mini|Martin van Maele: Schwarze Messe. Illustration aus dem Jahr 1911 zu Jules Michelets La Sorcière

Als Schwarze Messe (auch Teufelsmesse) wird eine okkulte religiöse Feier verstanden, bei der in einer Parodie der Heiligen Messe, die meist auch sexuelle Elemente enthält, der Teufel angebetet oder andere satanistische Rituale vollzogen werden. Dokumente für solche Feiern liegen bis ins 20. Jahrhundert ausschließlich vonseiten der christlichen Verfolger angeblicher Hexen und Teufelsanbeter vor, weshalb deren Wahrheitsgehalt in der Forschung bezweifelt wird. Zweifelsfrei nachgewiesen sind Schwarze Messen erst seit dem 20. Jahrhundert. Seit dem späten 19. Jahrhundert stellen sie ein wiederkehrendes Motiv der Belletristik dar.

Geschichte Mittelalter mini|Darstellung eines Hexensabbats aus den Wickiana (ca. 1570)

Berichte über Schwarze Messen gibt es seit dem späten Mittelalter: Hexen würden während so genannter Hexensabbate blasphemische Umkehrungen der Heiligen Messe feiern, die auch sexuelle Ausschweifungen umfassten. Laut der amerikanischen Autorin Rosemary Guiley setzt der Glaube an Schwarze Messen die im Mittelalter abgeschlossene Ausbildung der katholischen Transsubstantiationslehre voraus: Danach vollzieht sich nämlich während der Eucharistie mit der Verwandlung der Hostie und des Weines in Christi Leib und Blut ein reales Wunder. In der Schwarzen Messe werde versucht, diese übernatürliche Möglichkeit zu anderen Zwecken zu nutzen.Rosemary Guiley: The Encyclopedia of Demons and Demonology. Infobase Publishing, New York 2009, S. 30. Der französische Historiker Jules Michelet schildert 1862 in seinem Werk La SorcièreJules Michelet: La Sorcière. Dentu et Hetzel, Paris 1862 (PDF des Nachdrucks von 1966). Deutsche Übersetzung unter dem Titel: Die Hexe. Robert Schaefer’s Verlag, Leipzig 1863. eine solche blasphemische Feier: Sie habe aus Introitus, Kreistanz, Gloria, Credo, Agnus Dei sowie als Höhepunkt aus der sexuellen Vereinigung einer Frau, deren Körper sowohl den Altar als auch die Hostie darstelle, mit einem Dämon in der Form der Confarreatio bestanden. Bei seiner Schilderung stützt sich Michelet auf die Berichte des Hexenjägers Pierre de Lancre. Die Schwarzen Messen hätten im 14. Jahrhundert zur Zeit des avignonesischen Papsttums ihre endgültige Form gefunden, als die Autorität der Kirche schwand und die Ausbeutung der Bauern durch den Adel überhand nahm. In beidem sieht Michelet die Ursache sowohl von Bauernaufständen als auch von Schwarzen Messen.Referiert nach Ulrich K. Dreikandt (Hrsg.): Schwarze Messen. Dichtungen und Dokumente. dtv, München 1975, S. 21–31. Der schottische Altertumswissenschaftler James George Frazer überliefert in seinem Hauptwerk Der goldene Zweig das Ritual einer „Messe von St. Sécaire“, die im Mittelalter in der Gascogne vorgekommen sein soll, um einen Schadenzauber zu bewirken. Sie soll in der Stunde vor Mitternacht in einer Kirchenruine von einem Priester und einem Akolythen von schlechtem Lebenswandel durchgeführt worden sein und die Verwendung einer schwarzen, dreieckigen Hostie sowie von Quellwasser umfasst haben, in das der Leichnam eines ungetauften Säuglings geworfen wurde. Dem vielfachen Kindermörder Gilles de Rais wurde während seines Inquisitionsprozesses 1440 ebenfalls zur Last gelegt, Schwarze Messen zelebriert zu haben.Rosemary Guiley: The Encyclopedia of Demons and Demonology. Infobase Publishing, New York 2009, S. 30.

In der modernen Hexenforschung wird dagegen Berichten über Schwarze Messen, Hexensabbate und Teufelspakte wenig Glaubwürdigkeit beigemessen, da sie stets auf unter Folter erpressten Geständnissen beruhen. Bei diesen Folterverhören gingen die Hexenverfolger nach den Anleitungen von Hexentheoretikern wie Heinrich Kramer und Martin Delrio vor, die ihrerseits zum Teil auf die Verhörkataloge der mittelalterlichen Ketzerverfolgung zurückgingen.Iris Hille: Der Teufelspakt in frühneuzeitlichen Verhörprotokollen. Standardisierung und Regionalisierung im Frühneuhochdeutschen. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2009, ISBN 978-3-11-021895-4, S. 26 f. und 43 ff. (abgerufen über De Gruyter Online); Johannes Dillinger: Hexen und Magie. Eine historische Einführung. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 69. Rosemary Guiley weist darauf hin, dass Berichte über organisierte Schwarze Messen als Teil einer Teufelsverehrung sich erst mit der Einführung der Inquisition 1215 häufen. Sie nimmt zwar an, dass es durchaus Schwarze Messen gegeben habe, nicht aber in der Häufigkeit und der Zügellosigkeit, von der die Quellen sprechen.Rosemary Guiley: The Encyclopedia of Demons and Demonology. Infobase Publishing, New York 2009, S. 30.

Frühe Neuzeit mini|Angeblicher Vertrag zwischen dem Satan und dem Priester Urbain Grandier, von rechts nach links zu lesen, Loudun 1634. mini|Werbeplakat für Schriften von Léo Taxil, ca. 1895

Im 16. und 17. Jahrhundert wurden mehrere Priester hingerichtet, die angeblich Schwarze Messen durchgeführt hatten, doch handelte es sich dabei weniger um Teufelskulte als theatralische, bewusst schockierende Inszenierungen, mit denen gegen die Ungerechtigkeit der Kirche oder ihrer Würdenträger protestiert werden sollte. Im 17. Jahrhundert gibt es Berichte über Schwarze Messen in französischen Klöstern im Zusammenhang mit Fällen von Besessenheit, etwa in Louviers 1647Rosemary Guiley: The Encyclopedia of Demons and Demonology. Infobase Publishing, New York 2009, S. 30. oder in Loudun. Dort wurde 1634 der Priester Urbain Grandier, der Geschlechtsverkehr mit mehreren Nonnen vom Orden der Ursulinen gehabt hatte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er von diesen bezichtigt wurde, sie mit Hilfe von Dämonen dazu verleitet oder gezwungen zu haben. Im Prozess stellte ein von rechts nach links zu lesender Vertrag, der angeblich von ihm und dem Satan unterzeichnet wurde, ein wichtiges Beweisstück dar. Der Religionswissenschaftler Joachim Schmidt hält Realitätsgehalt dieses so genannten Klöstersatanismus für zweifelhaft.Joachim Schmidt: Satanismus. Mythos und Wirklichkeit. Diagonal-Verlag, Marburg 1992, S. 61 f. Ende des 17. Jahrhunderts fanden angeblich Schwarze Messen im Frankreich Ludwigs XIV. statt. Diese Messen sollen von geweihten Priestern auf den Körpern nackter Frauen gelesen worden sein. Angeblich kam es dabei auch zu sexuellen Handlungen und zu Blutopfern. Angeklagte sagten unter Folter aus, neben Tieren seien auch Totgeburten, abgetriebene Kinder und Säuglinge geopfert worden. 1679 ließ der Pariser Polizeipräfekt Nicolas de la Reynie einen solchen Zirkel auffliegen. Die Angelegenheit wurde unter dem Namen „Giftaffäre“ oder auch „Montespan-Affäre“ bekannt, benannt nach einer der Hauptverdächtigen, Marquise de Montespan. Bis heute ist ungeklärt, ob die Schwarzen Messen real stattgefunden hatten. Joachim Schmidt hält sie für „die ersten wirklich nachweisbaren schwarzen Messen“,Joachim Schmidt: Satanismus. Mythos und Wirklichkeit. Diagonal-Verlag, Marburg 1992, S. 61 f. wohingegen es der Historiker Philip Jenkins für möglich hält, dass die Polizei nur Sensationsberichte einsammelte, die unter der Folter oder zu dem Zweck erfunden worden waren, hochgestellte Persönlichkeiten zu diskreditieren, die vielleicht einer anderen Faktion bei Hofe angehörten.Philip Jenkins: Satanism and Ritual Abuse. In: James R Lewis (Hrsg.): The Oxford Handbook of New Religious Movements. Oxford University Press, Oxford/New York 2004, S. 224. Mit dem Ende der Montespan-Affäre endeten für über hundert Jahre die Berichte über Schwarze Messen.Jeffrey Burton Russell: Mephistopheles. The Devil in the Modern World. Cornell University Press, Ithaca/London 1990, S. 91.

19. Jahrhundert Aus den Berichten über die angeblich von Montespan praktizierten Rituale bildete sich im 19. Jahrhundert das Narrativ der Schwarzen Messe in der Moderne.Hugh Urban: New Age, Neopagan, and New Religious Movements. Alternative Spirituality in Contemporary America. University of California Press, Berkeley 2015, ISBN 978-0-520-96212-5, S. 181. In den 1890er Jahren erregte der französische antiklerikale Journalist Leo Taxil (1854–1907) mit einer Reihe von sensationsheischenden Veröffentlichungen Aufsehen. Darin gab er vor, eine bis dahin geheime, „palladische“ Strömung der Freimaurerei aufzudecken, in der angeblich Schwarze Messen gefeiert und der Baphomet angebetet würde. 1897 deckte Taxil selber den Schwindel auf, den er ersonnen hatte, um die katholische Kirche als leichtgläubig und bigott zu diskreditieren. Gleichwohl gibt es bis heute Menschen, die seinen Erfindungen Glauben schenken.W. R. Jones: Palladism and the Papacy. An Episode of French Anticlericalism in the Nineteenth Century. In: Journal of Church and State. 12, Heft 3 (1970), S. 453–473; Massimo Introvigne: Satanism. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden/Boston 2005, S. 1035; Kembrew McLeod: Pranksters. Making Mischief in the Modern World. New York University Press, New York/London 2014, S. 109–113.

Belletristik Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert finden sich in der Belletristik immer wieder entsprechende Schilderungen. 1891 veröffentlichte der französische Autor Joris-Karl Huysmans den Roman Tief unten (1891). Darin verstrickt sich der wie Huysmans der literarischen Richtung der Décadence anhängende Schriftsteller Durtal auf der Suche nach einem „spiritualistischen Naturalismus“, mit dem er die materialistischen und anti-aristokratischen Tendenzen seiner Gegenwart überwinden will, immer tiefer in Astrologie, Alchimie und Okkultismus. Den Tiefpunkt seiner Suche stellt eine ausführlich geschilderte Schwarze Messe dar. Von Ekel überwältigt, zieht Durtal sich in die Einsamkeit zurück und kommt zu der desillusionierenden Einsicht, dass er, anders als Gilles de Rais, an dessen Biographie er arbeitet, nicht auf die Vergebung der Kirche und die Rückkehr zum christlichen Glauben hoffen kann.Kindlers Literatur Lexikon, s. v. Là-bas. Taschenbuchausgabe, dtv, München 1986, Bd. 7, S. 5446. Huysmans ließ sich dabei von Joseph-Antoine Boullan (1824–1893) inspirieren, einem französischen Priester, der sich von der Kirche losgesagt hatte und sexualmagische Rituale durchführte. Huysmans’ ausführliche Schilderungen prägten das literarische Konstrukt „Schwarze Messe“. Auch Taxil hatte sich für die fantasievolle Ausmalung der von ihm erfundenen Schwarzen Messen der Freimaurer bei diesem Roman bedient, spätere Satanisten benutzten ihn als Gebrauchsanleitung für ihre Rituale.Massimo Introvigne: Huysmans, Joris-Karl (Charles-Marie-Georges). In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden/Boston 2005, S. 579.