mini|Römische Terra Sigillata mini|TS-Trinkbecher (2 × Drag. 54, links, rechts Glanztonbecher) aus Metz, musées de la Cour d’Or Terra Sigillata (TS) ist die moderne Bezeichnung einer bestimmten Kategorie römischen Tafelgeschirrs aus Keramik, die gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. in italienischen Werkstätten (Arezzo) entwickelt wurde. Sie erlangte schnell große Beliebtheit und fand in verschiedenen Variationen Absatz im gesamten Römischen Reich. Das gehobene Tafelgeschirr wurde in großen Mengen in Handwerksbetrieben (Manufakturen) hergestellt, die ihre Ware meist mit einem Manufaktursiegel versahen.
Forschungsgeschichte mini|Schüssel bzw. Napf Drag. 30 im Antiquarium in Mailand Der Begriff Terra Sigillata wurde erst im 18. Jahrhundert wegen der Töpferstempel auf die antike Keramik übertragen. Ein Name aus der Antike ist nicht gesichert. Der im englischen Sprachraum verwendete Begriff Samian Ware entstammt der Erwähnung von vasa Samia bei Plinius dem Älteren, von der jedoch nicht ganz sicher ist, ob sie sich auf TS bezieht.Plinius, Naturalis historia 35, 160; Eschbaumer 2001, S. 274.
Die Erforschung der Terra Sigillata hat in der Archäologie eine lange Tradition. Die Chronologie stützt sich vor allem auf die Formen sowie die Hersteller- und Bildstempel. Erste chronologische Einteilungen stammen von Hans Dragendorff (1895)Hans Dragendorff: Terra sigillata. Ein Beitrag zur Geschichte der griechischen und römischen Keramik. In: Bonner Jahrbücher. Band 96/97, 1895, S. 18–155 (Digitalisat: Text, Tafeln). und Robert Knorr.Robert Knorr: Töpfer und Fabriken verzierter Terra sigillata des ersten Jahrhunderts (Stuttgart 1919); ders.: Terra-Sigillata-Gefässe des ersten Jahrhunderts mit Töpfernamen (Stuttgart 1952) Besonders die Töpferstempel, die Verzierungen sowie die Verbreitung des Materials haben TS zu einem bevorzugten Datierungsmittel der provinzialrömischen Archäologie werden lassen. Aus zahlreichen Produktionsorten sind die Hersteller aufgrund der Herstellerstempel namentlich bekannt. Hinzu kamen Beobachtungen an gut zu datierenden Fundorten wie dem Römerlager Haltern,Siegmar von Schnurbein: Die unverzierte Terra Sigillata aus Haltern. Bodenaltertümer Westfalens 19 (1982). den Kastellen des Odenwaldlimes oder dem Kastell Niederbieber.Franz Oelmann: Die Keramik des Kastells Niederbieber. Frankfurt am Main 1914 (Digitalisat). Die Weiterverwendung und Abformung der Punzenstempel hat es ermöglicht, chronologische Abfolgen der einzelnen Töpfer an den Herstellungsorten zu ermitteln. Das alles hat dazu geführt, dass sich der Zeitpunkt der Herstellung eines verzierten oder gestempelten TS-Gefäßes meist auf wenige Jahre genau datieren lässt. Ähnlich genaue Datierungen erreicht man je nach vorliegendem Fundmaterial nur mit Münzfunden oder durch Dendrochronologie.
Gefäßformen Neben den Punzen und Töpferstempeln ist auch die Form des Gefäßes zur Datierung geeignet, da diese von Moden und beispielsweise im Fall der TS-Reibschüsseln auch von den Tischsitten abhängig war. Die heutigen Bezeichnungen der Gefäßformen gehen meist auf bekannte Forscher (Dragendorff, Knorr, DécheletteJoseph Déchelette: Les vases céramiques ornés de la Gaule Romaine. Bände I–II. Paris 1934.), oder auf Fundorte (Haltern, HofheimEmil Ritterling: Das frührömische Lager bei Hofheim i. T. Nassauische Annalen 34, 1904, S. 1–110; 397–423; Nachtrag in 40, 1912, S. 1–416.) zurück.
Herstellung mini|Rekonstruierte Befüllung eines Terra-Sigillata-Ofens im Museum in Rheinzabern Das glänzend rot überzogene Geschirr wird grundsätzlich in glatte Ware oder mit Modeln hergestellte reliefverzierte Gefäße unterschieden. Beide wurden mit der schnell drehenden Töpferscheibe angefertigt, jedoch war die Herstellung der reliefverzierten Ware aufwändiger. Zur Herstellung wurden meist dickwandige Schüsseln, sogenannte Formschüsseln, angefertigt. Die Innenseite wurde mit einzelnen (positiven) Punzen verziert. Ein sogenannter Eierstab schließt die verzierte Zone in der Regel nach oben ab. Bei südgallischen Bilderschüsseln sind Ränder mit Kerbschnittverzierung geläufig. Nach dem Brand konnten in einer Formschüssel, in der die Dekoration negativ erscheint, zahlreiche Einzelgefäße ausgeformt werden. Die so gestalteten Gefäße, vor allem Schalen, wurden anschließend nachgedreht (Anbringen von Fuß und Formgebung des Randes).
Den glattwandigen Glanzton-Überzug (Engobe) erhielten die Gefäße in lederhartem Zustand. Hierzu wurden sie in sehr fein geschlämmten Ton getaucht. Die Farbe des Überzugs variiert zwischen dunkel- und orangerot, für Rheinzaberner Sigillata ist oft letzteres charakteristisch. Sie ist abhängig vom Eisengehalt des Tones und den verschiedenen Oxidationsstufen des Eisens im gebrannten Ton.
Die Gefäße wurden etwa fünf Tage in speziellen Öfen oxidierend bei Temperaturen von rund 950 °C gebrannt. Störungen dieses Vorgangs konnten hohe Verluste zur Folge haben, die durch Funde von Fehlbränden an den Herstellungsorten gut belegt sind. Die Öfen besaßen eine verstärkte Tenne und einen langen Schürkanal. Bruchstücke von Töpfereirechnungen aus La Graufesenque bei Millau in Südfrankreich zeigen durchschnittliche Ofenfüllungen mit 30.000 Gefäßen.
Chronologie Italische Terra Sigillata mini|hochkant|Italischer Terra-Sigillata-Kelch Drag. 11 aus Novaesium Als preiswerte Nachahmung von Metallgefäßen war Glanztonware im hellenistischen Mittelmeerraum Jahrhunderte vor dem Aufkommen der Terra Sigillata verbreitet. Die im südlichen Italien verwendete sogenannte Campana war allerdings reduzierend gebrannt und deshalb vorwiegend schwarz. Erste Versuche mit oxidierenden Bränden erfolgten im östlichen Mittelmeerraum ab dem mittleren 2. Jahrhundert v. Chr. Dabei bildeten sich die Keramikgattungen der Östlichen Sigillata und der sogenannten Pergamenischen Sigillata. Im Laufe des 1. Jahrhunderts v. Chr. wurde diese Herstellungstechnik in verschiedenen Produktionszentren der Italischen Halbinsel übernommen. Einflussreich und langlebig wurde davon aber nur die Terra Sigillata, die um 30 v. Chr. durch eine Gruppe von Töpfern in Arezzo entwickelt wurde.Manuel Flecker: Töpfernde Toreuten! Die Werkstatt des M. Perennius und die Entwicklung von serieller Produktion reliefverzierter Arretinischer Sigillata. In: Arne Reinhardt (Hrsg.): Strictly Economic? Ancient Serial Production and its Premises, Panel 3.18 (= Archaeology and Economy in the Ancient World. Band 20). Propylaeum, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-948465-68-1, S. 19–30, DOI:10.11588/propylaeum.704, hier S. 19 und 26.
Die neue Keramikgattung wurde rasch in weite Teile des Römischen Reiches exportiert, wobei sich die unterschiedlichen Werkstätten vielfach auf jeweils eigene Absatzmärkte konzentrierten.Allard W. Mees: Die Verbreitung von Terra Sigillata aus den Manufakturen von Arezzo, Pisa, Lyon und La Graufesenque. Die Transformation der italischen Sigillata-Herstellung in Gallien (= Monographien des RGZM. Band 93). Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2011, ISBN 978-3-88467-173-3. Zudem entstanden von Arezzo ausgehend in den folgenden Jahrzehnten weitere Tochterbetriebe an anderen Orten, überwiegend in Italien. Zu den bedeutendsten Zentren der entstehenden Terra-Sigillata-Industrie gehörten – neben einigen Filialbetrieben in Gallien – beispielsweise Pisa, Pozzuoli und die Po-Ebene.Elisabeth Ettlinger: Die italische Produktion: Die klassische Zeit. In: Elisabeth Ettlinger u. a.: Conspectus formarum terrae sigillatae Italico modo confectae (= Materialien zur Römisch-Germanischen Keramik. Heft 10). Dr. Rudolf Habelt, Bonn 1990, ISBN 3-7749-2456-2, S. 4–13.
In späterer Zeit ahmte die italische Terra-Sigillata-Produktion dann umgekehrt die Formen und Dekorationen außeritalischer (speziell gallischer) Terra-Sigillata-Typen nach, so die im späten 1. Jahrhundert n. Chr. aufkommende „Terra Sigillata tardo-italica decorata“.Maura Medri: Terra sigillata tardo italica decorata (= Studia Archaeologica. Band 60). „L’Erma“ di Bretschneider, Rom 1992, ISBN 88-7062-771-3.
Südgallische Terra Sigillata mini|Südgallische Bilderschüssel Drag. 29 mit Rankenmotiv in der Römerhalle Bad Kreuznach
Von Italien kam die Produktion in die Nordwestprovinzen, zunächst nach Südfrankreich. Die früheste Produktion erfolgte bei Lugdunum (Lyon) als Filialbetrieb der italischen Töpfereien. Bald darauf bildeten sich große südgallische Töpferzentren, etwa in Montans, La GraufesenqueFrédéric Hermet: La Graufesenque (Condatomago) I-II (Paris 1934). oder Banassac. Sie stellten zunächst wie in Lyon Gefäße nach italischen Vorbildern her, um dann eigene Formen zu etablieren. Beliebte Gefäßformen der südgallischen Töpfereien sind die steilwandigen Schüsseln Dragendorff 29 und 30, später kam zu diesen verzierten Formen noch die Schüssel Drag. 37 hinzu, welche eine stärker gerundete Wandung besitzt und die Form Drag. 29 ablöste. Verzierungen bestehen häufig aus Ranken und anderen floralen Motiven.
Mittel- und ostgallische Töpfereien mini|Terra-sigillata-Gefäße, 2.–3. Jahrhundert n. Chr. im Wallenfels’schen Haus mini|Bilderschüsseln Drag. 37 im Saalburgmuseum Bad Homburg mini|Teller Dragendorff 36 mit Barbotine-Verzierung, 2. Jahrhundert n. Chr.; Vor- und Frühgeschichtliche Sammlung im Wallenfels’schen Haus in Gießen Die Produktion verlagerte sich im Verlauf des 2. Jahrhunderts n. Chr. näher zu den Absatzmärkten und den Flüssen. Bekannte Produktionsorte der mittelgallischen Töpfereien waren Lezoux, Vichy, Lubié und Toulon-sur-Allier. Ostgallische Produktionszentren waren Lavoye, La Madeleine, Chemery, Mittelbronn, BlickweilerRobert Knorr/Friedrich Sprater: Die westpfälzischen Töpfereien von Blickweiler und Eschweiler Hof. Historisches Museum der Pfalz, Historischer Verein der Pfalz, Speyer, 1927. oder Heiligenberg.Robert Forrer: Die römischen Terrasigillata-Töpfereien von Heiligenberg-Dinsheim und Ittenweiler im Elsaß. (Stuttgart 1912). Die Motive auf den Bilderschüsseln wurden lebhafter, dargestellt finden sich neben floralen Motiven häufig Tiere, Jagdszenen, mythologische oder erotische Darstellungen und Gladiatoren.
Im 3. Jahrhundert wurde die Produktion dominiert durch die Großbetriebe von Rheinzabern (Tabernae)Wilhelm Ludowici: Katalog V. Stempel-Namen und Bilder römischer Töpfer, Legions-Ziegel-Stempel, Formen von Sigillata und anderen Gefäßen aus meinen Ausgrabungen in Rheinzabern 1901–1914. Jockgrim 1927; ders.: Katalog VI meiner Ausgrabungen in Rheinzabern 1901–1914. Die Bilderschüsseln der römischen Töpfer von Rheinzabern. Tafelband. Bearbeitet von Heinrich Ricken, Darmstadt 1942 (Digitalisat); Heinrich Ricken: Die Bilderschüsseln der römischen Töpfer von Rheinzabern. Textband mit Typenbildern zu Katalog VI der Ausgrabungen von W. Ludowici in Rheinzabern 1901–1904. Bearbeitet von Ch. Fischer. Frankfurt 1963. und Trier (Augusta Treverorum),Ingeborg Huld-Zetsche: Trierer Reliefsigillata: Werkstatt I. Materialien zur römisch-germanischen Keramik 9 (Habelt, Bonn 1972); dieselbe: Trierer Reliefsigillata: Werkstatt II. Materialien zur römisch-germanischen Keramik 12 (Habelt, Bonn 1993). die vor allem über gute Transportmöglichkeiten und Rohstoffe verfügten. Der Terra-Sigillata-Produktion in Rheinzabern widmet sich das Terra-Sigillata-Museum, wo zahlreiche Produktionsfunde ausgestellt werden. Das Wissen um die Herstellung der Punzen scheint in dieser Zeit allmählich verloren gegangen zu sein. Deren Qualität lässt im Verlauf des 3. Jahrhunderts nach, wie die der Ware insgesamt. Der Überzug ist bei TS-Funden des 3. Jahrhunderts oft abgerieben. Die Form der Punzen wird durch häufige Abformungen grobschlächtiger. Statt der Punzen wird nun sogenannte Barbotine-Verzierung häufig verwendet – Spritzer von sehr fein geschlämmtem Ton, mit dem man rundplastische Verzierungen auf die Gefäße auftrug. Das Aufkommen von TS-Reibschüsseln (mit Ausguss und feinem Gries auf der Innenseite; meist Drag. 43 und 45) lässt auf eine Änderung der Speisegewohnheiten schließen, nämlich das Zubereiten der Speisen bei Tisch.