mini|hochkant|Sophie Taeuber, um 1903 mini|hochkant|Sophie Taeuber als Odaliske verkleidet, 1914 Sophie Henriette Gertrud Taeuber-Arp (* 19. Januar 1889 als Sophie Henriette Gertrude Taeuber in Davos; † 14. Januar 1943 in Zürich) war eine Schweizer Malerin, Bildhauerin, Textil-Gestalterin, Architektin und Tänzerin der Avantgarde. Als Vertreterin der konkreten, rhythmisch-geometrischen Kunst ist sie eine bedeutende Künstlerin des 20. Jahrhunderts. Sie gehört zu den Protagonisten des Dadaismus.

Leben Kindheit und Jugend mini|Vertikal-horizontale Komposition, 1916 mini|Komposition mit Diagonalen und Kreis, 1916 mini|Komposition mit Bögen, 1918 mini|Tête dada, 1920 Sophie Taeuber wurde in Davos-Platz als fünftes Kind des aus Preussen stammenden Apothekers Emil Taeuber und seiner Frau Sophie Taeuber-Krüsi, einer Appenzellerin aus Gais, als Deutsche geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters – er starb an Tuberkulose, als die Tochter zwei Jahre alt war – nahm die Mutter für sich und die Tochter die Schweizer Staatsbürgerschaft an und zog mit ihr nach Trogen, wo sie in der von der Mutter eröffneten und betriebenen „Pension Taeuber“ aufwuchs.

Von 1906 bis 1910 studierte Taeuber an der Textilabteilung der École des arts décoratifs in St. Gallen. Diese wurde von der Industrie- und Handelskammer St. Gallen, Appenzell, am 11. November 1867 gegründet.Zeichnungsschule in St. Gallen, abgerufen am 7. April 2024. Ihr Lehrer war u. a. Johannes Stauffacher (1850–1916). Dieser unterrichtete an der Schule ab Mai 1888 „Stilisieren und Componieren unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse der Industrie“. Anschliessend war Sophie Taeuber von 1910 bis 1914 für Kunst und Gestaltung an der Debschitz-Schule in München und zwischenzeitlich 1912/13 an der Kunstgewerbeschule in HamburgThomas Krens (Vorwort): Rendezvous. Masterpieces from the Centre Georges Pompidou and the Guggenheim Museums. Guggenheim Museum Publications, New York 1998, ISBN 0-89207-213-X, S. 694 (Maria Brinckmann) immatrikuliert. Im Sommer 1914 bekam sie ihr Diplom in München, das sie zum Unterrichten qualifizierte, und zog dann zu ihrer Schwester Erika Schlegel nach Zürich.

Ausdruckstanz Neben ihrer Tätigkeit als Kunsthandwerkerin begann sie 1915 eine Tanzausbildung bei Rudolf von Laban und dessen Assistentin Mary Wigman in Zürich. In mehreren Sommern tanzte sie mit der Laban-Gruppe bei der Künstlerkolonie auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona. Sie tanzte dort zusammen mit Mary Wigman, Katja Wulff, Suzanne Perrottet und anderen bei dem von Rudolf von Laban inszenierten grossen „Sonnenfest“ im August 1917. auf sophie-taeuber-arp.com Taeuber trat mehrfach als Ausdruckstänzerin im Rahmen von DADA Zürich auf, teils als Teil einer Laban-Tanzgruppe. Belegt sind zwei Soloauftritte in DADA-Veranstaltungen, davon einer zur Eröffnung der Galerie DADA am 29. März 1917.Sophie Taeuber-Arp als Tänzerin und Dadaistin. Eine Wunschvorstellung der Rezeption? von Walburga Krupp in: Monte Dada, Hrsg. Mona De Weerdt und Andreas Schwab, Stämpfli Verlag, Bern 2017

Kunstgewerbeschule Zürich Ab Mai des Jahres 1916 leitete Taeuber die Textilklasse an der Kunstgewerbeschule Zürich. Bis 1929 unterrichtete sie mit dem Ziel, Kunst, Gestaltung, Handwerk und Alltag auf schöpferische Weise zu verbinden, die Grenzen zwischen den Gattungen aufzuheben. Vom Anti-Rationalen des Dada blieb Sophie Taeuber relativ unberührt. Nach den Worten Max Bills „war sie bestrebt, ihren Schülerinnen einen Begriff von den Problemen der Zeit zu vermitteln, so dass diese nicht ins sinnlos Kunstgewerbliche abglitten.“ Ihre Tätigkeit als Lehrerin bildete ca. 12 Jahre lang die finanzielle Grundlage für ihren und Hans Arps Lebensunterhalt.

Dada und Konstruktive Kunst mini|Dada-Komposition, 1920 mini|Dada-Tapisserie, 1920 mini|Ovale Komposition mit abstrakten Motiven, 1922 Während der Zeit des Ersten Weltkriegs, in dem die Schweiz sich neutral verhielt, trat Sophie Taeuber im Jahr 1915 dem Schweizerischen Werkbund bei, dem sie bis 1932 angehörte. Auf einer Ausstellung in der Galerie Tanner lernte sie Hans Arp kennen. Beide lehnten die traditionellen Kunstformen und Materialien ab und suchten nach Alternativen. Taeuber und Arp begannen, gemeinsam mit elementaren Formen zu arbeiten, zugleich intensivierte sich ihre Freundschaft. Hans führte Sophie in den Kreis der Dadaisten ein.

Am 5. Februar 1916 eröffnete die Künstlerkneipe Cabaret Voltaire in Zürich unter der Leitung von Hugo Ball und der Mitarbeit von Emmy Hennings, Tristan Tzara, Marcel Janco, Richard Huelsenbeck, Hans Arp und anderen gleichgesinnten Künstlern. In künstlerischen Darbietungen (Gedicht-Rezitationen, Kabarett, Lesungen, Gesang, Tanz, Konzerte, Ausstellungen), Gesprächen und Lebensart wurde dort „Dada“ entwickelt. Sophie Taeuber trat im Cabaret Voltaire als Ausdruckstänzerin auf. Zur Eröffnung der von Emmy Hennings gegründeten „Galerie Dada“ im März 1917 tanzte sie nach Versen von Ball und in einer schamanischen Maske von Marcel Janco. Ein Jahr später war sie Mitunterzeichnerin des Dadaistischen Manifests in Zürich. 1918 entstand auch der erste ihrer berühmten „Dada-Köpfe“.

Über die Arbeit mit textilem Weben gelangte sie zu neuen Ausdrucksformen: Bereits 1915 malte Taeuber mit ihren „vertikal-horizontalen Kompositionen“ vollständig ungegenständliche (nicht von der Anschauung abstrahierende) Bilder. Diese gehören zu den ersten konkreten / konstruktiven Kunstwerken der Moderne und entstanden ungefähr zeitgleich mit denen von Piet Mondrian und Kasimir Malewitsch. Heute gilt Sophie Taeuber als eine Pionierin der Konstruktiven und Konkreten Kunst und als Initiatorin der Bewegung der Konstruktiven/Konkreten Kunst in Zürich (die zeitgleich v. a. in Russland durch die Russische Avantgarde und in den Niederlanden durch die Gruppe De Stijl entwickelt wurde). Sowohl der Ausdruckstanz als auch die konstruktive Kunst wurden durch Sophie Taeuber Teil von DADA Zürich.Gabriele Mahn, Sophie Taeuber-Arp, Seiten 160–168, in: Karo Dame, Buch zur Ausstellung Karo Dame. Konstruktive, Konkrete und Radikale Kunst von Frauen von 1914 bis heute, Aargauer Kunsthaus Aarau, Hrsg.: Beat Wismer, Verlag Lars Müller, Baden 1995. ISBN 3-906700-95-X

Marionetten-Theater 1918 fand in Zürich die Ausstellung des Schweizerischen Werkbundes statt. In diesem Rahmen erhielt Taeuber von Alfred Altherr (Direktor der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums Zürich) den Auftrag, das Stück König Hirsch von Carlo Gozzi – in der modernen Bearbeitung von René Morax – zu inszenieren und auszustatten. Zu ihren dabei entstandenen Bühnenbildern und Marionetten können die kubistischen Bühnenbilder und Kostüme Picassos für Cocteaus Libretto zum Ballett Parade 1917 und das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer 1922 in Beziehung gesetzt werden.Sophie Taeuber: The Masked Dada Dancer, oxfordjournals.org, abgerufen am 4. Februar 2011 Die Marionette Wachen persifliert den Militarismus des Futurismus und kann als erste Figuration eines „Roboters“ bezeichnet werden.Astrid von Asten, Karin Schick (Hrsg.): Bewegung und Gleichgewicht – Sophie Taeuber-Arp 1889–1943. Bielefeld: Kerber Verlag, 2009; ISBN 978-3-86678-320-1 Die Marionetten befinden sich heute in der Sammlung des Museum für Gestaltung Zürich, im Toni-Areal der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).

Zitat nach Klaus Minges:

Bildergalerie Dada-Marionetten

Ihr Kontakt und Austausch mit Künstlern und Literaten war in jener Zeit weiterhin rege. Im Sommer 1922 trafen sie sich beispielsweise mit Max Ernst, Paul und Gala Éluard und Tristan Tzara in Tirol.

Heirat mit Hans Arp Am 20. Oktober 1922 heirateten Sophie Taeuber und Hans Arp im kleinen Tessiner Ort Pura. Den nächsten Sommerurlaub verbrachten sie mit Kurt Schwitters und Hannah Höch auf der Insel Rügen.

Jahre in Strassburg mini|Komposition, 1926 oder 1927 mini|Komposition, 1931 mini|Quatre espaces à croix brisée, 1932 mini|Six espaces à quatre petites croix, Öl auf Leinwand, 1932 mini|1932 mini|Hochfliegen, fallen, klammern, fliegen, 1934 1926 zogen die Arps nach Strassburg, wo beide die französische Staatsbürgerschaft annahmen. Sophie Taeuber-Arp arbeitete zugleich bis 1929 weiter an der Kunstgewerbeschule in Zürich. In Strassburg erhielt Taeuber zahlreiche Aufträge für Innenraum-Gestaltungen. Ihr erstes grosses Projekt war die Wandgestaltung des Hotel Hannong. 1926 erhielt Taeuber von André und Paul Horn den Auftrag, auf der Place Kléber in Strassburg die Aubette, ein multifunktionales Vergnügungszentrum mit Kino, Tanzsaal, Restaurant, Tea-Room und Bar, zu gestalten. Sie zog Hans Arp hinzu sowie den befreundeten Künstler und Architekten Theo van Doesburg. Bis 1928 arbeiteten sie zusammen an der Aubette.Wiedereröffnung der Aubette, art-is-art.com, abgerufen am 4. Februar 2011 Das Pendeln zwischen Zürich, Paris und Strassburg belastete sie sehr, ein Kuraufenthalt wurde nötig. Sie verbrachte ihn, lungenkrank, mit Gala und Paul Éluard in Arosa. Mit dem Erlös aus dem Aubette-Auftrag bauten sich die Arps ein Haus in Meudon/Clamart bei Paris. Architektur, Gartengestaltung und Möbel ihres Wohn- und Atelierhauses entwarf Sophie Taeuber-Arp.

Fotogalerie der rekonstruierten Aubette in Strassburg

Jahre in Paris Sophie Taeuber und Hans Arp waren Mitglieder der Pariser Künstlervereinigung Cercle et Carré und der Folgevereinigung Abstraction-Création. In dieser Zeit festigte sich ihre langjährige Freundschaft zu dem Malerehepaar Sonia Terk und Robert Delaunay. Wassily Kandinsky, der mit seiner Frau Nina 1933 nach Frankreich emigriert war, freundete sich mit den Arps an; Joan Miró, Wolfgang Paalen, Florence Henri, Kurt Schwitters und Marcel Duchamp gehörten ebenfalls zu ihrem Freundeskreis.Isabelle Ewig, Thomas W. Gaehtgens, Matthias Noell: Das Bauhaus und Frankreich 1919–1940 / Le Bauhaus et la France. Akademie-Verlag, 2002, ISBN 978-3-05-003720-2, S. 420 Die Arps stellten nun vermehrt aus und schufen sich eine Basis innerhalb der abstrakt-konstruktivistischen Avantgarde. Die Jahre 1936–1939 wurden zu Sophie Taeubers glücklichster und intensivster Arbeitsphase, sie schuf in dieser Zeit etwa 117 Werke.

Zeitschrift «plastique/PLASTIC» mini|Muscheln und Blumen, 1938, Inventarnummer GKS1231, Depositum der Gottfried Keller-Stiftung im Aargauer KunsthausMuscheln und Blumen, 1938, von Sophie Taeuber-Arp (1889–1943). In: Schweizerische Eidgenossenschaft, Eidgenössisches Departement des Innern EDI, Bundesamt für Kultur BAK, Museen und Sammlungen des Bundes, Sammlung Gottfried Keller-Stiftung, Inventarnummer GKS1231, Depositum der Gottfried Keller-Stiftung im Aargauer Kunsthaus. Abgerufen am 9. März 2025.