mini|Alexandra Stepanoff spielt ein Theremin für NBC Radio im Jahr 1930. mini|Modernes Theremin mini|Theremin-Klangbeispiel in mittlerer Tonhöhe (Ausschnitt aus dem Choral Wohl mir, dass ich Jesum habe von J. S. Bach)

Das Theremin (ursprünglich Aetherophon, weitere Synonyme: Thereminvox, Thereminovox, Termenvox, Ätherwelleninstrument und Ätherwellengeige) ist ein 1920 erfundenes elektronisches Musikinstrument. Es ist das einzige verbreitete Musikinstrument, das berührungslos gespielt wird und dabei direkt Töne erzeugt. Sein Name geht auf den Erfinder, den Russen Lew Termen, zurück, der sich in den USA Leon Theremin nannte.

Beim Theremin steuert die Position der Hände gegenüber zwei Elektroden (als „Antennen“ oder Spielantennen fungierende Metallstäbe als Hochfrequenzsender) die Tonhöhe sowie die Lautstärke (siehe Funktionsweise). Die Ausgabe des Tones erfolgt nach Verstärkung über einen Lautsprecher. Obwohl das Theremin in vielerlei Hinsicht eine Pionierrolle im Instrumentenbau einnahm, blieb sein Gebrauch auf musikalische Nischen beschränkt. Dabei kam es in so verschiedenen Bereichen wie Neuer Musik, Science-Fiction-Filmen und experimenteller Pop-Musik zum Einsatz. Erst seit den 1990er Jahren hat es sich etwas popularisiert.

Eine besondere Rolle in der Musikgeschichte nahm das Theremin durch den Instrumentenbauer Robert Moog ein. Dieser baute in seiner Jugend Theremine und nutzte die dort gewonnenen Erfahrungen zur Entwicklung seiner Synthesizer.

Spielweise mini|Lidija Kawina spielt auf dem Theremin. Das Theremin wird durch den Abstand beider Hände zu zwei Antennen berührungsfrei gespielt, wobei eine Hand die Tonhöhe, die andere die Lautstärke verändert. Rechtshänder beeinflussen dabei normalerweise mit der rechten Hand die Tonhöhe und mit der linken die Lautstärke. Bei einem Standardtheremin hat der Spieler keine optische oder haptische Rückmeldung über seine Spielweise und muss allein auf sein Gehör vertrauen. Der Einflussbereich auf die Tonhöhe beträgt etwa 40 bis 50 Zentimeter um die Antenne herum, was bedeutet, dass auch der Arm und der Körper des Spielers den Ton beeinflussen können.

Der Erfinder Lew Termen legte darauf Wert, dass das Instrument eine unendlich feine Variation der erzeugten Töne erlaubt, ohne dass der Interpret durch mechanische Einschränkungen behindert wäre. Das bedeutet für Termen eine feinere Variation in Tonhöhe und Lautstärke, als sie mit vielen mechanischen Instrumenten möglich war, aber zum Beispiel auch die Fähigkeit, einen Ton beliebig lange zu halten.Leon S. Theremin, Oleg Petrishev: The Design of a Musical Instrument Based on Cathode Relays. In: Leonardo Music Journal. Vol. 6 (1996), S. 49. Darüber hinaus ist der Ton des Theremins über einen weiten Frequenzbereich kontinuierlich veränderbar, ohne dass ein Saitenwechsel (wie z. B. bei der Violine) oder ein Wechsel der Anzahl stehender Wellen (wie bei der Posaune) erforderlich ist.

Durch das Funktionsprinzip ist eine kontinuierliche Veränderung der Tonhöhe (Glissando) möglich. Das Theremin ist daher nicht auf Tonleitern beschränkt und eignet sich auch sehr gut, um Vibrati zu erzeugen. Das Spielen einzelner, klar unterscheidbarer Töne gestaltet sich jedoch schwierig. Zudem muss der gesamte Rest des Körpers still gehalten werden. Die Klangfarbe kann über Knöpfe verändert werden.Bob Ostertag: Human Bodies, Computer Music. In: Leonardo Music Journal. Volume 12, 2002, S. 13. Da das Theremin nur akustische Rückmeldungen gibt, sich die genauen Positionen zur Tonerzeugung über die Zeit verändern und es physikalisch eigentlich nicht möglich ist, einzelne Töne zu spielen, stellte sich das Theremin über die Jahre als Instrument heraus, das relativ einfach zu erlernen, jedoch nur sehr schwierig auf hohem Niveau zu meistern ist.Nicholas Collins: Live electronic music in: Nick Collins, Julio d’Escriván (Hrsg.): The Cambridge companion to electronic music Cambridge University Press, 2007, ISBN 978-0-521-86861-7, S. 39. mini|„8-Fingerpositionen-Technik“ von Eyck. Clara Rockmore und darauf aufbauend Lidija Kawina entwickelten eine spezielle Fingertechnik, die es ermöglicht, Theremin weitgehend glissandofrei zu spielen. Bei dieser wird im Wesentlichen nur die Position der Finger geändert, während Hand und Arm auf einer Stelle bleiben.Clara Rockmore Method for Theremin (Clara Rockmore erklärt ihre Methode des Thereminspiels in English, Spanisch and Italienisch, frei für nichtkommerzielle Nutzung). Auf electrotheremin.com. Die deutsche Thereministin Carolina Eyck entwickelte 2006 eine Spieltechnik mit acht Fingerpositionen, wobei das elektromagnetische Feld auf die Länge einer Hand angestellt wird, welche eine Oktave ergibt.How to play a scale on the theremin Carolina talks Theremin. Auf youtube.com, 22. November 2018. Im Jahr 2006 veröffentlichte sie das Buch Die Kunst des Thereminspiels in deutscher und englischer Sprache, in dem sie diese Methode erklärt, die heute von Thereministen auf der ganzen Welt angewendet wird.

Seit seiner Einführung war das Theremin ein beliebtes Instrument für Aufführungen, da es auch optisch spektakulär wirkte. Die Erzeugung von Tönen quasi „aus der Luft“ gibt dem Instrument ein außergewöhnliches Erscheinungsbild.Chris Salter, Peter Sellars: Entangled: technology and the transformation of performance. MIT Press, 2010, ISBN 978-0-262-19588-1, S. 187.

Der Klang des Theremins erinnert manche an eine fragile Frauenstimme, aber es klingt generell deutlich anders als andere Instrumente. Zuhörer und Rezensenten beschreiben den Klang oft als fragil, außerweltlich, unheimlich oder geisterhaft.Trevor Pinch, Frank Trocco: Analog Days: The Invention and Impact of the Moog Synthesizer. Harvard University Press, 2004, ISBN 0-674-01617-3, S. 14. Als monophonisches Instrument eignet es sich besonders, um eine Melodiestimme zu übernehmen. In seiner Frühzeit bestand das Theremin-Repertoire zu großen Teilen aus adaptierten Stücken für Geige oder Cello.Thom Holmes: Electronic and experimental music: pioneers in technology and composition. Taylor & Francis, 2008, ISBN 978-0-415-95781-6, S. 20.

Funktionsweise mini|hochkant=1.5|Blockschaltbild eines Theremins. Lautstärkensteuerung in blau, Tonhöhensteuerung in gelb und Tonwiedergabe in rot. Theremine arbeiten nach dem Prinzip eines kapazitiven Abstandssensors. Die Hand des Theremin-Spielers verändert über die jeweilige Elektrode die Kapazität des LC-Schwingkreises eines Oszillators: Er beeinflusst damit sowohl die Frequenz als auch die Güte des Schwingkreises, indem er den kapazitiven Anteil des Schwingkreises und dessen Dämpfung beeinflusst. Dass die Elektroden des Theremins „Antennen“ genannt werden, ist irreführend. Sie sehen lediglich wie Antennen aus, werden jedoch weder zum Senden noch zum Empfangen von Funksignalen genutzt.

Bereits in den ersten Theremin-Geräten wurde der Schwingkreis aus einer Spule und einem parallelgeschalteten Kondensator gebildet.Irina Aldoshina, Ekaterina Davidenkova: (PDF; 3,8 MB) Proceedings of the Second Vienna Talk, Sept. 19–21, 2010, S. 51. Da die über die Antennen möglichen Kapazitätsänderungen sehr gering sind – sie liegen im Picofarad-Bereich – muss die Grundfrequenz des Schwingkreises deutlich oberhalb des hörbaren Bereichs liegen, um eine nennenswerte Frequenzänderung zu erzeugen. In den ersten Exemplaren wurde 500 kHz gewählt, ein Bereich für die Grundfrequenz von 100 kHz bis 1 MHz ist typisch. Sie liegt mit diesen hohen Frequenzen weit außerhalb dessen, was der Mensch akustisch wahrnehmen kann.Joseph A. Paradiso, Neil Gershenfeld: Musical Applications of Electric Field Sensing. In: Computer Music Journal. Vol. 21, No. 2, Summer, 1997, S. 70. Um diese Frequenzänderungen hörbar zu machen, mischt man das Signal des an der Antenne angeschlossenen Oszillator-Schwingkreises mit dem Ausgangssignal eines weiteren Oszillators fester Frequenz (Heterodyn-Verfahren). Die Mischung erzeugt Summen- und Differenzfrequenzen; bei dem hörbaren Ton handelt es sich um die Differenzfrequenz aus variablem und festfrequentem Schwingkreis. Der nachgeschaltete Verstärker verstärkt die Differenzfrequenz und macht sie über einen Lautsprecher hörbar.

Um die Lautstärke steuern zu können, wird die Frequenz eines dritten Oszillators in eine Spannung gewandelt. Je näher der Spieler der Antenne kommt, desto niedriger wird die Frequenz des Oszillators und die als Steuergröße für die Lautstärke dienende Spannung.Richard Brice: Music engineering. Newnes, 2001, ISBN 0-7506-5040-0, S. 99.

mini|Moogs Theremin-Bausatz mini|Moogs Modell »Theremini« In der Originalversion war das Theremin mit Röhrenoszillatoren ausgestattet; dabei wurde eine Hexode genutzt, um die Differenzfrequenz zu erzeugen. Moderne Theremine arbeiten vielfach mit kleineren und weniger durch die Umwelt beeinflussbaren Transistoroszillatoren. Nach Termen entwickelte vor allem Robert Moog das Instrument weiter, auch in Varianten als Bausatz. Bauanleitungen erschienen in Zeitschriften und Elektronikbüchern.

Termens originales Theremin spielte fast reine Sinustöne. Später ergänzte es Termen durch Seitenbandfrequenzen, die eine reichere Klangfarbe erlauben, indem er mehrere Oszillatorpaare parallel schaltete. Termens originales Instrument spielte in einem Tonbereich von etwa fünf Oktaven. Es war in der Lage, Schwingungen zwischen 0 und 2000 Hertz zu erzeugen, es kann jedoch angenommen werden, dass Frequenzen nur bis herab zu 60 Hz vom Lautsprecher wiedergegeben werden können.

Neuere experimentelle Theremine seit den 1980er Jahren sind in der Lage, Bewegung drei- und nicht nur zweidimensional zu verarbeiten. Seit den 1990er Jahren gibt es auch Theremine mit Datenausgängen, die an Software und Computer angeschlossen werden können, was ihre musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten verstärkt.Hans-Joachim Braun: Pulled Out Of Thin Air? The Revival of the Theremin. In: Karin Bijsterveld, José van Dijck: Sound souvenirs: audio technologies, memory and cultural practices. Amsterdam University Press, 2009, ISBN 978-90-8964-132-8, S. 149.

Exemplarische technische Dokumentation wie Schaltpläne eines Open-Source-Theremins ist online einsehbar.

Geschichte Als spektakuläre Neuheit trat das Theremin seit den 1920er Jahren auf. Während seine Anhänger in ihm ein ernsthaftes Instrument sahen, konnte es die größten Erfolge auf Showbühnen feiern. Zu den Komponisten, die für das Theremin komponierten, gehörten Percy Grainger (Free Music in graphischer Notation), Joseph Schillinger, Bohuslav Martinů und Edgar Varèse. Mit dem spurlosen Verschwinden seines Erfinders Lew Termen, der ab 1938 für einige Jahrzehnte in der Sowjetunion gefangen gehalten wurde, verloren Musiker und Komponisten weitgehend das Interesse am Instrument. In den 1950er Jahren konnte es Nischen in der Filmmusik und unter Hobbybastlern erobern. In den 1960er Jahren setzten es Popbands ein. Im Pop wurde das Theremin jedoch schon nach wenigen Jahren vom deutlich vielseitigeren Synthesizer verdrängt. Erst mit Glasnost, dem Wiederauftauchen von Lew Termen, der weiten Verbreitung elektronischer Musik und dem Drang nach Performativität in der elektronischen Musik erlebte das Theremin seit 1990 eine Renaissance. Seitdem ist das Theremin verbreitet wie nie zuvor, jedoch trotzdem nie über eine Nischenexistenz hinausgekommen.

Vorgeschichte, Erfindung und erste Präsentation mini|Ein Vorläufer: das Telharmonium