Als kreatives Schreiben wird in Anlehnung an die Nutzung des Begriffs creative writing im englischsprachigen Raum oft das Schreiben von Literatur bezeichnet, etwa von erzählender Literatur und von Gedichten. Allerdings ist der Begriff im deutschsprachigen Raum unzureichend definiert. Gemeint sind häufig auch spielerische, therapeutische oder didaktische Herangehensweisen an das Schreiben.

Im englischsprachigen Raum bezeichnet creative writing auch das Studienfach, in dem das Schreiben von Literatur gelehrt wird. Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Doktorate für kreatives Schreiben existieren in großer Zahl im englischsprachigen Raum. Im deutschsprachigen Raum werden entsprechende Abschlüsse nur vereinzelt angeboten (siehe unten).

Begriff und Geschichte Der Ausdruck „kreatives Schreiben“ leitet sich vom englischen creative writing ab. Erstmals taucht der Ausdruck am Ende des 19. Jahrhunderts an amerikanischen Universitäten als Bezeichnung für Seminare auf, in denen Studenten der Literaturwissenschaft praktische Schreiberfahrungen sammeln sollen. Kurze Zeit später erschienen unter dem Titel Creative Writing erste Handbücher.Barbara Glindemann: Creative writing. Zu den kulturellen Hintergründen und zum literaturwissenschaftlichen und institutionellen Kontext im Vergleich zwischen England, USA und Deutschland. Dissertation. Hamburg 2000, S. 1ff. (; PDF; 1,4 MB) Weite Verbreitung fanden Begriff sowie Anleitungsmethoden und -kurse zum Verfassen literarischer Texte seit etwa 1920.

Wird „kreatives Schreiben“ in einem weiteren Sinn verstanden, so fallen unter den Begriff sämtliche Schreibformen, die auf Methoden der Ideenfindung zurückgreifen. Schriftsteller aller Zeiten haben Methoden und Techniken angewandt, die ihnen bei der Textproduktion geholfen haben. In diesem weiteren Sinne reicht die Geschichte des kreativen Schreibens bis in die Antike zurück.Jürgen vom Scheidt: Zeittafel des Kreativen Schreibens. In: Kreatives Schreiben, Texte als Wege zu sich selbst und zu anderen. Fischer, Frankfurt am Main 1991. (Online-Zeittafel) Ein frühes Beispiel ist Ciceros Traktat De inventione, in dem es u. a. um Auffindung des Stoffes (inventio), die Gliederung (dispositio) und die Ausdrucksweise (elocutio) geht – allerdings in der mündlichen Rede. Im Barock war der spielerische Umgang mit Sprache Zeichen von hoher Bildung und Eloquenz. Im frühen 20. Jahrhundert haben künstlerische Bewegungen wie Dadaismus und Surrealismus Schreibspiele als Inspirationsquelle neu entdeckt.Ingrid Böttcher (Hrsg.): Kreatives Schreiben. Grundlagen und Methoden. Cornelsen Scriptor, Berlin 1999, S. 13f.

Englischsprachiger Raum

Im englischen Sprachraum sind universitäre Ausbildungsgänge (Master of Creative Writing) selbstverständlich und seit den 1970er Jahren etabliert. Das erste Creative-Writing-Programm in Großbritannien mit offiziellem formalem Studienabschluss wurde von den Schriftstellern Malcolm Bradbury und Angus Wilson 1970 an der University of East Anglia eingeführt.School of Creative Writing. Webpräsenz der University of East Anglia, abgerufen am 9. März 2015. Gegenwärtig (2019) gibt es für das Fach Creative Writing allein in den USA 422 Bachelor- und 282 Masterstudiengänge. Zahlreiche erfolgreiche Autoren haben einen Universitätsabschluss im Fach Creative Writing, darunter etwa die Pulitzerpreisträger Jeffrey Eugenides, James Alan McPherson, Anne Tyler, Richard Ford, Larry McMurtry, Oscar Hijuelos und Michael Chabon. Auch der japanisch-britische Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro hat einen Masterabschluss im Fach Creative Writing.

Chancen und Probleme von Schreibstudiengängen Studiengänge in creative writing bieten die Chance, literarisches Schreiben vom Geniegedanken zu lösen, also von der Vorstellung, nur Genies könnten kreative Leistungen, wie zum Beispiel Literatur, hervorbringen. Ähnlich wie andere künstlerische Studienfächer, z. B. in bildender Kunst, Musik oder Schauspiel, bieten Schreibstudiengänge die Möglichkeit, handwerkliche Fähigkeiten auszubilden und von professionell Schreibenden zu lernen. Im Studium wird das Schreiben fortlaufend geübt und durch Rückmeldung ausgebildet, und es bietet die Gelegenheit für künstlerischen Austausch und den Aufbau von künstlerischen professionellen Netzwerken.

Das Problem der Programme zur Förderung kreativen Schreibens sei die ihnen zugrundeliegende Annahme, dass „Studierende, die nie ein Gedicht publiziert haben, andere Studierende, die nie ein Gedicht publiziert haben, lehren könnten, veröffentlichungsreife Gedichte zu schreiben.“ Bei dieser Kritik zeigt sich allerdings eine sehr konservative Vorstellung von Lehren und Lernen, während Studien zu Feedback auf Texte auf studentischer Ebene belegen, dass Peer-Feedback und Peer-Tutoring beim Schreibenlernen sehr wirksam sind (siehe Eintrag zu Schreibzentren). Der Autor Allen Tate kritisiert, dass „akademisch zertifizierte kreative Schreiber Creative Writing lehren und so andere kreative Schreiber produzieren, die nicht Schriftsteller sind, sondern wieder andere kreative Schreiber produzieren, die nicht Schriftsteller sind.“ Der Schriftsteller Verlin Cassill († 2002), der selbst Creative Writing-Kurse gab, wies darauf hin, dass diese Kurse heute immer öfter dazu benutzt werden, um mit Hilfe von Stipendien, Promotionen auf Grundlage der eigenen Werke (z. B. Biographien) und Druckkostenvorschüssen der Universitäten für deren Veröffentlichung zu akademischen Stellen bzw. Gehaltszulagen zu kommen. Die akademischen Programme seien inzwischen „vergiftet“; Cassill plädierte daher für die Auflösung der Interessenvereinigung der akademischen Creative Writers, der Association of Writers and Writing Programs, die 25.000 Mitglieder hat.

Andere Autoren halten dagegen, dass der Aufschwung der US-Literatur in den letzten 50 Jahren eindeutig mit dem Erfolg der Programme zu tun habe und dass diese insbesondere auch Angehörigen benachteiligter Gruppen wie der aus einer armen Familie stammenden Joyce Carol Oates oder Margret Walker, einer Vertreterin der afroamerikanischen Neo-Slave Narratives, die Möglichkeit gegeben hätten, für sich die Frage „Wer bin ich?“ zu reflektieren und zu beantworten. So verzeichnet die Pionierin der Creative Writing-Programme, die Universität von Iowa, zahlreiche Pulitzer-Preisträger unter ihren Absolventen, weist allerdings die Vermutung, dass das mit den Kursen zu tun habe, zurück und führt es in erster Linie auf die mitgebrachten Qualifikationen ihrer Studierenden zurück.Louis Menand: Show or Tell? In: The New Yorker. 8. Juni 2009, online: newyorker.com

Deutschsprachiger Raum Im deutschsprachigen Raum hat die Verbreitung des Ausdrucks „kreatives Schreiben“ in den 1970er Jahren begonnen. Mit dem „Segeberger Kreis e. V.“ gibt es seit 1987 eine Fachgesellschaft, in der sich Schreiblehrer aus Hochschule, Schulen und der Erwachsenenbildung sowie Autoren, die zugleich kreatives, literarisches und journalistisches Schreiben lehren, treffen.

Die Verwendung des Begriffs ist nicht einheitlich, doch verallgemeinernd gesagt ist kreatives Schreiben auch im Deutschen eine Bezeichnung für Schreibansätze, die davon ausgehen, dass Schreiben ein kreativ-sprachlicher Prozess ist, zu dem jeder Mensch methodisch angeleitet werden kann. Kreatives Schreiben geht damit über klassischen Schreibunterricht hinaus, indem der Schwerpunkt auf den Prozess des Schreibens selbst gelegt und „durch assoziative, gestaltende und überarbeitende Methoden trainiert“Ingrid Böttcher (Hrsg.): Kreatives Schreiben. Grundlagen und Methoden. Cornelsen Scriptor, Berlin 1999, S. 7. wird. Eine einheitliche Beschreibung dessen, was kreatives Schreiben umfasst, lässt sich kaum geben, weil die Ansätze sich in Grundlagen, Methoden und Zielen zum Teil sehr stark unterscheiden.Lutz von Werder: Lehrbuch des kreativen Schreibens. 4. Auflage. Schibri-Verlag, Berlin 2004, S. 21ff.

Im kreativen Schreiben lassen sich im deutschsprachigen Raum vier Hauptkonzepte unterscheiden: Spiel mit der Sprache, Therapie und autobiografische Selbstreflexion, schulische Schreibdidaktik, Pragmatik des Schreibens in Literatur, Theater, Film und Wissenschaft.

Spiel mit der Sprache

Schreibspiele sind als Methode darauf spezialisiert, den oft schreibhemmenden Respekt vor dem geschriebenen Wort abzubauen. Vor allem in Schreibwerkstätten, aber auch in der Schule sind Schreibspiele oft Einstiegsübungen in komplexere Methoden des kreativen Schreibens. Schreibspiele werden in fast allen Konzeptionen in unterschiedlichen Formen eingesetzt. Sie helfen dabei, einen lustvollen Zugang zum sprachlichen Ausdruck und zur eigenen Sprache zu finden. Dennoch kommt der ausschließliche Einsatz von Schreibspielen bald an seine Grenzen. In der Regel kommen deshalb heute Konzepte, die allein auf Sprachspielen beruhen, kaum noch vor. Sie sind in der Regel eingebunden in weitergehende Konzepte.

Therapie und autobiografische Selbstreflexion Schreibprozesse haben häufig eine therapeutische Dimension: Eigene Erlebnisse und Erfahrungen, Ängste und Wünsche werden schreibend aufgegriffen und gestaltet. Regelmäßige Schreiberfahrung kann dazu führen, Entdeckungen über unbewusste Neigungen und Wünsche zu machen, weil der Schreibprozess immer wieder zu ähnlichen Themen, Stichworten und weiterführenden Gedanken führt.

Dieses Phänomen lässt sich therapeutisch nutzen. Ähnlich wie das selbstverständliche Sprechen in der Therapie, ist Schreiben eine Form von Selbstausdruck, bei der der Schreiber nicht nur handelt, sondern zugleich das Ergebnis seines Handelns betrachtet. Jürgen vom Scheidt unterscheidet deshalb zwischen dem inneren Schreiber und dem beobachtenden Ich. Obwohl die meisten Schreibprozesse in dieser Perspektive betrachtet werden können, ist es ratsam, den bewussten therapeutischen Einsatz kreativer Schreibmethoden professionell von einem Poesie- und Schreibtherapeuten begleiten zu lassen.

Eine einfache Methode, schreibend über sich selbst nachzudenken, ist das Führen eines Tagebuchs oder (bei begrenzten Zeitabschnitten) eines Journals. Es wird von Lutz von Werder empfohlen, im Tagebuch wie auch im Journal – gleichgültig zu welchen Themen – immer wieder auch mit literarischen Formen zu arbeiten (z. B. Gedanken in Haikus oder Senryūs zu „gießen“ oder in die Gedichtform „Elfchen“). Auch das bewusste Festhalten von Lebenserinnerung und Verfassen von Memoiren gehört hierzu. Zahlreiche fiktionale Texte enthalten autobiographische Spuren, die man sich in der Auseinandersetzung mit den eigenen Texten bewusst machen kann.

Wie kreatives biographisches Schreiben zu einem neuen Weg beim Erwerb der deutschen Sprache als Zweitsprache werden kann, zeigen Eva Finke und Barbara Thums-Senft in ihrem Handbuch Begegnung in Texten.Eva Finke, Barbara Thums-Senft: Begegnung in Texten: kreatives-biographisches Schreiben in der interkulturellen Bildung und im Unterricht Deutsch als Fremdsprache oder Zweitsprache. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-89657-804-4. Anhand zahlreicher Beispiele und detaillierter praktischer Ratschläge aus ihren eigenen Erfahrungen als Deutschlehrerinnen zeigen die Autorinnen, wie Kreatives Schreiben Deutsch Lernende dazu anregen kann, Gedanken in ihrer neuen Sprache zu Papier zu bringen, indem sie von der eigenen Biographie, von sich selbst ausgehen.

Schulische Schreibdidaktik Mit dem Bekanntwerden des kreativen Schreibens in der Bundesrepublik hatte die Schreibbewegung auch Einfluss auf den schulischen Unterricht. Bis in die 1970er Jahre dominierten das Diktat und der klassische Aufsatz die Schreibdidaktik. Dabei war der Aufsatzunterricht von schulischen Normen geprägt: Es galt, die wichtigsten schriftlichen Darstellungsformen als regelgerechtes Schreiben zu vermitteln. Zu ihnen gehörten: Bericht Beschreibung Erzählung Schilderung Betrachtung Erörterung Freie Formen, wie der Erlebnisbericht, hatten dabei schulgerechten Normen zu genügen, die eine einheitliche Benotung ermöglichten.