mini|300px|Impressionen von Dnipro Dnipro (,wiss. Transliteration nach deutscher und internationaler Norm Dnìpro [] ; Name bis 1926 meist Jekaterinoslaw, dann bis 2016 , oder Dnjepropetrowsk) ist mit etwa einer Million Einwohnern nach Kiew, Charkiw und Odessa die viertgrößte Stadt der Ukraine und das administrative Zentrum der Oblast Dnipropetrowsk und des Rajon Dnipro. Sie liegt an drei Seiten der Mündung der Samara in den hier aufgestauten Dnepr und rund 400 km südöstlich der Hauptstadt Kiew in der zentralöstlichen Ukraine.
Als historisches Zentrum des Gebiets Neurussland und des Gouvernements Jekaterinoslaw war die Stadt ein bedeutendes Zentrum in der südlichen Ukraine. Sie war eines der wichtigsten Zentren der Kernenergie-, Waffen- und Raumfahrtindustrie der Sowjetunion und ist der Standort von KB Juschnoje, einem großen Entwickler, und Juschmasch, einem großen Hersteller von Raketen und Satelliten. Wegen der ansässigen Rüstungsindustrie war Dnipro bis 1987 eine geschlossene Stadt. Sie ist ein wichtiger Finanz- und Industriestandort der Ukraine, der Sitz mehrerer Finanzinstitute, darunter der größten (nichtöffentlichen) ukrainischen Bank, der Privatbank. Darüber hinaus ist die Stadt durch das hier befindliche Operative Armeekommando Ost ein bedeutender Standort der ukrainischen Armee.
Geographie
Lage Durch eine uneinheitliche Terminologie wird die Stadt (historisch) oft zur Ost- oder Südukraine gezählt. Geographisch liegt sie aber am ehesten in der Zentralukraine, jedoch mit einer erkennbaren Tendenz in Richtung Süden und Osten. Die Stadt liegt im zentralen Teil der Oblast Dnipropetrowsk, die eine der 24 Oblaste der Ukraine ist.
Dnipro liegt an drei Seiten der Mündung der Samara in den durch die Stadt verlaufenden Dnepr und im Durchschnitt über dem Meeresspiegel. Der Dnepr fließt vom Kamjansker Stausee aus in südöstlicher Richtung durch die Stadt, ändert im Stadtgebiet seinen Verlauf in Richtung Süden und fließt weiter in Richtung Saporischschja. Mit etwa einer Million Einwohnern stellt Dnipro die größte Stadt am Dnepr flussabwärts von Kiew dar. Innerhalb der Stadt ist der Fluss 0,9 bis 2,5 Kilometer breit.
Das Land um die Stadt ist größtenteils flach und einfach zu besiedeln, was auch erklärt, warum es der Stadt gelungen ist, in den nur etwa 200 Jahren ihres Bestehens zur viertgrößten der Ukraine zu werden. Die meisten Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete sowie der Stadtkern befinden sich am rechten Dneprufer, das weniger sumpfig als das linke Flussufer ist. Dort ist es jedoch inzwischen auch gelungen, große Flächen zu besiedeln (Stadtteile: Rajon Amur-Nischnjodnipro, Rajon Industrial und Teile des Rajon Samara). Das Stadtgebiet hat eine Fläche von 405 km² und erstreckt sich dabei über 22 km in Nord-Süd- und 33 km in Ost-West-Richtung. Die höchste Erhebung der Stadt liegt 188 Meter über dem Meeresspiegel in einem Waldgebiet im Südwesten der Stadt, die niedrigste Höhenlage ist die Wasserhöhe des Dnepr mit 52 Metern über dem Meeresspiegel.
Großstädte im Umkreis sind Saporischschja, Krywyj Rih, Kamjanske, Krementschuk, Poltawa und Pawlohrad. Die Küsten des Schwarzen und des Asowschen Meeres sind etwa gleich weit entfernt.
Kiew (404 km) Poltawa (137 km) Charkiw (190 km) Krementschuk (147 km) Samar (27 km) Kropywnyzkyj (212 km) Kamjanske (35 km) 100px Pawlohrad (75 km) Luhansk (310 km) Krywyj Rih (140 km) Saporischschja (65 km) Donezk (200 km) Odessa (396 km) Mykolajiw (285 km)* Entfernungsangaben beziehen sich auf die Entfernung (Luftlinie) bis zum Stadtzentrum.
Agglomeration Dnipro mini|hochkant=1.4|Dnipro, links der Wohnkomplex Tower, rechts das Most-City Center In der Agglomeration Dnipro leben etwa 1,68 Millionen Menschen. Sie ist nach der Agglomeration Kiew die zweitgrößte der Zentralukraine und nach den Agglomerationen Kiew, Charkow und Donezk die viertgrößte der Ukraine. Zur Agglomeration gehören die Rajone Dnipro, Mahdalyniwka, Samar, Synelnykowe, Solone, Krynytschky und Petrykiwka sowie die kreisfreien Städte Kamjanske, Werchnjodniprowsk, Wilnohirsk und Synelnykowe.
Geologie Die Stadt liegt in der Osteuropäischen Ebene im Südosten des ukrainischen Schildes am Übergang zum Prypjat-Dnepr-Donezk-Graben.
Der kristalline Untergrund besteht hauptsächlich aus Granit und Migmatit des mittleren Archaikum, darunter befinden sich Schichten von Biotitgneis und Amphibolit.
Der Stadtkern mit der Dniproer Altstadt befindet sich im rechtsufrigen Teil der Stadt, welcher teilweise auf dem Dneprhochland liegt, während die linksufrigen Stadtteile im Dneprtiefland liegen. Eine Anhöhe im Rajon Samara, die ein Teil des Asowschen Hochland ist, bewirkt eine Änderung der Fließrichtung des Dnepr nach Süden.
Im Stadtgebiet befinden sich mehrere Inseln und Halbinseln, die erwähnenswerteste ist die Klosterinsel. Zwischen dem rechten Dneprufer und der Klosterinsel befindet sich der Bischof-Kanal, ein 1850 Meter langer Seitenarm des Dnepr. Darüber hinaus befinden sich die Dneprinseln Grüne Insel (ukr. ), die Schewski-Insel (ukr. ), die Olexijiwski-Insel (ukr. ) sowie die Nehrung Kosa (ukr. ) und die Feinberg-Halbinsel (ukr. ) im Stadtgebiet. Bis zur Errichtung des großen Staudamms bei Saporischschja stürzte der Dnepr südlich von Dnipro über zahlreiche Stromschnellen, die eine durchgehende Befahrung verhinderten und über Jahrhunderte ein Verkehrshindernis darstellten.
Klima Im Raum Dnipro herrscht ein mediterranes Klima vor mit milden (manchmal kalten), meist feuchten Wintern und warmen, trockenen Sommern. Seltener herrscht ein semiarides Steppenklima. Somit ähnelt das Klima jenem von beispielsweise Redding (Kalifornien) oder Reno (Nevada), hat jedoch vergleichsweise mehr Regentage und mehr Niederschlag, wodurch Regenschauer durchschnittlich kleiner ausfallen. Die Niederschlagsverteilung ist typisch mediterran mit hohen Niederschlägen in den Wintermonaten und geringen in den Sommermonaten. Die Sommermonate Juni, Juli und August sind nahezu niederschlagsfrei.
Das städtische Mikroklima wird maßgeblich vom Dnepr beeinflusst, in dessen Nähe die Luftfeuchtigkeit ansteigt. Die Luftfeuchtigkeit steigt im Oktober an und erreicht zwischen November und März über 80 %. Die Temperaturen sind kühler, mit einem Jahresdurchschnitt von 10,9 °C, kalte Winter (0 bis −4 °C im Januar) und die höchste Frequenz freeze (74 Tage pro Jahr im Durchschnitt). Schnee fällt im Durchschnitt 41 Tage pro Jahr, aber schwere Fälle sind selten. Der Sommer ist heiß, obwohl durch die Höhenlage der Stadt temperiert (Tageshöchsttemperaturen durchschnittlich um 28 °C). Die höchste je gemessene Temperatur (von 40,9 °C) wurde 1950 und die kälteste (von −30,0 °C) 1955 registriert. Die Durchschnittstemperatur stieg während des letzten Jahrhunderts um 1,0 °C.
Die mittlere Windgeschwindigkeit entspricht Windstärke 3 und nur im Februar 4 auf der Beaufortskala und ist mit über 5 m/s am höchsten zwischen Dezember und April und mit unter 5 m/s zwischen Mai und Oktober. Die Windgeschwindigkeit ist am niedrigsten im Juli und am höchsten im Februar.
Die angenehmsten Reisemonate sind der Mai und Mitte September bis Mitte Oktober. Die Monate Juni bis August können sehr heiß werden. Das milde Klima begünstigt den Weinbau.
Stadtname mini|Historische Ansichtskarte mit dem ehemaligen Namen Jekaterinoslaw Im Zuge der bewegten Geschichte der Stadt wurde auch ihr Name des Öfteren verändert. Ein englischer Spitzname lautet „“,Sergei I. Zhuk (Autor) „Rock and Roll in the Rocket City: The West, Identity, and Ideology in Soviet Dniepropetrovsk, 1960–1985“ Buch zum Thema Kultur in Dnipropetrowsk der Sowjetunion, ISBN 978-0-8018-9550-0 herausgegeben durch Johns Hopkins University Press (April 1, 2010), abgerufen auf Council on Foreign Relations am 10. Januar 2014 (englisch) zu Deutsch „Raketenstadt“, weil dort das Konstruktionsbüro KB Juschnoje seinen Sitz hat und unter anderem auch die Dnepr-Raketen gebaut wurden. Die meisten Einheimischen nennen die Stadt kurz „Dnepr“ (rus. Днепр, ukr. Дніпро), dies verstehen aber auch die meisten nicht einheimischen Personen. Es gab immer wieder Bestrebungen, den Namen der Stadt zu ändern, wobei sowohl „Sitscheslaw“ als auch „Jekaterinoslaw“ beziehungsweise „Katerinoslaw“ vorgeschlagen wurden.
Am 15. Mai 2015 unterschrieb der ukrainische Präsident Petro Poroschenko ein Gesetz zum Verbot kommunistischer und nationalsozialistischer Propaganda, das sich auch auf im Sinne des Gesetzes propagandistisch belastete Orte und Straßen bezieht. Diese sollten binnen sechs Monaten umbenannt werden. Die Stadt gründete daraufhin eine Kommission, die eine Lösung erarbeiten sollte. Da sich der Name Dnipropetrowsk auf Grigori Iwanowitsch Petrowski, den ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Sowjets der Ukrainischen SSR, bezog, wurde die Stadt am 19. Mai 2016 auf Beschluss der Werchowna Rada in Dnipro umbenannt.Верховна Рада України; Постанова від 19. Mai 2016 № 1375-VIII Про перейменування міста Дніпропетровськ Дніпропетровської області. Abgerufen am 4. Juni 2016. Zuvor war eine Eingabe des Dnipropetrowsker Stadtrats von 2015 verworfen worden, den alten Namen beizubehalten, die Endung „petrowsk“ aber mit dem Heiligen Petrus zu verknüpfen.Aus Dnipropetrowsk wird Dnipro in Spiegel Online vom 19. Mai 2016
Zeitlinie der Namensänderungen Jekaterinoslaw / Katerinoslaw 1776–1797 Noworossijsk 1797–1802 Jekaterinoslaw / Katerinoslaw 1802–1917 Sitscheslaw 1917–1918Andrew Wilson: Ukrainian Nationalism in the 1990s. A Minority Faith. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1996, ISBN 0-521-57457-9, S. 89. (nicht offiziell) Jekaterinoslaw / Katerinoslaw 1918–1926 Krasnodniprowsk 1926 (geplant; nicht offiziell) Dnepropetrowsk / Dnipropetrowsk 1926–2016 Dnipro 2016–
Bedeutung Jekaterinoslaw () beziehungsweise Katerynoslaw () – bedeutet so viel wie „Zu Ehren Katharinas“. Noworossijsk () – der Name geht auf die Provinz Neurussland (Noworossija) zurück. Sitscheslaw (, ) – bedeutet in etwa „Zu Ehren der Sitsch“. Krasnodniprowsk (, ) – etwa „Rotes Dniprowsk“, eine Zusammensetzung der Farbe Rot als Symbol für den Kommunismus und die Sowjetunion und Dnepr. Dnipropetrowsk ( [], / Dnepropetrowsk []) – ist der Name, den die Stadt 1926 in der Sowjetunion erhielt, eine Zusammensetzung aus Dnepr und dem Namen des damaligen Vorsitzenden des Obersten Sowjets der Ukrainischen SSR, Grigori Iwanowitsch Petrowski.
Geschichte
Von der Antike bis zur frühen Neuzeit
mini|Stein-Babas beim Historischen Museum Dnipro, Dmytro-Jawornyzkyj-Prospekt
Eine erste Besiedlung des Gebiets um Dnipro fand schon im Paläolithikum statt. Es folgten viele verschiedene Kulturen, unter anderem die Tripolje-Kultur, die Kurgankultur, die Jamnaja-Kultur, die Skythen und die Sarmaten.
Im Zuge der Völkerwanderung zogen hier auch Proto-Bulgaren durch, bevor das Gebiet um die Stadt um 750 zum jüdischen Chasarenreich und zum Handelsnetz der Radhaniten gehörte. Um 900 n. Chr. kamen die dem Chasarenreich tributpflichtigen Magyaren in das Gebiet, womit das Gebiet um Dnepr und Samara ein möglicher Kandidat für Etelköz ist. Aufgrund des Drucks der Petschenegen und der mit ihnen verbündeten Bulgaren unter Zar Simeon I. (von 913 bis 927 Zar des Bulgarischen Reichs) zogen die Magyaren in das pannonische Becken weiter.
Etwa vom 8. bis zum 11. Jahrhundert verlief durch das heutige Stadtgebiet über den Dnepr der Handelsweg zwischen Skandinavien und Byzanz, einer der wichtigsten Handelswege Osteuropas. Über Jahrhunderte verhinderten die zahlreichen Stromschnellen weiter stromabwärts hier die Weiterfahrt auf dem Wasser und zwangen Reisende zum Anlanden – eine verwundbare Lage, die von den umwohnenden Nomaden genutzt wurde, um sie zu überfallen oder Tribut zu erpressen. Die älteste Nennung bestimmter einzelner Orte in der Region ist dann auch eine Auflistung der Stromschnellen, in der byzantinischen Abhandlung De Administrando Imperio (ca. 950).