mini|Niko Paech auf einer Veranstaltung zur Postwachstumsökonomie (2011) Niko Paech (* 9. Dezember 1960 in Schüttorf) ist ein deutscher Volkswirt. Er lehrt und forscht an der Universität Siegen als außerplanmäßiger Professor im Bereich der Pluralen Ökonomik.
Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Umweltökonomie, der Ökologischen Ökonomie und der Nachhaltigkeitsforschung. Paech hat in Deutschland den Begriff der „Postwachstumsökonomie“ geprägt und gilt als Verfechter der Wachstumskritik.
Leben Paech erlangte 1987 ein Diplom in Volkswirtschaftslehre an der Universität Osnabrück. Anschließend arbeitete er dort bis 1997 als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Forschungsschwerpunkt Außenwirtschaft bei Michael Braulke. 1993 wurde er zum Thema Die Wirkung potentieller Konkurrenz auf das Preissetzungsverhalten etablierter Firmen bei Abwesenheit strategischer Asymmetrien im Bereich Contestable Markets promoviert. Parallel arbeitete er als Unternehmensberater im Bereich ökologische Lebensmittel und kandidierte bei der Wahl 1990 für den niedersächsischen Landtag.
2005 war Paech einer der Gründer und erster Vorstandssprecher des wissenschaftlichen Zentrums CENTOS (Oldenburg Center for Sustainability Economics and Management) und leitet seit 2006 das Forschungsprojekt GEKKO. Von 2010 bis 2014 war er zunächst gemeinsam mit Gerhard Oesten, später mit Oliver RichtersInternetauftritt von Oliver Richters, abgerufen am 11. Mai 2020, Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ).Vorstand der VÖÖ Paech war außerdem Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von attac-Deutschland. Paech ist zudem Mitglied und wissenschaftlicher Beirat des Vereins Naturschutzinitiative e. V., der einen von Naturschutz befreiten Klimaschutz als Ersatzreligion sieht.
mini|Paechs ehemalige Wirkungsstätte im Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik der Universität Oldenburg
Im Jahre 2006 wurde ihm für seine im Vorjahr publizierte Habilitationsschrift zum Thema Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum – Eine unternehmensbezogene Transformationstheorie der Kapp-Forschungspreis für Ökologische Ökonomie verliehen.Kapp-Forschungspreis - Preisträger 2006, abgerufen am 18. Oktober 2011 Von 2008 bis 2018 organisierte er gemeinsam mit Werner Onken die „Ringvorlesung zur Postwachstumsökonomie“ in Oldenburg, in der Vortragende aus Wissenschaft und Gesellschaft über die Bedingungen und Möglichkeiten einer Postwachstumsökonomie diskutieren.Niko Paech: Postwachstumsökonomie. Gabler Wirtschaftslexikon, abgerufen am 6. November 2018. 2012 veröffentlichte er die Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“.Niko Paech: Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, Perlentaucher, abgerufen am 7. November 2018. 2014 wurde er mit dem Zeit-Wissen-Preis Mut zur Nachhaltigkeit ausgezeichnet., Pressemitteilung der Universität Oldenburg, 28. Februar 2014.
Von 2008 bis 2016 vertrat Paech den in dieser Zeit unbesetzten Lehrstuhl für Produktion und Umwelt („PUM“) an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.Felix Rohrbeck: Was bewegt Niko Paech? Der Verstoßene. Die Zeit, 23. März 2017. Im Jahr 2010 ist er an der Universität Oldenburg zum außerplanmäßigen Professor ernannt worden.Profil auf der Seite der Universität, abgerufen am 5. November 2016. Seit 2016 lehrt er im Rahmen des neuen Masterstudiengangs Plurale Ökonomik an der Universität Siegen.apl. Prof. Dr. Niko Paech auf der Seite des Studiengangs Plurale Ökonomik, abgerufen am 3. September 2019. 2018 wurde er dort ebenfalls zum außerplanmäßigen Professor ernannt.
Postwachstumsökonomie
Der von Paech in Deutschland ab 2006 in die Diskussion gebrachte Begriff der PostwachstumsökonomiePhilipp Krohn: Schrumpfen von unten, Frankfurter Allgemeine, 26. Dezember 2013.Niko Paech: Stichwort: Postwachstumsökonomie, Gabler Wirtschaftslexikon, Springer Gabler Verlag (Hrsg.). bezeichnet ein Wirtschaftssystem, das zur Versorgung des menschlichen Bedarfs nicht auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist. Paech zufolge bedingen Faktoren wie Ressourcenknappheit, psychische Grenzen („Überforderungssyndrom“), die Krisenanfälligkeit des Finanz-, Kapital- und Geldsystems, sowie ökologische Grenzen (Planetary Boundaries) das Ende des Wachstums. Paech grenzt sich bewusst von Begriffen der Nachhaltigkeitsdebatte wie „grünem“ oder „nachhaltigem“ Wachstum ab, bezeichnet das Konzept von grünem Wachstum gar als Utopie,Niko Paech: Wachstum „light“? Qualitatives Wachstum ist eine Utopie. In: Wissenschaft & Umwelt. Interdisziplinär 13|2009, S. 85–86. Wunder„Grünes“ Wachstum wäre ein Wunder. In: Zeit.de, 21. Juni 2012. oder MythosNiko Paech: Das Elend der Konsumwirtschaft: Von Rio+20 zur Postwachstumsgesellschaft, Blätter für deutsche und internationale Politik, Juni 2012.. Er sieht sich aber auch ausdrücklich nicht als Linker und bezeichnet sich als eher konservativ sowie dem Anarchismus nahestehend. Die Notwendigkeit für eine stationäre Wirtschaft ergibt sich für ihn aus der nach seiner Auffassung gescheiterten Entkopplung der Umweltschäden und des Rohstoffverbrauchs von der Wertschöpfung und aus ökonomischen Grenzen wie dem globalen Ölfördermaximum.
Begründung für die Notwendigkeit einer Postwachstumsökonomie Paech vertritt die Ansicht, dass die modernen Gesellschaften ihren wachsenden materiellen Wohlstand durch Entgrenzungsmechanismen erlangt haben.Niko Paech: Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, 8. Aufl., oekom verlag, München 2015, ISBN 978-3-86581-181-3. Die konsumierten Güter seien mit lokalen und regionalen Ressourcen und den eigenen körperlichen Fähigkeiten gar nicht zu produzieren.
Diese Perspektive deckt sich mit neueren Analysen von Akteuren wie der Europäischen Zentralbank, dem Finanzdienstleister Barclays oder der Weltbank.
Erst maschinelle, elektrifizierte, automatisierte oder digitalisierte Hilfsmittel würden die Befriedigung materieller Ansprüche ermöglichen; regional nicht vorhandene Ressourcen würden mit Hilfe globaler Wertschöpfungsketten andernorts beschafft. Die bei der Produktion auftretenden ökologischen Probleme würden so einerseits örtlich verlagert, zugleich jedoch die Kosten mittels Krediten in die Zukunft verschoben. Ständig neue Technologien würden das Problem verschärfen, da alte Maschinen entsorgt werden müssten – eine langfristigere Nutzung sei aber oftmals insgesamt nachhaltiger als der frühzeitige Ersatz. Gesellschaften, die von dieser „Fremdversorgung“ besonders abhängig seien, weil die Menschen sich ausschließlich mittels Geld versorgen, seien besonders anfällig: Sie stünden unter Wachstumszwang, weil „moderne, zumal industriell arbeitsteilige Versorgungssysteme ohne Wachstum ökonomisch und sozial nicht zu stabilisieren sind.“Niko Paech: Jenseits der Wachstumsspirale, DFG-Kolleg Postwachstum Jena, 30./31. Mai 2013, S. 6.
Neben den ökologischen Schäden betont Paech, dass die Menschen vom Konsum auch psychisch überfordert seien. Er kritisiert insbesondere das Streben nach Wachstum, den „Expansionsrausch“ und die „verantwortungslose Selbstverwirklichung durch materiellen Konsum“. Er bezeichnet dies als „Konsumverstopfung“Markus Brauck und Dietmar Hawranek: Überdruss am Überfluss. Der Spiegel 14/2014, 31. März 2014. oder „Konsum-Burnout“, die „radikale Reduktion von Ansprüchen, welche der materiellen Selbstverwirklichung dienen, sei kein Mangel, sondern ein Gewinn.“Seraina Kobler: Soviel du «brauchst», Neue Zürcher Zeitung, 15. November 2014. Mit Verweis auf Ansätze der Lebenszufriedenheitsforschung argumentiert Paech, dass subjektives Wohlbefinden an Faktoren geknüpft ist wie zwischenmenschliche Beziehungen, Gesundheit, Anerkennung sowie eine intakt empfundene Umwelt. Diese Faktoren benötigen jedoch mehr Zeit und nicht mehr Geld. Das Wohlbefinden sei demnach nicht durch mehr Konsum oder Einkommen zu steigern.
Niko Paechs Konzept Der Kerngedanke der Postwachstumsökonomie besteht in der Aufhebung struktureller sowie kultureller Wachstumstreiber und Wachstumszwänge.Niko Paech. "Woher kommt der Wachstumszwang?." GAIA-Ecological Perspectives for Science and Society 16.4 (2007): 299–300. Dafür vertraut Paech auf fünf Prinzipien: institutionelle Innovationen, stoffliche Nullsummenspiele, Regionalökonomie, Subsistenz (, ‚Bestand‘, : ‚durch sich selbst, Selbständigkeit‘: ‚sich selbst erhaltend‘) und Suffizienz (, ‚ausreichen‘, ‚möglichst geringer Ressourcenverbrauch‘), „die letztlich in einer höheren individuellen Lebensqualität und mehr Gemeinwohl resultieren.“ Mittels Genügsamkeit bzw. Suffizienz würde der Anspruch verringert, Ressourcen zu verbrauchen. Dies schließt für Paech einen weitgehenden Rückbau von Autobahnen und Flughäfen ein.
Für die Produktion soll die Distanz zwischen Verbrauch und Herstellung verringert werden. Statt globaler Wertschöpfungsketten empfiehlt er einfache Technologien, welche die Produktivität menschlicher Arbeit erhöhen, ohne diese vollständig zu ersetzen, wie z. B. mechanische Nähmaschinen und Angelruten.Niko Paech: Befreiung vom Überfluss – Grundlagen einer Wirtschaft ohne Wachstum. In: Fromm Forum 20, 2016, S. 70–76, ISSN 1437-0956 Durch eine Erhöhung der Regional-, Lokal- oder Selbstversorgung würden die strukturellen Wachstumstreiber der „Fremdversorgung“ verringert. Die Kombination aus Gemeinschaftsnutzung sowie Nutzungsdauerverlängerung von Gütern und Eigenproduktion könne dazu beitragen, die Industrieproduktion zu halbieren und die Notwendigkeit monetär entlohnter Erwerbsarbeit zu senken, ohne dass der materielle Wohlstand halbiert werden müsste. Denn: „Wenn Konsumobjekte doppelt so lange halten und/oder doppelt so intensiv genutzt werden, reicht die Hälfte an industrieller Produktion, um dasselbe Quantum an Konsumfunktionen oder 'Services' zu extrahieren.“ Aus Konsumenten werden dabei sogenannte Prosumenten, weil sie die hergestellten Güter verbessern und reparieren können.
Für die Individuen schlägt Paech vor, eine größere Zufriedenheit und eine geringere Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten anzustreben. Es existierten allerdings keine per se nachhaltigen Produkte und Technologien, sondern nur nachhaltige Lebensstile.Niko Paech: Wachstumsdämmerung, Artikel in Oya 7/2011 (Onlineversion). Diese könnten durch Reduzierung der Arbeitszeit auf eine 20-Stunden-Woche und mehr Zeit für den Selbstanbau von Obst und Gemüse und für die Instandsetzung und das Teilen von Gegenständen erreicht werden. Dadurch hätten die Menschen mehr Freizeit und ein entschleunigtes Leben. Durch die Orientierung am menschlichen Maß und die Rückkehr zur Sesshaftigkeit würden die kulturellen Wachstumstreiber verringert. Subsistenz beziehungsweise Selbstversorgung als zweites Prinzip würde durch eigene Produktion, Gemeinschaftsnutzung (Sharing Economy), Reparatur und gemeinnützige Arbeit erreicht. Er empfiehlt, effiziente, wandelbare und wiederverwertbare Produkte herzustellen. Er regt an, handwerkliche und manuelle Versorgungsleistungen für sich selbst und für das nahe soziale Umfeld unentgeltlich zu erbringen, um sich selbst vor zukünftigen Ressourcenknappheiten zu wappnen, die Umwelt zu schützen und Wachstumszwänge zu mildern. Er hält es für sinnvoll, wenn eine Avantgarde bereits einen entsprechenden Lebensstil pflegt und mit weniger Konsum gut auskommt, damit sie mit ihrem Erfahrungswissen und ihrem Vorbild dazu beiträgt, Frustrationen, Ängste und eventuelle Gewalt zu verringern.