mini|Lageplan Legionslager Castra Regina mini|Bau der Porta praetoria, Modell im Deutschen Historischen Museum (Berlin)

Castra Regina war ein römisches Legionslager samt Zivilsiedlung. Errichtet wurde es für die Legio III Italica („dritte italische Legion“) ab etwa dem Jahr 175 als Hauptquartier dort, wo die obere Donau in ihrem Verlauf den nördlichsten Punkt erreicht. Castra Regina bestand aus dem Legionslager, aus der zugehörigen Zivilstadt (lateinisch canabae), einem großen Friedhof und aus einigen Heiligtümern und Tempelanlagen. Die sichtbaren römischen Baureste des Lagers sowie die mit dem Legionslager zusammenhängenden Bodendenkmäler in Regensburg sind seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.

Nach dem Abzug der Römer wurde das ehemalige Legionslager zum Hauptsitz der bajuwarischen Herzöge aus dem Geschlecht der Agilolfinger. Unter Herzog Arnulf I. entwickelte sich das ehemalige Legionslager ab 900 mit den zugehörigen zivilen Ansiedlungen zu einer erweiterten und durch neue Stadtbefestigungsanlagen geschützten frühmittelalterlichen Stadt, die zur Keimzelle der Stadt Regensburg wurde.

Name Für das Lager sind zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Namen überliefert. Zunächst wurde es wohl einfach legio genannt – dieser Name findet sich auf einigen römischen Meilensteinen der Umgebung, die in das Jahr 201 datieren. Im Itinerarium Antonini, einem Straßenhandbuch aus dem 3. Jahrhundert, wird es als Reginum und als Castra bezeichnet, in der Tabula Peutingeriana, einer Landkarte wohl des 4. Jahrhunderts, als Regino bzw. Reginum. Der Name Reginum findet sich als Heimatangabe, aber ohne weiteren Kontext auch auf einer in Rom gefundenen Soldatenliste aus dem späten 2. oder dem 3. Jahrhundert. Die kombinierte Namensform Castra Regina ist erstmals um 400 in dem Staatshandbuch Notitia dignitatum bezeugt.Tabelle mit allen Quellennachweisen: Karlheinz Dietz, Thomas Fischer: Regensburg zur Römerzeit. Von Roms nördlichster Garnison an der Donau zur ersten bairischen Hauptstadt. Pustet, Regensburg 2018, ISBN 978-3-7917-2976-3, S. 25 (zu der Theorie, eine Namensform habe Regino gelautet, siehe ebd. S. 26). Die Soldatenliste: Die Vielfalt der Namensformen dürfte neben der anzunehmenden Entwicklung über die Jahrhunderte auch damit zusammenhängen, dass in römischer Zeit mehrere Siedlungskerne im Bereich des heutigen Regensburg existierten: neben dem Legionslager auch die umgebende Zivilsiedlung, das Vorgängerkastell Kumpfmühl samt seiner eigenen Zivilsiedlung, die ebenfalls vor dem Legionslager existierende „Donausiedlung“ sowie schließlich das zum Legionslager gleichzeitige Kleinkastell Großprüfening mit einer weiteren zivilen Ansiedlung (zu allen diesen Orten siehe unten). Deren Namen könnten jeweils miteinander verschmolzen, aufeinander übergegangen oder über die Zeit zu Synonymen geworden sein, ohne dass sich dies im Nachhinein sicher rekonstruieren ließe.Gerhard Waldherr: Römisches Regensburg. Ein historischer Stadtführer. Pustet, Regensburg 2015, ISBN 978-3-7917-2738-7, S. 27–28; Karlheinz Dietz, Thomas Fischer: Regensburg zur Römerzeit. Von Roms nördlichster Garnison an der Donau zur ersten bairischen Hauptstadt. Pustet, Regensburg 2018, ISBN 978-3-7917-2976-3, S. 24–25.

Die Namensformen Regino, Reginum und Regina leiten sich wohl ab vom Fluss Regen, der etwa einen Kilometer nordöstlich vom Legionslager in die Donau mündet. Sein Name ist erstmalig in der Kosmographie des anonymen Geographen von Ravenna aus dem frühen 9. Jahrhundert nachgewiesen, wo die erhaltenen Handschriften die Namensform Reganum überliefern. Dieser Flussname wird in der Forschung auf eine keltische Wurzel zurückgeführt, oft auf eine rekonstruierte Verbform *reg-o- (‚sich dehnen, ausbreiten‘), und gilt daher als Ursprung des in römischer Zeit gebildeten Stadtnamens.Albrecht Greule: Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der dazugehörigen Gebiets-, Siedlungs- und Flurnamen. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-11-033859-1, S. 429. Siehe auch Andrea Weber, Wolfgang Janka: Historische Ortsnamen: Regensburg. geschichte-bayerns.de, abgerufen am 28. September 2026.

Im Mittelalter blieben die vom Regen abgeleiteten Namensformen im Gebrauch (Reginum, civitas Regino, urbs Regina etc.). Daneben wurde aber auch der Name Radaspona (später Ratisbona) üblich, der erstmalig bei Arbeo von Freising um 770 nachgewiesen ist. Diese Bezeichnung sorgte für Irritation in der Forschung, weil sie allem Anschein nach das keltische Element *bona (‚Siedlung, Gründung‘) enthält und damit auf vorrömische Zeit zurückzugehen scheint, aber aus der Antike völlig unbekannt ist und erst weit im Mittelalter in den Quellen auftaucht. Daher bleibt offen, ob es sich um eine pseudokeltische Namensbildung des Mittelalters handelt oder um einen antiken keltischen Ortsnamen, der durch die Römerzeit hindurch irgendeine heute unbekannte Lokalität im Umfeld des Legionslagers bezeichnete und dann erst im Mittelalter auf die gesamte Stadt überging.Karlheinz Dietz, Thomas Fischer: Regensburg zur Römerzeit. Von Roms nördlichster Garnison an der Donau zur ersten bairischen Hauptstadt. Pustet, Regensburg 2018, ISBN 978-3-7917-2976-3, S. 27–31 (dort auch tabellarische Zusammenstellungen der bisherigen Erklärungen).

Vorläufer mini|hochkant|Krug des 2. Jahrhunderts mit eingeritztem Gebet aus dem Lagerdorf Kumpfmühl Gegen Ende des 1. Jahrhunderts entstand ca. 2 km südlich der Donau auf einer Erhöhung im heutigen Regensburger Ortsteil Kumpfmühl – heute Standort der Wolfgangskirche – als römisches Militärlager das Kastell Kumpfmühl. Vom Standort dieses Lagers aus konnten die dort stationierten Hilfstruppen die gesamte Donauniederung im Westen und Süden überblicken. Obwohl dem Kastell keine große militärische Bedeutung zukam, entwickelte sich in direkter Nachbarschaft eine langgestreckte Zivilsiedlung (vicus), die die wichtige Süd-Nord-Straße begleitete, die von Augsburg kommend nach Norden den Hügel hinab über den heutigen Bismarckplatz zum Ufer der Donau führte.Karlheinz Dietz, Udo Osterhaus, Sabine Riekhoff-Pauli, Konrad Spindler: Regensburg zur Römerzeit. Pustet, Regensburg 1979, ISBN 3-7917-0599-7, S. 59, S. 177–191. Dort, wo später die Kirche St. Oswald entstand, ist eine ehemalige Furt durch die Donau zu vermuten. In diesem Bereich an der Donau entstand parallel zum Kastell Kumpfmühl ein weiteres römisches Lager, von dem aber bisher nur zwei kleine Reste römischer Spitzgräben zeugen, sowie eine zweite zivile Ansiedlung mit beachtlichen Ausmaßen (die sogenannte „Donausiedlung“). Diese Zivilsiedlung erstreckte sich rund um das bisher kaum bekannte römische Lager und reichte von der Donau im Norden bis ungefähr auf die Höhe des Bismarckplatzes.Karlheinz Dietz, Thomas Fischer: Regensburg zur Römerzeit. Von Roms nördlichster Garnison an der Donau zur ersten bairischen Hauptstadt. Pustet, Regensburg 2018, ISBN 978-3-7917-2976-3, S. 78–83.

Die Kastelle in Kumpfmühl und am Donauufer sowie die beiden dazugehörigen Zivilsiedlungen wurden um 170 während der Markomannenkriege, wohl beim Einfall plündernder Markomannen, zerstört. Nachdem Kaiser Mark Aurel die militärische Lage an der Donau stabilisiert hatte, entschloss er sich angesichts der veränderten Bedrohungslage, die bislang nur durch Auxiliartruppen kontrollierte Nordgrenze der Provinz Raetia fortan durch die Stationierung einer vollständigen Legion zu sichern und für diese das Legionslager Castra Regina zu erbauen. Dafür wurden die beiden vormaligen Auxiliarkastelle aufgegeben; die dazugehörigen bisherigen Zivilsiedlungen gingen in der Zivilstadt rund um das neue Legionslager auf.

Legionslager Baukonzept und Bauplatz mini|Ziegel mit eingestempelter Markierung „LEG III ITAL“ als Kennzeichnung der dritten italischen Legion Das Legionslager wurde ab etwa 175 in Steinbauweise südlich nahe der Donau errichtet. Der gewählte Standort erleichterte den Antransport des Baumaterials und machte es möglich, den Germanen am gegenüberliegenden Ufer mit der steinernen Monumentalität des geplanten Lagerbaus die Macht des römischen Reiches direkt vor Augen zu führen. Im ausgedehnten südlichen Hinterland des geplanten Lagers hatte man eine Kornkammer vor der Haustür, denn dort gab es große Möglichkeiten zum Anbau von Getreide für die Versorgung der im Lager stationierten ca. 6000 Legionäre.

Für das geplante ummauerte, rechteckige Legionslager mit einer Länge von 540 m und einer Breite von 450 m wurde ein Gelände gewählt, das im Westen beginnend bei der heutigen Bachgasse und Wahlenstraße westlich vom Neupfarrplatz bis hin zur Ostseite des Dachauplatzes im Osten reichte. Die Platzwahl erfolgte, obwohl das Baugebiet von dem wasserreichen Vitusbach durchflossen wurde und wellig, sumpfig und mit Tümpeln durchsetzt war.Karlheinz Dietz, Udo Osterhaus, Sabine Riekhoff-Pauli, Konrad Spindler: Regensburg zur Römerzeit. Pustet, Regensburg 1979, ISBN 3-7917-0599-7, S. 192–193. Eine schnelle Trockenlegung des Baugeländes war nicht zu erwarten und im östlichen Vorfeld des geplanten Lagers auch gar nicht erwünscht. Dort behinderte das vorhandene Sumpfgebiet angreifende Feinde, wurde deshalb belassen und zunächst sogar durch das dorthin geleitete Restwasser des Vitusbaches vernässt gehalten (siehe auch Wasserversorgung). Um für den Bau des Lagers einen stabilen Baugrund zu schaffen, musste deshalb das Baugebiet mit einer gut 1 m hohen Kiesschicht aufgeschüttet werden.

Bei der Planung des Ost-West-Straßenverlaufs der Via principalis innerhalb des Lagers orientierte man sich am noch vorhandenen, von den Germanen nicht zerstörten Straßennetz westlich außerhalb des geplanten Lagers. Die innerhalb des Lagers geplante Via principalis sollte westlich außerhalb des Lagers im rechten Winkel auf die Süd-Nord-Hauptstraße treffen, die von Augsburg über Kumpfmühl kommend zum Ufer der Donau führte. Daraus lässt sich schließen, dass auch geplant war, dort anstelle der zerstörten Zivilsiedlung einen Teil der Lagerstadt des Legionsstandortes zu errichten.Karlheinz Dietz, Udo Osterhaus, Sabine Riekhoff-Pauli, Konrad Spindler: Regensburg zur Römerzeit. Pustet, Regensburg 1979, ISBN 3-7917-0599-7, S. 192.

Wasserversorgung Der Bach, der den Bauplatz des Lagers vernässte, war der Vitusbach, der noch heute unterirdisch verrohrt im westlichen Standortbereich des ehemaligen Legionslagers verläuft. Im Verlauf des Lagerbaus entschlossen sich die Baumeister, den vom gut 500 m südwestlich entfernt liegenden Dorf Kumpfmühl heranfließenden Vitusbach für die Versorgung des Legionslagers mit Brauchwasser zu nutzen. Der Vitusbach verlief aber zwischen Kumpfmühl und dem Baugebiet in einer ca. 50 m breiten und 2 m tiefen West-Ost-Bodensenke, in der heute die Bahngleise verlaufen. Der wasserreiche Bach trat häufig über seine Ufer und vernässte nicht nur das als Standort des Legionslagers erwählte Areal, sondern auch die östlich und westlich an das geplante Lager angrenzenden Gebiete. Während man die Vernässung vor der Ostmauer des Lagers zur Abwehr von Feinden bestehen ließ und durch Manipulationen am Verlauf des Vitusbachs förderte, mussten die Vernässungen im Westen auf Dauer vermindert werden, damit sich westlich der Westmauer des Lagers zukünftig Zivilsiedlungen entwickeln konnten.