mini|hochkant=1.5|Lage der antiken Doppelstadt von Aquincum in der heutigen Topographie Budapests Aquincum war die römische Vorgängerstadt von Budapest, die sich im Nordwesten des heutigen Stadtgebietes im III. Budapester Bezirk (historisch Óbuda) nahe dem Donauufer befand. Ab dem frühen 1. Jahrhundert n. Chr. gehörte das Gebiet rechts (westlich) der Donau zum Römischen Reich und bildete bis zum Ende der Römerherrschaft ein bedeutendes Zentrum der Region Pannonien. Die Geschichte der Römerstadt Aquincum war durch ihre Lage an der Donau geprägt, die dort die römische Reichsgrenze (Limes) bildete. Am Ort befand sich über zwei Jahrhunderte hinweg der Statthaltersitz der Provinz Niederpannonien (Pannonia inferior) und noch einmal länger das Hauptlager einer Legion. Wirtschaftlich lag die Bedeutung Aquincums vor allem in den dort zusammenlaufenden Römerstraßen, die es zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt und Warenumschlagplatz machten.

Der Ort bestand ab dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. aus einem Legionslager sowie zwei voneinander getrennten Stadtkernen, von denen sich einer rund um das Legionslager erstreckte, der andere mit einigem Abstand etwas weiter nördlich lag. Sowohl das Lager als auch die beiden Zivilistensiedlungen wurden als Aquincum bezeichnet. Der südliche Stadtkern war eine Lagervorstadt, wie sie häufig in der Umgebung römischer Militärlager entstand (sogenannte canabae). Die nördliche Stadtanlage war dagegen rechtlich vom Militär unabhängig und erhielt im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. das römische Stadtrecht (zunächst als Municipium, später als Colonia). Dem Legionslager und den canabae vorgelagert auf einer Donauinsel befand sich außerdem der Palast des niederpannonischen Statthalters.

mini|Konservierte Ruinen der Zivilstadt von Aquincum im Aquincum Museum Das linke (östliche) Donauufer stand nie unter direkter römischer Herrschaft. Dort befanden sich in der Antike lediglich kleinere Vorposten des römischen Heeres, darunter die bedeutendsten Transaquincum und Contra Aquincum. Westlich der Donau erstreckte sich rund um die Doppelstadt Aquincum eine dichte Siedlungslandschaft aus verschiedenen kleineren römischen Lagern, Gutshöfen und dörflichen Ansiedlungen. Die antike Geschichte dieses gesamten Areals ist relativ gut erforscht und wird vor Ort im Aquincum Museum präsentiert, das auch einen archäologischen Park umfasst.

Vorgeschichte und Lage mini|Lage Aquincums am Donaulimes; die Karte gibt die Ausdehnung und Provinzgliederung des Römischen Reiches in der Spätantike wieder Das römische Aquincum entstand in einer naturräumlich günstigen Position an der Donau im Nordwesten des heutigen Budapest (Stadtteil Óbuda). Es ist die erste Stelle nach dem Südknick des Flusses beim Donauknie, an der sich der Strom gut überqueren lässt, da das Ufer nicht mehr durch unwegsames Hügelland geprägt ist und der Fluss dort in vormoderner Zeit eine gut passierbare Furt aufwies.Klára Póczy: Aquincum. Das römische Budapest. Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3473-7, S. 10, S. 30 und S. 39–40. Aus diesem Grund liefen hier seit prähistorischer Zeit verschiedene Verkehrswege zusammen. Hinzu kommt, dass die windgeschützte Lage Aquincums im Schatten der Budaer Berge für gute klimatische Bedingungen sorgt und zahlreiche natürliche Ressourcen (Quellen, Tonvorkommen, Baumaterialien) ausreichend vorhanden sind. Diese Faktoren ermöglichten schon früh eine intensive Siedlungstätigkeit und Landwirtschaft im Bereich des heutigen Budapest.Karin Kob (Red.): Out of Rome. Augusta Raurica, Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten. Schwabe, Basel 1997, ISBN 3-7965-1040-X, S. 37 (Beitrag Tibor Hable); Ferenc Schweitzer: The geographical setting of Aquincum. In: Katalin H. Kérdő, Ferenc Schweitzer (Hrsg.): Aquincum. Ancient landscape – ancient town. Geographical Institute, Budapest 2014, ISBN 978-963-9545-40-3, S. 15–16.

mini|hochkant|Typisch keltische bemalte Keramik, hier eine Flasche (Höhe 29 cm) aus der keltischen Stadtanlage auf dem Gellértberg Die ältesten Spuren menschlicher Anwesenheit in der näheren Umgebung datieren in die mittlere Altsteinzeit. Die ersten dauerhaften Siedlungen vor Ort entstanden schon bald nach der Sesshaftwerdung des Menschen, nämlich in der frühen und mittleren Jungsteinzeit während der Linearbandkeramischen Kultur (etwa 5500–5000/4900 v. Chr.). Die folgenden Phasen der Jungsteinzeit, der Kupfersteinzeit, der Bronzezeit und der Eisenzeit sind im Bereich von Budapest ebenfalls durch verschiedene prähistorische Siedlungen vertreten.Piroska Hárshegyi, Péter Vámos (Hrsg.): Aquincumi Látványraktár. A BTM Aquincumi Múzeuma állandó kiállításának katalógusa. Történeti Múzeum, Budapest 2009, ISBN 978-963-9340-73-2, S. 14–21. In der späten Eisenzeit errichteten die Kelten eine befestigte, stadtähnliche Siedlung (Oppidum) auf dem Gellértberg, der sich als östlichster Ausläufer der Budaer Berge im Zentrum der heutigen Stadt über der Donau erhebt. Diese Siedlung entstand in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. und bildete einen Zentralort der keltischen Stammesgruppe der Eravisker. Neben verschiedenen weiteren Handwerkstätigkeiten lassen sich auf dem Gellértberg auch die Herstellung hochwertiger Keramik und die Prägung eigener eraviskischer Münzen nach römischem Vorbild nachweisen.Éva B. Bónis: Die spätkeltische Siedlung Gellérthegy-Tabán in Budapest (= Archaeologia Hungarica. Series nova. Band 47). Akadémiai kiadó, Budapest 1969; Klára Póczy: Aquincum. Das römische Budapest. Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3473-7, S. 30–33. Zur Datierung: Miklós Szabó: Die vorrömische Zeit. Kelten im Karpatenbecken. In: László Borhy: Die Römer in Ungarn. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8053-4820-1, S. 11–22, hier S. 20.

In der Antike stieg die Bedeutung des Ortes unter anderem auch durch die Herausbildung einer hochentwickelten Marktwirtschaft im römischen Reichsgebiet und den Ausbau der Verkehrswege zu befestigten Römerstraßen (etwa der Donausüdstraße). Vor allem aber wurde die günstige Lage von Aquincum noch einmal dadurch verstärkt, dass die Donau während der gesamten römischen Herrschaft die Reichsgrenze bildete (sogenannter Donaulimes). Der Raum des modernen Budapest wurde dadurch neben seiner wirtschaftlichen und siedlungsgeographischen Bedeutung auch ein wichtiges militärisches und politisches Zentrum. Aquincum war daher über lange Zeit seiner Geschichte Sitz eines römischen Statthalters und Standort einer Legion.Karin Kob (Red.): Out of Rome. Augusta Raurica, Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten. Schwabe, Basel 1997, ISBN 3-7965-1040-X, S. 37 und 39 (Beitrag Tibor Hable).

Geschichte Siedlungsdynamik im 1. Jahrhundert mini|Beispiel für frühe römische Einflüsse: Münzen der eraviskischen Prägestätte auf dem Gellértberg, deren Gestaltung die römische Währung dieser Zeit nachahmtSiehe Lucia Carbone: Were Eraviscan imitative denarii a prestige coinage? In: Pocket Change Blog der American Numismatic Society vom 15. September 2021, abgerufen am 28. Februar 2024. Die römische Eroberung der Region Pannonien, die in der früheren Forschung oft pauschal auf 12/11 v. Chr. datiert wurde,Miklós Szabó: Die vorrömische Zeit. Kelten im Karpatenbecken. In: László Borhy: Die Römer in Ungarn. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8053-4820-1, S. 11–22, hier S. 22. war in Wirklichkeit ein allmählicher, schrittweiser Prozess, in dem das Römische Reich über Jahrzehnte hinweg immer weitere Gebiete des Donauraumes zunächst unter indirekte, dann auch unter direkte Herrschaft brachte.László Borhy: Die Römer in Ungarn. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8053-4820-1, S. 28–31. Auch auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet gab es daher keinen plötzlichen Umbruch, zumal die vor Ort siedelnden eraviskischen Kelten bereits lange zuvor entsprechende Einflüsse aus Italien erfahren hatten. Im Verlauf der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. wurde die römische Kontrolle dann jedoch endgültig zu einer direkten Herrschaft ausgebaut. Als Ergebnis wurde – möglicherweise in den 40er Jahren – die keltische Stadt auf dem Gellértberg unter römischem Druck aufgegeben und die einheimische Bevölkerung siedelte in nahegelegene Ortschaften in der Ebene über. Vermutlich richteten die Römer auf dem Berg anschließend einen Wachtposten ein; ansonsten blieb er aber in den folgenden Jahrhunderten unbesiedelt.Klára Póczy, Frigyes Köszegi, Gyula Haynóczi: Römische Ausgrabungen in Budapest. Landschaftsmuseum des Niederrheins, Krefeld 1973, S. 11–12; Klára Póczy: Aquincum. Das römische Budapest. Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3473-7, S. 15–16 und 31–33; Piroska Hárshegyi, Péter Vámos (Hrsg.): Aquincumi Látványraktár. A BTM Aquincumi Múzeuma állandó kiállításának katalógusa. Történeti Múzeum, Budapest 2009, ISBN 978-963-9340-73-2, S. 49–51. In der Donauebene entstanden dagegen nicht nur neue keltische Dörfer, sondern auch Siedlungen römischer Zuwanderer (sogenannte Vici), in denen sich Veteranen, Handwerker und Händler niederließen. Ein solcher Vicus auf dem Areal der späteren Zivilstadt von Aquincum ist durch Ausgrabungen etwas genauer bekannt und bestand hauptsächlich aus einfachen Grubenhäusern.Orsolya Láng: The Beginnings: New Data on the Earliest Settlement Phases at the Aquincum Civil Town. In: Liudmil Ferdinandov Vagalinski / Nicolay Sharankov (Hrsg.): Limes XXII. Proceedings of the 22nd International congress of Roman frontier studies, Ruse, Bulgaria, September 2012 (= Izvestija na Nacionalnija Archeologičeski Institut. Band 42). National Archaeological Institute, Sofia 2015, S. 531–546.

mini|Zwei der drei erhaltenen Fragmente der sorgfältig ausgeführten Bauinschrift des Reiterlagers von 73Zu der Inschrift siehe Péter Kovács, Ádám Szabó (Hrsg.): Tituli Aquincenses. Band 1: Tituli operum publicorum et honorarii et sacri. Pytheas, Budapest 2009, ISBN 978-963-9746-75-6, S. 7–8, Katalognummer 1 (mit der älteren Literatur).