mini|hochkant=1.65|Luftaufnahme 2001 Ballenstedt ist eine Kleinstadt im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt (Deutschland) und staatlich anerkannter Erholungsort. Die Stadt ist historisch mit dem Adelsgeschlecht der Askanier verbunden, weshalb Ballenstedt auch „Wiege Anhalts“ genannt wird. Durch den Ort führt die Straße der Romanik.
Geographie Lage Ballenstedt liegt am nordöstlichen Rand des Harzes. Aschersleben liegt etwa 16 Kilometer östlich, Quedlinburg etwa 10 Kilometer nordwestlich.
Nachbargemeinden sind Seeland (Salzlandkreis), Falkenstein/Harz, Harzgerode und Quedlinburg.
Ortsteile Die Ortsteile Ballenstedts mit Einwohnerzahl in Klammern:
Asmusstedt (28) Badeborn (1.297) Ballenstedt (5.459) Opperode (456) Radisleben (453) Rieder (1.788)
Zudem gehören die – außer zu Fuß – nur von Mägdesprung aus erreichbaren Wohnplätze Selkemühle und Meiseberg zu Ballenstedt.
Dialektgrenze Ballenstedt liegt unmittelbar südlich der Benrather Linie und somit am Übergang von den hochdeutschen – genauer: den ostmitteldeutschen – Dialekten zur niederdeutschen Sprache.
Geschichte Die erste sichere Erwähnung Ballenstedts erfolgt in einer Urkunde König Heinrichs IV. aus dem Jahre 1073. Graf Esico von Ballenstedt, der in zeitgenössischen Quellen nie nach Ballenstedt genannt wird, war wohl der Bruder von Uta, eine der Stifterinnen des Naumburger Doms. Esico gilt als Stammvater des Geschlechts der Askanier. Auf dem heutigen Schlossberg ließ er das Kollegiatstift St. Pancratius und Abundus errichten, das 1046 im Beisein von König Heinrich III. geweiht wurde. Diese Urkunde ist allerdings wahrscheinlich gefälscht. Esikos Sohn und Nachfolger war Adalbert II. Dessen Sohn Otto der Reiche und sein Sohn Albrecht der Bär, der spätere erste Markgraf von Brandenburg, wandelten das Stift 1123 in ein Benediktinerkloster um. Otto der Reiche ist der erste Askanier, der sich nach Ballenstedt nannte, und zwar 1106. Albrecht der Bär wurde 1170 in der Klosterkirche von Ballenstedt beigesetzt. Sein Enkel Heinrich I. war der erste Fürst von Anhalt. Der Ort Ballenstedt wird 1297 erstmals als „Dorp“ erwähnt und erhielt 1512 von Fürst Wolfgang von Anhalt das Braurecht. Im Bauernkrieg wurde das Benediktinerkloster gestürmt und teilweise zerstört und 1525 durch Fürst Wolfgang von Anhalt säkularisiert und als Residenz ausgebaut. Im Jahre 1543 wurde Ballenstedt das Stadtrecht verliehen. Eine Stadtbefestigung wurde 1551 erbaut, und 1582 werden erstmals ein Rathaus und ein Rat erwähnt. Während des Dreißigjährigen Krieges erstürmten 1626 Wallensteins Truppen die Stadt und plünderten sie.
mini|Sicht auf Ballenstedt vom Schlosshof mini|links|Schloss Ballenstedt, 1837 mini|links|Ballenstedt in Anhalt zwischen 1863 und 1918 mini|Detailansicht im Bereich Badstuben – Kirchplatz mini|links|Hotel Großer Gasthof um 1930
Vom 17. Jahrhundert an wurde Ballenstedt durch die Fürsten von Anhalt-Bernburg weiter ausgebaut. Auf den Resten des ehemaligen Klosters entstand mit Schloss Ballenstedt eine repräsentative Schlossanlage. 1765 erklärte Fürst Friedrich Albrecht Ballenstedt offiziell zur Residenzstadt, und damit begann die politische, wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Ausdruck des kulturellen Aufstiegs war unter anderem der Bau des Schlosstheaters, der 1788 in Angriff genommen wurde.Axel Voigt (Hrsg.): Geschichte Anhalts in Daten. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2014, ISBN 978-3-95462-229-0, S. 496. Hier traten später Albert Lortzing und Franz Liszt auf, die dem Theater zu einem bedeutenden Ruf über Anhalts Grenzen hinweg verhalfen. Ballenstedt war seit 1850 Sitz des Kreisgerichts Ballenstedt und ab 1879 des Amtsgerichts Ballenstedt.
Als 1863 Herzog Alexander Carl kinderlos starb, fiel Anhalt-Bernburg an Dessau, und Ballenstedt wurde zu einer der fünf Kreisstädte des wieder vereinigten Landes Anhalt – den Landkreis Ballenstedt gab es bis 1950. Nach und nach entwickelte sich Ballenstedt zum Domizil wohlhabender Pensionäre und mit der touristischen Erschließung des Harzes erlebte die Stadt auch durch den Fremdenverkehr neuen Aufschwung. So verbrachte z. B. Friederike von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, die Witwe des letzten Herzogs von Anhalt-Bernburg, hier ihren Lebensabend. Das Schloss diente bis 1918 als Jagd- und Nebenresidenz der Herzöge von Anhalt und bis 1945 als Privatwohnsitz der herzoglichen Familie.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die im Ort anwesenden jüdischen Einwohner vertrieben bzw. zur Vernichtung deportiert. An sie erinnert ein Gedenkstein auf dem Jüdischen Friedhof. Während des Zweiten Weltkriegs mussten mehr als 100 Frauen und Männer, überwiegend Polen, in den 1936 gegründeten Gummiwerken und auf der Schloßdomäne Zwangsarbeit verrichten, die zahlreiche Todesopfer forderte. Zwischen 1936 und 1945 befand sich auf dem Großen Ziegenberg die Napola NPEA Anhalt.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges änderte sich der Charakter Ballenstedts. Das Schloss, bis dahin Sommersitz der herzoglichen Familie, wurde enteignet und 1949 zur Ingenieurschule für Forstwirtschaft umgewandelt. Die ehemalige Napola diente nun als Bezirksparteischule der SED – das heutige Schulungszentrum Großer Ziegenberg. Die touristischen Strukturen wurden nicht weiter gefördert und kamen fast zum Erliegen, dafür erlangten industrielle Betriebe an Bedeutung. Die Gummiwerke wurden als VEB Gummiwerk Ballenstedt verstaatlicht, später war der Betrieb Teil des Kombinats Plast- und Elastverarbeitung.
Nach 1990 kam es zum Niedergang vieler Betriebe. Ausdruck dafür war die Bevölkerungsabnahme von ca. 12.000 auf weniger als 8.000. Mit dem Ende der DDR wurde dem Fremdenverkehr wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt, was durch die Sanierung des Schlosses und dessen Öffnung für Besucher sowie durch den Wiederaufbau des Großen Gasthofes zum Ausdruck kam. Seit 2010 ist Ballenstedt ein staatlich anerkannter Erholungsort.Sehenswürdigkeiten in Ballenstedt, abgerufen am 26. April 2017.
Von 1952 bis 1994 lag Ballenstedt im Kreis Quedlinburg (1952 bis 1990 im DDR-Bezirk Halle, dann im Land Sachsen-Anhalt). Seit der Kreisreform 2007 gehört die Stadt zum Landkreis Harz.
Eingemeindungen
Am 1. Juli 1950 wurde Opperode eingegliedert.Gemeinden 1994 und ihre Veränderungen seit 1. Januar 1948 in den neuen Ländern, Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart, 1995, ISBN 3-8246-0321-7, Herausgeber: Statistisches Bundesamt Badeborn wurde am 4. August 2002 eingemeindet. zu den Gebietsveränderungen 1994–2007 Radisleben kam am 1. Januar 2010 hinzu. Die Gemeinde Rieder wurde am 1. Dezember 2013 eingemeindet.
Bevölkerung Jahr Einwohner 1990 8.020 2005 7.890 2010 7.903 2015 9.130 2020 8.883 Jahr Einwohner 2021 8.825 2022 8.537 2023 8.425 2024 8.422 2025 8.346
Stand: 31. Dezember des jeweiligen Jahres (Angaben des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt), ab 2011 auf Basis des Zensus 2011, ab 2022 auf Basis des Zensus 2022
Der starke Anstieg der Einwohnerzahl zwischen 2010 und 2015 ist auf Eingemeindungen zurückzuführen.
Religion
Ballenstedt ist Sitz eines gleichnamigen Kirchenkreises der Evangelischen Landeskirche Anhalts. In Ballenstedt befindet sich das Pfarramt St. Nikolai in der Mühlstraße 14. Zu diesem gehören die Kirchengemeinde St. Nikolai (Ballenstedt mit der Nikolakirche und Opperode mit der St.-Petri-Kirche) und die Schlosskirchengemeinde (mit der Schlosskapelle von 1887 in der Bebelstraße).
Die katholische St.-Elisabeth-Kirche, 1931–1933 erbaut und der heiligen Elisabeth von Thüringen geweiht, befindet sich an der Quedlinburger Straße 4. Zu der zum Dekanat Halberstadt gehörenden Pfarrei St. Elisabeth gehören die Gemeinden in Gernrode (Nutzung der evangelischen Stiftskirche St. Cyriakus) und in Harzgerode (St. Johannes Baptist). Neben der Kirche wurde 2011 ein neues Gemeindehaus erbaut, nachdem der Vorgängerbau aus den 1950er Jahren 2010 abgerissen worden war. Eine weitere katholische Einrichtung in Ballenstedt ist die vom Malteser Hilfsdienst getragene Rettungswache.Rettungsdienst im Landkreis Harz Zuschlag für die Malteser. Mitteldeutsche Zeitung, 17. August 2018, abgerufen am 11. Oktober 2019.
Die neuapostolische Gemeinde Ballenstedt gehört zum Kirchenbezirk Halberstadt und verfügt über eine Kirche an der Mühlstraße.
Bildung
Politik Stadtrat Der Stadtrat von Ballenstedt besteht aus 20 Mitgliedern und dem Bürgermeister. Die Kommunalwahl am 9. Juni 2024 führte bei einer Wahlbeteiligung von 61,6 % (2019: 53,2 %) zu folgendem Ergebnis:Ergebnis der Kommunalwahl am 9. Juni 2024
Partei / Wählergruppe Stimmenanteil2019Ergebnis der Kommunalwahl am 26. Mai 2019 Sitze2019 Stimmenanteil2024 Sitze2024 AfD 13,6 % 3 20,2 % 4 Gemeinschaft Ballenstedter Land (GBL) – – 17,8 % 3 CDU 22,4 % 4 13,3 % 3 Vereine Gewerbe Feuerwehr für Ballenstedt und alle Ortsteile (VGF) – – 10,7 % 2 Bürgerbündnis Rieder (BBR) 13,8 % 3 10,5 % 2 Badeborner Interessengemeinschaft (BIG) 7,6 % 2 5,5 % 1 SPD 11,6 % 2 4,6 % 1 Interessengemeinschaft Opperode (I.O.) – – 4,2 % 1 Freie Wähler (FW) – – 4,2 % 1 FDP 10,0 % 2 3,9 % 1 Bündnis 90/Die Grünen 7,8 % 2 3,1 % 1 Die Linke 11,2 % 2 2,2 % – Einzelbewerber Nowak 2,1 % – – – Insgesamt 100 % 20 100 % 20
Im Stadtrat haben sich folgende Fraktionen gebildet: Fraktion CDU/VGF/FDP: 6 Sitze Fraktion AfD: 4 Sitze Fraktion GBL/FW: 4 Sitze Fraktion BIG/I.O./SPD/Grüne: 4 Sitze Fraktion BBR: 2 Sitze
Bürgermeister
Knoppik wurde in der Bürgermeisterwahl am 22. März 2015 mit 76,8 % der gültigen Stimmen wiedergewählt. Er wurde am 13. März 2022 ohne Gegenkandidat mit 100 % der gültigen Stimmen in seinem Amt bestätigt.Ergebnis der Bürgermeisterwahl am 13. März 2022 Seine Amtszeit beträgt sieben Jahre.Kommunalverfassungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt, § 61
Wappen
Die korrekte Blason des Wappens lautet allerdings: „Gespalten in Gold drei rechts nach unten gebrochene schwarze Balken.“ so auch beiHeinz Göschel (Hrsg.): Lexikon Städte und Wappen der Deutschen Demokratischen Republik. Leipzig 1979, S. 30. Eine Blason bezieht sich in der Regel nur auf das Wappenbild und nicht auf das Beiwerk. Beim Ballenstedter Wappen ist das beschriebene Beiwerk insofern aber interessant, da dort auf dem Helm die drei Balken – hier in ungebrochener Form – als Darstellung des Wappenbildes erscheinen.
Das „Große Wappen“ hat ein Oberwappen. Hier sind in der Helmzier über dem Wappenhelm mit den goldenen Helmdecken drei durchgehende schwarze Balken an einem durchgehenden goldenen Pfahl. Die durchgehenden Balken führte Otto der Reiche Ende des 12. Jahrhunderts im sogenannten Balkenschild.
Flagge Die Flagge der Stadt Ballenstedt ist in Längsform schwarz-gelb längsgestreift (1:1) und im gelben Streifen mittig mit dem Vollwappen der Stadt Ballenstedt belegt.
Städtepartnerschaften Ballenstedt unterhält seit dem 6. Oktober 1988 eine Partnerschaft mit der hessischen Stadt Kronberg im Taunus.Städtepartnerschaft Ballenstedt-Kronberg. In: Neues Deutschland, 14. Oktober 1988, S. 3; online.
Sehenswürdigkeiten und Kultur mini|Schloss Ballenstedt aus südöstlicher Richtung mini|Schloss Ballenstedt, im Hof mini|Ehemalige Klosterkirche St. Pancratius und Abundus, Westriegel
Bauten Schloss Ballenstedt: barocker dreiflügeliger Bau, Anfang des 18. Jahrhunderts erneuert, Grab Albrechts des Bären. Die Schlossanlage bezieht bauliche Reste der romanischen ehemaligen Klosterkirche St. Pancratius und Abundus ein, darunter deren Westriegel. Schlosspark: gestaltet von Peter Joseph Lenné; Schloss und Schlosspark gehören zum Projekt Gartenträume Sachsen-Anhalt Schlosstheater Ballenstedt: bespielt u. a. von Albert Lortzing und Franz Liszt Schlosshotel Großer Gasthof: ursprünglich 1733 als Zeughaus erbaut, 1756 durch den Braunschweig-Wolfenbütteler herzoglichen Landbaumeister Martin Peltier de Belfort zum Gasthof umgebaut Stadtmuseum „Wilhelm von Kügelgen“, gegenüber Großem Gasthof im oberen Teil der Allee Kügelgen-Haus, Kügelgenstr. 35a Gelbes Haus, an der Stadtausfahrt Richtung Rieder, erbaut als Zollweghaus