mini|hochkant=1.2|Kürschnerin beim Zuschneiden einer Rotfuchsdecke Ein Kürschner (veraltet auch Buntfutterer, Pelzer, Wildwerker, Grauwerker u. a.) ist ein Handwerker, der Tierfelle zu Pelzbekleidung und anderen Pelzprodukten verarbeitet.

Geschichte Bereits in der jüngeren Steinzeit war Pelz ein wichtiges wärmendes und schmückendes Kleidungselement, nach Josef Winiger (1995) entgegen bisherigen Vorstellungen bereits im Zusammenspiel mit Textilien aus Fasern, Bast und Wolle.Josef Winiger: Die Bekleidung des Eismanns und neuere Erkenntnisse zum Beginn der Weberei nördlich der Alpen. In Der Mann im Eis: Neue Funde und Ergebnisse. K. Spindler u. a. (Hrsg.). Von Konrad Spindler, Frank Höpfel, Werner Platzer, Mitwirkende Personen Konrad Spindler, Frank Höpfel Springer, 1995, ISBN 3-211-82626-2, S. 119 ff. Schon die älteste erhaltene Pelzbekleidung, die des Manns vom Tisenjoch, Ötzi,Tragekomfort in der Steinzeit – Wie schneidet Ötzis Kleidung gegen moderne Funktionskleidung ab? Rose-Marie Riedl, IDW, 25. Mai 2007. weist fortgeschrittene, heute noch verwendete Elemente und Techniken auf. Ötzi trug eine Jacke, die nach außen getragene helle und dunkle Fellstreifen kombiniert, in Überwendlingstechnik sorgfältig vernähte Beinlinge aus Fellstücken und bei den Schuhen einen Materialmix aus Bärenledersohlen und Hirschfellobermaterial und einem haltgebenden und isolierendem Innenschuh aus Pflanzenmaterial und -gewebe.

Seit dem 9. Jahrhundert ist althochdeutsch und altsächsisch das Wort kursina (Pelzrock) belegt. Davon abgeleitet haben sich die Handwerksbezeichnungen Kürsner und Kursener.Bruno Schier: Die Namen des Kürschners. 1949, Technologisches Pelzfach-Wörterbuch Nr. 4, Hermelin-Verlag, Leipzig. In Norddeutschland teilte sich der Berufsstand der Pelzhandwerker auf in Kürschner und Pelzer.Jean Heinrich Heiderich: Das Leipziger Kürschnergewerbe. Inaugural-Dissertation, vorgelegt an der hohen philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg, 1897, S. 35. Während die Kürschner die als edler angesehenen Fellarten zu Pelzinnenfuttern, Besätzen und Verbrämungen verarbeiteten, machten anfangs nur die Pelzer die preisgünstigeren Lamm- und Ziegenfellpelze, die in der Regel mit der Lederseite nach außen getragen wurden. Im Gebiet der norddeutschen vereinigten wendischen Seestädte und dem südlichen Niedersachsen wurde zusätzlich zwischen „Zunähern“ und „Abnähern“, den Oberländern und den Niederländern unterschieden. Die Seestädter oder Niederländer nähten von oben auf sich zu beziehungsweise stachen einwärts und hießen Zunäher. Die Oberländer, auch Landstädter genannt, nähten von sich weg, und zwar von unten nach oben, sie hießen Von- oder Abnäher. Wechselte einer der Gesellen in das Gebiet der Andersnähenden, konnte es durchaus sein, dass es den dortigen Meistern durch ihre Zunft verboten war, ihn zu beschäftigen.Karl Hansen: 700 Jahre Kürschner Innung Lüneburg 1250-1950. Handwerker-Innung für das Kürschner-, Hut- und Mützenmacherhandwerk für die Regierungsbezirke Lüneburg und Stade (Hrsg.), S. 7.

Bereits in früher Zeit war in den Klöstern eine eigene Gruppe Mönche für die Pelze zuständig, genannt „fratres pelliparii“. Pelzgefütterte Kleidung trug die gesamte Gemeinschaft der Mönche. Später wurde ausdrücklich bestimmt, dass der einfache Mönch sich mit Schafspelzen zu begnügen habe, während die höheren klerikalen Stände auch Edelpelze trugen, als Rangzeichen gleich dem Adel vor allem Hermelin und Feh.Elizabeth Ewing: Fur in Dress. B. T. Batsford Ltd, London 1981, S. 21 (englisch).

Als eines der ersten Handwerke schlossen sich die Kürschner zu Zünften zusammen. Die ältesten bekannten Satzungen stammen aus dem Raum Rouen (Frankreich) aus der Zeit um 1160. Zu weiteren Zunftgründungen kam es 1226 in Basel, 1272 in Wien, 1273 in Breslau, 1277 in Braunschweig und 1280 in Berlin. Oft wurden gemeinsame Zünfte mit anderen Handwerken gegründet, wie zum Beispiel in Braunschweig mit den Weißgerbern und den Handschuhmachern oder in Basel mit den Schneidern.

Das Kürschnerhandwerk war dicht verbreitet. So hatte die Augsburger Zunft (gegründet 1368) um 1475 bereits 86 Meister, um 1536 gar 107 Meister. In Leipzig gab es 1555 immerhin 45 Meister, in Breslau 1499 sogar 92 Meister. Mit der Einführung neuer kostbarer Stoffe am Ende des 16. Jahrhunderts verlor das Kürschnerhandwerk zunächst an Bedeutung.

Die Kürschnerei ist ein Saisongewerbe. Von Oktober bis Dezember werden die größten Einnahmen erzielt. Deshalb nutzte man die warmen Monate zum Zurichten (Gerben) der Felle. Als Service wurden Pelzwaren in den Sommermonaten geschwefelt und gelüftet, um der Kleidung eine möglichst hohe Haltbarkeit und Widerstandsfähigkeit gegen Schädlingsbefall zu geben.

Im 18. Jahrhundert waren die Messen in Leipzig (Brühl), Frankfurt am Main und Braunschweig Hauptmärkte des deutschen Rauchwarenhandels. Breslau und Groß-Glogau waren Zentren für Rauchwaren aus Russland, Polen und Böhmen.

Schon in der Frühen Neuzeit entwickelte sich eine Arbeitsteilung, bei der Stückwerker und Tafelmeister beschäftigt wurden. Bis zur späteren weiteren Produktionsteilung gerbte der Kürschner seine Felle noch selbst. Dafür war er auf fließendes Wasser angewiesen; die Redensart Jemandem schwimmen die Felle weg zeugt noch davon. Der Umgang mit Fellen toter Tiere hatte zur Folge, dass die Kürschnerei zu den unreinen Handwerken gerechnet wurde. Durch die starke Geruchs- und wohl auch einige Lärmbelästigung (beim Klopfen der Pelze) waren die Kürschner häufig gezwungen, sich an den Fließgewässern am Rand der Städte niederzulassen. Vereinzelt mussten die Felle in einem von der Zunft verwalteten Hof zubereitet werden. Jedoch durften die Kürschner beispielsweise in Leipzig, im Gegensatz zu den Rot- und Weißgerbern, ihre Tätigkeit innerhalb der Stadtmauern verrichten. Man wies sie nur an, ihre Beize zu einem fließenden Gewässer zu tragen, damit in der Stadt kein groß Gestancke gemacht werde.Katrin Keller, Leipzig: Arbeits- und Lebensbedingungen im zünftig organisierten Kürschnerhandwerk - Das Beispiel Leipzig. In: Brühl. VEB Fachbuchverlag Leipzig, Heft 3, Mai/Juni 1989, S. 29–31.

Trotz der „Unreinheit“ ihres Handwerks gehörten Kürschner in Europa zu den angesehensten und ratsfähigen Handwerkern. In Asien hingegen waren aufgrund von buddhistischen, hinduistischen und schintoistischen Vorstellungen und Vorgaben Beschäftigte in der Fleisch-, Leder- und Pelzverarbeitung besonderen Vorbehalten unterworfen.Mit einer der Gründe, wieso Pelzverarbeitung und Herstellung nach wie vor hauptsächlich in Europa stattfinden, und der asiatische Pelzhandel nach wie vor hauptsächlich im englisch geprägten Hongkong abgewickelt wird. Meist kauften Kürschner Felle direkt von Jägern und Bauern, um die verarbeiteten Pelze nach der Verarbeitung direkt an die Endverbraucher abzugeben. Konflikte gab es mit Weißgerbern, Täschnern, Handschuhmachern und Pergamentern, da oft nur eine begrenzte Menge Felle und Häute zum Verarbeiten vorhanden war.

Die Arbeit mit der Nadel wurde meist im Wochenlohn, die Zurichtung häufig im Stücklohn bezahlt. Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts trennten sich die beiden Hauptprozesse völlig, es gab jetzt die Bankkürschner (Zurichter) und die Nadelkürschner. Die (Nadel-)Kürschner spezialisierten sich bald noch einmal in Halbfabrikatehersteller und die Kürschner für die fertige Pelzbekleidung, Engros oder Detail.Ohne Angabe des Autors: Der Produktionsprozeß im Kürschnergewerbe. In: Kürschner Zeitung. Nr. 28, Verlag Alexander Duncker, Leipzig, 1. Oktober 1933, S. 598–600. In den kleinen Werkstätten arbeiteten neben der Meistersfrau ursprünglich fast ausschließlich männliche Gesellen.

mini|hochkant|Nerzkleid (1900)Dieses Kunstwerk von Kürschnerarbeit zeigte damals nach Ansicht der Fachleute den Gipfel des bisher Erreichten. Gesellenarbeitszeit 200 Stunden, Näherin 1000 Stunden. Obwohl die Pelznähmaschine bereits erfunden war, hatten die Näherinnen die Auslassnähte mit der Hand genäht. Mit der Einführung der Pelznähmaschine und der damit ermöglichten Vergrößerung des Pelzabsatzes übernahmen ab etwa 1880 immer mehr Pelznäherinnen vorerst nur die Näharbeit der Kürschner. Die erste deutsche Kürschnermeisterin war Klara Wilms, geb. Keller († 26. Januar 1942), Mitglied der Kürschner-, Hut und Mützenmacher-Innung Freiburg/Br., die 1907 ihren Meistertitel erwarb.Nachruf. Kürschner-, Hut und Mützenmacher-Innung Freiburg/Br. In: Kürschner-Zeitung, Heft Nr. 5/6, 15. Februar 1942, Verlag Alexander Duncker, Leipzig. Vor 1931 legte Fräulein Rohlik in Berlin als erste Frau die Prüfung als Kürschnermeister ab. Zu dieser Zeit gab es, wie eine Fachzeitschrift schreibt, 'immerhin schon' zehn Kürschnergesellinnen.Franz F. Schwarzenstein: Die Frau im Pelzgewerbe. In: Der Rauchwarenmarkt. Berlin, Nr. 96, S. 5 vom 12. August 1930. Etwa seit den 1970er Jahren ist das Geschlechterverhältnis bei den Gesellenprüfungen ungefähr ausgeglichen.

Aufzeichnungen über Arbeitstechniken sind seit dem 18. Jahrhundert überliefert, aufwändige Formveränderungen der verarbeiteten Felle hat es, wie man auf zahlreichen alten Bildern sehen kann, bis in diese Zeit vermutlich nicht gegeben. Auch das Zeichnen von Schnittmustern war Ende des 19. Jahrhunderts unter den Kürschnern noch eine Seltenheit, gegenseitig verspottete man sich in der Rangfolge abwärts als „akademisch Gebildete“, „Zobelbarone“ und „Karnickelschlachter“.Ernst Kreft: Moderne Arbeitsmethoden im Kürschnerhandwerk. Verlag Schiele & Schön, Berlin, undatiert (nach 1950), S. 77. Buchdeckel und Inhaltsverzeichnis. Die Entwicklung des Kürschnerhandwerks nahm mit der Erfindung der Pelznähmaschine um 1872 durch Joseph PriesnerWalter Fellmann: Der Leipziger Brühl. Fachbuchverlag, Leipzig 1989, ISBN 3-343-00506-1. (bereits seit 1888 auch mit Kleinmotor erhältlichPaul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. Selbstverlag, Paris ohne Jahreszahl (Erstauflage I. Teil 1903), S. 32.) und der Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte einen rapiden Aufschwung. Bald fehlten im ganzen Westen Europas Facharbeitskräfte, in Frankreich, in England, in der Schweiz, in Italien, in Belgien, in Holland, aber auch in Nordamerika, um der großen Nachfrage zu genügen. Obwohl es dort eine alteingesessene, moderne Pelzwarenindustrie gab, sah man sich gezwungen, ausländische Kürschnergesellen anzuwerben. Dafür kamen damals nur Mittel- und Osteuropa in Betracht, besonders Deutschland, Skandinavien, Österreich-Ungarn und der Balkan. Es setzte ein in der Branche einmaliger Zug nach Westen ein. Tausende nahmen diesen Weg, der bis nach Nordamerika führte. Die Wanderung begann um 1874, hatte ihren Höhepunkt um 1900, um dann bis zum Ersten Weltkrieg wieder abzuflauen.Paul Larisch: Die Kürschner und ihre Zeichen. 1928. Selbstverlag, Berlin. 1929 stellt dann ein ungarischer Kürschner und Rauchwarenhändler fest: Ob in Tientsin, ob in London, oder aber gar in Paris, überall kann man sich in unserer Branche deutsch verständigen.Magyar Scücs-és Szörme-Almanach 1928/29 - Ung. Pelz- und Rauchwaren-Almanach. Budapest 1929, S. 45.

Nach 1850 war die Gegend um die Straße Brühl in Leipzig ein Zentrum des europäischen Rauchwarenhandels. In und um Leipzig entstanden zahlreiche Rauchwarenzurichtereien. Leipzig wuchs bis 1914 zu der bedeutendsten Handelsmesse für Rauch- und Pelzwaren aus aller Welt. Durch den Ersten Weltkrieg verlor die Stadt zunächst ihre Bedeutung als Zentrum des internationalen Rauchwarenhandels, konnte sie aber ab etwa 1922 mit der Eröffnung einer großen Rauchwarenniederlassung der Sowjetunion teilweise wieder erlangen. 1928 wurde in Leipzig die damals bedeutendste Kürschnerschule eröffnet.

DDR mini|Ausbildung an der Kürschnerschule in Leipzig (1949)