter anderem mit einem abgeschrägten Holzdielenboden wie auf einer Galeere. Die Hausfassade des Shops an der Kings Road ziert seither eine überdimensionale Uhr, deren Ziffernblatt 13 Stunden zeigt und deren Zeiger in schnellem Tempo rückwärts laufen.
Ab 1982 ließ Westwood ihre Kollektionen in Paris vorführen, der Welthauptstadt der Mode, und war dort damit die erste englische Modemacherin seit Mary Quant in den 1960er Jahren. Mit der Kollektion „Nostalgia of the Mud“ (bzw. „Buffalo Girls“) näherte sie sich dem Landhaus- und Cowboy-Stil an. Die gezeigten schlammfarbigen, braunen oder khakifarbenen, zum Teil zerschlissenen Textilien sollten gleichzeitig die Rückkehr der post-industriellen Gesellschaft zur primitiven Natur darstellen. Sichtbare Nähte, Kapuzenpullover über voluminösen Röcken, als Oberbekleidung getragene Büstenhalter, der Einsatz von Lammfell und Stickereien sowie große Buffalo-Hüte, wie sie heute Pharrell Williams trägt, waren Hauptelemente der Kollektion. Gleichzeitig eröffneten Westwood und McLaren von März 1982 bis Ende 1983 dazu passend ein zweites Geschäft am St. Christopher’s Place in London, ebenso genannt „Nostalgia of Mud“. Noch 1983 folgte die „Witches“ Kollektion, die ethnische Einflüsse mit Konfektionsmode kombinierte und vom Werk Keith Harings inspiriert worden war.
mini|Firmen-Signet (ohne den Reichsapfel mit Planetenring)|alternativtext=Der Name Vivienne Westwood befindet sich in leicht geschwungener schwarzer Schrift auf einem Gestaltungsraster.
Die folgenden Kollektionen führte Westwood nach der Trennung von ihrem zweiten Ehemann McLaren 1983 gänzlich eigenständig durch. Die Marke Westwood geriet nach der Trennung allerdings in eine finanzielle Krise. Das Ladengeschäft „World’s End“ schloss Westwood und eröffnete es erst 1986 neu. 1984 kam aus finanziellen Gründen ein Lizenz-Vertrag mit Giorgio Armani über die Produktion und Distribution von Westwood-Mode zustande, der dem italienischen Unternehmen für zunächst sieben Jahre die Markenrechte an Westwoods Firma sichern sollte. Der Vertrag wurde allerdings bereits 1987 aufgelöst. In ihrer Sommerkollektion von 1985 namens Mini Crini, mit der sie sich von den breiten Schulterpolstern der 1980er distanzierte, zeigte Westwood schmale Landadel-Jacketts und bauschige Krinolinen im Minirock-Format, für die sie sich von Petruschka (Ballett) hatte inspirieren lassen und womit ihre Modemarke bis heute assoziiert wird. 1986 war Westwood den Modenschauen komplett ferngeblieben und zeigte erst Mitte 1987 nach einer kreativen Auszeit in Italien wieder eine Kollektion. In dieser Zeit erfand sie auch ihr eigenes Unternehmenslogo, das bis heute benutzt wird: ein stilisierter Reichsapfel, wie er auch unter den britischen Kronjuwelen zu finden ist, umgeben von einer Art Planetenring. Den Reichsapfel hatte sie, die trotz ihrer politischen Gesinnung schon immer ein gewisses Faible für alles Royale hatte, zuvor auf einen Pullover gestickt und den Planetenring hatte sie in einer Astronomie-Zeitschrift ihres Sohnes Ben gesehen.Ben Westwood: The Orb. In: worldsendshop.co.uk, 14. August 2013. Das Logo kam zudem dem Reichsapfel-Firmenzeichen der Harris-Tweed Company sehr nahe, wurde von dieser aber nicht bemängelt, da Westwood den damals als altbacken geltenden Stoff in ihre Kollektionen integriert und ihm bzw. dem damals angeschlagenen Tweed-Unternehmen somit zu neuem Leben verholfen hatte. Harris Tweed unterstützte das Unternehmen Westwood in der Folge sogar finanziell.Bonnie Johnson: For Britain's Vivienne Westwood, the Mother of Punk, It's the Prophet Motive That Counts. In: People, 4. Mai 1987. Die Harris Tweed Kollektion (H/W 1987) markierte mit eleganten und kunsthandwerklich anspruchsvollen Schnitten und Formen einen erneuten Wendepunkt in Westwoods bisheriger Designer-Laufbahn. Das darin gezeigte Korsett Statue of Liberty war das erste, das bei einer Modenschau bis dahin als Oberbekleidung präsentiert worden war.
mini|Westwood-Ladengeschäft in Cardiff|alternativtext=Seitliche Farbfotografie von einem Westwood-Geschäft in einem modernen Gebäude. Der gelbe Name Vivienne Westwood befindet sich mit gelbem Firmenlogo auf schwarzem Hintergrund und hängt über dem Eingang und im Schaufenster über sechs Schaufensterpuppen. Das gelbe Firmenlogo besteht aus einem Reichsapfel und dem ihn umkreisenden Planetenring.