Die Geschichte Belgiens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des Königreiches Belgien von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Der moderne belgische Staat spaltete sich 1830 nach der Belgischen Revolution vom Königreich der Vereinigten Niederlande ab. Davor gehörte das Gebiet als Ganzes oder in Teilen zu verschiedenen europäischen Reichen und führte oft „Niederlande“ als Namensbestandteil in seinen Namen.

Territoriale Entwicklung Das Gebiet des heutigen Belgien wurde im ersten Jahrhundert vor Christus Teil des Römischen Reiches, später der römischen Provinzen Belgica, Belgica II und Germania Inferior. Die dort siedelnden keltischen Gruppen wurden im Laufe der Zeit romanisiert.

Im 5. Jahrhundert nach Christus zerfiel die römische Herrschaft. Das heutige Belgien und benachbarte Regionen wurden zum Ausgangspunkt und Kernland eines neuen Reiches, das die europäische und globale Geschichte nachhaltig prägen sollte – das Fränkische Reich. Die zwischen Ärmelkanal und Alpen entstehende romanisch-germanische Sprachgrenze bildete sich eher unabhängig von Staats- und Verwaltungsgrenzen und verlief quer durch das Reich (Belgien, Lothringen, Vogesen, Schweiz), in etwa dem heutigen Verlauf der Sprachgrenzen entsprechend.

Nach den fränkischen Reichsteilungen im 9. Jahrhundert gehörten die größten Teile der Grafschaft Flandern – und damit das westliche Belgien – zum Westfrankenreich, aus dem das Königreich Frankreich wurde. Diese Grafschaft Flandern hatte einen anderen Zuschnitt als das heutige Flandern und beinhaltete im Süden auch das Artois. Das mittlere und östliche Belgien kam als Teil Niederlothringens zum Ostfränkischen Reich, aus dem im 10. Jahrhundert das Heilige Römische Reich (HRR) hervorging.

Aufgrund der schwächer werdenden Zentralgewalt im HRR bildeten sich stärker werdende regionale Territorien. Im Bereich des heutigen Belgien waren dies z. B. die Herzogtümer Brabant und Luxemburg, die Grafschaften Hennegau und Namur, das Hochstift Lüttich und das Hochstift Cambrai. Ab 1384 und im 15. Jahrhundert kamen viele dieser Herrschaften zum rasch aufstrebenden Staat des Hauses Burgund, der sich aber nicht nur im HRR, sondern auch im Königreich Frankreich ausbreitete. Er vereinigte das französische Flandern mit den Territorien des Heiligen Römischen Reiches unter einer Herrschaft. Der entstehende Herrschaftskomplex der Burgundischen Niederlande umfasste in etwa das heutige Benelux, aber nicht das Hochstift Lüttich im östlichen Belgien. Im Süden der Grafschaft Flandern entstand die Grafschaft Artois.

Nach dem Ende Burgunds 1477 kamen die Burgundischen Niederlande an das Haus Habsburg. Für die später belgischen Gebiete begann damit eine mehr als 300-jährige habsburgische Ära. Bei der Einteilung des HRR in Reichskreise, Ende des 15. Jahrhunderts, wurden die Gebiete im Burgundischen Reichskreis organisiert.

1556, also mitten im Zeitalter der Reformation, teilte sich die Familie Habsburg in eine österreichische und eine spanische Linie. Die Burgundischen Niederlande fielen an die spanische Linie, weswegen man fortan von den Spanischen Niederlanden spricht. Deren nördliche, nicht katholisch gebliebenen Provinzen (z. B. Holland, Zeeland, Utrecht, Gelderland, Friesland) spalteten sich ab 1559 ab und erreichten schließlich 1648 die Unabhängigkeit – Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, Ursprung der heutigen Niederlande. Zwischen 1659 und 1679 fielen verschiedene Gebiete der verbliebenen Spanischen Niederlande im Süden an Frankreich, vor allem das Artois sowie Südflandern mit Dünkirchen, Lille, Cambrai und Thionville (Diedenhofen). In dieser Zeit wurden die Grenzen des heutigen Belgiens im Wesentlichen geprägt, denn die Staatsgrenzen, die bei der Unabhängigkeit der nördlichen Niederlande und bei den französischen Eroberungen entstanden, entsprachen überwiegend dem Verlauf der heutigen belgischen Staatsgrenzen im Norden und Süden.

Die verbliebenen Spanischen Niederlande – in etwa Belgien und Luxemburg – bildeten nun einen westlichen Ausläufer des Heiligen Römischen Reiches. Nach über 150 Jahren spanischer Regierung kam das Gebiet 1713 von der spanischen Linie der Habsburger zur österreichischen Linie. Das nun Österreichische Niederlande genannte Gebiet bildete einen weitgehend selbständig verwalteten Staat, der in Personalunion mit den anderen österreichisch-habsburgischen Ländern verbunden war. Neben England wurde das heutige Belgien Kernland der Industriellen Revolution.

Aufgrund der Auswirkungen der Französischen Revolution endete 1795 nach 82 Jahren die Zugehörigkeit zu Österreich, und das Gebiet wurde für 20 Jahre Teil Frankreichs („Franzosenzeit“). 1806 wurde das nur noch formell existierende HRR durch Kaiser Franz II. aufgelöst. Auch die anderen Gebiete des HRR im heutigen Belgien, vor allem das Hochstift Lüttich, waren bereits Teil Frankreichs geworden. Nach dem Zerfall des Napoleonischen Reiches wurde 1815 fast der gesamte heutige Beneluxraum auf dem Wiener Kongress zu den neuen Niederlanden vereinigt. Im Südosten der Niederlande wurde das Großherzogtum Luxemburg eingerichtet, mehr als doppelt so groß wie das heutige Luxemburg, aber kleiner als das mittelalterliche und frühneuzeitliche Herzogtum. Es wurde nicht nur Teil der Niederlande, sondern auch Mitglied des Deutschen Bundes. Bundesherr für Luxemburg war der niederländische König in seiner Eigenschaft als Großherzog.

Bereits 1830 spalteten sich weite Teile im Süden der Niederlande ab und schufen den heutigen Staat Belgien. Luxemburg hingegen blieb mit den Niederlanden in Personalunion verbunden. 1839 kamen größere Gebiete Luxemburgs und Limburgs an Belgien. Der Rest Luxemburgs (der Ostteil) verblieb bis 1867 im Deutschen Bund. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1920 kleinere Gebiete Preußens um Eupen und Malmedy im Friedensvertrag von Versailles an Belgien abgetreten und werden als Ostbelgien bezeichnet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Belgien wiederum Kernland eines historischen Prozesses, nämlich der Entwicklung der Europäischen Union (EU). 1944/1960 wurde der Benelux-Verbund geschaffen. Die Hauptstadt Belgiens, Brüssel, wurde zum Sitz der Exekutive der EU, und gehört damit zusammen mit Luxemburg (Judikative) und Straßburg (Legislative) zu den Hauptstädten der EU.

Geschichte Belgiens bis zum Ende des Mittelalters Ur- und Frühgeschichte mini|In Belgien gefundene Feuersteinklingen Frühe Werkzeuge von Jägern des späten Homo erectus (= Homo heidelbergensis) werden auf ein Alter von rund 500.000 Jahren datiert. Viele archäologische Funde an der Maas zeugen von der Besiedlung durch den Neandertaler. Durch diese rund 50.000 Jahre alten Funde in der Grotte von Spy und in Engis (genannt Engis 2) gilt Belgien als ein Hauptfundort des klassischen Neandertalers.Friedemann Schrenk: Die Neandertaler. Verlag C.H.Beck, München 2005, ISBN 3-406-50873-1, S. 179.

In der Jungsteinzeit entstanden um etwa 4000 v. Chr. erste feste Siedlungen und die Megalithanlagen bei Wéris. Während der Eisenzeit waren die Hallstatt-Kultur (800–500 v. Chr.) und die keltische La-Tène-Kultur die wichtigsten Kulturen im Lande.

Römisches Reich Die Gebiete des heutigen Belgiens wurden als Teil des größeren Gallischen Krieges von 57 bis 51 v. Chr. durch Julius Caesar erobert, der in seinem De bello Gallico den Begriff der Belgae überhaupt erst geprägt hatte. Im Jahr 57 v. Chr. attackierten römische Truppen erstmals das Gebiet der von Caesar als Belgae definierten Stammesgruppen und schlug dabei die Nervier und später die Aduatuker vernichtend. Im Jahr 54 v. Chr. wurde die römische Vorherrschaft in der Region durch einen schweren Aufstand erschüttert, da sich die von Ambiorix geführten Eburonen und die zuvor mit Caesar verbündeten Treverer gegen das Römische Reich auflehnten. Caesars Truppen vermochten es in der Zeit zwischen 54 und 52 v. Chr. nicht, dem Aufstand Herr zu werden; Ambiorix wurde im Belgien des 19. Jahrhunderts zum Nationalhelden im Kampf gegen die Fremdherrschaft verklärt. Einige Belgae-Gruppen wie die Atrebaten und die Menapier schlossen sich auch dem großen Gallieraufstand unter Führung von Vercingetorix an, der in der Schlacht um Alesia von den Römern niedergeschlagen wurde. Die meisten Informationen über die 50er-Jahre v. Chr. stammen aus Caesar selbstherrlicher Propagandaschrift De bello Gallico; archäologische Funde von Caesars Legionen in Belgien sind selten geblieben. Fast alle in De bello Gallico im Gebiet der Belgae genutzten Ortsbezeichnungen können nicht klar zugeordnet werden und sind in ihrer Bedeutung unter belgischen Lokalhistorikern umstritten.

Auch nach dem Ende des Gallischen Krieges blieb das Belgae-Gebiet für die römische Besatzungsmacht nicht unproblematisch: In den Jahren 31/30 v. Chr. erhoben sich die Treverer, in den Jahren 30/29 v. Chr. die Moriner gegen die römische Herrschaft. Beide Aufstände wurden von römischen Truppen niedergeschlagen. Die unter schwerer Steuerlast lebenden Belgae beteiligten sich auch am Aufstand von 21 n. Chr., in dem der Treverer-Fürst Iulius Florus eine Führungsrolle spielte. Fünf Jahrzehnte später folgte um 70 n. Chr. ein weiterer großer Aufstand der weiter nördlich lebenden Bataver unter Führung von Iulius Civilis. Auf die Niederschlagung dieses Bataveraufstands folgte im heutigen Belgien etwa ein Jahrhundert der Pax Romana, bis im frühen 3. Jahrhundert weitere Germaneneinfälle den Frieden wiederum bedrohten. mini|Römische Rheingrenze, ca. 70 n. Chr. In der Herrschaftszeit von Kaiser Augustus (27 v. Chr. – 14 n. Chr.) wurde im Kerngebiet der belgischen Stämme die Provinz Gallia Belgica gegründet, die bis zur Gründung der Provinzen Germania superior und Germania inferior in den 80er-Jahren auch bis ans linke Rheinufer heranreichte. In der augustinischen Zeit endeten auch die römischen Versuche, das Römische Reich dauerhaft östlich des Rheins festzusetzen, womit der Rhein endgültig zur Reichsgrenze wurde, die befestigt werden musste. Die Hauptstadt der Provinz war Reims. Eine weitere Gebietsreform wurde unter Kaiser Diokletian kurz vor Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. durchgeführt, wobei Gallia Belgica gespalten und in die zwei neuen Provinzen Belgica prima und Belgica secunda aufgespalten wurde. Gleichzeitig wurden Germania superior und Germania inferior zu Germania prima und Germania secunda. Das Gebiet des heutigen belgischen Staates war dabei hauptsächlich auf die Gebiete von Belgica secunda im Westen und Germania secunda im Osten verteilt; das hauptsächlich im heutigen Ostfrankreich und Südwestdeutschland liegende Belgica prima hatte mit dem heutigen Belgien nur winzige Gebietsübereinstimmungen in den Ardennen. Die meisten größeren Siedlungen des römischen Belgica entsprechen Städten im heutigen Frankreich oder Deutschland (Reims, Trier, Bavay, Cassel), wobei Atuatuca Tungrorum, das heutige Tongern, eine der wenigen größeren Ausnahmen darstellt. Atuatuca Tungrorum war das einzige municipium und mit Sicherheit die größte Stadt der Römerzeit auf dem Gebiet des heutigen belgischen Staates.

Kulturell verbreitete sich durch den Einfluss des Römischen Reiches die gallo-römische Mischkultur unter der Bevölkerung des heutigen belgischen Territoriums. Die größte Siedlung, Atuatuca Tungrorum, zeigte den für die römische Städtebauweise typischen Grundriss mit Forum sowie römische religiöse Kultorte, Thermen, Wohnhäuser und Grabstätten. Die Stadt wuchs bis ins Jahr 150 auf etwa 8000 Einwohner. Weiter südlich lag in den heutigen belgischen Ardennen die Ortschaft (vicus) Orolaunum, das heutige Arlon.