Garrincha [], bürgerlich Manoel Francisco dos Santos, auch Mané Garrincha (* 28. Oktober 1933 in Pau Grande, Bundesstaat Rio de Janeiro; † 20. Januar 1983 in Rio de Janeiro), war ein brasilianischer Fußballspieler. In Brasilien gilt er neben Pelé als einer der besten Fußballer aller Zeiten.Garrincha. In: International Football Hall Of Fame. (englisch) Der rechte Außenstürmer wurde vor allem durch seine Dribblings und seine unberechenbare Spielweise berühmt; Fachleute zählen ihn bis heute zu den herausragenden Dribblern der Fußballgeschichte. Neben zahlreichen nationalen Titeln mit Botafogo FR wurde Garrincha mit der brasilianischen Nationalmannschaft 1958 und 1962 Weltmeister.
Frühe Jahre Manoel Francisco dos Santos wurde am 28. Oktober 1933 im Hinterland der Metropolregion Rio de Janeiro geboren. Er war das fünfte Kind des alkoholabhängigen Wachmannes Amaro dos Santos mit dessen Ehefrau Maria Carolina und wuchs in Pau Grande, einer ländlichen Siedlung am Rand des Gebirges Serra dos Órgãos, auf.Ole Schulz: Der Engel mit krummen Beinen. In: Deutschlandfunk. Deutschlandradio, 21. Januar 2008. Die sozial benachteiligte Familie hatte indigene Vorfahren und lebte in äußerst ärmlichen Verhältnissen. Von Geburt an war die Wirbelsäule des Neugeborenen deformiert und das linke Bein sechs Zentimeter kürzer als das rechte. Die Überlieferung zu den Ursachen seiner körperlichen Beeinträchtigungen ist uneinheitlich: Neben einer angeborenen Wirbelsäulenfehlbildung wird eine Poliomyelitis im Kindesalter genannt. Um ihrem Sohn die Chance auf ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen, entschieden sich die Eltern für eine Operation im nahe gelegenen Petrópolis. Der riskante Eingriff schuf die anatomischen Voraussetzungen dafür, dass Mané (Kurzform von Manoel) überhaupt laufen lernte. Allerdings blieb das linke Bein ein O-, das rechte ein X-Bein. Diese Fehlstellung verursachte einen schwankenden Gang, der Junge war klein und schmächtig.Wolfgang Kunath: Dribbling in die Hölle. In: Frankfurter Rundschau. Um sich zu kräftigen und seine Koordination voranzutreiben, spielte er auf ärztlichen Rat hin Fußball und entwickelte schon im Kindesalter erstaunliche Fähigkeiten als Straßenfußballer.
Sein Fußballername Garrincha bezeichnet im örtlichen Portugiesisch einen kleinen Zaunkönig. Nach einer verbreiteten Version gab ihm seine älteste Schwester den Namen, weil er sie an den schmächtigen und schwer zu fangenden Vogel erinnerte; eine andere Überlieferung führt den Spitznamen auf seine kindliche Vorliebe zurück, diese Vögel zu jagen.
1947 fand Garrincha Arbeit in der örtlichen Textilfabrik und spielte nebenbei für die Betriebsmannschaft Esporte Clube Pau Grande. Er wurde zwar nicht für seine Ballkunst bezahlt, seine Bedeutung für die Betriebsmannschaft bewahrte ihn jedoch vor der Entlassung aus der Fabrik, obwohl er als unzuverlässiger Arbeiter galt. Der Dribbelkünstler erwarb sich den Ruf als größtes Talent der Region und lief kurzzeitig für die Amateurmannschaft Serrano Football Club aus Petrópolis auf.
Aufgrund einer außerehelichen Schwangerschaft heiratete Garrincha am 20. Oktober 1952 die 16-jährige Fabrikarbeiterin Nair Marques.Vogel aus dem Amazonas. In: 11Freunde, 30. April 2003. Das Paar hatte insgesamt acht Töchter; die Ehe wurde 1965 geschieden.
Karriere Vereine Vor seinem Wechsel zu Botafogo hatte Garrincha mehrere vergebliche Anläufe bei größeren Vereinen unternommen: 1950 erschien er aus Scham über seine abgetragenen Fußballschuhe nicht zu einem Probetraining bei Vasco da Gama, im folgenden Jahr wurde er beim São Cristóvão FR und bei Fluminense nicht aufgenommen. Im März 1952 wurde der Botafogo-Spieler Iraty bei einem Amateurspiel auf ihn aufmerksam, in dem Garrincha fünf Tore erzielte, doch Garrincha folgte der Aufforderung, sich bei dem Verein vorzustellen, zunächst nicht. Erst nachdem das Botafogo-Mitglied Eurico Salgado ihn bei drei weiteren Spielen beobachtet hatte, nahm es ihn zu einem Probetraining nach General Severiano mit; entgegen einer später verbreiteten Legende wurde Garrincha nach zwei Trainingstagen unter Vertrag genommen.
Beim Probetraining düpierte Garrincha die Gegenspieler mit seinen ungewöhnlichen Finten und Tempodribblings. Nachdem er den Weltklasseverteidiger Nílton Santos mehrfach ausgespielt hatte, sprach dieser sich gegenüber der Vereinsführung für eine Verpflichtung aus.Garrincha: Die Legende mit den krummen Beinen. In: Goal.com. Zwischen Nílton Santos und Garrincha entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Sein erstes Spiel für Botafogo bestritt Garrincha am 21. Juni 1953 in einem Freundschaftsspiel gegen den Avelar FC und erzielte das einzige Tor der Partie. In seinem ersten Pflichtspiel gegen den Bonsucesso FC am 19. Juli 1953 gelang ihm beim 6:3-Sieg ein Hattrick.Brasilien-Legende Garrincha. In: Goal.com. Nach einer kurzen Anpassungsphase konnte er sich auf der Position des rechten Flügelstürmers etablieren und avancierte zum wichtigsten Offensivspieler seiner Mannschaft. 1955 folgte für den ballverliebten Dribbelkünstler die Berufung in die Nationalmannschaft.
Seine ungewöhnliche Beinstellung und ein tiefer Körperschwerpunkt erlaubten es Garrincha, schnelle Drehungen und Haken zu schlagen, die der Gegner kaum antizipieren konnte. Garrinchas Spielweise war intuitiv, unberechenbar und aufreizend spektakulär; immer wieder brachte er neue Tricks oder entwickelte andere weiter. Besondere Berühmtheit erlangte eine Finte, bei der Garrincha den Ball vor seinem Gegenspieler stoppte, mit dem Körper eine Bewegung zur einen Seite andeutete und den Verteidiger anschließend durch seinen explosiven Antritt auf der anderen Seite überlief. Oft nahm er danach das Tempo erneut heraus, um denselben Gegner ein weiteres Mal auszuspielen. Diese Fähigkeiten nutzte er für Tempodribblings und Flankenläufe am rechten Flügel, um besser postierte Mitspieler freizuspielen. Botafogos Trainer waren bemüht, Garrincha auf dem Platz möglichst große spielerische Freiheiten zu gewähren und ihn von taktischen Zwängen zu befreien, wodurch er häufig mehrere Abwehrspieler band und Räume für seine Mitspieler schuf. Allerdings war Garrincha nicht nur ein guter Vorbereiter und Alleinunterhalter, sondern suchte auch selbst den schnellen Abschluss, was ihn zu einem gefürchteten Torjäger machte. Aufgrund seiner Spielweise, seiner einfachen Herkunft und seiner Fähigkeit, selbst gegnerische Zuschauer zu unterhalten, wurde er als Alegria do Povo („Freude des Volkes“) bezeichnet.
Die populäre Darstellung Garrinchas als einfältig-naive Naturbegabung beruht teilweise auf überzeichneten Anekdoten, die sich früh mit seiner Person verbanden. Vorstellungen von kognitiven Einschränkungen waren zugleich von Vorurteilen geprägt; Garrincha interessierte sich intensiv für Musik, schätzte João Gilberto und sang selbst in einem zurückgenommenen Bossa-Nova-Stil. Mit einem Freundschaftsspiel Botafogos gegen River Plate im Jahr 1957 in Mexiko wird außerdem die Verbreitung des „Olé“-Rufs im Fußball in Verbindung gebracht, nachdem Garrincha den argentinischen Verteidiger Federico Vairo wiederholt ausgespielt hatte.
Unter Trainer João Saldanha gewann Botafogo 1957 die regional ausgetragene Staatsmeisterschaft von Rio de Janeiro – der erste Titel seit neun Jahren. Dabei erzielte Garrincha in 26 Ligaspielen 20 Tore und erhielt die Auszeichnung als bester Spieler der Liga. Nach der Verpflichtung von Mário Zagallo, Didi und Amarildo folgte eine erfolgreiche Phase mit zwei weiteren Staatsmeisterschaften (1961, 1962). Ebenso gewann Botafogo zweimal das prestigeträchtige Torneio Rio-São Paulo (1962, 1964). Dabei lieferte sich die Mannschaft nicht selten packende Duelle mit den Stadtrivalen Flamengo, Fluminense und CR Vasco da Gama.
Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1962 avancierte der schüchterne Garrincha neben dem Nationalhelden Pelé zum größten Fußballstar des Landes. Trotz seiner Bekanntheit lebte Garrincha weiterhin in Pau Grande und pendelte in den Stadtteil Botafogo, die Heimat seines Klubs, der ihm das vergleichsweise geringe Monatsgehalt von 18.000 Cruzeiros (160 US-Dollar) zahlte. Garrincha erreichten zahlreiche Transferangebote finanzkräftiger europäischer Vereine. Die führenden italienischen Klubs Juventus Turin, AC Mailand und Inter Mailand unternahmen 1963 sogar den einmaligen Versuch, Garrincha gemeinsam zu verpflichten, der anschließend jeweils wechselnd eine Saison für sie spielen sollte. Botafogo wollte seinen Ausnahmespieler jedoch nicht ziehen lassen und rief hohe Ablöseforderungen auf, die sämtliche Interessenten abschreckten.
Der sportliche Niedergang setzte bereits 1963 ein: Zu einer chronischen Kniearthrose trat ein wachsender Konflikt mit Botafogo über seine Bezahlung; Garrincha hielt ein Gehalt auf dem Niveau Pelés für angemessen, verdiente jedoch weniger als sein jüngerer Mannschaftskamerad Amarildo. Seine Sehnen und Gelenke waren überstrapaziert, ein irreparabler Knorpelschaden im Knie ließ ihn nicht mehr ohne Schmerzen spielen. Botafogo bestand jedoch weiterhin auf seiner Teilnahme an finanziell lukrativen Freundschaftsspielen in Europa, um hohe Antrittsprämien verlangen zu können. Dadurch fehlten Garrincha längere Regenerationszeiten. Der Verein untersagte ihm zudem eine längst überfällige Knieoperation, der er sich am 29. September 1964 gegen den Willen Botafogos unterzog, was zum endgültigen Zerwürfnis führte. Zwischen 1963 und 1965 konnte er lediglich 30 Partien absolvieren, weshalb ihn aufstrebende Spieler wie Jairzinho oder Gérson ersetzten. Nach zwölf Jahren verließ Garrincha Botafogo, für das er in 581 Spielen 232 Tore erzielt hatte. Damit ist Garrincha drittbester Torschütze der Vereinsgeschichte und hat die zweitmeisten Spiele absolviert.
Nach seinem Abschied von Botafogo folgten nur noch kurze Engagements, darunter bei Corinthians, Flamengo und Olaria; 1972 beendete Garrincha seine Profikarriere. Zu seinem Abschiedsspiel am 19. Dezember 1973 im Maracanã kamen 131.555 zahlende Zuschauer, um eine brasilianische Auswahl gegen eine Mannschaft internationaler Spieler zu sehen. Nach 30 Minuten unterbrach der Schiedsrichter die Partie, damit Garrincha eine letzte Ehrenrunde im Stadion drehen konnte. Die Veranstaltung sollte zugleich seine angespannte finanzielle Lage lindern; Garrincha erhielt einen Teil der Einnahmen und weitere Spenden.
Nationalmannschaft mini|Garrincha (2. v. r.) 1958 mit Vavá, Gilmar und Moacir (v. l. n. r.) mini|links|Brasilien 1958: Vicente Feola (Trainer), Djalma Santos, Zito, Bellini, Nilton Santos, Orlando, Gilmar – Garrincha, Didi, Pelé, Vavá, Zagallo.
Garrincha spielte für die Brasilianische Fußballnationalmannschaft zwischen 1955 und 1966 in 50 offiziellen Länderspielen und erzielte dabei zwölf Tore. Er nahm an drei Weltmeisterschaften (1958, 1962 und 1966) und insgesamt 15 WM-Spielen teil. 1958 und 1962 wurde er mit Brasilien Weltmeister.
Seinen ersten Einsatz bei der Weltmeisterschaft 1958 erhielt Garrincha im letzten Gruppenspiel gegen die Sowjetunion, nachdem er in den ersten beiden Partien nicht eingesetzt worden war. Bereits innerhalb der ersten drei Minuten trafen Garrincha und Pelé das Torgebälk, ehe Vavá Brasilien in Führung brachte; der furiose Beginn wurde später als einer der eindrucksvollsten Spielanfänge der WM-Geschichte beschrieben. Garrincha behielt seinen Platz in der Mannschaft und bereitete im Finale gegen Schweden zwei Treffer Vavás vor.
Die Weltmeisterschaft 1962 in Chile gilt als Höhepunkt seiner Karriere: Nachdem sich Pelé früh im Turnier verletzt hatte, übernahm Garrincha die führende Rolle in der brasilianischen Offensive, wurde zum besten Spieler der WM gewählt und mit vier Treffern gemeinsam mit fünf weiteren Spielern Torschützenkönig. In ihren gemeinsamen Einsätzen für die Nationalmannschaft blieben Garrincha und Pelé ungeschlagen.