mini|hochkant=1.4|Eine Lambretta "Modell A 125", Baujahr 1948 und eine Lambretta "G 350" von 2022 mini|Verschiedene Lambretta-Modelle bei der Ausfahrt eines australischen Scooter-Clubs. Sydney, 1951 Die Lambretta ist ein Motorroller, der von 1947 bis 1972 von dem italienischen Fahrzeughersteller Innocenti in Mailand produziert wurde. Am Stammsitz wurden über vier Millionen Einheiten gefertigt. Berücksichtigt man die Lizenzproduktionen in verschiedenen Ländern Europas, Südamerikas und in Indien, gehört die Lambretta zu den meistgebauten Zweirädern der Welt. Der Name „Lambretta“ leitet sich vom Fluss Lambro ab, der durch die Gegend (den Stadtteil Lambrate) fließt, in der sich die Produktionsanlagen befanden.
Die Produktion in Italien lief bis 1972, danach sicherte sich der indische Hersteller SIL (Scooters of India Limited) mit Sitz in Lucknow/Uttar Pradesh die Markenrechte und produzierte die Lambretta-Roller bis 1997. Danach konzentrierte sich SIL auf andere Produkte wie Last-Dreiräder und Motor-Rikschas, die mit von Innocenti-Lambretta abgeleiteten Motoren angetrieben werden.
In den folgenden Jahren kam es zu mancherlei Rechtsstreitigkeiten verschiedener Parteien um die Nutzung des Markennamens auf internationaler Ebene mit gegenseitigen Vorwürfen der illegalen Verwendung.
Seit 2017 existiert ein in Lugano ansässiges Unternehmen mit dem Namen Innocenti S.A. Lambretta und produziert in Zusammenarbeit mit der österreichischen Industriegruppe KSR Group Mopeds und Scooter unter Verwendung des Namens und ursprünglichen Logos von Lambretta. Ende 2023 wurde die Zusammenarbeit mit KSR beendet. Seit 2024 übernimmt der Importeur Moteo Two Wheels Europe NV den Vertrieb. Über einzelne Landesniederlassungen (in Deutschland: Moteo Deutschland GmbH) wurde die bestehende Produktpalette der V-Serie (V50, V125 und V200) um die beiden Modellreihen der X-Serie (X125 und X300) und G-Serie (G350) erweitert.
Geschichte mini|links|Embleme von Lambretta-Motorrollern aus verschiedenen Epochen Das Unternehmen Ursprünglich stellte Innocenti Stahlrohre her. Hinzu kamen während des Zweiten Weltkriegs unter anderem Munitionshülsen und Fahrzeugteile in BMW-Lizenz. 1945 erhielt der Ingenieur Pierluigi Torre den Auftrag, einen Motorroller zu entwerfen. Das Ergebnis, die Lambretta Modell A 125, war ein preisgünstiger Motorroller mit gekapselter Triebsatzschwinge und Stahlrohrrahmen. Das Blechkleid bestand zunächst nur aus einem Spritzschutz vor den Füßen des Fahrers.
Der Erfolg der Lambretta stellte sich bald ein, und schon früh vergab Innocenti weltweit Lizenzen, so z. B. in Deutschland an NSU, Fenwick in Frankreich, Serveta in Spanien, Pasco in Brasilien, Auteco in Kolumbien, Siambretta in Argentinien und API in Indien. Die Lambretta-Modelle zeichneten sich durch technische Qualität und Innovationen aus. So gehörten Fahrzeuge aus dem Hause Innocenti zu den ersten mit elektronischer Zündung oder mit Scheibenbremse. Die Ausstattung der zweitaktbetriebenen Roller reichte vom 125-cm³-Motor mit 4,3 PS der ersten Modelle bis zum 200-cm³-Motor mit 12 PS am Ende der Entwicklung 1971.
Die Krise im Zweiradgeschäft am Ende der sechziger Jahre ging auch an Innocenti nicht spurlos vorbei. 1971 wurde die Produktion eingestellt. 1972 kaufte Scooter India Ltd. (S.I.L.) alle Fertigungsmaschinen und stellte nach Muster der DL noch bis Ende der 1990er Jahre Lambrettas her. Ersatzteile, Motorrikschas und Lastendreiräder werden bis heute bei S.I.L. produziert. Serveta in Spanien baute ebenfalls auf Basis der 3. Serie LI/SX Motorroller unter dem Namen Lince/Lynx, Serie 80 und Jet 200, bis Mitte der 1980er Jahre. Dabei wurden zum Teil technische Innovationen wie größere Scheinwerfer, Stoßdämpfer an der Gabel und Teile aus glasfaserverstärktem Kunststoff eingeführt.
Heute erfreut sich die Lambretta bei Oldtimerfreunden steigender Beliebtheit als Fahrzeugklassiker mit hohem Kultwert. Aber auch die Rollerszene schätzt die Roller von Innocenti und nutzt sie als Basis für vielfältige Umbauten und Tuningmaßnahmen, auch heute noch werden immer neue Tuningteile entwickelt, um den betagten Motoren mehr Leistung zu entlocken oder sie technisch zu verbessern.
2017 belebte die österreichische KSR Group aus Gedersdorf den historischen Markennamen Lambretta in Zusammenarbeit mit einer in Lugano, Schweiz, neugegründeten Innocenti S.A. neu.Welt.de Dazu wurde die Lambretta GmbH mit Sitz in Theiß in Österreich gegründet, die Produktion wurde bei Sanyang in Taiwan in Auftrag gegeben, ausgeliefert wurde ab März 2018. Im Herbst 2023 verkaufte die KSR Group GmbH im Rahmen eines Sanierungsverfahrens die restlichen 10 % Anteile an der Lambretta GmbH.
2024 übernahm der Importeur Moteo Deutschland GmbH den Vertrieb in Deutschland mit zwei neuen Modellen; die X-Serie und die G-Special.
mini|Die deutsche Lizenz-Version NSU Lambretta, Baujahr 1955 (sogenannter „Scheunenfund“, Lackierung und Blinker nicht original)
Lambretta in Deutschland Die NSU Motorenwerke bauten die Lambretta ab 1950 in Lizenz von Innocenti. Unter der Bezeichnung NSU Lambretta war sie eins der ersten Modelle des Anfang der 1950er-Jahre in Deutschland beginnenden Motorrollerbooms. Vorgestellt wurde sie, in der Werbung auch „NSU-Autoroller“ genannt, auf der Frankfurter Frühjahrsmesse desselben Jahres. Der Lizenzvertrag, der NSU den Export der Roller untersagte, endete 1956; bis dahin waren 117.043 NSU-Lambrettas gebaut worden. Nachfolgerin wurde die anfangs äußerlich und technisch sehr ähnliche NSU Prima.Reinhard Lintelmann: Die Motorroller und Kleinwagen der fünfziger Jahre. 3. Auflage, Verlag Walter Podszun, Brilon, ISBN 3-86133-136-5, S. 105–108.Peter Schneider: NSU Lambretta – Prima, Schrader Motor Chronik, ISBN 3-613-87180-7, S. 94.
mini|Mod-Style-Cutdown-Lambretta (1974) Lambretta in der Mod-Szene In der vor allem in England stark ausgeprägten Mod-Subkultur der frühen 1960er Jahre waren die Lambretta-Modelle weit verbreitet. Die Scooter wurden als Statussymbole gepflegt, instand gehalten und um Teile (meist zusätzliche Rückspiegel, Scheinwerfer und Gepäckträger) erweitert oder durch „Customizing“ aufwendig umgebaut. Sehr beliebt war das sogenannte Cutdown, bei dem Teile der Karosserie entfernt oder weggeschnitten wurden. Diese Cutdowns erlebten während des Mod-Revivals der 1970er und 1980er Jahre bei Skinheads und Scooterboys ein Comeback. Während die stilbesessene britische Mod-Jugend der 1960er Jahre das glamouröse, großstädtische Image ihrer Motorroller schätzte, betrachteten viele Skinheads und Scooterboys ihre Motorräder lediglich als Fortbewegungsmittel.
mini|Rechts: Lambretta mit Stromlinienverkleidung, das Weltrekordfahrzeug von 1951
Lambretta im Motorsport Rundstrecke In den 1950er und 1960er Jahren waren vor allem in Italien Rennen mit dem „Motorino Competizione“ sehr beliebt. Die Rennen lebten von der Rivalität zwischen Vespa und Lambretta und wurden nicht nur im Amateurbereich ausgetragen, sondern es etablierte sich eine professionelle Liga, in der Fahrer wie Umberto Masetti, zweifacher Weltmeister der 500er-Klasse, und Massimo Masserini für Lambretta an den Start gingen. Auch MV Agusta „verpflanzte“ seinen Motor aus der MV 125 Monoalbero in ein Roller-Fahrgestell, um mit Carlo Ubbiali an den Wettkämpfen teilzunehmen.
2010 trat ein Team unter dem Namen Lambretta Reparto Corse (auf Deutsch: „Lambretta-Rennabteilung“) aus Bologna mit zwei Maschinen in der 125-cm³-Klasse der Motorrad-Weltmeisterschaft an. Pilotiert wurden die Motorräder von dem Spanier Luis Salom und dem Italiener Marco Ravaioli. Das Team erzielte in der Konstrukteurswertung einen Punkt.
Weltrekord Am 8. August 1951 stellte der italienische Motorradrennfahrer Romolo Ferri auf einem Abschnitt der A 9 zwischen München und Ingolstadt auf einer Lambretta mit knapp über 201 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord in der Kategorie „125-cm³-Motorroller“ auf. Aufgrund der guten Beziehungen zu NSU in Deutschland wurde die Autobahn für einige Stunden gesperrt und die unter höchster Geheimhaltung herbeigeschaffte Lambretta auf die Straße gelassen. Unter nicht ganz optimalen Wetterbedingungen gelang es Ferri, die 200-km/h-Marke zu durchbrechen und mehrere neue Weltrekorde aufzustellen. Der mit der von Ingenieur Pierluigi Torre entwickelten Lambretta aufgestellte Rekord wurde erst viele Jahre später gebrochen. Noch heute (Stand 2025) nimmt die Lambretta einen achtungsvollen zweiten Platz in der Rangliste ein.
Modell-Entwicklung Wie die Modelle von Vespa verfügte auch die Lambretta über einen Zweitaktmotor mit Öl-Benzin-Gemisch, 3 oder 4 Gängen und einem Hubraum von 39 bis 198 cm³.
Im Gegensatz zur Vespa mit einteiligem Rahmen hatte die Lambretta eine steifere Rohrstruktur, auf der die Karosserie montiert wurde. Die ersten produzierten Modelle hatten eine „offene Karosserie“, wodurch sie sich stark von der vollständig verkleideten Vespa unterschieden, was in der Folgezeit zum typischen Erkennungszeichen der Mailänder Roller wurde. Allerdings wurden später auch die Nachfolgemodelle, genauer ab dem C-Modell von 1950, in einer verkleideten Version angeboten. Gerade dieses C-Modell, das von Piaggio wegen seiner konzeptionellen Ähnlichkeit mit der Vespa kritisiert wurde, war so erfolgreich, dass die Lambretta ab 1957, mit Ausnahme des LUI-Modells, immer mit einer „geschlossenen“ Karosserie und mit einem in die Karosserie integrierten vorderen Kotflügel produziert wurde (z. B. LI- SX- und TV-Serie).
Ende der 1950er Jahre wurde beschlossen (zusammen mit der Entscheidung für die ausschließlich „geschlossene“ Karosserie), die Lambretta in Bezug auf Mechanik und Karosserie nochmals zu überarbeiten. Die folgenden drei Versionen (LI-Serie bis LI III-Serie, „scooterlinea“) erhielten nur noch sehr wenige ästhetische Änderungen (Lambretta DL) und wurden bis 1972 produziert, dem Jahr, in dem die Firma und Produktionsmaschinen an die indische Regierung verkauft wurden.
Von den Modellen der 1960er-Jahre sind die Modelle TV (Turismo Veloce) und SX (Special X) aufgrund der hohen Motorleistung und der ansprechenden Optik die erfolgreichsten. Das TV-Modell war der erste Roller der Welt mit einer vorderen Scheibenbremse.
Modell-Übersicht Zweiräder (1947 bis 1972)