Donezk ( , in englischer Transkription Donetsk) ist eine Stadt in der östlichen Ukraine, das Zentrum des Kohlereviers Donbass und war mit etwa 1,1 Millionen Einwohnern (mit Vororten, Stand 1989/1998) vor dem Russisch-Ukrainischen Krieg die fünftgrößte Stadt des Landes. 2022 wurde die Einwohnerzahl mit 901.645 angegeben. Die Stadt ist ein wichtiger Industriestandort des Landes, Sitz mehrerer Universitäten sowie ein wichtiges Kulturzentrum. mini|links|Blick über die Stadt
Gemäß Völkerrecht ist Donezk wie auch die gesamte Oblast Teil der Ukraine. Von 2014 bis 2022 war Donezk de facto die Hauptstadt der völkerrechtlich nicht anerkannten, durch russische Einflussnahme installierten Volksrepublik Donezk. Seit den unter russischer Besatzung durchgeführten Scheinreferenden 2022 und der folgenden Annektierung bezeichnet Russland das Gebiet als Subjekt der Russischen Föderation. De jure ist Donezk gemäß der administrativ-territorialen Gliederung der Ukraine die Hauptstadt der Oblast Donezk, die derzeit zum größten Teil von Russland besetzt ist.
Von 1924 bis 1961 führte die Stadt den Namen Stalino (nach dem sowjetischen Politiker Josef Stalin), davor hieß sie Jusowka (nach dem britischen Gründer John Hughes).
Geografie Donezk liegt in einer überwiegend landwirtschaftlich genutzten Steppenlandschaft, die von kleinen Wäldern, Anhöhen (natürliche und Abraumhalden der Bergwerke) und Seen umgeben ist. Die Stadt liegt am Fluss Kalmius, der etwa 120 km südlich von Donezk, bei Mariupol, in das Asowsche Meer mündet, welches traditionell ein bevorzugtes Urlaubsrevier der Bevölkerung ist.
Verwaltungsgliederung Die Stadtgemeinde gliedert sich in neun Stadtrajone (Rajon Budjonnyj, Rajon Woroschylow, Rajon Kalinin, Rajon Kiew, Rajon Kirow, Rajon Kujbyschew, Rajon Lenin, Rajon Petrow und den Rajon Proletariat), eine Stadt (Mospyne), zwei Siedlungen städtischen Typs (Horbatschewo-Mychajliwka, Laryne), sieben Dörfer (Byrjuky, Hryschky, Mychajliwka, Nowodwirske, Oktjabrske, Temrjuk, Pawlohradske) und Werbowa Balka.
Dem Rajon Proletariat sind administrativ die Siedlung städtischen Typs Horbatschewo-Mychajliwka und die Stadt Mospyne zugeordnet, der Stadt selbst die sieben Dörfer.
Zum Rajon Budjonnyj gehört die Siedlung städtischen Typs Laryne und dieser untergeordnet das Dorf Pawlohradske.
Am 12. Juni 2020 wurde die Stadt zum Zentrum der neugegründeten Stadtgemeinde Donezk (Донецька міська громада/Donezka miska hromada). Zu ihr zählen auch die Stadt Mospyne, die 4 Siedlungen Horbatschewo-Mychajliwka, Laryne, Oleksandriwka und Staromychajliwka sowie die 8 in der untenstehenden Tabelle aufgelisteten DörferКабінет Міністрів України Розпорядження від 12 червня 2020 р. № 710-р "Про визначення адміністративних центрів та затвердження територій територіальних громад Донецької області", bis dahin bildete sie zusammen mit oben genannten Orten die gleichnamige Stadtratsgemeinde Donezk (Донецька міська рада/Donezka miska rada) unter direkter Oblastverwaltung der Oblast Donezk.
Seit dem 17. Juli 2020 ist sie ein Teil des Rajons DonezkВерховна Рада України; Постанова від 17.07.2020 № 807-IX "Про утворення та ліквідацію районів".
Die administrative Umsetzung konnte allerdings de facto aufgrund der Besetzung durch die Volksrepublik Donezk nicht erfolgen.
Folgende Orte sind neben dem Hauptort Donezk Teil der Gemeinde: Gemeindeteile ukrainisch transkribiert ukrainisch russisch Burjuky Бирюки Бирюки (Burjuki) Horbatschewo-Mychajliwka Горбачево-Михайлівка Горбачёво-Михайловка (Gorbatschjowo-Michailowka) Hryschky Гришки Гришки (Grischki) Laryne Ларине Ларино (Larino) Mospyne Моспине Моспино (Mospino) Mychajliwka Михайлівка Михайловка (Michailowka) Nowodwirske Новодвірське Новодворское (Nowodworskoje) Oktjabrske (offiziell ukrainisch seit 2016 Kyslytsche/КисличеВерховна Рада України; Постанова від 12.05.2016 № 1351-VIII Про перейменування окремих населених пунктів та районів на тимчасово окупованих територіях Донецької та Луганської областей) Октябрське Октябрьское (Oktjabrskoje) Oleksandriwka Олександрівка Александровка (Alexandrowka) Pawlohradske Павлоградське Павлоградское (Pawlogradskoje) Staromychajliwka Старомихайлівка Старомихайловка (Staromichailowka) Temrjuk Темрюк Темрюк Werbowa Balka Вербова Балка Вербовая Балка (Werbowaja Balka)
Geschichte Etymologie: Der Name der Stadt kommt vom Fluss Donez, was übersetzt „kleiner Don“ heißt.
1869 bis 1917 mini|hochkant|Denkmal für John Hughes in Donezk (2001 errichtet) mini|hochkant|Preobraschenski-Kathedrale 1869 gründete der Waliser John Hughes mit seiner aus England mitgebrachten modernen technischen Ausrüstung und 100 Facharbeitern eine metallurgische Fabrik, um welche sich rasch eine Siedlung entwickelte.Andreas Kappeler: Die Kinder des Sowjetkommunismus fühlen sich verraten. In: Neue Zürcher Zeitung. 25. Juni 2014 (nzz.ch – Untertitel der gedruckten Ausgabe; Die Nachfahren der in der Sowjetzeit gehätschelten Industriearbeiter des Donbass trauern ihren früheren Privilegien nach). Die Siedlung wurde nach Hughes damaliger russischer, aussprachenaher Schreibweise Jus (Юз) Jusowka (Юзовка) genannt.
Hughes war von der russischen Regierung nach dem Schock des Krim-Krieges kontaktiert worden, weil man in der Region des späteren Donezk zwar Erz-, Kohle und Wasservorkommen hatte, eigene Bemühungen um den Aufbau einer Eisenindustrie aber an den mangelnden technischen Voraussetzungen gescheitert waren. Im Januar 1872 nahm der erste Hochofen seine Arbeit auf, es folgten weitere und das Werk mit fast 1.800 Mitarbeitern wurde zum größten Metallproduzenten des russischen Reiches.Serhii Plokhy: Das Tor Europas. Die Geschichte der Ukraine. Aus dem Englischen von Anselm Bühling u. a. Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, S. 261–262. ISBN 978-3-455-01526-3. Während die Fachkräfte aus dem Ausland kamen, strömten die Arbeiter in die aufstrebende Industriestadt, insbesondere aus der direkten Umgebung: Zentral- und Ostukraine sowie aus den weniger fruchtbaren südlichen Regionen Russlands. Unter ihnen war 1908 auch die Familie der jungen Nikita Chruschtschow.
1917 bis 1991 1917 wurde Jusowka zur Stadt erhoben und 1924 zu Ehren Stalins in Stalino umbenannt.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt fast völlig zerstört. Vom 20. Oktober 1941 bis zum 7. September 1943 stand Stalino unter deutscher Besatzung.Matthias Riedel: Bergbau und Eisenhüttenindustrie in der Ukraine unter deutscher Besatzung (1941–1944). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 21 (1971), S. 245–284, hier S. 256 (Datum des deutschen Einmarsches) und S. 280 (Datum des deutschen Rückzuges), Digitalisat. Das brutale Vorgehen der Deutschen gegen die sowjetische Bevölkerung im Allgemeinen und gegen alle Juden im Besonderen hatte sich bereits im Sommer 1941 in der Stadt herumgesprochen. Viele Einwohner flohen daraufhin nach Osten, um nicht unter deutsche Besatzung zu geraten. Knapp 200.000 Bewohnern (40 % der gesamten Einwohner), darunter auch vielen Juden, gelang es zu fliehen, so dass im Oktober 1941 nur noch etwa 290.000 Menschen in der Stadt lebten. Von der verbliebenen Bevölkerung ermordete die deutsche Besatzungsmacht etwa 60.000 Menschen, davon bis zu 17.000 Juden. Mehrere tausend Menschen fielen der selektiven Hungerpolitik der Deutschen zum Opfer.
Die nach Kriegsende im typisch sowjetischen Reißbrettstil neu errichtete Stadt war durch Eingemeindung einiger Ortschaften um vieles größer als zuvor. Seit 1961 heißt die Stadt Donezk wegen ihrer Lage im nach dem Siwerskyj Donez benannten Donezbecken. Donezk wurde in den 1960er-Jahren von der UNESCO als grünste Industriestadt in ihrer Einwohnerklasse ausgezeichnet. Zu Recht bezeichnete sich Donezk als „Stadt der Millionen Rosen“.
Seit 1991 mini|hochkant|Lage von Donezk im Krieg in der Ostukraine nach 2014 Im Jahr 1991 wurde die damals zur USSR bzw. UdSSR gehörende Oblast Donezk nach dem Referendum über die Unabhängigkeit der Ukraine Staatsgebiet der Ukraine. Damit ging auch die Stadt in ukrainisches Territorium über.
2012 war die Stadt ein Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft 2012. Dafür wurde von 2006 bis 2009 ein neues Stadion, die Donbass Arena, errichtet. Nur fünf Jahre später wurde dieses während des Russisch-Ukrainischen Kriegs beschädigt und ist derzeit bis auf weiteres geschlossen.donbass-arena.com: Artikel vom 23. August 2014 (englisch)
Im Verlauf des Russisch-Ukrainischen Krieges kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen pro-russischen Demonstranten und Unterstützern der ukrainischen Übergangsregierung. Das Gebäude der Regionalverwaltung wurde mehrfach von pro-russischen Demonstranten besetzt; dabei wurde auf dem Dach die russische Fahne gehisst.Die Kurzherrschaft des „Volksgouverneurs“ Gubarew. In: Die Welt. 9. März 2014 (welt.de).Ein Toter bei Ausschreitungen im ukrainischen Donezk In: Die Welt. 14. März 2014 (welt.de). Im Zusammenhang mit diesen Ausschreitungen erklärte das russische Außenministerium, Russland sei bereit, „seine Landsleute und seine Staatsbürger in der Ukraine“ zu beschützen.Moskau: Russland wird Landsleute in Ukraine in Schutz nehmen, Webseite von RIA Novosti vom 14. März 2014 Die OSZE entsandte am 21. März 2014 unter anderem nach Donezk Beobachter.Krim-Krise: OSZE schickt 100 Beobachter in die Ukraine, Spiegel Online am 22. März 2014. Am 28. April 2014 fand in Donezk die letzte pro-ukrainische Demonstration statt, welche sich angesichts gewaltsamer, behelfsmäßig bewaffneter Gruppen, welche durch die Stadt zogen und „Angst und Terror verbreiteten“, auflöste.Golineh Atai: WDR Montalk 16. März 2015; Minute 45; abgerufen am 21. Juli 2015 (nicht verfügbar)Ostukraine: Methoden des Terrors im Donbass. In: Luzerner Zeitung. 22. Dezember 2017 (luzernerzeitung.ch) abgerufen am 31. Juli 2018. Die Stadt befindet sich seitdem unter Kontrolle der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk und dient dieser als Hauptstadt. Am 25. Mai 2014, einen Tag nach der Präsidentschaftswahl in der Ukraine, wurde der Donezker Flughafen durch pro-russische Separatisten besetzt, kurz darauf jedoch wieder durch ukrainische Regierungstruppen zurückerobert.FAZ.net: Nach der Präsidentenwahl-Tote bei Gefechten in Donezk.OSZE-Beobachter sind in der Hand von Separatisten in welt.de; abgerufen am 28. Mai 2014. Der Flughafen wurde später zum Mittelpunkt der Kämpfe zwischen beiden Seiten. Die Separatisten versuchten entgegen diversen Waffenstillstandsvereinbarungen das Flughafengelände zu erobern, was ihnen im Januar 2015 schließlich auch gelang. Auch danach gab es heftige Gefechte im Raum Donezk, das an der Grenze zwischen den von Separatisten und Regierungstruppen kontrollierten Gebieten des Donezbeckens liegt. Dabei wurde die Stadt selbst auch noch Anfang 2015 von der ukrainischen Armee mit schwerer Artillerie beschossen, wobei nach Angaben der Separatisten 17 Soldaten und vier Zivilisten getötet wurden. Getroffen wurde auch ein Krankenhaus. Beide Konfliktparteien beschuldigten sich gegenseitig, für den Zwischenfall verantwortlich zu sein.Krankenhaus in Donezk mit Artillerie beschossen. In: Die Zeit. 4. Februar 2015 (zeit.de). Auch wenn durch das Minsker Abkommen vom Februar 2015 der Einsatz schwerer Waffen unterbunden wurde, flackerten auch noch 2017 im Stadtgebiet wieder Gefechte auf. Die Versorgungslage der Zivilbevölkerung ist prekär, viele Menschen, insbesondere ältere, waren auf Hilfslieferungen angewiesen.Donezk - eine vom Krieg gezeichnete Stadt., MDR vom 12. Mai 2017.