Grudziądz (; kaschubisch Grëdządz; deutsch Graudenz) ist eine Stadt in der polnischen Woiwodschaft Kujawien-Pommern mit knapp 96.000 Einwohnern. Sie ist kreisfrei und Sitz einer gleichnamigen Gmina und des Powiat Grudziądzki. mini|130px|Wappen von Graudenz im Plenarsaal des altstädtischen Rathauses in Danzig

Geographie Lage Die Stadt liegt in der polnischen Woiwodschaft Kujawien-Pommern, am Ostufer der Weichsel, etwa 22 Kilometer nordöstlich von Świecie (Schwetz), 93 Kilometer südlich von Danzig und 170 Kilometer südwestlich von Kaliningrad (Königsberg).

Stadtteile Polnischer Name Deutscher Name bis 1920 Deutscher Name (1939–1945)Kawalerii Polskiej Kavalleriekaserne KavalleriekaserneKopernika – –Lotnisko Rehdorf RehdorfMały Kuntersztyn Klein Kunterstein KleinkuntersteinMniszek Mischke MischkeOwczarki Wossarken WossarkenPastwisko Altweide AltweideRudnik Rudnick 1939–1942 Rudnick 1942–1945 RudorfRządz Rondsen RonseeSadowo Schadau SchadauŚródmieście Stadtmitte StadtmitteStrzemięcin Stremoczyn 1891–1920 Böslershöhe BöslershöheTarpno Klein Tarpen KleintarpenTuszewo Tusch TuschTwierdza Feste Graudenz 1893–1920 Feste Courbière Feste CourbièreWielki Kuntersztyn Groß Kunterstein GroßkuntersteinWyzwolenia – –

Geschichte mini|hochkant|Abdruck des Stadtsiegels unter dem Bundesbrief des Preußischen Bunds von 1440 mit der Umschrift S' CIVITATIS GRVDENDZ (das Kürzel S' steht für sigillum = Siegel oder Wappen)Friedrich August Voßberg: Geschichte der Preußischen Münzen und Siegel von frühester Zeit bis zum Ende der Herrschaft des Deutschen Ordens. Berlin 1843, S. 36–37. mini|Graudenz an der Weichsel um die Mitte des 19. Jahrhunderts (Lithographie) mini|Panorama der Altstadt mini|hochkant|Marktplatz (2007) mini|Marktplatz (1983)

Ehemalige Festung der Pruzzen an der Grenze zu Polen Siedlungsspuren stammen aus dem 10. Jahrhundert. Der deutsche Ortsname Graudenz leitet sich von pruzzisch Graude, Grauden, Graudenes ab, was Waldwildnis bedeutet. Graudenz liegt am Wald Grauden und war zuerst ein befestigter Ort der Pruzzen gegen die Eroberungsangriffe polnischer Herrscher. Im Jahre 1080 (nach Goldbeck im Jahr 1060) konnte Boleslaw bei Grauden(z) erfolgreich abgewehrt werden. Später kam der Ort aber offensichtlich zu Kujawien, denn im Jahr 1222 gehörte es zum Kulmerland, Konrad, Herzog in Masowien und Kujawien beurkundete, dass er dem ersten Bischof von Preußen, Christian, für die Erlaubnis, welcher dieser den nach Preußen bestimmten Kreuzfahrern zum Wiederaufbau der Burg Culmen (Kulm) erteilt, einen Teil dieses Landes verliehen habe, darunter auch die ehemalige Burg Grudenz sowie den östlich des Burgplatzes gelegenen Wald Gruth (Grutta).Max Perlbach: Preußische Regesten bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts. In: Altpreußische Monatsschrift. Band 11, Königsberg i. Pr. 1874, S. 1–32, insbesondere S. 18.

Stadt Graudenz gehörte zum Kulmer Land, das Konrad von Masowien 1225/26 dem Deutschen Orden im Tausch gegen die Bekämpfung der Pruzzen anbot und 1230 durch den Vertrag von Kruschwitz an diesen abtrat.

Von der 1231 errichteten Burg Graudenz und Komturei des Deutschen Ordens sind heute nur noch Reste der Mauern erhalten und der wieder aufgebaute Bergfried „Klimeck“ (Aussichtsturm) aus Backsteinen. 1291 erhielt Graudenz das Stadtrecht (Kulmer Handfeste) und wurde in den folgenden Jahren mit Stadtmauern umgeben. Die Stadt erlebte eine erste Blütezeit und entwickelte sich im 14. Jahrhundert zu einem Zentrum des Getreidehandels. Aus Graudenz wurde der Komponist Petrus Wilhelmi de Grudencz (1400–1480) bekannt.

Das Kulmer Land verband sich im Preußischen Bund, und als Folge davon musste der Deutsche Orden 1466 das Kulmer Land im Zweiten Thorner Frieden der Schutzherrschaft der Krone Polens unterstellen. Aufgrund der günstigen geographischen Lage entwickelte sich Kulm zum Sitz des Landtags von Polnisch-Preußen, ebenso fanden hier die Ständetage und Generalversammlungen statt. Im Rahmen einer Preußischen Ständeversammlung hielt Nikolaus Kopernikus 1522 einen Vortrag über das Münzwesen. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich Graudenz zu einem Zentrum des Handwerks und des Handels, wurde aber durch die Kriege des 17. Jahrhunderts wieder zurückgeworfen. Im Zweiten Nordischen Krieg wurde die Stadt 1655 von den Schweden eingenommen und 1659 von polnischen Truppen zurückerobert, wobei sie fast gänzlich zerstört wurde. Trotz der sich fortsetzenden Kriege und inneren Konflikte wurde Graudenz im Barockstil prachtvoll wieder aufgebaut („Graudenzer Barock“). mini|Ruine der Ordensburg Graudenz (1833)

Durch die erste polnische Teilung kam Graudenz 1772 zu Preußen. König Friedrich II. ließ hier eine große, später weiter ausgebaute Festung errichten (s. u.). Graudenz war Teil der Provinz Westpreußen und Kreisstadt im Regierungsbezirk Marienwerder. Nach dem Bau der Eisenbahnlinie von Thorn nach Marienburg, der Errichtung einer Brücke über die Weichsel und der Fertigstellung einer west-östlichen Verbindung durch die Eisenbahnstrecke Konitz–Soldau entwickelte sich die Stadt im 19. Jahrhundert zu einem schnell wachsenden Industriestandort u. a. mit Eisengießereien, Maschinenbau, Wagenbau und Textilindustrie. Zwischen 1880 und 1905 verdoppelten sich die Einwohnerzahlen von 17.321 auf 35.958. 1900 wurde Graudenz kreisfreie Stadt.

Graudenz verfügte seit Mitte des 19. Jahrhunderts über eine Realschule, an der Latein Pflichtfach war.L. Wiese: Das höhere Schulwesen in Preußen. Historisch-statistische Darstellung. Berlin 1864, S. 77–78. Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Graudenz ein Gymnasium, eine Oberrealschule, ein katholisches Schullehrerseminar, eine Präparandenanstalt, ein Museum, ein Zuchthaus, eine Eisengießerei, eine Maschinenfabrik und verschiedene Fertigungsstätten der Konsumindustrie. Für den Eisenbahnverkehr war Graudenz Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Kulmsee–Marienburg und Neustettin–Goßlershausen. Die Stadt war Sitz eines Amtsgerichts und eines Landgerichts. Für den Verkehr in der Stadt stand eine elektrische Straßenbahn zur Verfügung. In der Stadt gab es zwei evangelische Kirchen und drei katholische Kirchen, von denen zwei Garnisonskirchen waren, und eine Synagoge.

Bis einschließlich 1919 gehörte Graudenz zum Regierungsbezirk Marienwerder in der Provinz Westpreußen des Deutschen Reichs.

Nach dem Ersten Weltkrieg musste Graudenz (1910 etwa 40.300 Einwohner) aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags zur Einrichtung des Polnischen Korridors in Pomerellen im Januar 1920 an Polen abgetreten werden, ohne Volksabstimmung und trotz deutscher Bevölkerungsmehrheit (84 % in der Stadt, 58 % im Landkreis Graudenz). In Graudenz wurde ein polnischer Militärstützpunkt mit einem Ausbildungszentrum für die Kavallerie eingerichtet. Nach dem Überfall auf Polen 1939 kam das Gebiet des Polnischen Korridors mit Graudenz wieder zum Deutschen Reich. Am 26. Oktober 1939 wurde Graudenz als Teil des Regierungsbezirks Marienwerder in den Reichsgau Danzig-Westpreußen eingegliedert, der bis 1945 bestand. Von September 1939 bis August 1943 gab es in Graudenz ein Männer- und ein Frauen-Außenlager des KZ Stutthof. deutschland-ein-denkmal.de; abgerufen am 27. Juli 2016.

Im Zweiten Weltkrieg kesselte die Rote Armee Graudenz ein, worauf die Wehrmacht es am 9. Februar 1945 zur Festung erklärte. Die etwa 9000 Verteidiger unter Generalleutnant Ludwig Fricke (1893–1967) kapitulierten nach schweren Kämpfen am 6. März 1945, nachdem die Stadt zu etwa 60 % zerstört worden war. Die Beendigung der Kampfhandlungen bedeutete die Rückkehr der Stadt zu Polen und für die noch verbliebenen deutschen Einwohner die Vertreibung.

Festung Graudenz mini|Festung Graudenz mini|Die Weichsel in Graudenz mini|Speicher der Altstadt

Da nach der Ersten Teilung Polens die beiden Hauptfestungen in Westpreußen, Danzig und Thorn (Toruń), in polnischem Besitz geblieben waren, ordnete König Friedrich II. den Bau einer Festung auf einer Anhöhe an der Weichsel zwischen Graudenz und Marienwerder an. Die Bauarbeiten begannen 1774, mussten an diesem Standort jedoch wieder aufgegeben werden, da er sich als hochwassergefährdet erwies. Deshalb verlegte man den Standort der Festung auf eine Erhöhung des Weichselufers ca. 1,5 km nördlich der Stadt Graudenz. Die 1776 in Anwesenheit Friedrichs II. begonnenen Arbeiten dauerten bis 1789. Das an die Weichsel angelehnte Festungswerk hatte den Grundriss eines halben Achtecks. Zu den eigentlichen Festungsbauten kamen Außenwerke zum Schutz der Hauptwerke, z. B. das „Hornwerk“, eine Befestigung, die den Zugang von Norden her absicherte.

Belagert wurde die Festung nur einmal, während der Napoleonischen Kriege. Von Januar bis Dezember 1807 verteidigte sich die Garnison unter General Wilhelm de Courbière erfolgreich gegen französische Truppen, während die meisten anderen preußischen Festungen kapitulierten. Die Belagerung wurde zwar formell bereits am 9. Juli 1807 mit Unterzeichnung des Tilsiter Friedens beendet, dauerte jedoch noch bis Dezember desselben Jahres an. Nach seinem Tod 1811 wurde Courbière auf dem Festungsgelände bestattet. Nach dem Ende des Kriegs erfolgten weiter Ausbauten u. a. um die sog. Courbière-Schanze auf dem gegenüberliegenden linken Weichselufer. 1872 kam die zeitweilige Abrüstung der Festung, die aber weiterhin Garnison und Truppenübungsplatz blieb. Durch den Bau der Weichselbrücke von Graudenz 1885/1886 wuchs die strategische Bedeutung, weshalb die Festung modernisiert und von 1889 bis 1905 mit einem neuen Befestigungsring aus Forts und gepanzerten Artillerieunterständen umgeben wurde. Seit 1893 trug sie den Namen „Feste Courbière“. Der 1913 gefällte Beschluss zum weiteren Ausbau der Festung wurde aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges nur noch in Ansätzen ausgeführt.

Im 19. Jahrhundert diente die Festung auch als Gefängnis, u. a. wurden polnische Unabhängigkeitskämpfer inhaftiert. Aufsehen erregte 1862 ein Zwischenfall, bei dem Soldaten polnischer Herkunft aus Protest gegen Schikanen und Misshandlungen den militärischen Gruß verweigerten, wofür harte Strafen von bis zu 20 Jahren Haft verhängt wurden. Im Ersten Weltkrieg diente sie als Kriegsgefangenenlager für Offiziere der Entente. Nach Inkrafttreten des Versailler Vertrags 1920 übernahm die polnische Armee die Festung, die sie bis 1939 in Besitz hatte. Überlegungen, sie zur Beschäftigung von Arbeitslosen abzutragen, wurden nicht umgesetzt, stattdessen wurde sie Garnison eines polnischen Kavallerieregiments.

Im Zweiten Weltkrieg spielten die Festungsanlagen keine nennenswerte Rolle und wurden von der deutschen Wehrmacht ohne große Mühe eingenommen. Danach dienten sie erneut als Depot, für Manöver und als Gefängnis. In den Befestigungsanlagen auf den Pfaffenbergen (Księże Góry) entstand eine Hinrichtungsstätte. Beim Angriff der Roten Armee Anfang 1945 erwiesen sich die alten Befestigungswerke teilweise noch als ernsthafte Hindernisse für die Eroberung der Stadt. Nach der Kapitulation der Verteidiger am 6. März 1945, deren Verlauf Lew Kopelew in seinem Buch „Aufbewahren für alle Zeit“ beschreibt, brachte man im Fort nun deutsche Kriegsgefangene unter. Danach standen die Festungswerke jahrelang leer, bis sie erneut von der polnischen Armee übernommen wurden. Zwar wurden Teile der Festung zugeschüttet, abgetragen oder sind stark zerfallen, doch ist Graudenz auch heute noch ein bedeutendes Beispiel für die europäische Festungsarchitektur des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Festung kann teilweise besichtigt werden.

Demographie