mini|hochkant=1.7|Modell des Reichsparteitagsgeländes bei der Weltfachausstellung Paris 1937 mini|hochkant=1.7|Kartenausschnitt des Reichsparteitagsgeländes um 1940
Reichsparteitagsgelände wurde das Areal im Südosten Nürnbergs genannt, auf dem von 1933 bis 1938 die Reichsparteitage der NSDAP stattfanden. Der Gesamtentwurf für die Gestaltung des Geländes stammte in der Grundkonzeption von Albert Speer und im Detail von Walter Brugmann, der auch die Umsetzung planerisch leitete. Es umfasst eine Gesamtfläche von über 16,5 km². Das Gelände erstreckte sich zwischen dem Bahnhof Dutzendteich, dem alten Tiergarten und im Südosten bis zum Moorenbrunnfeld. Einige der Kolossalbauten wurden ganz oder teilweise fertiggestellt und sind noch heute vorhanden. Informationen vor Ort bietet seit 2001 das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.
Das Gelände vor 1933: Naherholungsgebiet Im 19. Jahrhundert entwickelte sich im Südosten Nürnbergs rund um den großen und kleinen Dutzendteich ein Naherholungsgebiet für die Bewohner der rasch wachsenden Stadt. Seit 1876 gab es an der Nordseite des Dutzendteichs eine Badeanstalt. Bis zur Jahrhundertwende wurde an den Teichen eine Strandpromenade eingerichtet. Anstelle eines früheren Gasthauses ließ ein Hotelier 1899 ein Restaurant errichten, das direkt am Ufer liegende Park-Café Wanner, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.
Im Bereich zwischen Dutzendteich und dem heutigen Platz der Opfer des Faschismus fand 1906 die Bayerische Jubiläums-, Landes-, Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung statt. Der nördliche Teil des Ausstellungsgeländes wurde zu Ehren des damaligen Prinzregenten Luitpold Luitpoldhain genannt.
Die Geschäftsstelle der Ausstellung von 1906 beantragte laut dem im Stadtarchiv Nürnberg vorhandenen Bauakt am 14. Januar 1905 beim Stadtmagistrat den Bau des Leuchtturms am Dutzendteich. Er war Ausstellungsbeitrag der Firma Josef Houzer, Spezialgeschäft für Schornsteinbau und Feuerungsanlagen. Das Ensemble wurde zum 22. Juni 1906 fertiggestellt. Während der Ausstellung diente der Turm mit seiner Höhe von 15 Metern tagsüber als Aussichtsplattform, nachts beleuchteten dort angebrachte Scheinwerfer das Gelände. Am 30. Dezember 1907 wurde der Leuchtturm zur weiteren Nutzung an die Stadt Nürnberg verkauft, die einen Aufzug einbauen ließ.
Die für die Ausstellung errichteten Gebäude wurden bis auf den Leuchtturm und die Maschinenhalle wieder abgetragen. Die Maschinenhalle erhielt nach einigen Umbauten zu einer Veranstaltungshalle den Namen Luitpoldhalle. Nach einem Zeitungsartikel in der Stadtchronik plante die Stadtverwaltung 1925, den Leuchtturm abzubrechen. Diese Pläne wurden jedoch nicht weiter verfolgt, bis das Gelände nach der Machtübernahme durch die NSDAP für die Errichtung der Kongresshalle als Teil des Reichsparteitagsgeländes ausersehen wurde. Der Leuchtturm stand im Weg und wurde am 29. Oktober 1936 im Zuge von Bodenverdichtungsarbeiten durch die 1. Kompanie des Pionierbataillons 45 Neu-Ulm gesprengt. Heute steht dort der Torso der Kongresshalle.Vorstadtverein Nürnberg Laufamholz – Historische Postkarten, abgerufen am 20. Februar 2013.
Im Bereich zwischen Luitpoldhain und Dutzendteich wurde 1912 der Tiergarten Nürnberg eröffnet. 1939 wurde er in den Schmausenbuck verlegt, da er den Ausbauplänen für das Parteitagsgelände im Weg stand.
Im Gebiet jenseits des Dutzendteichs entstand ab 1923 auf Anregung des Nürnberger Oberbürgermeisters Hermann Luppe ein Sport- und Erholungsgelände mit dem im Bauhausstil gehaltenen achteckigen Städtischen Stadion (Architekt: Otto Ernst Schweizer). Dieses bot Platz für 37.000 Zuschauer, einschließlich einer überdachten Tribüne für 2.500 Zuschauer. Teil des Geländes war auch eine Wiese, auf der am 28. August 1909 Ferdinand Graf von Zeppelin mit dem Zeppelin LZ 6 (vielfach fälschlich als „Z III“ bezeichnet) landete und die seither Zeppelinfeld heißt. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme entstand ein städtisches Sport- und Erholungsgelände nach Konzepten des Stadtgartendirektors Alfred Hensel. Auf dem eigentlichen Feld entstand die „Turnwiese“, ein dreiseitig von Tribünenwällen umschlossenes Sportfeld.Christian Kayser, Peter Kifinger: Zur Baugeschichte des Nürnberger Zeppelinfelds. Drohkulisse. Deutsche Bauzeitung. 16. Dezember 2015, abgerufen am 21. November 2017. Der Gesamtentwurf des Sportparks erhielt internationale Anerkennung, unter anderem eine goldene Medaille für die Planung bei den Olympischen Spielen 1928. Dadurch ermutigt, bewarb sich Nürnberg um die Ausrichtung der Olympischen Spiele 1936. Die Bewerbung wurde jedoch zugunsten Berlins fallengelassen.
Aufgrund der zahlreichen Einrichtungen und der günstigen Verkehrsanbindung wurde das Gelände zum beliebten Ort für überregionale Großveranstaltungen, darunter auch die NSDAP-Parteitage von 1927 und 1929. Zwischen 1928 und 1930 errichtete man auf der östlichen Seite des Hains ein Gefallenendenkmal, die sogenannte Ehrenhalle, zum Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs (Architekt: Fritz Mayer).
Das Gelände zwischen 1933 und 1945: Die Bauwerke Luitpoldarena mini|Die Luitpoldarena 1942 mini|hochkant=0.6|Gedenkveranstaltung für die 16 „Blutzeugen der Bewegung“ während des Hitlerputsches, 1934 auf dem Luitpoldhain Die Parkanlage des Luitpoldhains wurde ab 1933 durch eine streng gegliederte Aufmarschfläche ersetzt, die Luitpoldarena mit einer Fläche von 84.000 m². Gegenüber der Ehrenhalle errichtete man eine Rednertribüne. An der Ehrenhalle selbst wurde der Gefallenen des Hitlerputsches von 1923 gedacht. Die direkte Verbindung zwischen Tribüne und Halle bestand aus einem breiten Granitweg.
In diesem Ensemble fanden während der Reichsparteitage die Aufmärsche von SA und SS mit bis zu 150.000 Menschen statt. Zentrale „Reliquie“ war die Blutfahne, die angeblich beim Hitlerputsch von den Putschisten mitgeführt worden war. Bei der Blutfahnenweihe wurden neue Standarten von SA- und SS-Einheiten durch Berührung mit der Blutfahne „geweiht“.
Luitpoldhalle Die Luitpoldhalle hatte eine Ausdehnung von 180 × 50 Metern und bot Platz für bis zu 16.000 Menschen. In ihr fand im Rahmen der Reichsparteitage der Parteikongress statt. Da die verspielte Jugendstilfassade der 1906 errichteten Halle nicht zum Erscheinungsbild der Luitpoldarena passte, verblendete man sie 1935 mit einer strengen Kulisse, die dem Eingang einen monumentalen Eindruck verlieh. Auch im Innenraum wurde durch Fahnen und Vorhänge die Aufmerksamkeit der Zuhörer von der Architektur weg auf die Redner, namentlich Adolf Hitler und weitere Parteigrößen, gelenkt.
Für den Reichsparteitag 1935 wurde von Hitler für die Eröffnungszeremonie kurzfristig eine Orgel bei Oscar Walcker geordert.Adelheid von Saldern: Inszenierter Stolz: Stadtrepräsentationen in drei deutschen Gesellschaften (1935–1975), Franz Steiner Verlag, 2005, S. 137. Innerhalb von wenigen Tagen wurde die Orgel, die gerade im Werk in Ludwigsburg für die Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf fertiggestellt worden war, an der Stirnseite der Halle hinter einem riesigen roten Hakenkreuzvorhang aufgestellt. (PDF). walcker.com. Abgerufen am 3. Dezember 2017. (PDF). jubal.bplaced.net. Abgerufen am 3. Dezember 2017. Organist war Günther Ramin. (PDF). walcker.com. Abgerufen am 3. Dezember 2017. (PDF). jubal.bplaced.net. Abgerufen am 22. Juli 2026. Sie wurde zur Eröffnungszeremonie und unter anderem am 15. September 1935 gespielt – bevor Göring die Nürnberger Rassengesetze hier verlas – mit dem Kirchenlied Wir treten zum Beten. Nach dem Reichsparteitag wurde sie nach Berlin-Mariendorf transferiert, an den Ort, für den sie konzipiert worden war.
Für den Reichsparteitag 1936 wurde von der Firma Walcker eine neue Orgel mit fünf Manualen und 220 Registern aufgebaut, die kurzzeitig die größte Europas war.
Sie soll nach Bombentreffern der Royal Air Force verbrannt sein, desgleichen die hier eingelagerten enormen Lebensmittelreserven für die NS-Oberen und die gemeinsam mit diesen untergestellten Möbel.Luitpoldhalle auf nuernberginfos.de. Abgerufen am 6. Dezember 2017. Die beschädigte Halle wurde 1950 gesprengt und abgetragen. Das Areal wird heute als Parkplatz genutzt.
Kongresshalle
mini|Adolf Hitler mit den Architekten Albert Speer (links) und Franz Ruff (rechts) vor Zeichnungen und Modellen der Kongresshalle, um 1934/35
Die Kongresshalle ist – nach Prora und dem Flughafen Berlin-Tempelhof – der drittgrößte erhaltene nationalsozialistische Monumentalbau in Deutschland und steht unter Denkmalschutz. Der Entwurf mit einem freitragenden Dach stammt von den Nürnberger Architekten Ludwig und Franz Ruff. Die Halle war als Kongresszentrum für die NSDAP mit Platz für 50.000 Menschen geplant. Von der vorgesehenen Höhe von rund 70 Metern wurden nur 39 erreicht.
mini|Modell des Marcellustheaters im Museo della Civiltà Romana, Rom
Der größte Teil des Baus ist aus Ziegelsteinen gemauert; die Fassade wurde mit großen Granitplatten „aus allen Gauen des Reiches“ verkleidet. Das U-förmige Gebäude schließt an der Nordostseite zum großen Dutzendteich hin mit zwei Kopfbauten ab. Die Grundsteinlegung erfolgte 1935, der Bau blieb jedoch unvollendet, insbesondere kam es nicht mehr zur Überdachung. Die Maße des Torsos: U-Form außen 240 × 200 m, innen 175 × 155 m, östliche Kopfbauten 280 × 52…70 m. Ludwig und Franz Ruff bezogen sich mit ihrer U-Form sehr deutlich auf das antike Marcellustheater in Rom, das um die Jahre von Christi Geburt im Auftrag von Kaiser Augustus errichtet worden war. Sogar die beiden seitlichen Kopfbauten werden zitiert. Das Marcellustheater war Vorbild des Kolosseums, das ebenfalls von Ludwig und Franz Ruff in der Fassadengestaltung deutlich zitiert wird.Alexander Schmidt: Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. 5., vollständig überarbeitete Auflage. Nürnberg 2017, S. 35–61, hier S. 36. 2003 installierte das Hochbauamt der Stadt Nürnberg auf dem Dach der Kongresshalle eine Photovoltaikanlage mit einer Nennleistung von 295 kW. Diese erzeugt rund 300.000 kWh Ökostrom pro Jahr.Photovoltaikanlage auf dem Dach der Nürnberger Kongresshalle
Zu kontroversen Diskussionen führte der am 15. Dezember 2021 im Nürnberger Stadtrat zur Entscheidung anstehende Plan, die Kongresshalle als Ausweichquartier für das sanierungsbedürftige Opernhaus Nürnberg zu verwenden.Redaktion nordbayern: Zu viele offene Fragen! Historiker fordern Aufschub für Opern-Interim in der Kongresshalle. Nürnberger Nachrichten vom 24. November 2021. (Abruf 28. November 2021).
Haus der Kultur
Gegenüber der Kongresshalle wurde das Haus der Kultur geplant, der Bau wurde aber nicht mehr begonnen.
Große Straße mini|Die Große Straße, 2004 Der Bau der Großen Straße als Aufmarschstraße und zentrale Achse des Geländes wurde 1939 beendet. Sie ist in nordwestlicher Richtung auf die mittelalterliche Kaiserburg ausgerichtet. Dadurch sollte eine historische Verbindung zum Heiligen Römischen Reich und zu den Reichstagen in Nürnberg hergestellt werden. Sie konnte jedoch nie für Parteitage benutzt werden, da nach Kriegsbeginn keine solchen Veranstaltungen mehr stattfanden.
Die eigentliche Straße ist zwei Kilometer lang (1,5 km wurden fertiggestellt) und 40 Meter breit. Südlich der beiden Dutzendteiche wird sie von Tribünenstufen flankiert, wodurch die Breite in diesem Bereich ca. 60 Meter beträgt. Auf einer Betonunterlage verlegte man Granitplatten in zwei verschiedenen Farben. Die Straße war mit den Farben Hell- und Dunkelgrau strukturiert, damit die dort marschierenden Gruppen leichter die Ausrichtung einhalten konnten. Die hellgrauen, quadratischen Platten haben eine Kantenlänge von 1,2 m, was der Länge von zwei preußischen Stechschritten entsprach. Auch dadurch sollte das Einhalten der Formation bei Paraden erleichtert werden. Bis 1964 diente sie als Startbahn für die U.S. Army, die dort DHC-2 „Beaver“-Flächenflugzeuge und Sikorsky S-58-Hubschrauber betrieb.
Deutsches Stadion