mini|Skizze der Zerstörungen in der Stuttgarter Innenstadt mini|Luftbild des zerstörten Stuttgarter Stadtzentrums (Aufnahme der britischen RAF) mini|Zerstörtes Leonhardsviertel am 22. August 1944 mini|Stiftskirche (1944) mini|Zerstörter Marktplatz am 1. November 1944 mini|Bosch-Werk Feuerbach, zerstörtes Metallwerk nach Bombenangriff, 1944

Bei den Luftangriffen auf Stuttgart wurde während des Zweiten Weltkrieges die württembergische Hauptstadt Stuttgart schwer getroffen. Bei 53 AngriffenHeinz Bardua: Stuttgart im Luftkrieg. Klett Verlag, Stuttgart 1967, S. 53. kamen 4562 Menschen ums Leben, darunter 770 Ausländer, von denen der größte Teil Zwangsarbeiter waren. Der schwerste Luftangriff in der Nacht des 12. September 1944 durch die britische Royal Air Force, bei dem im Stuttgarter Talkessel ein Feuersturm entstand, forderte 957 Opfer.

Die Angriffe wurden von Einheiten der Royal Air Force (RAF) und den United States Army Air Forces (USAAF) geflogen. Speziell das Flächenbombardement ziviler Ziele (Innenstadt, Wohngebiete und andere) durch die RAF erfolgte aufgrund der vom britischen Luftfahrtministerium (Air Ministry) am 14. Februar 1942 erteilten „Area Bombing Directive“.Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945, S. 83

Insgesamt 39.125 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt, was 57,5 Prozent der Bausubstanz entsprach. Die Innenstadt war hierbei mit einem Zerstörungsgrad von 68 Prozent der Gesamtbausubstanz am schwersten betroffen.

Strategische Bedeutung und Angriffsziele Im Großdeutschen Reich stand Stuttgart im Mai 1939 mit über 458.000 Einwohnern auf Rang 14 der Liste der größten deutschen Städte, wobei Breslau und Wien mit berücksichtigt sind.

Die Stadt war bereits damals Standort bedeutender Industriebetriebe. Vor allem die kriegswichtigen Werke von Daimler-Benz und Bosch waren primäre Ziele, aber auch kleinere Unternehmen wie die Hirth-Motorenwerke und das Karosseriewerk Reutter dienten der Rüstungsproduktion.

Übersicht Datum Schwerpunkte Opfer Angreifende Bomber25. August 1940 00:16 bis 01:24 Uhr Gaisburg, Untertürkheim 4 Tote, 5 Verwundete ca. 202. Oktober 1940 00:28 bis 01:34 Uhr Schloss Solitude keine ca. 18. November 1940 21:16 bis 24 Uhr Gaisburgstraße, Alexanderstraße 3 Verwundete ca. 205. Mai 1942 00:33 bis 02:43 Uhr Zuffenhausen, Bad Cannstatt 13 Tote, 37 Verwundete 120, von denen 34 die Stadt erreichten6. Mai 1942 01:51 bis 01:53 Uhr Kräherwald keine 77 Bomber, von denen einer die Stadt erreichte29. August 1942 01:45 Uhr Brauerei Dinkelacker keine 122. November 1942 21:30 bis 22:45 Uhr Vaihingen, Rohr, Möhringen, Hauptbahnhof 28 Tote, 71 Verwundete 222, von denen 191 die Stadt erreichten11. März 1943 22:46 bis 23:50 Uhr Vaihingen, südliches Stadtgebiet, Kaltental 112 Tote, 386 Verwundete 314, von denen 279 die Stadt erreichten15. April 1943 00:42 bis 01:52 Uhr Bad Cannstatt, Münster, Mühlhausen 619 Tote, 703 Verwundete 462, von denen 393 die Stadt erreichten17. April 1943 01:10 Uhr Rosenbergstraße über dem Rosenbergplatz 1 Toter, 58 Verwundete Notwurf eines brennend abstürzenden Bombers6. September 1943 10:44 bis 11:10 Uhr Kanzlei-, Breitscheid-, Falkert-, Rosenberg-, Schwabstraße 107 Tote, 165 Verwundete, 1 Vermisster ca. 1508. Oktober 1943 00:02 bis 00:53 Uhr Hegelplatz, Liederhalle, Tübinger Straße, Degerloch 101 Tote, 300 Verwundete, 3 Vermisste 342 Lancasters26. November 1943 20:25 bis 21:12 Uhr Bad Cannstatt, Untertürkheim, Daimler-Benz-Werke 31 Tote, 156 Vermisste 178, wovon 162 die Stadt erreichten21. Februar 1944 03:57 bis 05:09 Uhr Bad Cannstatt, Feuerbach 159 Tote, 977 Verwundete, 1 Vermisster 598, von denen 552 die Stadt erreichten25. Februar 1944 14:25 bis 15 Uhr Industriegebiet Pragstraße 10 Tote, 46 Verwundete 152. März 1944 02:57 bis 04:01 Uhr Innenstadt, Neues Schloss, Bad Cannstatt, Viadukt 121 Tote, 510 Verwundete, 4 Vermisste 55715./16. März 1944 23:10 bis 00:13 Uhr Innenstadt, Akademie, Vaihingen, Möhringen 88 Tote, 203 Verwundete 86316. Juli 1944 10:09 bis 10:25 Uhr Bad Cannstatt, Winterhalde, Remstalbahn und Gäubahn 42 Tote, 94 Verwundete ca. 10021. Juli 1944 11:04 bis 11:12 Uhr Zuffenhausen, Hirth-Motorenwerke 31 Tote, 29 Verwundete 2525. Juli 1944 01:35 bis 02:10 Uhr Stadtzentrum 884 Tote, 1916 Verwundete, 14 Vermisste 61426. Juli 1944 01:38 bis 02:35 Uhr Innenstadt 55028. Juli 1944 01:22 bis 01:50 Uhr Nordbahnhofgegend 30, von denen 27 die Stadt erreichten29. Juli 1944 01:48 bis 02:30 Uhr Innenstadt, Feuerbach, Botnang, Ostheim, Gablenberg 4965. September 1944 11:15 bis 11:54 Uhr Daimler-Benz-Werke, Untertürkheim, Wangen 37 Tote, 70 Verwundete ca. 20010. September 1944 11:21 bis 11:40 Uhr Zuffenhausen, Feuerbach, Stammheim 28 Tote, 113 Verwundete 20012. September 1944 22:59 bis 23:30 Uhr Innenstadt, westlicher Stadtteil 957 Tote, 1600 Verwundete, 14 Vermisste 217, von denen 211 die Stadt erreichten3. Oktober 1944 22:01 Uhr Fasanengarten bei Weilimdorf keine 1 Mosquito-Schnellbomber14. Oktober 1944 04:35 bis 04:56 Uhr Zuffenhausen 2 Tote, 40 Verwundete ca. 319. Oktober 1944 20:25 bis 21:10 Uhr Bad Cannstatt, Gaisburg 338 Tote, 872 Verwundete, 38 Vermisste 58320. Oktober 1944 00:55 bis 01:38 Uhr Bad Cannstatt, Gaisburg siehe vorheriger Angriff 5. November 1944 20 bis 20:30 Uhr Bad Cannstatt, Münster 24 Tote, 46 Verwundete 655. November 1944 23:32 bis 23:48 Uhr Bad Cannstatt, Münster siehe vorheriger Angriff ca. 10021. November 1944 19:10 bis 19:16 Uhr Südliches Stadtgebiet 1 Toter, 1 Verwundeter ca. 20 bis 3026. November 1944 01:57 bis 02:08 Uhr Bad Cannstatt, Bahnhof, Postamt 10 Verwundete 1 bis 24. Dezember 1944 14:58 Uhr Hofen 1 Toter, 2 Verwundete 19. Dezember 1944 12:25 bis 13:15 Uhr Bad Cannstatt, Bahnanlagen 24 Tote, 55 Verwundete ca. 35011. Dezember 1944 11:51 bis 11:52 Untertürkheim 3 Tote, 11 Verwundete 47. Januar 1945 21:49 Uhr Feuerbach keine unbekannt20. Januar 1945 11:50 bis 12:05 Uhr Bad Cannstatt, Bahngelände, Deckerstraße 1 Toter, 12 Verwundete ca. 3021. Januar 1945 12:58 bis 13 Uhr Münster, Hofen keine 1228. Januar 1945 20:35 bis 20:54 Uhr Feuerbach, Bosch-Werke 119 Tote, 78 Verwundete, 4 Vermisste 226, von denen 186 die Stadt erreichten28. Januar 1945 23:30 bis 23:48 Uhr Weilimdorf, Botnang 376, von denen 353 die Stadt erreichten1. Februar 1945 19:37 Uhr Bad Cannstatt, Flandernstraße 13 Verwundete unbekannt12. Februar 1945 19:30 bis 19:46 Uhr Schwarenbergstraße, Bad Cannstatt 68 Tote, 139 Verwundete, 3 Vermisste ca. 303. März 1945 14:32 bis 14:42 Uhr Panoramastraße, Jägerstraße 1 Toter, 1 Verwundeter 6 bis 84. März 1945 10:20 bis 10:28 Uhr Bad Cannstatt, westlicher Stadtteil 50 Tote, 135 Verwundete, 3 Vermisste 30 bis 509. März 1945 15:02 bis 15:05 Uhr Bad Cannstatt, Bahnanlagen 4 Verwundete 12 bis 1617. März 1945 21:02 Uhr Feuerbach, Fahrionstraße 6 Tote, 11 Verwundete 125. März 1945 07:55 Uhr Weilimdorf keine 225. März 1945 13:35 bis 13:37 Uhr Stammheim, Zuffenhausen 3 Tote, 4 Verwundete 81. April 1945 07:17 bis 09:45 Uhr Weilimdorf 2 Tote, 16 Verwundete 819. April 1945 22:12 Uhr Pragstraße 1 Toter, 7 Verwundete 1

Großangriffe im Juli und September 1944 Die verheerendsten Luftangriffe auf Stuttgart erfolgten im Juli und September 1944. Durchgeführt wurden die Angriffe durch die No. 5 Bomber Group auf Befehl von Luftmarschall Arthur Harris. Die britische No. 5 Bomber Group war eine auf das systematische Abbrennen ziviler Flächenziele spezialisierte Einheit des britischen Bomber Command, die unter anderem für die Flächenbombardements auf Dresden, Darmstadt, Kassel, Braunschweig, Pforzheim, Hamburg und Hanau verantwortlich war. Die Einheit wandte eine Kombination von Spreng- und Brandbomben an. Diese Kombination führte im militärischen Optimalfall zu einem Feuersturm. Das Feuer vervielfachte dabei die Schäden der als Verursacher eingesetzten Spreng- und Brandbomben.Jörg Friedrich: Der Brand, 2002, 11. Auflage. Ullstein Verlag, München, S. 333–338.

Ablauf der Luftangriffe Vorbereitung Die genaue Auswahl der zu bombardierenden Stadtteile wurde anhand von Luftbildern, Bevölkerungsdichtekarten und Brandversicherungskatasterkarten getroffen. Die Katasterkarten waren durch deutsche Feuerversicherungen bei britischen Rückversicherungsgesellschaften vor dem Krieg hinterlegt worden. Die Stuttgarter Innenstadt wurde als Kerngebiet des Angriffs ausgewählt, da hier der Holzanteil an der Gesamtbaumasse am höchsten war. Damit stellte sie zum Entzünden eines Feuersturms in Stuttgart das optimale Kernzielgebiet dar.

Vor dem Bombardement wurde das Zielgebiet von Mosquito-Schnellbombern durch rote und grüne Markierungskörper (sogenannte Christbäume) abgegrenzt. Dies wurde überwacht durch einen in großer Höhe fliegenden Master Bomber, der über Funk mit den Markierungsfliegern verbunden war. Dann überprüfte der „Master Bomber“ auf einer tieferen Flugbahn nochmals das Stuttgarter Zielgebiet, legte die exakten Anflughöhen fest und gab den Angriff frei.

Bombardement Die erste Angriffsserie vom Juli 1944 begann am 25. Juli und endete am 29. Juli 1944. Das Zielgebiet der Angriffe auf Stuttgart stellte im Wesentlichen das dichtbesiedelte Stadtzentrum in der Talkessellage – insbesondere die mittelalterliche Altstadt – dar. Das Bombardement lief meist wie folgt ab: Zuerst wurden tausende Sprengbomben sowie mehrere hundert Luftminen abgeworfen. Durch die Druckwellen der Explosionen wurden die Dächer aufgerissen. Danach wurden tausende Stabbrandbomben über dem Zielgebiet abgeworfen, die durch die die aufgerissen Dachstühle auf die (meist hölzernen) Dachböden der Häuser fielen und diese in kurzer Zeit in Brand setzten. Viele brennende Dachstühle in Häuserreihen wurden schnell zu Großbränden; hinunterfallende brennende Dachstuhlbalken setzten auch Stockwerke darunter und Treppenhäuser mit Holztreppen in Brand. Ob sich so ein Feuersturm entwickelt, hängt insbesondere von der Gesamtwetterlage und der Windrichtung ab. Bei der ersten Angriffsserie gelang es den Angreifern nicht, einen Feuersturm zu verursachen, um die Wirkung der Bomben zu multiplizieren. Sie warfen bei dieser ersten Serie rund 5200 Sprengbomben und fast 70.000 Brandbomben über Stuttgart ab.Rüdiger Bäßler: . In Stuttgarter Zeitung vom 28. Oktober 2009, abgerufen am 6. Dezember 2012. Dies gelang erst beim Großangriff am 12. September 1944. In dieser Nacht zwischen 22:59 und 23:30 Uhr warf die britische No. 5 Bomber Group 75 Luftminen, 4300 Sprengbomben und 180.000 INC 4 lb-Stabbrandbomben über einem schmalen Areal im Gebiet der Gegend um die Hegel-, Hölderlin- und Schwabstraße sehr zielgenau ab. Das so verursachte Großfeuer breitete sich in hoher Geschwindigkeit aus und wurde zu einem Feuersturm. Dieser vernichtete ein fünf Quadratkilometer großes Stadtgebiet im Stuttgarter Talkessel.

Folgen Bei den Angriffen wurden rund 4500 Menschen getötet und 8908 Menschen verwundet. 85 Menschen blieben vermisst.

Siehe auch Liste von Luftangriffen der Alliierten auf das Deutsche Reich (1939–1945) Brasilien, Attrappe des Stuttgarter Hauptbahnhofs bei Lauffen am Neckar

Weblinks Die Luftangriffe auf Stuttgart Multimedia-Reportage der Stuttgarter Zeitung auf: extra.stuttgarter-zeitung.de Liste aller 53 Angriffe auf: schutzbauten-stuttgart.de Schutzbauten Stuttgart e. V.

Literatur Heinz Bardua: Stuttgart im Luftkrieg. Klett Verlag, Stuttgart 1967 James Stern: Die unsichtbaren Trümmer. Eine Reise im besetzten Deutschland 1945. Eichborn, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-8218-0749-0. Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945. 11. Auflage. Propyläen, München 2002, ISBN 3-549-07165-5.

Einzelnachweise

Stuttgart, Luftangriff Auf Stuttgart Kategorie:Konflikt 1944 Kategorie:Geschichte (Stuttgart)