mini|Organisationsstruktur der SS und der Polizei im Reichsgebiet Der Artikel Organisationsstruktur der SS behandelt die strukturellen Organisationsmodelle der Schutzstaffel (SS) zwischen den Jahren 1925 und 1945. In den ersten vier Jahren ihres Bestehens war die SS formal der sogenannten Oberleitung München unterstellt, de facto wurde sie überwiegend von den Gauleitern der NSDAP kontrolliert, in deren Bereich sich SS-Einheiten befanden.
Unter der Ägide Heinrich Himmlers wurde ab 1929 die Zusammenführung sämtlicher SS-Formationen unter seiner Führung initiiert und eine pyramidale Strukturierung nach dem Territorialprinzip der NSDAP vorgenommen, wodurch sich die SS sowohl vertikal als auch horizontal über das Gebiet der damaligen Weimarer Republik zu organisieren begann. Die Befehlsstrukturen der SS waren durch die Übernahme des in der NSDAP geltenden Führerprinzips geprägt.
Von November 1926 bis Juli 1934 stand die SS unter der Kontrolle des Obersten SA-Führers und wurde als wesentlicher Bestandteil des von ihm vertretenen Gesamt-SA-Konzepts betrachtet.
Nachdem die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht übernommen hatten, entwickelte sich die SS allmählich zu einem „Staat im Staat“. Dies machte sie zu einer der gefürchtetsten Parteigliederungen der NSDAP. Himmler wurde 1936 zum „Chef der Deutschen Polizei“ ernannt und die SS hatte das Konzentrationslagerwesen bereits seit dem Sommer 1934 von der SA übernommen, reformiert und ausgebaut. Ferner wurde die Parteiorganisation im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches aus der SA herausgelöst und zur eigenständigen Organisation der NSDAP erklärt. Infolgedessen wurde Himmler im August 1934 zum Reichsleiter SS ernannt und unterstand fortan ausschließlich Adolf Hitler persönlich, dem er auch rechenschaftspflichtig war.
Durch die Aufstellung spezieller, kasernierter Einheiten ab März 1933 standen der SS sowohl wehrmachtsähnliche (Verfügungstruppe) als auch polizeiähnliche (KZ-Wachmannschaften, später Totenkopfverbände) Verbände zur Verfügung, welche im Verlauf des Zweiten Weltkrieges zur Waffen-SS erweitert wurden. Vor allem die Waffen-SS trug eine Hauptverantwortung für den von Hitler befohlenen Holocaust an den europäischen Juden sowie an weiteren Personengruppen, die als „minderwertig“ klassifiziert wurden.
Grundsätzliches Die SS wurde am 4. April 1925 als persönliche „Leibgarde“ des damaligen NSDAP-Führers Hitler ins Leben gerufen. Vom 1. November 1926 bis zum Röhm-Putsch im Sommer 1934 war sie als Bestandteil des Gesamt-SA-Konzepts anzusehen und unterstand der direkten Befehlsgewalt des Obersten SA-Führers. Seit dem 6. Januar 1929 wurde sie von Himmler als Reichsführer SS geleitet und bildete von August 1934 bis Mai 1945 eine direkt unter Hitler stehende Parteiorganisation.
Wie die parteilichen und staatlichen Organisationen folgte die SS – wie alle anderen parteilichen und staatlichen Organisationen in der Zeit des Nationalsozialismus – dem Führerprinzip und war eine paramilitärische Organisation innerhalb der damaligen völkischen Bewegung.
Als „Eliteorganisation“ der Partei verstand sich die SS unter Himmler; sie galt damals wie heute als strenger Vertreter der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Außerdem strebte sie als Waffen-SS danach, die Expansionspläne der NSDAP im militärischen Rahmen umzusetzen. Der Beitritt zur SS stand jedem Nationalsozialisten frei, sie unterlagen jedoch ab 1930 zunehmend verschärften Auslesebedingungen. Zudem musste jeder Bewerber oder Anwärter seine „deutschblütige Herkunft“ (d. h. seine nichtjüdische Abstammung) mittels eines kleinen Ariernachweises belegen können. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das „Freiwilligenprinzip“, das auch für die Allgemeine SS galt, schrittweise aufgegeben und als „SS-tauglich“ angesehene Deutsche sowie Ausländer in den militärischen Zweig der SS, die Waffen-SS, zwangseingezogen. Zu keinem Zeitpunkt bestand ein Zwang zum Beitritt in die Allgemeine SS. Dort war v. a. nach der Machtübernahme (1933) der Beitritt zur SS vielfach mit Privilegien und Macht verbunden; es galt in nationalsozialistischen Kreisen als „Ehre“, frei nach dem Wahlspruch der Parteiorganisation („Meine Ehre heißt Treue“), ihr anzugehören. Seltenes abweichendes Verhalten wurde vonseiten der SS mit Gewalt bis zum Tod geahndet.
Bis zum Überfall auf Polen (1. September 1939) waren allerdings 90 Prozent der Gründungsmitglieder altersbedingt aus dem aktiven Dienst in der SS ausgeschieden und nur etwa 10 Prozent der Altmitglieder gehörten dieser Parteiorganisation auch 1945 noch an.Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, S. 127. Von den im Jahr 1939 aktiven 260.000 SS-Angehörigen wurden nach Ausbruch des Krieges etwa 170.000, was circa 60 Prozent entspricht, in die Wehrmacht und etwa 36.000 in die Verfügungstruppe übernommen. Rund 10.000 SS-Angehörige waren als haupt- und nebenamtliche SS-Führer in den Polizei- und SS-Strukturen eingesetzt (Unabkömmlichkeit und Zurückstellung) oder in die öffentliche Verwaltung integriert.
Die SS war gemeinhin als eine ausgesprochen patriarchalische Organisation anerkannt, die sich ausschließlich aus männlichen Mitgliedern zusammensetzte. Im Zuge des Krieges wurden in den Konzentrationslagern von den Totenkopfverbänden vermehrt Frauen als „SS-Gefolge“ angeworben, um dort in den Frauenbereichen als Aufseherinnen eingesetzt zu werden.
Das Prinzip der doppelten Unterstellung war und blieb ein typischer Bestandteil der Organisationsstruktur der SS. Dies hatte zur Konsequenz, dass ein nachgeordneter Dienstposten zwei (oder mehreren) übergeordneten Stellen unterstellt war. Als beispielhaft für dieses Doppelprinzip erwies sich das Unterstellungsverhältnis der Kommandantur-Angehörigen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern: Jene unterstanden für gewöhnlich der Disziplinarordnung des jeweiligen KZ-Kommandanten, während sie ihre „fachspezifischen Anweisungen“ von der funktionsmäßig übergeordneten Fachabteilung des IKL erhielten. Diese Dienststellung fand üblicherweise lediglich für höhere Ränge Anwendung. Durch die sich daraus ergebenden unklaren Kompetenzverhältnisse erhielten die SS-Führer, die zwei verschiedenen SS-Verwaltungseinheiten unterstellt waren, vergleichsweise große Freiheiten. Gleichzeitig wurden sie jedoch einer stärkeren Kontrolle ihrer „politischen Zuverlässigkeit“ und „Effizienz“ unterzogen.
SS-Dienstalterslisten
Zwischen August 1934 und November 1944 erschienen im Auftrag der SS-Personalabteilung bzw. des späteren SS-Personalhauptamtes die sogenannten „SS-Dienstalterslisten“ oder kurz „SS-DAL“. Diese waren ein Verzeichnis der aktiven SS-Führer. Seit 1936 wurden auch Polizeioffiziere aufgeführt, sobald ihrem Dienstgrad ein SS-Rang entsprach.
Im Sommer 1944 wurde für die Waffen-SS ein Einzelexemplar einer „Dienstaltersliste der Waffen-SS“ herausgegeben und im November 1944 wurde vorzeitig der erste Teil der 1945er Dienstaltersliste herausgebracht, indes am 30. Januar 1945 lediglich ein Berichtigungsblatt zu dieser Liste erschien. Brün Meyer hat die „Dienstaltersliste der Waffen-SS. SS-Obergruppenführer bis SS-Hauptsturmführer; Stand vom 1. Juli 1944“, neu herausgegeben, Osnabrück (Biblio Verlag), 1987, mit Anhang 1–2, Ill., 274 S. mit Generalen der Waffen-SS im Bild (103).
Organisationsentwicklung Anfänge (1925–1933) Im Frühjahr 1925 begannen die ersten Organisationsstrukturen der späteren SS zu entstehen, die auf der Organisationsstruktur der SA der damaligen Zeit basierten. Bis zum Ende des Jahres 1925 zählte die spätere SS bereits nahezu 1000 Angehörige. Die Anzahl tatsächlicher SS-Angehöriger sank jedoch rasch auf 200 Personen.
Im Zuge des Reichsparteitags, welcher 1926 in Weimar abgehalten wurde, wies der Anfang April ins Leben gerufene „Saal-Schutz“ der NSDAP bereits eine derartige Mitgliederstärke auf, dass ihm ebenda die Blutfahne überreichtHeinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, S. 29. und er offiziell in „Schutzstaffel“ umbenannt wurde.
Die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 führte zu einem beträchtlichen Anstieg der Mitgliederzahl der SS, welcher insbesondere auf den massenhaften Beitritt ehemaliger Angehöriger der Freikorps zurückzuführen war. Jedoch strebten auch unbemittelte Bürgerliche danach, durch den Beitritt zur SS eine wirtschaftliche Grundlage zu erlangen. Die NS-Organisation verzeichnete ein stetiges Wachstum: Im Januar 1929 belief sich die Zahl der Mitglieder auf 280, stieg bis Dezember desselben Jahres auf 1000 und erreichte im Dezember des darauffolgenden Jahres 1930 einen Stand von 2727.Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, S. 56–57.
Die frühen SS-Standarten waren sowohl zentral als auch regional organisiert: Jene Standarten, die der Oberleitung unmittelbar unterstellt waren, wurden von dieser zentral verwaltet. Auf ihren Mannschaftsbestand hatte der damalige Oberleiter direkten Zugriff. Die regionalen Standarten unterstanden den entsprechenden Gauleitern der NSDAP und erreichten kaum Kompaniegröße.Daten aus dem ehem. BDC, dann BArch.
Aufgrund der Tatsache, dass die Mehrheit der SS-Gau-Führer bis Ende 1928/Anfang 1929 nicht der Oberleitung München, sondern den regionalen Gauleitern der Partei unterstellt und verantwortlich war, handelten sie eigenständig und in Absprache mit der örtlichen Gauleitung über die ihnen zugeordneten Normen. Erst als Himmler am 20. Januar 1929 zum Reichsführer ernannt wurde, änderte sich dies: Er begann sofort, alle SS-Gliederungen seiner neu gegründeten Zentralverwaltung zu unterstellen.
mini|Organisationsstruktur der SS zwischen 1929 und 1930 (nach Robert Lewis Koehler)
Himmler begann unverzüglich, im Mai 1929, ein neues Organisationsschema zu etablieren, das bis Ende 1930 Bestand hatte. Laut Robert Lewis Koehl's Buch The Black Corps: The Structure and Power Struggles of the Nazi SS umfassten die damals bestehenden SS-Gaue folgende Anzahl von Standarten: SS-Gau Berlin-Brandenburg (mit Teilen Mecklenburgs)Beate Behrens, Mit Hitler zur Macht, S. 117.Leitung seit 1926, Kurt Wege, ab 1928 als SS-Standartenführer.: 2 SS-Gau Franken: 4 SS-Gau Niederbayern: 31926–1930 war Heinrich Himmler dort Gau SS-Führer, der ab 1927 auch stellvertretender Reichsführer SS wurde. SS-Gau Oberbayern-Süd: 4Von 1929 bis zum 31. Oktober 1931 war Rudolf Heß dort als Gau SS-Führer eingesetzt. SS-Gau Rheinland-Süd: 4 SS-Gau Sachsen: 4
Dem SS-Gau waren auch untergeordnete Organisationsbereiche angegliedert, die sogenannten Oberführerbereiche. Diese kontrollierten ihrerseits die neuen Brigaden und die diesen unterstellten Standarten: Oberführerbereich „Ost“ mit den Brigaden Berlin-Brandenburg, Ostpreußen und Schlesien mit insgesamt 8 Standarten. Oberführerbereich „West“ mit den Brigaden Hessen-Nassau, Rheinland-Nord, Rheinland-Süd, Südhannover-Braunschweig und Thüringen mit insgesamt 16 Standarten. Oberführerbereich „Süd“ mit den Brigaden Baden, Württemberg, Franken, Niederbayern, Oberbayern-Süd und Österreich mit insgesamt 7 Standarten.
Ab 1930 erfolgte eine neuerliche Reorganisation der SS-Strukturen, wobei man sich erneut einer Strukturierung bediente, die sich eng an jene der SA anlehnte, da diese sich dort als zweckdienlich erwiesen hatte. Eine grundlegende Veränderung in der Uniformierung der SS-Mitglieder erfolgte: Die SS begann, sich vollständig in Schwarz zu kleiden, wodurch sie sich optisch von der SA, die ihr übergeordnet war, abgrenzte. Des Weiteren wurde das bestehende Dienstgradsystem der SA von Himmler übernommen und einer Anpassung unterzogen.
Im Jahre 1931 erfolgte die Umgliederung der bis dato bestehenden Oberleitung in München in die sogenannte Reichsführung SS, wobei die Oberleitung fortan die Funktion einer Stabsabteilung wahrnahm. Auch wurden mit dem SS-Amt, der Zentralkanzlei oder dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS interne Organisationen geschaffen, die später im NS-Staat eine maßgebliche Rolle spielen sollten.