Die Hitzewelle in Europa 2003 fand ihren Höhepunkt während der ersten Augusthälfte des Jahres 2003.
Aufgrund seiner Dauer und Intensität mit neuen Temperaturrekorden in zahlreichen Städten zählt der Jahrhundertsommer durch Hoch Michaela zu den wichtigsten jüngeren meteorologischen Phänomenen Europas.
Mit geschätzten 45.000 bis 70.000 Todesopfern und einem volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von geschätzten 13 Milliarden US-Dollar gehört sie zu den opferreichsten Naturkatastrophen der vorhergegangenen 40 Jahre weltweit, war eine der schwersten Naturkatastrophen Europas der 100 Jahre davor und wohl das schlimmste Unwetterereignis des Kontinents seit Beginn der modernen Geschichtsschreibung; am stärksten betroffen war Frankreich.
Meteorologische Situation Verursacht wurde die Hitzewelle durch eine ausgeprägte Omegalage. Besonders betroffen von der Hitzewelle waren die südlicheren Länder Europas; vor allem Norditalien, Spanien und Portugal litten darunter, außerdem die maghrebinische Mittelmeerküste. In Amareleja im Alentejo im Süden Portugals erreichte die Temperatur am 1. August einen historischen Höchststand von 47,4 °C.
In Frankreich verzeichnete man die höchsten Temperaturen und die längste Dauer einer Hitzewelle seit mindestens 1950. Nach Angaben von Météo-France maßen zwei Drittel der französischen Wetterstationen Temperaturen über 35 °C.Lit. Météo-France: Dossier sur la canicule 2003. In 15 % der Städte wurden Temperaturen von über 40 °C verzeichnet. Die Bretagne erlebte mit über 40 °C ihren Hitzerekord. In Paris wurden 39 °C überschritten. Dort wurden die sommerlichen mittleren Temperaturhöchstwerte der Jahre 1922 und 1976 überboten. Der nächtliche Hitzerekord seit den ersten Aufzeichnungen, die im Jahr 1873 beginnen, wurde mit 25,5 °C in Paris in der Nacht vom 10. auf den 11. August verzeichnet.
Von den nördlicheren Ländern waren die Schweiz, der Westen und Süden Deutschlands und in Großbritannien der Süden betroffen. Man verzeichnete hier Temperaturrekorde von 37,9 °C am Flughafen Heathrow in England und 32 °C in Dänemark. In der Schweiz wurde bereits am 5. Mai in Bad Ragaz der früheste Hitzetag (≥ 30 °C) unter den Föhntälern verzeichnet. Am 12. Juni wurde in St. Gallen der früheste Hitzetag der Ostschweiz verzeichnet. Am 11. August wurde mit 41,5 °C in Grono im Misox (Kanton Graubünden) zum ersten Mal in der Schweiz ein Temperaturextremum von über 40 °C gemessen, womit der bisherige Rekord von 39 °C vom 2. Juli 1952 in Basel gleich um 2,5 °C übertroffen wurde. Am selben Tag erreichte die Tagesmitteltemperatur in Locarno 30,4 °C und in Grono (beinahe unglaubliche) 32,7 °C. In Locarno wurden 14 Hitzetage in Folge verzeichnet. Juni und August 2003 sind in der Schweiz bis heute (Stand 2026) die heißesten jeweiligen Monate seit Messbeginn 1864. Für Deutschland stellte der August 2003 den Rekord des Jahres 1807 ein, mit 4,2 °C über dem Mittel.bezogen seit Beginn der Instrumentenmessung 1761; Schönwieser, Staeger, Trömel, 2004, zit. n. Lit. – vergl. Maximum (1761 bis 2007) der Lufttemperatur in Deutschland.
Hingegen war beispielsweise in Belgien bis auf den Süden die Intensität dieses Phänomens weniger stark. Auch in Luxemburg konnte die staatliche Ackerbauverwaltung mit ihrem Messnetz von Wetterstationen Temperaturen über 40 °C messen. In Oberkorn an der luxemburgisch-französischen Grenze wurde der bisherige Temperaturrekord für Luxemburg mit 40,3 °C am 8. August 2003 erreicht. Im Norden des Großherzogtums stiegen die Temperaturen allerdings kaum über 37 °C. Die Gebiete östlich der Alpen waren von der Hitze ebenfalls weniger schwer betroffen (wohl aber von der Trockenheit), in der Südsteiermark wurden aber auch immerhin 38,5 °C Mitte August in Leibnitz gemessen. Auch war der Monat August dort mit einer Durchschnittstemperatur von 23,6 °C rekordverdächtig, mit über 300 Sonnenstunden im August, das sind um fast 80 mehr als im Monatsmittel, und mehr als 45,23 Tropentagen im Laufe des Sommers.
Die Hitzewelle wurde von weniger ungewöhnlichen meteorologischen Ereignissen begleitet, die aber die Folgen intensivierten. Der Hitzewelle gingen ein Frühling und Sommeranfang mit spürbarer Trockenheit voraus. Speziell in Frankreich litten die meisten Départements an gravierendem Wassermangel. So lagen die gemessenen Niederschläge von Februar bis August überall unter dem Normalniveau. Vor allem im Osten und auf Korsika überschritt das Niederschlagsdefizit die 50-%-Marke. Auch in Ostösterreich, der Slowakei, Slowenien und Westungarn kam es durch die Dürre zu schweren Ernteverlusten – für 2003 ist etwa in Ostösterreich „ein eklatantes Niederschlagsdefizit“ mit Jahressummen um 350 mm Niederschlag zu verzeichnen. Zudem zeichnete sich die erste Augusthälfte, speziell der 11. und 12. August, durch sehr schwache Luftbewegungen aus. Das verhinderte die Durchmischung der Luft, so dass die Spitzen der zu dieser Jahreszeit ohnehin hohen Ozonwerte hochgetrieben wurden. Dazu kam ein starker Anstieg der Stickoxide. Am 17./18. August kam es ein letztes Mal im Süden und im Osten Deutschlands durch eine Hitzeselbstverstärkung zu Temperaturen zwischen 30 °C und Höchstwerten bis 35 °C (Wetterstation Torgau-Klitzschen), bevor die Hitze im Verlauf des Monats stetig abnahm.
Insgesamt war der ganze Sommer 2003 (Juni, Juli, August) ein Rekordsommer mit Mitteltemperaturen von über 4 °C über dem Mittel von 1961 bis 1990 für das Dreiländereck Ostfrankreich–Schweiz–Süddeutschland, 3 °C von Katalonien bis Serbien und Mitteldeutschland bis Sardinien und über 2 °C für ganz Europa einschließlich Island sowie Nordalgerien, mit Ausnahme Russlands, Finnlands, Portugals und Mittelschwedens.Schär u. a., 2004, zit. n. Lit. Der Juni 2003 wurde in der Schweiz zum Monat mit der bisher größten positiven Normabweichung (4,7 °C über der Normalperiode 1991–2020) seit Messbeginn 1864 und ist mit Stand vom Februar 2024, welcher mit einer Abweichung von 4,6 °C auf dem zweiten Platz landete, ungeschlagen.
Zur Jährlichkeit des Ereignisses Wie jede Hitzewelle der jüngeren Jahre wird auch diese in Zusammenhang mit der offenkundigen globalen Erwärmung gesehen, eine für Einzelereignisse nicht direkt nachweisbare Annahme, sondern eine Folgerung der statistischen Eintreffwahrscheinlichkeiten. 2003 gilt dabei für die Untersuchung von Hitzewellen als mögliche Folge der globalen Erwärmung als Markstein, so spricht der Schweizer Wetterdienst MeteoSchweiz davon, dass MeteoSchweiz: Blog, 17. Juli 2019.
Laut Météo-France übertrafen .Lit. Météo-France: Dossier sur la canicule 2003. Übers. Wikipedia. Selbst unter den Bedingungen einer sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts erwärmenden Erde wurde die Hitzewelle als statistisch gesehen extrem unwahrscheinliches Ereignis eingeschätzt. Eine Studie der Universität FrankfurtSchönwiese, Frankfurter Universitätsinstitut für Meteorologie und Klimatologie, zit. nach Ref: Münchener Rück: TOPICSgeo 2003. S. 22. spricht – für Deutschland – von einer Jährlichkeit von 450, eine weitere; , zit. nach Lit. von „mindestens 500 Jahren“. Das Jahr 1540 blieb über den August hinaus bis Weihnachten abnorm heiß. Die Hitze und Dürre in Europa 1473 dauerte sogar über den Jahreswechsel hinaus. Eine andere Studie ermittelte ein Auftreten ein Mal in 46.450 Jahren (obwohl die Unsicherheit dieser Abschätzung sehr groß ist und die untere Schwelle des statistischen 90-%-Intervalls mit „nur“ 9000 Jahren angegeben wird).
Seit 2015 haben sich solche Angaben relativiert:Bernhard Schuldt et al.: A first assessment of the impact of the extreme 2018 summer drought on Central European forests (PDF, 18 S.). Basic and Applied Ecology 45 (2020), S. 86–103. Der Hitzesommer 2015 war ähnlich intensiv, aber weitaus länger andauernd und ausgedehnter; ebenso der Sommer 2018, 2022 und 2025. Bezogen auf das aktuelle, in Europa um schon 2,5 °C zur vorindustriellen Epoche erwärmte Klima dürfte die Jährlichkeit also vielleicht sogar eher im Bereich von nur einem Jahrzehnt anzunehmen sein. Die ZAMG konnte anhand der 250-jährigen HISTALP-Reihe auch nachweisen, dass die Hitzewelle 2003 – bezogen nicht auf die absolute Temperatur, sondern die Durchschnittstemperatur ihrer mittelfristigen Epoche – weniger abnormal war als einige Hitzewellen des 18., 19. oder 20. Jahrhunderts.Hitze, in: ZAMG: Neoklima (abgerufen am 21. Juli 2015), vgl. insb. Abb. 1: Entwicklung der Wechselhaftigkeit des Temperaturklimas im Großraum Alpen 1760–2006. Die Dürre und Hitze in Europa 2026 brachte vielerorts neue Rekorde, so hat z. B. der Sommer 2026 (Juni–August) in der Schweiz mit einer Durchschnittstemperatur von 17,24 °C den Sommer 2003 (16,88 °C) als heißesten Sommer seit Messbeginn 1864 abgelöst.
Folgen der Hitzewelle Bevölkerung Europa gesamt Die Abschätzung der hitzebedingten Übersterblichkeit, also der Zahl von Hitzetoten – nicht der von Opfern einer Dürrekatastrophe oder von Brandfolgen einer Dürre –, ist ein in der Untersuchung von Elementarereignissen relativ neuer Aspekt. Allgemein geht man davon aus, dass – zumindest in den mittleren Breiten des globalen Nordens – die Mortalität bei Tageshöchsttemperaturen von über 35 Grad Celsius signifikant zunimmt., zit. nach Ref. Die Schätzungen der Gesamtopferzahl wurden im Laufe der an die Ausnahmeerscheinung anschließenden Forschung deutlich erhöht; eine Studie gab mit 70.000 eine deutlich höhere Schätzung als andere.
Eine von Jean-Marie Robine, dem Direktor des französischen Forschungsinstituts Inserm, koordinierte Studie wurde im Frühjahr 2007 mit der Kernaussage abgeschlossen, dass die Hitzewelle 2003 in Europa insgesamt 45.000 Menschen das Leben gekostet hat. Die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft sprach 2003 von 23.000 direkten Opfern, namentlich in Frankreich 14.800, Italien 4.000, Deutschland 3.500, Spanien 2.000, Portugal 1.300, Großbritannien 900, Niederlande 500.Ref: Die Verhältnisse dürften für die neuere Studie analog gelten. Das Rote Kreuz gab 2004 noch bis zu 35.000 Todesopfer an.
Mit diesen neueren Zahlen wird die Hitzewelle des Hochs Michaela weltweit seit 1970 u. a. von dem Tsunami 2004, den Sturm- und Flutkatastrophen 1970 und 1991 in Bangladesch und 2008 in Myanmar sowie den Erdbeben 1976 und 2008 in China und dem Erdbeben in Haiti 2010 übertroffen. In Europa ist sie mit dem Messina-Erdbeben 1908 (mit etwa 83.000 Toten) eine der schweren Naturkatastrophen der letzten 100 Jahre und bei weitem das bisher schlimmste bekannte Wetterereignis – als Einzelereignis, abgesehen von durch Jahresverhältnisse ausgelösten Hungersnöten oder Ereignissen, in denen das Wetter nur Kofaktor war.
Die Methodik der französischen Studie wurde aber für andere Temperaturanomalie-Ereignisse später oder davor, oder auch andere Weltgegenden, nicht wiederholt, sodass die Zahlenangabe der einigen 10.000 Opfer vorerst singulär für Hitzewellen in der Fachliteratur dasteht.
Deutschland mini|Vertrocknete Rasenflächen um das Kurfürstliche Schloss in Koblenz am 24. August 2003 Auch in Deutschland war die Situation gefährlich. Waldbrände brachen aus und die Temperaturen stiegen erstmals seit 1983 wieder auf über 40 Grad Celsius. Der bis dahin existierende deutsche Hitzerekord wurde am 8. August 2003 in Perl-Nennig mit 40,3 °C gebrochen, allerdings wurde diese Messung nicht vom deutschen Wetterdienst offiziell bestätigt.Internetseite des Verkehrsvereins Nennig e. V.: , abgerufen am 2. August 2018.
Am 13. August wurden in Freiburg im Breisgau, Mannheim, Karlsruhe sowie in March 40,2 °C gemessen.Manfred Frietsch: March: March – Hitzepol und Sonnenseite, Badische Zeitung, 19. Februar 2013, abgerufen am 29. November 2013.Deutscher Wetterdienst: Wetterrekorde – Lufttemperatur, dwd.de, abgerufen am 29. November 2013.
In Deutschland starben an den Folgen der Hitzewelle etwa 7.000 Menschen, insbesondere geschwächte Personen wie Kranke und Senioren. Die unmittelbaren Todesursachen waren Herz-Kreislauferkrankungen, Nierenversagen, Atemwegserkrankungen und Stoffwechselstörungen.
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