+Wichtige MindestreservesätzeZentralbankSatzChinesische Volksbank 8,4 %Gewichteter Durchschnitt seit 6. Dezember 2021. The Economist, 11. Dezember 2021, S. 59.Europäische Zentralbank 1,0 %Deutsche Bundesbank: Mindestreserven seit 18. Januar 2012.Federal Reserve System 0,0 %Federal Reserve: reservereq.Bank Rossii 3,5 %Schweizerische Nationalbank 4,0 %

Mindestreserven sind im Bankwesen Pflichtguthaben, die Kreditinstitute kraft Gesetzes bei ihrer Zentralbank unterhalten müssen. Sie sind nicht täglich zu halten, sondern innerhalb einer Mindestreserveperiode im Durchschnitt und betragen im Eurosystem derzeit 1 % der sogenannten Mindestreservebasis.Deutsche Bundesbank: Glossareintrag Mindestreserve.Deutsche Bundesbank: Mindestreservepflicht. Banken erhalten – außer beim Negativzinsniveau – Habenzinsen für diese Reserveguthaben. Zentralbanken einiger Länder, wie Australien, Kanada, Großbritannien oder Schweden, fordern zurzeit keine Mindestreserve.Europäische Zentralbank: Minimum Reserve; Was ist die Mindestreservepflicht?Jagdish Handa: Monetary Economics, 2nd, Routledge, 2008, S. 347.

Allgemeines Wegen der gesetzlichen Pflicht kann die einzelne Geschäftsbank diese Guthaben bei der Zentralbank nicht anderweitig, etwa als Kredit auf dem Interbankenmarkt, verwenden. Sie muss deshalb ihre Liquiditätsplanung darauf abstellen, dass sie in normalen Zeiten über die hinterlegte Mindestreserve nicht verfügen kann. „Fließt einer Bank durch den Zahlungsverkehr ihrer Kundschaft beispielsweise an einem Tag Zentralbankgeld ab, mindert das die bestehende Zentralbankgeld-Einlage, welche die Bank aufgrund der Mindestreservepflicht unterhält. Der Bank steht es dann frei, ihre Einlage durch Kreditaufnahme am Geldmarkt noch am gleichen Tag wieder zu erhöhen – oder aber abzuwarten, ob ihr an den folgenden Tagen Zentralbankgeld zufließt“.Deutsche Bundesbank: Mindestreservepflicht.

Durch die gesetzliche Verpflichtung ist die Mindestreserve Teil der Bankenregulierung. Der ursprüngliche Gedanke der Mindestreserven war die Schaffung einer Liquiditätsreserve der Banken, wenn in Zeiten einer Bankenkrise massenhafte Abhebungen durch Bankkunden (Bankansturm) drohen. Doch erkannte man schnell ihre weit darüber hinausgehenden volkswirtschaftlichen Auswirkungen.

Geschichte Die Mindestreserve als Instrument der Notenbankpolitik tauchte erstmals im Free Banking Act des Staates New York im April 1838 auf. Danach mussten die Banken 100 % der von ihnen ausgegebenen Banknoten sowie der bei ihnen gehaltenen Einlagen in Form von Hypothekendarlehen oder Staatsanleihen halten. Die Mindestreserve verdankt also ihren Ursprung dem Sicherheitsbedürfnis der Kunden.Hjalmar Horace Greeley Schacht: Magie des Geldes, 1966, S. 199. US-weit sollte später der Umlauf von Banknoten durch eine Barreserve gedeckt werden, um die Einlösbarkeit der Banknoten gegen Münzen sicherzustellen.Kurt P. Tudyka: System und Politik der Mindestreserve, 1964, S. 40. Mit Inkrafttreten des National Banking Act im Februar 1863 wurde zunächst nur in Louisiana und Massachusetts die Reservehaltung gegen umlaufende Banknoten gesetzlich gefordert. US-weit schuf der Federel Reserve Act vom Dezember 1913 die Rechtsgrundlage dafür, dass Banken beim Federal Reserve System eine Mindestreserve () zu unterhalten hatten. Ab Mai 1933 durften die Reservesätze im Falle einer Kreditexpansion erhöht werden. Ab August 1935 durften die Reservesätze frei variiert werden und dienten nicht mehr der Liquiditätssicherung, sondern avancierten zu einem Instrument der Geldpolitik.

Das deutsche Kreditwesengesetz (KWG) vom Dezember 1934 sah in § 16 KWG die Haltung einer variablen „Barreserve“ durch Banken bei der Reichsbank vor. Die Reserve galt „nicht nur als erster Puffer im Falle eines Runs, sondern die Notwendigkeit, von jedem neugeschaffenen Kredit einen Teil der Barreserve zuführen zu müssen, soll die Neigung zur Kreditausweitung vermindern“.Jens Jessen: Reichsgesetz über das Kreditwesen vom 5. Dezember 1934, S. 56. Durch KWG a.F. wurde der gesetzliche Rahmen für die Mindestreserve als neues Instrument der Geldpolitik geschaffen. Die hierin noch „Barreserve“ genannte Reserve ist der Vorläufer der heutigen Mindestreserve.Alexander Zöller: Staatsbank der DDR und Deutsche Bundesbank, in: Deutschland-Archiv, 1991, S. 7.

Die Mindestreserve wurde erstmals im Juni 1947 durch ein Landeszentralbank-Gesetz in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland eingeführt und im März 1948 erstmals durch die Bank deutscher Länder erhoben. Im Mai 1952 führte man Reserveklassen ein, die nach der Höhe der reservepflichtigen Verbindlichkeiten gestaffelt waren. Im Februar 1956 übernahm das Bundesbankgesetz (BBankG) die Mindestreserveregelung in § 15 Abs. 1 BBankG für Sichtverbindlichkeiten (bis 30 % der Sichtverbindlichkeiten), befristete Verbindlichkeiten (20 %) und Spareinlagen (10 %). Es schuf die Voraussetzung für die Mindestreservepflicht, weil sie als Mittel der Geld- und Währungspolitik gilt.Deutsche Bundesbank: Geschäftsbericht 1957, S. 9. Deren operative Umsetzung fand Eingang in die Anweisung der Deutschen Bundesbank über Mindestreserven (AMR) vom Mai 1958. Nachdem die Bundesbank im Dezember 1974 einen Konzeptwechsel im Hinblick auf die Bedeutung einzelner geldpolitischer Instrumente vollzog, gehörten die Mindestreserven zum wichtigsten Instrument der Grobsteuerung. Während die Grobsteuerung den langfristigen Zentralbankgeldbedarf steuerte, sollte die Feinsteuerung kurzfristige Schwankungen am Geldmarkt korrigieren.Angelika Müller: Die Mindestreserve, 1992, S. 175 ff.

Am 22. April 2024 teilte die Schweizerische Nationalbank mit, dass sie die Mindestreserveerfordernis der inländischen Banken erhöht und die Nationalbankverordnung per 1. Juli 2024 entsprechend anpasst. Außerdem hebt sie zu diesem Zeitpunkt den Mindestreservesatz von derzeit 2,5 auf 4 Prozent.

Arten Eine Passiv-Mindestreserve liegt vor, wenn die Mindestreserve von bestimmten Einlagen erhoben wird, die auf der Passivseite der Bankbilanz verbucht werden. Entsprechend handelt es sich um eine Aktiv-Mindestreserve, wenn als Bezugsgröße für die Mindestreserve das Kreditportfolio oder Kreditgeschäft zur Berechnung herangezogen werden.Manfred Borchert: Mindestreservekonzeptionen, 1987, S. 108 ff. Diese wurde von Hans Büschgen in seiner 1965 erschienenen Habilitationsschrift über Mindestreserven vorgeschlagen. Bei der Zuwachs-Mindestreserve wird die Mindestreservepflicht nicht auf die mindestreservepflichtigen Einlagen bezogen, sondern lediglich auf deren Zuwachs.Alfred Katz/Claus Köhler: Geldwirtschaft: Geldversorgung und Kreditpolitik, Band 1, 1977, S. 271.

Rechtsfragen Die EZB übernahm im November 1998 substanziell das auf der Passiv-Mindestreserve beruhende deutsche Mindestreserve-System () und führte es in den EU-Mitgliedstaaten als für alle Banken verbindlich ein.Verordnung (EG) Nr. 2531/98 vom 23. November 1998, Amtsblatt L 318. Das heutige Mindestreserve-System des Eurosystems ist in Art. 19 der Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken (EZB-Satzung), der EG-Ratsverordnung über die Auferlegung einer Mindestreservepflicht durch die Europäische Zentralbank und in der EZB-Verordnung über Mindestreserven geregelt. Die EZB kann nach Art. 19.1 EZB-Satzung zur Verwirklichung der geldpolitischen Ziele verlangen, dass die in den Mitgliedstaaten niedergelassenen Kreditinstitute Mindestreserven auf Konten bei der EZB und den nationalen Zentralbanken unterhalten. Die Mindestreserve-Sätze sind global auf 10 % der reservepflichtigen Verbindlichkeiten begrenzt (Art. 4 Abs. 1 EZB-Verordnung).

Berechnung Berechnungsgrundlage sind nach Art. 5 und Art. 6 Abs. 1 der Mindestreserve-VerordnungVerordnung (EU) 2021/378 der Europäischen Zentralbank vom 22. Januar 2021 über die Auferlegung einer Mindestreservepflicht (Neufassung) (EZB/2021/1). die reservepflichtigen Einlagen des Passivgeschäfts. Hierzu gehören täglich fällige Einlagen (Übernachteinlagen), Einlagen mit vereinbarter Laufzeit von bis zu zwei Jahren, Einlagen mit vereinbarter Kündigungsfrist von bis zu zwei Jahren, Bankschuldverschreibungen (Sparbriefe) mit vereinbarter Laufzeit von bis zu zwei Jahren sowie Geldmarktpapiere. Auch Einlagen mit vereinbarter Laufzeit von über zwei Jahren, Einlagen mit vereinbarter Kündigungsfrist von über zwei Jahren, Repogeschäfte und Schuldverschreibungen mit vereinbarter Laufzeit von über zwei Jahren sind grundsätzlich mindestreservepflichtig, unterliegen jedoch derzeit einem Reservesatz von 0 %. Von diesen reservepflichtigen Verbindlichkeiten muss ein bestimmter Prozentsatz, der Mindestreservesatz, als Mindestreserve vom reservepflichtigen Kreditinstitut bei der zuständigen Zentralbank als Guthaben unterhalten werden. Durch Anwendung der Mindestreservesätze auf die genannten reservepflichtigen Verbindlichkeiten ergibt sich das Mindestreserve-Soll, das als Monatsdurchschnitt ermittelt wird. Das Mindestreserve-Soll wird wie folgt ermittelt:

Die tatsächlich unterhaltenen Mindestreserve-Guthaben sind das Mindestreserve-Ist, das mit dem Mindestreserve-Soll identisch sein muss. Kommt es zur Unterschreitung dieses Mindestreserve-Solls durch das Mindestreserve-Ist, wird dies mit einem Sonderzins von bis zu 5 Prozentpunkten über dem durchschnittlichen EZB-Spitzenrefinanzierungssatz sanktioniert (Art. 7 Abs. 1a EZB-Verordnung). Wird das Mindestreserve-Soll tatsächlich überschritten, liegt eine Überschussreserve vor, die ebenfalls verzinst wird. Auch das Mindestreserve-Soll wird – als Ausgleich für den Wegfall der Rediskontkredite – verzinst.

Funktionsweise Überschussreserve Unterhält eine Geschäftsbank bei der Zentralbank ein Guthaben, das die Mindestreserve übersteigt, so heißt der Unterschiedsbetrag Überschussreserve.Deutsche Bundesbank: Monatsbericht Juni 2015, S. 36. Früher waren die Überschussreserven sehr gering. In der Eurozone nahmen sie jedoch von 1,2 Mrd. Euro 2009 bis auf 2 816,7 Mrd. Euro November 2020 zu.Deutsche Bundesbank: Monatsbericht Januar 2021, S. 42*. In den USA stiegen die Überschussreserven ab Herbst 2008 rasant an; im Juli 2015 beliefen sie sich auf 2,5 Bio. Dollar.FRED: Überschussreserven.

Überschussliquidität Die Europäische Zentralbank definiert Überschussliquidität als Summe von Überschussreserve und Einlagefazilität.Deutsche Bundesbank: Definition Einlagefazilität.Deutsche Bundesbank: EZB-Monatsbericht Januar 2014 (PDF), S. 75. Die Überschussliquidität stieg ab Herbst 2008 sprunghaft an.Deutsche Bundesbank: EZB-Monatsbericht Januar 2014 (PDF), S. 77.

A. In die Mindestreserve einbezogene Verbindlichkeiten mit positivem Reservesatz Einlagen: täglich fällige Einlagen Einlagen mit einer vereinbarten Laufzeit von bis zu 2 Jahren Einlagen mit einer vereinbarten Kündigungsfrist von bis zu 2 Jahren Ausgegebene Schuldverschreibungen: Schuldverschreibungen mit vereinbarter Laufzeit von bis zu 2 Jahren

B. In die Mindestreserve einbezogene Verbindlichkeiten mit einem Reservesatz von 0 % Einlagen: Einlagen mit einer vereinbarten Laufzeit von über 2 Jahren Einlagen mit einer vereinbarten Kündigungsfrist von über 2 Jahren Repogeschäfte

Ausgegebene Schuldverschreibungen: Schuldverschreibungen mit vereinbarter Laufzeit von über 2 Jahren

C. Nicht in die Mindestreserve einbezogene Verbindlichkeiten Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten, die selbst Mindestreserve unterhalten Verbindlichkeiten gegenüber EZB und NZBs Verbindlichkeiten aufgrund geldpolitischer Maßnahmen des ESZB

Methode