mini|Gemäß dem Oktagon-Modell von Decius u. a. (2019) beinhaltet informelles Lernen acht Komponenten (außen dargestellt), die sich vier Faktoren (innen dargestellt) zuordnen lassen. Informelles Lernen bezeichnet ein Lernen in Lebens- und Arbeitszusammenhängen, das ursprünglich vor allem als ein Lernen außerhalb des formalen Bildungswesens (z. B. Schulen, Universitäten, berufliche Fortbildungen) angesehen wurde. Seit den 1990er Jahren hat die Diskussion zum informellen Lernen stetig an Bedeutung gewonnen und wird (Stand 2021) in fast allen pädagogischen Bereichen und der Lernpsychologie thematisiert.

Typische Mechanismen des informellen Lernens beinhalten eigenes Ausprobieren (Learning by doing sowie Versuch und Irrtum), Lernen am Modell, Feedback und Reflexion.Decius, J., Schaper, N. & Seifert, A. (2019). Informal workplace learning: Development and validation of a measure. Human Resource Development Quarterly, 30(4), 495-535. doi:10.1002/hrdq.21368Tannenbaum, S. I., Beard, R. L., McNall, L. A. & Salas, E. (2010). Informal Learning and Development in Organizations. In S. W. J. Kozlowski & E. Salas (Hrsg.): Learning, training, and development in organizations (S. 303-332). New York: Routledge. Übergeordnet kann das selbstbasierte informelle Lernen (z. B. Reflexion) und das sozialbasierte informelle Lernen (z. B. Feedback einholen) unterschieden werdenDecius, J., & Hein, J. (2024). Motivated to learn? Investigating the link of achievement goals and informal workplace learning of lecturers in higher education. Human Resource Development Quarterly, 35(2), 213-234 doi:10.1002/hrdq.21513.

Einführung Obwohl (nach Schätzungen) etwa 70–90 Prozent der Lernprozesse Erwachsener außerhalb von Bildungsinstitutionen stattfinden,Edgar Faure u. a.: Learning to Be: The World of Education Today and Tomorrow. UNESCO, Paris 1972.David, W. Livingstone: Informelles Lernen in der Wissensgesellschaft. Erste kanadische Erhebung über informelles Lernverhalten. In: QUEM-Report Heft 60: Kompetenz für Europa. Wandel durch Lernen – Lernen durch Wandel. Referate auf dem internationalen Fachkongress 21.–23. April 1999 in Berlin, S. 65–91.Cerasoli, C. P., Alliger, G. M., Donsbach, J. S., Mathieu, J. E., Tannenbaum, S. I. & Orvis, K. A. (2018). Antecedents and outcomes of informal learning behaviors: A meta-analysis. Journal of Business and Psychology, 33(2), 203–230. doi:10.1007/s10869-017-9492-y hat das informelle Lernen in Deutschland lange Zeit nicht die gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten, wie dies in vielen anderen Ländern der Fall ist. (PDF-Datei) Mit der Flexibilisierung der Lebens- und Arbeitswelten werden auch die Lernwelten flexibilisiert.T. Kortsch, J. Decius, H. Paulsen: „New Learning“: Wie sich das Lernen bei der Arbeit verändert. In: Wirtschaftspsychologie aktuell, 2021(1), , 44-48. Neben dem Lernen in der Schule kommt nichtschulisch organisierten Lernorten – vom Sport über Musik bis hin zu Medien und dem Arbeitsplatz – wachsende Bedeutung zu. So wird im 12. Kinder- und Jugendbericht der deutschen Bundesregierung ausdrücklich auf „informelle Bildungsprozesse“ auch in nonformalen Settings hingewiesen, wobei von fließenden Übergängen zwischen formellen und informellen Lernprozessen ausgegangen wird.BMFSFJ (Hrsg.): Zwölfter Kinder und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. – Zwölfter Kinder- und Jugendbericht – Bildung, Betreuung und Erziehung vor und neben der Schule. Bonn 2005, S. 129f.

Prozesse informeller Bildung finden danach an vielen Orten statt. Lernorte, -umgebungen wie auch -möglichkeiten sind etwa die Kinder- und Jugendarbeit, Vereine, Kultur und Freizeit, der Umgang mit Medien oder familiäre Aktivitäten.BMFSFJ 2005, S. 141, 197 ff. Kommerzielle Lern- und Erlebniswelten werden in die Betrachtungen aufgenommen,BMFSFJ 2005, S. 225. und auch das informelle Lernen in beruflicher Arbeit findet zunehmend Beachtung.Peter Dehnbostel: Informelles Lernen: Arbeitserfahrungen und Kompetenzerwerb aus berufspädagogischer Sicht. Überarbeiteter Vortrag anlässlich der 4. Fachtagung des Programms „Schule/Wirtschaft/Arbeitsleben“ am 18./19. Sept. 2003 in Neukirchen/Pleiße mit dem Thema „Kompetenzen für die Berufsorientierung nach PISA – auf welche Kompetenzen kommt es an?“. 2003. Online verfügbar unter http://www.swa-programm.de/tagungen/neukirchen/vortrag_dehnbostel.pdf Das Zusammenspiel von Lernorten verschiedener Art müsse Teil professioneller Erwägungen und Handlungsweisen werden.BMFSFJ 2005, S. 536.

Die dominierende Stellung des informellen Lernens bei gleichzeitig deutlich geringerer Sichtbarkeit im Bildungsbereich im Vergleich zum formalen Lernen verdeutlicht Coffield (2000 S. 1)Coffield, F. (2000). Introduction: The structure below the surface: Reassessing the significance of informal learning. In F. Coffield (Hrsg.): The necessity of informal learning (S. 1-11). Bristol: Policy Press. mit der Metapher eines Eisbergs: Der sichtbar über der Wasseroberfläche liegende, ein Drittel ausmachende Teil des Eisbergs stehe für das formale Lernen; die auf den ersten Blick unsichtbaren zwei Drittel unterhalb der Wasseroberfläche für das informelle Lernen. Während formales Lernen mit einer Busfahrt verglichen werden kann – die Route ist vorbestimmt und dieselbe für alle Mitfahrenden – gleicht informelles Lernen eher einer Fahrt mit dem Fahrrad, bei der die fahrende Person die Route und die Geschwindigkeit individuell bestimmen kann (Cross 2007, in Berg & Chyung 2008, S. 230).Berg, S. A. & Chyung, S. Y. (2008). Factors that influence informal learning in the workplace. Journal of Workplace Learning, 20(4), 229-244. doi:10.1108/13665620810871097

Begriffsgeschichte Die Anfänge des informellen Lernens lassen sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey verwendete den Begriff „informal education“ in seiner Vorlesungsreihe 1898/1899 und brachte den Begriff in die Forschung einRohs, M. (2016). Genese informellen Lernens. In M. Rohs (Hrsg.): Handbuch informelles Lernen (S. 3-38). Wiesbaden: Springer. doi:10.1007/978-3-658-05953-8_1. Die amerikanische Philosophin Mary Parker Follett erweiterte den Kontext der informellen Bildung von der Schule auf alle Alltagsbereiche und bezeichnete Bildung als kontinuierliche Lebensaufgabe. Auf diesen Arbeiten von Dewey und Follett baute der amerikanische Pädagoge Eduard C. Lindemann auf, der erstmals den Begriff „informal learning“ nutzte (1926). Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die informelle Weiterbildung größere Bekanntheit durch das Werk „Informal adult education“ von Malcolm S. Knowles (1950). Wie Dewey und Lindemann vor ihm stellte auch Knowles den persönlichen Erfahrungserwerb als Quelle des Lernens heraus.

In den 1970er Jahren fand das informelle Lernen verstärkt Eingang in die gesellschaftspolitische Debatte. Es wurde als Alternative zu formalen Weiterbildungen angesehen, da „Kritik laut [wurde], dass die formale Bildung nicht nur die falschen Fähigkeiten vermittelt, sondern auch soziale und ökonomische Ungleichheiten in den Entwicklungsländern nicht ausgleicht“ (Rohs 2016, S. 15). Zu nennen sind hier die im Umfeld der UNESCO entstandenen Studien von Coombs (1968) und Faure et al. (1972) sowie von Coombs und Ahmed (1974) im Auftrag der Weltbank („Attacking rural poverty“). Zeitgleich stellte Tough (1971) erste empirische Untersuchungen zur Verbreitung informeller Bildungsformen an und kam zu dem Schluss, dass 80 % des Lernens nicht in formalen Umgebungen stattfinden. Den Grundstein für das moderne Begriffsverständnis informellen Lernens legten schließlich Victoria J. Marsick und Karen E. Watkins (1990).

Beispiele mini|Beispiel für informelles Lernen: erster Versuch, ein Puzzlespiel zu lösen, verbunden mit einer Einführung in die Geographie Asiens Wer im Rahmen seines Hobbys, seines Ehrenamts oder in seinem Alltag außerhalb von Bildungsinstitutionen lernt, lernt „informell“. Zum Beispiel: Menschen gehen einem Problem nach und versuchen, es zu lösen. Dabei lernen sie teils bewusst, teils unbewusst. Es wird in den jeweils bestehenden sozialen, familiären, kommunikativen oder auch Arbeitszusammenhängen gelernt.

Während es in Ländern wie Kanada, dem Vereinigten Königreich oder den USA schon lange Forschungsaktivitäten zum informellen Lernen gibt, nahm die Zahl entsprechender Studien in Deutschland erst in den letzten Jahren zu. Tully formuliert in der Einführung „Kompetenzentwicklung im Wandel“Bernd Overwien: Internationale Sichtweisen auf "informelles Lernen" am Übergang zum 21. Jahrhundert. In: Hans-Uwe Otto, Thomas Coelen (Hrsg.): Grundbegriffe der Ganztagsbildung. Beiträge zu einem neuen Bildungsverständnis in der Wissensgesellschaft. 1. Auflage. VS Verlag für Sozialwiss., Wiesbaden 2004, S. 51–76. Eckpunkte einer neuen Lernkultur. Vor allem das Deutsche Jugendinstitut arbeitet seit 1990 am Thema, zunächst anhand des Lernens zur Computernutzung.Claus J.Tully: Lernen in der Informationsgesellschaft. Informelle Bildung durch Computer und Medien. Opladen 1994.

Informelles Lernen in der Familie Informelles Lernen findet auch in familiären Gesprächen statt, etwa beim Lernen einer Generation von einer anderen. Der Einfluss der Herkunftsfamilie auf die Aneignung von Fähigkeiten, die Lernmotivation und die Prägung von Einstellungen wird beispielsweise auch in Zusammenhang mit den PISA-Studien hervorgehoben und mit der Ausbildung des Habitus im Sinne von Pierre Bourdieu in engen Zusammenhang gebracht.Peter Büchner, Karin Krah: Der Lernort Familie und die Bildungsbedeutsamkeit der Familie im Kindes- und Jugendalter . In: Thomas Rauschenbach: Informelles lernen im Jugendalter: Vernachlässigte Dimensionen der Bildungsdebatte. Juventa, 2006, ISBN 3-7799-1115-9. ()

Als wenig erforscht gilt das informelle Lernen in Spiel- oder Kinderzimmern, wo Kinder in ihren Familien mit ganz unterschiedlichen Angeboten aus verschiedenen kulturellen Kontexten konfrontiert werden.

Informelles Lernen im Ehrenamt und im politischen Engagement Zwischen 2005 und 2007 wurde eine Studie zum informellen Lernen von Jugendlichen im Ehrenamt durchgeführt. Dass dort etwas gelernt wird, dürfte allgemein bekannt sein und liegt auf der Hand, die Studie klärt das WIE und das WAS des Lernens. Ergebnisse der Explorationsstudie zeigen, wie Jugendliche ihre Lernerfahrungen in Greenpeace-Gruppen, den Pfadfindern, der Evangelischen Jugend, den Falken, der Freiwilligen Feuerwehr, der Gewerkschaftsjugend oder dem Technischen Hilfswerk im Nachhinein bewerten.

Es bestätigte sich, dass Lernen hier besonders den sozialen und persönlichkeitsbildenden Bereich betrifft. Darüber hinaus werden auch politische, fachliche, mediale oder organisatorische Kompetenzen erworben.Wiebken Düx, Erich Sass, Gerald Prein, Claus J. Tully: Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter. Wiesbaden 2008. Doch nicht nur Jugendliche erwerben (zum Beispiel im Rahmen von Freiwilligendiensten) Kompetenzen über informelle Lernprozesse. So zeigt eine Studie am Beispiel von Musikfestivals, dass auch Erwachsene im Rahmen ehrenamtlicher Arbeit informell lernen. Dies stellt sogar eine Bedingung für das Gelingen von Festivals dar.Köster, P. F. (2015): Kompetenzentwicklung und organisationale Veränderung. Eine Ethnographie zu Veranstaltern von Musikevents. Leverkusen: Budrich UniPress Ltd. Auch politikrelevante Kompetenzen im engeren Sinne werden teils durch informelles Lernen erworben.