mini|Händeschütteln Das Händeschütteln (auch: der Handschlag) ist eine aus dem Alten Orient stammende Geste.Robert Rollinger, Hermann Niedermayr: Von Assur nach Rom: Dexiosis und Staatsvertrag - Zur Geschichte eines rechtssymbolischen Aktes. In: Robert Rollinger und Heinz Barta (Hrsg.): Rechtsgeschichte und Interkulturalität (= Philippika. Marburger altertumskundliche Abhandlungen. Bd. 19). Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2007, S. 140. Während der Handschlag als nonverbales Begrüßungs- und Verabschiedungsritual in der westlichen Welt weit verbreitet ist, wird das Geben und Schütteln der Hände in anderen Kulturen wie der islamischen aus religiösen Gründen nicht zwischen den Geschlechtern praktiziert. Einst in China und JapanOehlschlagel, Reinhard: Praxisrelevante Hinweise zur Geschäftsmentalität in Japan. In: Oded Löwenbein und Folker Roland (Hrsg.): Wirtschaftliche Aspekte Japans und Deutschlands im Vergleich (= Harzer wirtschaftliche Schriften). Deutscher Universitäts Verlag, Wiesbaden 1996, ISBN 978-3-8244-6379-4, S. 156. unbekannt und weiterhin unüblich, wird die Geste aus Freundlichkeit gegenüber Europäern und US-Amerikanern vollzogen. Zumeist beschränkt sich das Händegeben auf dem indischen Subkontinent auf Begegnungen unter Männern.
Zu unterscheiden ist das Schütteln der Hände vom Händchenhalten, das je nach Kultur eine Ausdrucksform für die Zuneigung zwischen zwei Menschen darstellt oder unbekannt ist. Das Händeschütteln ist eine Geste, die einer differenzierten Einordnung bedarf, denn in den Vereinigten Staaten gilt ein kräftiger Händedruck gewöhnlich als Zeichen für Selbstbewusstsein, Kraft und Willensstärke, dagegen wird in der arabischen Welt der schwache Händedruck als Freundlichkeit gedeutet.
Ebenso wie viele andere Begrüßungszeremonien wird es normalerweise mit der rechten Hand ausgeführt, außer beim Handschlag des Pfadfindergrußes, dort mit der Linken. Die Hände umfassen sich dabei für einige Sekunden und werden oft rhythmisch auf und ab bewegt. Fehlt diese Bewegung, wird mitunter auch vom Händedruck gesprochen. Ein Vorläufer dürfte das Winken sein, welches ursprünglich wohl dazu diente, dem Gegenüber die leere Waffenhand zu präsentieren. Beim Händeschütteln kommt noch der unmittelbare Körperkontakt hinzu. Als noch intimer können – je nach Kultur – die Umarmung und der Wangenkuss gesehen werden.
Das Händeschütteln ist eine symbolische Geste; in der Mediengesellschaft wird sie auf Wunsch von Kameraleuten und Fotografen mitunter auch mehrmals wiederholt.
Aus gesundheitlicher Sicht ist das Händeschütteln insbesondere mit Personen, die nicht dem eigenen Haushalt angehören, aus Gründen des Infektionsschutzes umstritten. Insbesondere durch Schmierinfektion übertragene Erreger werden durch Händeschütteln weitergegeben. Im Zuge der weltweiten COVID-19-Pandemie 2020 wurde vermehrt zum Verzicht auf das Händeschütteln aufgerufen. Als Alternative wurde z. B. der Faustgruß praktiziert. Prominente und Spitzenpolitiker, die als Begrüßungsform weiterhin das Händeschütteln öffentlich praktizierten, waren Kritik ausgesetzt.Anette Röckl: Coronavirus: Warum wir aufs Händeschütteln verzichten sollten. Nordbayern, 11. März 2020, abgerufen am 18. März 2020.Rutte und die Virus-Etikette: Der Handshake-Fail. In: Der Spiegel Online, 10. März 2020, abgerufen am 18. März 2020.
Hintergrund Beim Händeschütteln nehmen die Beteiligten eine Geruchsprobe des Gegenübers. Die Neurowissenschaftler Idan Frumin und Noam Sobel vom Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rechovot kamen in ihren Untersuchungen zum Ergebnis, dass Menschen häufig eine Hand zum Gesicht führen, nachdem sie jemanden begrüßt hatten. Grund hierfür ist die Analyse der beim Händeschütteln übermittelten körpereigenen Duftstoffe.
Praktik mini|Verbrüderungshände mit Auge Gottes. Freimaurersymbol, Österreich um 1800
Alter Orient und Antike mini|Griechisches Grabrelief des Thraseas und der Euandria, Antikensammlung Berlin im Pergamonmuseum (Sk 29), ca. 375–350 v. Chr. mini|Aureus des römischen Kaisers Nerva, ca. 97 n. Chr. Handschlag als Symbol der Eintracht zwischen Kaiser und Militär. Im Alten Orient war das Geben der Hände und der Händedruck Teil der symbolischen Herrschaftspraxis. Hierbei konnten sie eine Bitte oder die Allianz zwischen zwei oder mehreren Herrschern bedeuten.Silke Knippschild: Drum bietet zum Bunde die Hände. Rechtssymbolische Akte in zwischenstaatlichen Beziehungen im orientalischen und griechisch-römischen Altertum (= Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge. Bd. 5). Dissertation. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2002, S. 16–18. Die älteste Darstellung eines Händedrucks, der Dexiosis, ist die zwischen dem Assyrerkönig Salmānu-ašarēd III. und dem babylonischen König Marduk-zākir-šumi I. (um 850 v. Chr.). Die Darstellung wurde das Vorbild zahlreicher späterer griechischer und römischer Reliefs. Auf hellenistischenKarsten Dahmen: The Legend of Alexander the Great on Greek and Roman Coins. Routledge, London und New York 2007, S. 29. und römischen Münzen lässt sich das Händeschütteln wie auf älteren assyrischen und persischen Reliefs als Symbol der Eintracht, teils der Verbundenheit zweier symbolisch dargestellter Orte oder politischer Akteure wie mythologischer Heroen interpretieren.Robert Rollinger und Hermann Niedermayr: Von Assur nach Rom: Dexiosis und Staatsvertrag - Zur Geschichte eines rechtssymbolischen Aktes. In: Robert Rollinger und Heinz Barta (Hrsg.): Rechtsgeschichte und Interkulturalität (= Philippika. Marburger altertumskundliche Abhandlungen. Bd. 19). Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2007, S. 136, 143 u. 154–156. In der Zeit der Republik war die Geste nur bei einem Wiedersehen nach längerer Abwesenheit oder als Ausdruck besonderer Verbundenheit üblich. Erst in der Kaiserzeit wurde sie gängiger.Karl-Wilhelm Weeber: Alltag im alten Rom. Ein Lexikon, s. v. Begrüßung. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1998, S. 47. Im Neuen Testament wird im Brief des Paulus an die Galater (ca. 50 n. Chr. verfasst) erwähnt, dass Paulus beim Abschied in Jerusalem die „rechte Hand der Freundschaft“ gereicht wurde. In seine heutige Form kam der Brauch vermutlich durch die Quäker im 17. Jh. als eine vereinfachende und gleichstellendere Form der Begrüßung (Etikette).
Deutschland mini|Händeschütteln zwischen den Kapitänen zweier Mannschaften
Das Reichen, Drücken und Schütteln der Hände hat eine lange Tradition, die auch in Deutschland bis zum Frühmittelalter reicht.Dmitri Zakharine: Von Angesicht zu Angesicht. Der Wandel direkter Kommunikation in der west- und osteuropäischen Neuzeit. Habilitationsschrift. UVK Verlag, Konstanz 2005, S. 565. Der Handschlag war bis ins 20. Jahrhundert primär eine Geste des Vertragsschlusses. Als Begrüßung war es ein Zeichen der Freundschaft und Gleichrangigkeit unter Männern, während Höherrangige durch Verbeugung und das Ziehen des Hutes und Frauen durch Handkuss gegrüßt wurden.
Im 19. Jahrhundert wurde das Händeschütteln in der deutschen Arbeiterbewegung zum Zeichen der Solidarität. Die 1873 geweihte Parteifahne des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins trug auf rotem Grund oben die goldene Inschrift „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und unten „Einigkeit macht stark!“. In der Mitte war das Emblem der Arbeitersolidarität; zwei sich reichende Hände, geschmückt von einem Eichenkranz mit goldener Schleife und der Inschrift „23. Mai 1863, Ferdinand Lassalle“. mini|Emblem der SED Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Händeschütteln durch den Hitlergruß ersetzt, der von den Nationalsozialisten als „Deutscher Gruß“ bezeichnet wurde. In der DDR wurde das Symbol der Arbeiterschaft in das Parteisignet der SED aufgenommen. Der Händedruck sollte dabei die Einheit der Arbeiterbewegung und die Überwindung der Spaltung symbolisieren – bereits zu Zeiten Lassalles mehr Hoffnung als Realität. Tatsächlich erfolgte die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED gegen den Widerstand zahlreicher Sozialdemokraten. Die zeitgenössische, stilisierte Grafik wurde im Volksmund auch als „abgehackte Hände“ verspottet.Elke Becker und Ute Nestler: DDR-Slang das andere Deutsch (= Kauderwelsch. Bd. 50), Reise Know-how, Berlin 1995, S. 24.
Während sich die normative Funktion des Händeschüttelns in Westdeutschland (Bundesrepublik Deutschland) seit der 68er-Bewegung erheblich verringert hat, wurde sie in der DDR eher noch gesteigert (z. B. individuelles Händeschütteln auch beim Hinzukommen zu größeren Gruppen). Eine Umfrage ergab 2009, dass 70 Prozent der Ostdeutschen ihre Freunde und Bekannten mit Handschlag begrüßen, bei Westdeutschen sind es dagegen nur etwa 40 Prozent.Christine Hoffmann: Das sind die Unterschiede in Ost und West. In: Welt Online, 4. Juni 2009, abgerufen am 6. Mai 2017.
2017 führte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) das Händeschütteln zur Begrüßung in seinem Zehn-Punkte-Katalog zu einer deutschen Leitkultur auf, an die sich alle Einwanderer anzupassen hätten.De Maizières Leitkultur-Richtschnur. Tagesschau.de, 2. Mai 2017, abgerufen am 6. Mai 2017.
Zu Beginn der COVID-19-Pandemie riet das Robert Koch-Institut im März 2020 dringend dazu, auf Händeschütteln zu verzichten.Wie lange bleibt das Virus in der Luft aktiv? Bundesministerium für Gesundheit.
Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg (VGH) wies 2020 die Klage eines Libanesen ab, der aufgrund eines 2015 ausgebliebenen Handschlags mit einer Sachbearbeiterin schließlich nicht eingebürgert wurde. Der VGH begründete dies mit dem § 10 des Staatsangehörigkeitsgesetzes, wonach die „tätige Einordnung in die elementaren Grundsätzen des gesellschaftlich-kulturellen Gemeinschaftslebens“ vorausgesetzt werde. Weiterhin ließe die Weigerung nach Interpretation des Gerichts Rückschlüsse auf eine fundamentalistische Kultur- und Wertevorstellung zu. Januar 2024 kündigte die Bundesregierung an, das Händeschütteln nicht länger als Erfordernis für die Einbürgerung zu betrachten, nachdem bekannt geworden ist, dass der Handschlag zwischen den Geschlechtern bei orthodoxen Juden unüblich ist.
Handschlagverweigerung