Ein Psychiater („Seelenarzt“; aus griechisch psychē „Seele, Leben“ und iatros „Arzt“) bzw. eine Psychiaterin hat ein Medizinstudium absolviert und zusätzlich eine mehrjährige Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie abgeschlossen. Nach der Facharztprüfung können Psychiater als ärztliche Psychotherapeuten arbeiten, oder sich mit der medizinischen Diagnose, Behandlung oder Erforschung von psychischen Störungen beschäftigen. Psychiater sind Ärzte und berechtigt, Medikamente wie Neuroleptika und Antidepressiva zu verschreiben und haben die Möglichkeit, die Einweisung von Patienten in Psychiatrien zu veranlassen.Psychologe, Psychiater, Psychotherapeut Stiftung Gesundheitswissen, aufgerufen am 14. März 2022
Abgrenzungen Die Behandlung psychischer Störungen erfolgt durch Psychiater und Psychotherapeuten. Unter Laien werden die Berufsbezeichnungen Psychotherapeut, Psychologe und Psychiater fälschlicherweise häufig gleichgesetzt und synonym verwendet.Vgl. auch Kirsten von Sydow: Das Image von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern in der Öffentlichkeit. Ein systematischer Forschungsüberblick. In: Psychotherapeut. Band 52, 2007, S. 322–333. Diese Berufsgruppen unterscheiden sich in Ausbildung und Berufsbild jedoch deutlich voneinander.
Unterschied Psychiater – Psychotherapeut – Psychologe in Deutschland
Psychiater sind Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Psychotherapie ist in Deutschland seit 1994 obligatorisch in die Facharztausbildung der Psychiater mit aufgenommen. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist abzugrenzen von den beiden anderen psychotherapeutischen Fachärzten (dem Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und dem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie). In Deutschland bemisst sich das Honorar für psychiatrische Behandlungen – anders als bei Psychotherapie – nicht nach Gesprächszeit, sondern nach der Zahl der Patienten pro Stunde. Psychotherapeuten sind meist Psychologen oder Ärzte, die eine Zulassung zur Heilkunde besitzen (Approbation) und Psychotherapie im Sinne des Psychotherapeutengesetzes ausüben dürfen. Dies umfasst Diagnose, Prognose, Indikation und Behandlung psychischer Beschwerden mit Krankheitswert mittels wissenschaftlich anerkannter Methoden der Psychotherapie.Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Durchführung der Psychotherapie (Psychotherapie-Richtlinie). Abgerufen am 31. März 2014. Abgerufen am 31. März 2014. Psychologen sind hingegen Personen, die ein Studium der Psychologie mit einem Diplom- oder Masterabschluss beendet haben. Die Berufsbezeichnungen Psychologe, Diplom-Psychologe, sowie diverse „Bindestrich-Psychologen“ (z. B. Sozialpsychologe) sind seit 1985 in Deutschland geschützt. Psychologen mit akademischem Abschluss müssen eine Ausbildung zum Psychotherapeuten an ihr Studium anschließen und eine Approbation erwerben, wenn sie heilkundliche Psychotherapie gem. Psychotherapeutengesetz ausüben wollen. Sie können aber auch auf zahlreichen anderen Berufsfeldern tätig werden (wie z. B. in der Wirtschaft, im Personalbereich, in der Forschung, als Verkehrspsychologe oder in Beratungsstellen).Berufs-Chancen-Check Psychologe, Psychologin. Bildung und Wissen, Nürnberg 1999, ISBN 3-8214-8244-3.
Frühere bzw. auslaufende Berufsbezeichnungen Eine historische Bezeichnung des Berufes ist Irrenarzt, in Deutschland entstand später die Bezeichnung Nervenarzt. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie wurde 1988 zunächst abgeschafft. Bei Inkrafttreten der neuen Weiterbildungsordnungen für Ärzte im Jahr 1989 galten folgende Übergangsbestimmungen: hier der Ärztekammer Berlin. Wer die Bezeichnung „Psychiater“ oder „Arzt für Psychiatrie“ oder „Arzt für Neurologie und Psychiatrie“ führte, konnte sie beibehalten. Auf Antrag erhielt er das Recht, die Facharztbezeichnung „Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie“ zu führen, wenn er die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ führen durfte, die eine entsprechende Weiterbildung vorausgesetzt hat. 1992 wurde der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie wieder eingeführt.
Wer die Facharztbezeichnung für „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ und die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ führte, erhielt auf Antrag das Recht, die Facharztbezeichnung „Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie“ zu führen. Wer bei Inkrafttreten der Weiterbildungsordnung die Subspezialisierungsbezeichnung Kinderneuropsychiatrie in Verbindung mit der Facharztbezeichnung Neurologie und Psychiatrie oder der Facharztbezeichnung Kinderheilkunde und außerdem die Bezeichnung Facharzt für Psychotherapie führte, erhielt auf Antrag das Recht, die Bezeichnung „Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie“ zu führen.
Wer bei Inkrafttreten der Weiterbildungsordnung die Zusatzbezeichnungen „Psychoanalyse“ oder „Psychotherapie“ führte, konnte sie beibehalten. Er erhielt auf Antrag das Recht, die Bezeichnung „Facharzt für Psychotherapeutische Medizin“ zu führen, wenn er nach Erwerb der Zusatzbezeichnung über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren überwiegend Psychotherapie ausgeübt hat.
Forensische Psychiatrie Ein Teilgebiet der Psychiatrie wie der Rechtsmedizin ist die forensische Psychiatrie, die sich mit dem Grenzgebiet von Psychiatrie und Recht befasst. Dazu gehören juristische Fragen wie die Beurteilung der Schuldfähigkeit von Straftätern, aber auch Gutachten im Hinblick auf die Unterbringung in geschlossenen Anstalten oder die Betreuung von (mutmaßlich) psychisch Kranken.
Bekannte Psychiater Name geb. gest. Ort Land Bemerkungen Philippe Pinel 1745–1826 FR „Irrenbefreier“, Mitbegründer der wissenschaftlichen Psychiatrie Johann Christian Reil 1759–1813 DE Begründer der Allgemeinen und Integrativen Psychiatrie und Psychotherapie Jean-Étienne Esquirol 1772–1840 FR Schüler Pinels, Begründer der Monomanielehre Ernst Gottlob Pienitz 1777–1853 DE Psychiatriereformer Peter Willers Jessen 1793–1875 DE in Schleswig Direktor des ersten psychiatrischen Krankenhauses im deutschsprachigen Raum, zwangfreie Behandlung Heinrich Hoffmann 1809–1894 DE Autor des Struwwelpeters Wilhelm Griesinger 1817–1868 Burghölzli CH naturwissenschaftliche Psychiatrie Karl Ludwig Kahlbaum 1828–1899 DE neue Gliederung der Krankheitsbilder Richard von Krafft-Ebing 1840–1902 DE Sadismus und Masochismus Paul Flechsig 1847–1929 Leipzig DE Neuroanatomie Auguste Forel 1848–1931 Burghölzli CH Paul Näcke 1851–1913 DE Narzissmus, Homosexualität keine Krankheit Emil Kraepelin 1856–1926 DE Otto Binswanger 1852–1929 Jena DE Eugen Bleuler 1857–1939 Burghölzli CH Julius Wagner-Jauregg 1857–1940 AT Alois Alzheimer 1864–1915 DE Alzheimersche Krankheit Alfred Hoche 1865–1943 DE Karl Bonhoeffer 1868–1948 DE Hans Berger 1873–1941 Jena DE Elektroenzephalographie Karl Wilmanns 1873–1945 DE Carl Gustav Jung 1875–1961 Burghölzli CH Analytische Psychologie Oswald Bumke 1877–1950 DE Nachfolger von Alzheimer in Breslau, Kraepelin in München und Flechsig in Leipzig; Bruder von Erwin Bumke Edmund Forster 1878–1933 DE Karl Jaspers 1883–1969 DE Johannes Heinrich Schultz 1884–1970 DE Hans Prinzhorn 1886–1933 DE Arthur Kronfeld 1886–1941 DE Kurt Schneider 1887–1967 DE Théophile Alajouanine 1890–1980 FR Walter Ritter von Baeyer 1904–1987 DE Viktor Frankl 1905–1997 Wien AT Logotherapie und Existenzanalyse Eric Berne 1910–1970 USA Transaktionsanalyse Heinz Kohut 1913–1981 USA Selbstpsychologie Detlev Ploog 1920–2005 DE Thomas Szasz 1920–2012 USA radikaler Kritiker psychiatrischer Zwangsinterventionen Erwin Ringel 1921–1994 AT Leo Navratil 1921–2006 AT Kunst von Patienten in geschlossenen psychiatrischen Kliniken Franco Basaglia 1924–1980 Venedig IT betrieb die Schließung der Irrenanstalten in Italien Hanns Hippius 1925–2021 München DE Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie Frantz Fanon 1925–1961 FR Elisabeth Kübler-Ross 1926–2004 CH Sterbebegleitung Ronald D. Laing 1927–1989 UK Otto F. Kernberg 1928– USA Narzissmus, Objektbeziehungstheorie, Borderline Ambros Uchtenhagen 1928–2022 Burghölzli CH Sozialpsychiatrie Alexander Friedmann 1948–2008 RO Wiktor Skumin 1948– RU
In anderem Zusammenhang bekannt gewordene Psychiater Radovan Karadžić (* 1945; wurde vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Völkermord zu 40 Jahre Gefängnis verurteilt) John Karl Friedrich Rittmeister (1898–1943), hingerichtet im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee, als einziger deutscher Psychiater und Therapeut wegen seiner aktiven Widerstandstätigkeit gegen die Nationalsozialisten Hoimar von Ditfurth (1921–1989), Professor für Psychiatrie und Fernsehjournalist (Querschnitte mit dem Physiker Volker Arzt), Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bestseller (Am Anfang war der Wasserstoff u. v. a. m.)
Literatur Johannes Pantel: Neurologie, Psychiatrie und Innere Medizin. Verlauf und Dynamik eines historischen Streites. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, Band 11, 1993, S. 77–99. Theodor Kirchhoff (Hrsg.): Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens. Hrsg. mit Unterstützung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München sowie zahlreicher Mitarbeiter. 2 Bände. Berlin 1921–1924. Kurt Kolle (Hrsg.): Große Nervenärzte. 3 Bände. Stuttgart: Thieme 1956–1963; 2. Auflage ebenda 1970. Karl Seidel, H. A. F. Schulze, Gerhard Göllnitz, Hans Szewczyk (Hrsg.): Neurologie und Psychiatrie einschließlich Kinderneuropsychiatrie und Gerichtliche Psychiatrie. Studentenlehrbuch. Berlin 1977; 4. Auflage ebenda 1988.
Weblinks
Die Berufsverbände und Fachgesellschaften für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie
Einzelnachweise
Kategorie:Hochschulberuf