Als Amerikanische Revolution wird die Kette von Ereignissen bezeichnet, die zur Loslösung der Dreizehn Kolonien in Nordamerika vom Britischen Empire und zur Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika führten. Der Beginn der Revolutionszeit wird meist mit dem Jahr 1763 angegeben, als Großbritannien begann, nach seinem Sieg im Franzosen- und Indianerkrieg die Verwaltung und Besteuerung seiner nordamerikanischen Kolonien zu reformieren, was dort bald Proteste auslöste. Der Konflikt eskalierte in den 1770er Jahren bis zum Ausbruch des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges 1775 und der förmlichen Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten am 4. Juli 1776. Darin wurden zum ersten Mal in der Geschichte des Westens fundamentale Menschenrechte wie das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück staatsrechtlich verankert. Das Ende der Revolutionszeit wird oft mit dem Jahr 1783 angesetzt, als die Briten nach ihrer Niederlage im Frieden von Paris die Unabhängigkeit der USA anerkennen mussten. Andere Historiker rechnen zur Revolutionszeit noch die Jahre bis zur Ratifizierung der bis heute gültigen Verfassung der Vereinigten Staaten und der Vereidigung George Washingtons als ersten Präsidenten am 30. April 1789 hinzu.
mini|Vor der Unabhängigkeitsbewegung: Die Dreizehn Kolonien sind rot markiert, die rosa Fläche wurde von Großbritannien nach dem Franzosen- und Indianerkrieg beansprucht und die orange Fläche wurde von Spanien beansprucht. (Auf dieser Karte ist der Großteil von Britisch-Nordamerika nicht zu sehen.)
Ursprünge, langfristige Ursachen und Vorgeschichte (ca. 1600–1763) In den frühen 1760ern herrschte das Königreich Großbritannien unter dem Haus Hannover über ein großes Imperium auf dem nordamerikanischen Kontinent. Zusätzlich zu den dreizehn britischen Kolonien hatte der Sieg im Siebenjährigen Krieg Großbritannien Zugriff auf Neufrankreich und das spätere Kanada, Spanisch-Florida und die Gebiete der indigenen Bevölkerung östlich des Mississippi River gegeben.
Die amerikanischen Kolonien vor dem Siebenjährigen Krieg Wie jede bedeutende historische Begebenheit war auch die Amerikanische Revolution „keine Geburt aus dem Nichts“, sondern vielmehr das Resultat einer langwierigen Entwicklung, die sich über einen Zeitraum von mehr als 150 Jahren erstreckt hatte. Bereits in der Vorgeschichte sind einige der Ursachen und Voraussetzungen der nachfolgenden Entwicklung verwurzelt, weswegen es auch bei der Amerikanischen Revolution gilt, zwischen kurzfristig akuten und langfristig latenten Ursachen zu unterscheiden. Wenn dabei auch nicht ein detailreiches Narrativ der gesamten Kolonialgeschichte vonnöten ist, so sind die kolonialen Strukturen und Voraussetzungen doch zum Verständnis der Amerikanischen Revolution erforderlich und daher für eine Analyse der Amerikanischen Revolution unabdingbar. Im Folgenden wird daher auf die latent-langfristigen Ursachen eingegangen, bei denen zwischen Strukturen wirtschaftlich-ökonomischen, administrativ-politischen, gesellschaftlich-sozialen, religiösen und mentalen Charakters unterschieden wird.
Entstehungsprozess der amerikanischen Kolonien mini|Am 21. November 1620 unterzeichnete eine Gruppe von Puritanern, die aus religiösen Motiven nach Amerika eingewandert waren, bei ihrer Ankunft in Cape Cod einen Vertrag, der ihre weitere Handlungsweise bestimmen sollte. Der entstandene „Mayflower Compact“ mit seinen demokratischen Ansätzen hat im Nachhinein das Amerikanische Selbstverständnis geprägt. Im Laufe des 17. Jahrhunderts war das „kolonialpolitische“ Interesse europäischer Seefahrer am nordamerikanischen Kontinent zunehmend gewachsen. Während Spanien, Frankreich und die Niederlande dabei lediglich Handelsstützpunkte errichteten, bevorzugte England den Bau befestigter Siedlungen. Die ersten englischen Siedlerpioniere, bei denen es sich um Seefahrer, Privatpersonen oder religiöse Gruppen handelte, die die Erlaubnis zur Kolonisation durch königliche Freibriefe erhalten hatten, erreichten Amerika Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, nachdem eine erste dauerhafte Besiedlung in Roanoke in den 1580er Jahren gescheitert war.
Die Motivation der Siedler war vielfältig – die Gründe für die Migration reichten von religiösen Motiven über die Aussicht auf freien Landkauf bis zur allgemeinen Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse. Dabei werden Motive, die Anlass zu Auswanderung gaben, und Gründe, die die Einwanderung bewirkten, unterschieden (Push-Pull-Modell der Migration).
Erste Siedler, die 1607 die Ostküste erreichten und die Siedlung Jamestown in Virginia gründeten, waren hauptsächlich durch die Aussicht auf Abenteuer und Reichtum zur Einwanderung bewegt worden. Ein weiteres – äußerst bekanntes – Beispiel der frühen Besiedlung Amerikas ist die religiös motivierte Einwanderung der sogenannten Pilgerväter, einer Gruppe von Puritanern, die immer wieder mit der Hierarchie der anglikanischen Kirche in Konflikt geraten waren. Anstatt, wie es ihre Absicht war, nach ihren Vorstellungen einen religiösen Freiheitsstaat in Virginia zu gründen, landete ihr Schiff, die Mayflower, viel weiter nördlich, in der späteren Kolonie Massachusetts, in Cape Cod nahe dem heutigen Boston. Das zukünftige Vorgehen der Siedler wurde durch einen Vertrag geregelt, den „Mayflower Compact“. An der Spitze der Plymouth Plantation standen von den Bewohnern gewählte Kirchenvertreter. Schon in der kirchendemokratischen Ordnung dieser Puritanergemeinde ist der Kern des späteren amerikanischen Selbstverständnisses zu erkennen, zu dem individuelle Selbstbestimmung, Demokratie, Freiheit und Gleichheit gehören.
Wirtschaftliche Verhältnisse Im Zuge weiterer Einwanderungswellen waren Mitte des 18. Jahrhunderts dreizehn amerikanische Kolonien entstanden, die allesamt dem Herrschaftsbereich der britischen Krone unterstanden. Während im Norden Farmwirtschaft (vor allem Mais und Getreide) herrschte, hatte sich in den südlichen Kolonien eine Plantagenwirtschaft (bevorzugter Anbau von Baumwolle, Indigo, Reis und Tabak)Horst Dippel: Die Amerikanische Revolution 1763–1787. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, S. 27. herausgebildet, zu der afroamerikanische Sklaven hinzugezogen wurden (s. u.). Da die außerkontinentale Nachfrage maßgeblich für den Absatz der dort erzeugten Produkte verantwortlich war, beeinflusste sie im Wesentlichen Umsatz und Gewinn der südstaatlichen Großgrundbesitzer (Angehörige der „Pflanzeraristokratie“, auch als Gentlemen FarmersVgl. bezeichnet (s. u.)). Daher waren die südlichen Kolonien besonders von der Außenwelt abhängig. In den mittelatlantischen Kolonien kam es ferner zur Entstehung einiger florierender Hafenstädte, allen voran Boston. Der Seehandel bildete nun im Allgemeinen einen bedeutenden Wirtschaftssektor in der neuengländischen Welt.
Schon in dieser Zeit lässt sich eine grundlegende Meinungsverschiedenheit zwischen den amerikanischen Kolonien und dem britischen Mutterland erkennen. Da die englische Krone die Kolonien hauptsächlich als wirtschaftlichen Umschlagplatz und Rohstoffquelle ansah, die ihr Profit bescheren sollte und ihrer Autorität unterstand, sah sie sich auch dazu berechtigt, Steuern in den Kolonien zu erheben. Die Amerikaner hingegen sahen den „Iron Act“ (deutsch: „Eisengesetz“) von 1750 oder die in den „Navigation Acts“ (deutsch: „Navigationsgesetze“, 1707) bestimmten Regelungen als eine Einschränkung ihrer wirtschaftlichen Freiheiten an. Dieser ökonomische Interessenkonflikt, der lange im Untergrund schwelte, bildet eine wesentliche Ursache der Amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Die Finanzkrise der britischen Krone infolge des Siebenjährigen Krieges und die daraus resultierenden Steuergesetze führten daraufhin zu einer weiteren Verschärfung der Meinungsverschiedenheiten und zum Ausbruch des Konfliktes.
Politisch-administrative Verhältnisse – Die Krise des Ancien Régime in Nordamerika An der kolonialen Verwaltung war die amerikanische Bevölkerung bereits vor dem Siebenjährigen Krieg relativ stark beteiligt. Neben den vom König eingesetzten Gouverneuren und Gouverneursräten existierten Unterhäuser (Lower Houses, sogenannte Assemblies) als selbstverwaltende Instanzen.
Ursprünglich waren diesen Institutionen lediglich repräsentative Funktionen zugedacht, aber in der Realität erlangten sie immer mehr politische Macht. In einem ersten Schritt gelang es ihnen, auf finanzpolitischer Ebene die Befugnis zur alleinigen Steuerkontrolle zu erlangen. Daraus resultierte eine finanzielle Bindung der königlichen Beamten an die Lower Houses. Die Steuerpolitik erwies sich nämlich als ein recht effektives politisches Druckmittel, von dem in einigen Kolonien durchaus Gebrauch gemacht wurde.
Diese „Politik des finanziellen Drucks“ hatte laut Horst Dippel eine langfristige Instabilität der Kolonialherrschaft und eine Krise des Ancien Régime in Nordamerika zur Folge, die mit dem Autoritätsverlust der englischen Gouverneure einherging. Das politische Mächteverhältnis hatte sich immer mehr zugunsten der aufstrebenden Unterhäuser verschoben, welche zunehmend an Selbstbewusstsein gewannen und sich als „die eigentlichen Sachwalter“ der politischen Angelegenheiten verstanden. Aus diesen Gründen hält Dippel die politischen Strukturen für die Ebene, der die größte Bedeutung hinsichtlich der späteren Revolution zukomme. Die Selbstverwaltung in vorrevolutionärer Zeit habe nämlich die politische Erfahrung erhöht, die insbesondere für die revolutionären Eliten später von Vorteil sein sollten.
Soziale Verhältnisse, kulturelles Selbstverständnis und regionale Disparitäten Soziale Eliten Innerhalb weniger Jahrzehnte lag die durchschnittliche Körpergröße eines Amerikaners über der eines Europäers. In den Kolonien herrschten allgemeiner Wohlstand und vergleichsweise hohe Löhne. Sogenannte Gentlemen Farmers, reiche Großgrundbesitzer (s. o.), bildeten im Süden die Spitze der amerikanischen Gesellschaft. In Pennsylvania stellte hingegen die Proprietary Gentry die politische Elite, während es in Massachusetts Juristen waren, die sogenannten Lawyers, die die gesellschaftliche Führungsschicht bildeten. Dennoch waren die sozialen Differenzen geringer als in Europa, wo das Ständesystem die Gesellschaft in drei Klassen teilte, und wurden aufgrund der allgemein guten Lebensverhältnisse und des gleichen Rechtsstatus der freien weißen, männlichen Bevölkerung hingenommen.
Sklaverei
Eine Ausnahme bildete die Rechtsstellung der afroamerikanischen Sklaven, die – dadurch dass sie fast ausschließlich auf den südstaatlichen Plantagen als Arbeitskräfte eingesetzt wurden – (neben den oben genannten wirtschaftlichen Unterschieden zwischen nördlichen, mittelatlantischen und südlichen Plantagen) ebenfalls die regionalen Differenzen weiter erhöhten. Zur Arbeit auf den südstaatlichen Plantagen waren sie unter widermenschlichen Bedingungen aus Afrika importiert worden – schon auf der Überfahrt kam aufgrund von Platzmangel ein Drittel um. Unter ähnlichen Umständen verlief ihr weiteres Leben und ihre Arbeit auf den südstaatlichen Plantagen. Dabei hatten die Rechtlosen auch mit Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung zu rechnen. Kinder, die weiße Kolonisten mit Afroamerikanerinnen gezeugt hatten, wurden als „colored“ bezeichnet und als „rassisch minderwertig“ angesehen.
Kulturelles Selbstverständnis Laut dem Historiker Willi Paul Adams wurden die Einwohner der amerikanischen Kolonien in London im Allgemeinen als „Untertanen zweiter Klasse“ angesehen. Die Briten sahen sich demzufolge als höherwertig an. Neben dem daraus resultierenden amerikanischen „Minderwertigkeitsgefühl“ habe es jedoch auch ein Überlegenheitsbewusstsein gegeben, so Adams: Dieser „Überlegenheitskomplex“ rühre von dem Selbstbewusstsein her, das die amerikanischen Kolonisten durch die calvinistisch-puritanisch-protestantische Glaubensausübung und die religiösen Erweckungsbewegungen jener Zeit erlangt hätten.
Religiöse Entwicklungen