Die Wilhelmstraße liegt in den Berliner Ortsteilen Mitte (Bezirk Mitte) und Kreuzberg (Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg). Sie war Sitz wichtiger Regierungsbehörden Preußens, des Deutschen Reiches sowie der DDR und ist in dieser Tradition bis heute bedeutender Teil des politischen Berlins und Sitz internationaler politischer Institutionen. Bis 1945 galt der rhetorische Ausdruck Wilhelmstraße als Metonym für die deutsche Reichsregierung, ähnlich wie Downing Street No. 10 für die britische Regierung steht.Berlin-Mitte: Ein Viertel als Schaufenster der Demokratie. In: Der Tagesspiegel, 23. September 2017 Trotz starker Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg durch alliierte Luftangriffe und die Schlacht um Berlin sind zahlreiche historische Gebäude an der Wilhelmstraße erhalten; die Berliner Denkmalliste nennt 19 schützenswerte Objekte.Berliner Denkmalliste. Ende der 1980er Jahre wurde ein großer Teil des Viertels mit Plattenbauten überbaut.
Die Straße, ursprünglich in den 1730er Jahren im Zuge einer Stadterweiterung durch König Friedrich Wilhelm I. unter dem Namen Husarenstraße angelegt, erhielt ihren heutigen Namen um 1740 nach dessen Tod. Vor allem in der Zeit des Kaiserreiches und der Weimarer Republik war das Gebiet um die Wilhelmstraße als Regierungsviertel bekannt.
Verlauf Die rund 2,4 km lange Straße verläuft in nord-südlicher Richtung. Sie beginnt im Norden am Reichstagufer, kreuzt den Boulevard Unter den Linden an der Ostseite des Pariser Platzes und die Leipziger Straße und endet heute am Halleschen Ufer des Landwehrkanals nahe dem Halleschen Tor in Kreuzberg. Ursprünglich lief ihr südliches Ende in das Rondell (Belle-Alliance-Platz, heute: Mehringplatz) ein, sie wurde allerdings um 1970 vom Platz weg verschwenkt.
Teilsperrung mini|links|Gesperrter Teilabschnitt vor der britischen Botschaft
Zwischen der Behrenstraße und Unter den Linden ist die Wilhelmstraße seit 2003 zum Schutz der dortigen britischen Botschaft vor allem vor Autobomben für den motorisierten Durchgangsverkehr gesperrt. mini|hochkant|Blick von der Dorotheenstraße südwärts zum Boulevard Unter den Linden
Im Jahr 2014 verhandelten Berliner Verkehrs- und Sicherheitspolitiker und Vertreter aus Bundesministerien in vertraulichen Gesprächen über eine Aufhebung der Sperre, da für britische Auslandseinrichtungen eine Neubewertung zu erwarten war. Als weiteres Argument für die Freigabe des Straßenabschnitts dient auch der Verweis auf die längeren Fahrtwege für Rettungsfahrzeuge der in der Nähe ansässigen Charité. Zuvor müsse jedoch das Landeskriminalamt auswerten, ob die Sicherheitslage dies zulasse. Die Entscheidung über eine Freigabe des gesperrten Teilabschnitts liegt allerdings nicht im Zuständigkeitsbereich des Bezirks, sondern der Bundesregierung. Als Kompromissvorschlag wurde von dem Berliner CDU-Abgeordneten Oliver Friederici eine Freigabe von zwei der insgesamt vier Fahrstreifen gefordert.Sperre mit Pollern vor britischer Botschaft könnte weichen. In: Der Tagesspiegel, 25. Februar 2014. Eine Entscheidung ist bislang (Stand: Winter 2025/26) nicht gefallen, die Sperrung besteht aktuell weiter.
Geschichte mini|Wilhelmstraße mit Blick zur Reichskanzlei (Nr. 77) und zum Auswärtigen Amt (Nr. 76) auf der linken Straßenseite, August 1934 mini|Reichsjustizministerium in der Wilhelmstraße 65, Juni 1938 mini|Britische Botschaft (Nr. 70/71) mini|Wilhelmstraße/An der Kolonnade mini|Palais des Reichspräsidenten (Nr. 73) mini|Bundesfinanzministerium (Nr. 97) mini|hochkant=0.8|E-Werk (Nr. 43) mini|hochkant|Willy-Brandt-Haus (Nr. 140) mini|hochkant|Denkmal des Fürsten Leopold I. an der Ecke Anton-Wilhelm-Amo-Straße
Unter dem ersten König in Preußen, Friedrich I., dem Namensgeber der Friedrichstraße, entstand bis 1706 die Friedrichstadt. Diese ließ sein Sohn, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., in den 1730er Jahren zusammen mit dem Bau der Berliner Zoll- und Akzisemauer erheblich vergrößern. Die bei dieser Erweiterung angelegte Husarenstraße wurde nach Friedrich Wilhelms Tod 1740 in Wilhelmstraße umbenannt.
An der damaligen Husarenstraße entstanden in deren nördlichem Teil viele Palais von Ministern und persönlichen Vertrauten des Königs, zum Beispiel das für Samuel von Marschall gebaute Palais Marschall. Drei dieser Palais bekamen durch einen Ehrenhof eine besonders repräsentative Gestaltung. Das Palais Schwerin (benannt nach Kurt Christoph von Schwerin), später Palais des Reichspräsidenten, das Palais Schulenburg, danach Reichskanzlei und das Palais Vernezobre, später umgebaut zum Prinz-Albrecht-Palais.
Im südlichen Ende der Straße siedelte sich ab 1737 die aus Böhmen nach Berlin gekommene Herrnhuter Brüdergemeine an.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahmen wichtige Ministerien Preußens ihren Sitz in der Straße, mit wenigen Ausnahmen aufgrund des preußischen Sparzwangs nicht in Neubauten. Nach der Reichsgründung 1871 folgten Regierungsbehörden des Deutschen Reiches. Ausländische Botschaften bezogen repräsentative Gebäude in direkter Nähe. Nach der „Machtergreifung“ zog Anfang 1933 das Kabinett Hitler in die Schaltzentralen an der Wilhelmstraße ein. Während der NS-Zeit war an der Wilhelmstraße, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zentrale der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8 (heute: Niederkirchnerstraße), dem Prinz-Albrecht-Palais, das SD-Hauptamt untergebracht, die oberste Führungsstelle des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS (SD). Das SD-Hauptamt wurde 1939 Teil des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), das ebenfalls im Prinz-Albrecht-Palais seinen Sitz hatte.
Im Zweiten Weltkrieg zerstörten alliierte Luftangriffe und die Schlacht um Berlin viele Gebäude zu großen Teilen oder vollständig. Nach der Teilung Berlins war die Wilhelmstraße getrennt in einen nördlichen Bereich, der zu Ost-Berlin und einen südlichen Bereich, der zu West-Berlin gehörte. Die Grenze verlief in Höhe des Straßenzuges Niederkirchner-/Zimmerstraße.Buchplan Berlin VEB Tourist Verlag, Berlin/Leipzig 1988. Im Kreuzberger Abschnitt entstanden in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche Wohnneubauten, die zum Bestand der Sozialbauten gehören.
Zu DDR-Zeiten ist die zum Teil erhaltene oder wiederaufbaufähige Bebauung der Westseite als Vorgelände der Sektorengrenze und nach 1961 der Berliner Mauer vollständig beseitigt worden. Gegen Ende der 1980er Jahre begann der Ost-Berliner Magistrat dort mit der Anlage eines Wohngebiets aus Plattenbauten sein letztes größeres städtebauliche Projekt zu verwirklichen. Zwischen der Behren- und der Voßstraße entstanden bis zur Wiedervereinigung Berlins Wohn- und Geschäftshäuser in Plattenbauweise. Sie erhielten relativ aufwendige Fassaden und waren ein beliebtes Domizil der DDR-Kader. berlin-wilhelmstrasse.de
Auf Initiative des Abgeordnetenhauses von Berlin weist seit Beginn der 1990er Jahre eine ständige Straßenausstellung mit gläsernen Infotafeln auf die Standorte früherer Institutionen hin. Auf dem Areal des Prinz-Albrecht-Palais befindet sich der 2010 eröffnete Neubau der Stiftung Topographie des Terrors, die die Straße unter dem Begriff Geschichtsmeile Wilhelmstraße in ihren historischen Bezügen für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten versucht.
Bebauung In der Wilhelmstraße befanden sich vor 1945 unter anderem folgende Gebäude (damalige Hausnummernzählung):
Palais Fürstenberg (ab 1899 Sitz der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin) (Nr. 23) Vereinsheim des CVJM mit Hospiz St. Michael (Nr. 34) Reichsschatzamt (ab 1919 Reichsfinanzministerium) (Nr. 60/61, Wilhelmplatz 1/2 und Kaiserhofstraße 1–3) Reichskolonialamt (Nr. 62) Preußisches Staatsministerium (Nr. 63, ab 1934 Sitz des Pressechefs von Reichsregierung und NSDAP Otto Dietrich) Geheimes Zivilkabinett (Nr. 64, ab 1919 Preußisches Staatsministerium, 1933–1941 Stab des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß) Reichsjustizministerium (Nr. 65) Palais Pringsheim (Nr. 67) Preußisches Kultusministerium (Nr. 68, ab 1934: Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung) Palais Strousberg (Britische Botschaft) (Nr. 70) Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Nr. 72) Palais des Reichspräsidenten der Weimarer Republik (Nr. 73, bis 1919: Ministerium des königlichen Hauses) Reichsamt des Innern (Nr. 74, ab 1919: Auswärtiges Amt) Auswärtiges Amt (Nr. 75/76)Gesetz, betreffend die Geldmittel zur Erweiterung der Diensträume des Auswärtigen Amtes. 14. Juni 1873. Wikisource. (Alte) Reichskanzlei (Nr. 77) Erweiterungsbau zur (alten) Reichskanzlei (Nr. 78, 1930 fertiggestellt) Palais Borsig (Voßstraße 1 Ecke Wilhelmstraße) Reichsverkehrsministerium (Nr. 79/80) Reichsluftfahrtministerium (Nr. 81–85; jetzt: Detlev-Rohwedder-Haus Nr. 97) Verkehrswissenschaftliche Lehrmittelgesellschaft (Nr. 87)Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (Hrsg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion in Mainz vom 22. Dezember 1928, Nr. 56. Empfehlenswerte Bücher, S. 344. Prinz-Albrecht-Palais (Nr. 102), SD-Hauptamt (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS); ab 1939 Reichssicherheitshauptamt (RSHA), zusätzlich Häuser 101, 103–105 und ab 1937 Nr. 106 (davor SA-Obergruppenführung Berlin-Brandenburg) Ordenspalais (Wilhelmplatz 8/9), Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda
In der zu DDR-Zeiten in Otto-Grotewohl-Straße (zu Ehren des DDR-Politikers Otto Grotewohl) umbenannten Straße hatten seit den 1970er Jahren folgende diplomatische Vertretungen ihren Sitz:Buchplan Berlin. VEB Tourist Verlag, Berlin / Leipzig 1980, ISBN 3-350-00155-6, S. 52–54.
Nummer 3a (jetzt: Wilhelmstraße 66): Demokratische Republik Afghanistan Griechische Republik Islamische Republik Pakistan Republik der Philippinen Portugiesische Republik Königreich Schweden Republik Simbabwe Syrische Arabische Republik Republik Zaire
Nummer 5 (jetzt: Wilhelmstraße 65): Königreich der Niederlande Königreich Norwegen Republik Österreich Republik Venezuela
In der Wilhelmstraße befinden sich unter anderem folgende Einrichtungen (Stand: Ende 2020): E-Werk (Nr. 43) Botschaft der Tschechischen Republik (Nr. 44) Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Nr. 49, im Erweiterungsbau des früheren Ordenspalais), Haupteingang im Hofmarschallhaus (früher: Wilhelmplatz) Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (Nr. 54, früher: Geheimes Zivilkabinett, Nr. 64), einer der wenigen erhaltenen repräsentativen Altbauten, die im Krieg nicht zerstört wurden und mit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin denkmalgerecht saniert wurdenStippvisite im Regierungsviertel. Auf den Spuren berühmter Berliner: Konrad Adenauer in der Wilhelmstraße. In: Berliner Zeitung, 10. März 2010. Matthias-Erzberger-Haus des Bundestags an der Ecke Wilhelmstraße/Unter den Linden Robert-Koch-Forum mit Einstein Center Digital Future (Nr. 67) ARD-Hauptstadtstudio (Nr. 67a, an der Ecke zum Reichstagufer) Britische Botschaft (Nr. 70/71) Bundesministerium der Finanzen (Nr. 97, Detlev-Rohwedder-Haus) Ausstellungsgelände Topographie des Terrors (es grenzt ebenfalls an die Wilhelmstraße und hat dort einen Nebeneingang an der einstigen Nr. 98) Bundeszentrale der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Nr. 140, Willy-Brandt-Haus, an der Ecke zur Stresemannstraße)
Bemerkenswert sind auch weitere Baudenkmale wie die 1868 errichtete Gemeindeschule (Wilhelmstraße 116/117) oder das ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammende Verwaltungsgebäude Hausnummer 65/66 sowie Teile von Wohngebäudeensembles, deren eine Seite an die Wilhelmstraße grenzt (siehe: Plattenbauten an der Berliner Wilhelmstraße).
Am 8. November 2011 wurde an der Ecke zur Straße An der Kolonnade das 17 m hohe Denkzeichen Georg Elser zur Erinnerung an den Hitler-Attentäter Georg Elser eingeweiht.Presseeinladung „Denkzeichen für Georg Elser wird übergeben“. berlin.de
In unmittelbarer Nähe befindet sich das Denkmal für die ermordeten Juden Europas mit seinen rund 2700 Stelen.
Namenswechsel