mini|Genf, Haus des Völkerbundrates, 1931 mini|Gustav Stresemann auf dem Weg zur Völkerbundtagung in Lugano, 1928 Der Völkerbund (, , ) war ein zwischenstaatlicher Zusammenschluss von Staaten und als globale internationale Organisation ein mehrheitlich anerkanntes Völkerrechtssubjekt. Insgesamt traten 63 Staaten dem Völkerbund bei, allerdings waren nie alle gleichzeitig Mitglied. Als Ergebnis der Pariser Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, nahm er am 10. Januar 1920 seine Arbeit auf.
Die wichtigsten Aufgaben der Organisation waren die Sicherung des Weltfriedens, die schiedsgerichtliche Beilegung internationaler Konflikte zwischen Staaten, internationale Abrüstung und Rüstungskontrolle sowie die Unterstützung humanitärer und sozialer Initiativen. Der Völkerbund scheiterte jedoch trotz seiner ehrgeizigen Ziele und der Bemühungen um Frieden und Sicherheit aufgrund der mangelnden Durchsetzungskraft bei der Umsetzung von Sanktionen und der Unfähigkeit, effektiv auf Aggressionen und politische Krisen zu reagieren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der Vereinten Nationen (UNO) im Jahr 1945 verlor der Völkerbund seine Bedeutung. Am 18. April 1946 beschlossen die verbliebenen 34 Mitglieder einstimmig, den Völkerbund mit sofortiger Wirkung aufzulösen. Die Mandate und Aufgaben gingen an die Vereinten Nationen, welche seitdem als der Nachfolger des Völkerbundes gelten.
Geschichte und Struktur Vorgeschichte Die Idee eines Bundes in einer Staatengemeinschaft und der Ausdruck „Völkerrecht“ wurden erstmals 1625 vom niederländischen Rechtsgelehrten Hugo Grotius in seinem Buch De iure belli ac pacis („Über das Recht des Krieges und des Friedens“) als „Grundlagen für das Völkerrecht“ dargestellt. Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant forderte 1795 in seinem Buch Zum ewigen Frieden das Völkerrecht ein, wobei er die Idee einer „durchgängig friedlichen Gemeinschaft der Völker“ erstmals ausführlich beschrieb.
Das Ziel, Kriege zu verhindern, verfolgte auch die Heilige Allianz, diese war aber gleichzeitig ein Instrument gemeinsamer Abwehr revolutionärer und liberaler Bewegungen. Ein Frühliberaler war der Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini, der eine „Vereinigte Staaten von Europa“ bezeichnete Föderation demokratischer Nationalstaaten vorschlug an Stelle einer Allianz der Fürsten. Als weitere Auswirkung der Ideen der Aufklärung bildete sich im 19. Jahrhundert eine internationale Friedensbewegung. Deren Anstrengungen führten 1899 und 1907 zu den Haager Friedenskonferenzen. Doch der „Haager Staatenverband“, wie der an Kant geschulte Walther Schücking die Einrichtung nannte, scheiterte vor allem am Deutschen Reich in der Frage der obligatorischen internationalen Schiedsgerichtsbarkeit. Die Konferenzen führten dennoch zu einer Weiterentwicklung des Völkerrechts. Seit 1900 bestand in Haag der Ständige Schiedshof. Schon ein Jahr zuvor hatte sich die Interparlamentarische Union gebildet mit der Absicht, internationale Dispute mit friedlichen Mitteln zu lösen.
1910 sagte der ehemalige US-Präsident Theodore Roosevelt in seiner Dankesrede für den Friedensnobelpreis, die Großmächte, denen der Frieden wirklich am Herzen liege, sollten einen Friedensbund gründen, nicht nur um den Frieden untereinander zu wahren, sondern auch um – notfalls mit Gewalt – dessen Bruch durch andere zu verhindern, dies als Weiterführung des Gedankens von Haag und dem Umstand des Fehlens jeglicher Exekutivgewalt der Beschlüsse des Schiedshofs.Theodore Roosevelt: International Peace, Nobelprize.org, 5. Mai 1910
Kurz nach Kriegsausbruch des Ersten Weltkrieges stellte Goldsworthy Lowes Dickinson Ideen über eine zukünftige „League of Nations“ an, zunächst auf europäischer, dann auf weltweiter Ebene. Ein Internationaler Frauenkongress forderte im April 1915 in Den Haag die Einrichtung eines ständigen internationalen Gerichtshofes und einer internationalen Organisation zur Friedenssicherung. Daraus ging die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit hervor. Wie andernorts wurden auch in der Schweiz bald nach Kriegsausbruch Völkerbundideen diskutiert, der Grütlivereins publizierte im Herbst 1914 unter dem Titel „Der letzte Krieg!“ einen Verfassungsentwurf für einen Europäischen Staatenbund. Alleine dort gab es mehrere Bewegungen, darunter einen Ableger der internationalen Bewegung Central Organization for a Durable Peace, auch die Zimmerwalder Konferenz ging von pazifistischem Gedankengut aus. In den Jahren 1915 und 1917 gab es zwei solche Zusammenkünfte von Vertretern der Friedensbewegungen verschiedener Länder. 1916/17 ging daraus das „Schweizerische Komitee für Vorbereitung des Völkerbundes“ hervor mit dem Österreicher Rudolf Broda als Präsidenten, der schon vor dem Ersten Weltkrieg für einen Völkerbund geworben hatte. Im Vize-Präsidium nahm der Pazifist Auguste Forel Einsitz, der kurz nach Kriegsausbruch den Aufsatz „Die Vereinigten Staaten der Erde“ veröffentlicht hatte.
Am 8. Januar 1918 hielt der US-Präsident Wilson, der schon 1916 die Bildung eines Völkerbunds angeregt hatte, vor dem Kongress eine programmatische Rede über die Grundzüge einer zukünftigen Friedensordnung in 14 Punkten, deren letzter Punkt die Schaffung des Völkerbundes vorsah: „A general association of nations must be formed under specific covenants for the purpose of affording mutual guarantees of political independence and territorial integrity to great and small states alike.“ Auf den britischen Inseln setzte man auf Robert Cecils Antrag Anfang 1918 eine Kommission zur Diskussion von Völkerbundvorschlägen ein. Im November 1918 wurde Cecil Leiter der Völkerbundabteilung im britischen Außenministerium. Der „Cecil-Plan“ diente 1919 an der Pariser Friedenskonferenz als Blaupause für die Völkerbundsatzung, wurde am 28. April 1919 von der Vollversammlung der Friedenskonferenz angenommen und in die Friedensverträge integriert. Durch deren Ratifizierung gründete sich der Völkerbund am 10. Januar 1920.Christian Koller: Vor 100 Jahren: Die Schweiz tritt dem Völkerbund bei, Sozialarchiv, 15. Januar 2020
Gründung und Ziele Die Satzung des Völkerbundes war Teil der Pariser Vorortverträge (maßgeblich initiiert von Lord Robert Cecil) und somit auch des Versailler Vertrages. Bei der Annahme der Satzung des VölkerbundesWoodrow Wilson: Woodrow Wilson’s Case for the League of Nations (compiled with his approval by Hamilton Foley), Princeton University Press, Princeton 1923. Rezension (englisch) am 28. April 1919 durch die Vollversammlung der Friedenskonferenz von VersaillesPeter Macalister-Smith, Joachim Schwietzke: Diplomatic Conferences and Congresses. A Bibliographical Compendium of State Practice 1642 to 1919, W. Neugebauer, Graz/Feldkirch 2017, S. 263–267, 268–279 (Abdruck der Covenant of the League of Nations). wurde, um dem US-Senat entgegenzukommen, die Vereinbarkeit mit der Monroe-Doktrin fest gehalten,Ernst Sauer: Grundlehre des Völkerrechts. 2. Auflage, Verlag Balduin Pick, Köln 1948, S. 140 ff. die später in die Charta der Vereinten Nationen aufgenommen wurde. Mit dem Versailler Vertrag unterzeichneten die beteiligten Staaten am 28. Juni 1919 auch die Satzung des Völkerbunds – der Bund war Teil des Vertragswerkes. Mit seiner Ratifizierung am 10. Januar 1920 war der Völkerbund offiziell gegründet und trat am 15. November 1920 zum ersten Mal zusammen. Lord Robert Cecil wurde 1923 Präsident des Völkerbundes und blieb dies bis zur Auflösung 1946.
Der Völkerbund sollte sowohl die internationale Kooperation fördern, in Konfliktfällen vermitteln, als auch die Einhaltung von Friedensverträgen überwachen. Im Gegensatz zur UNO enthielt seine Satzung eine Verpflichtung der Mitgliedstaaten, im Falle eines kriegerischen Aktes eines Staates gegen einen Mitgliedstaat sofort und direkt, d. h. ohne vorherigen Beschluss eines Gremiums, dem betroffenen Staat militärisch zu Hilfe zu eilen.
Sitz in Genf Aufgrund seines Tagungs- und Sitzortes erhielt der Völkerbund auch den inoffiziellen Namen Genfer Liga. Der erste Sitz war im Genfer Gebäudekomplex Palais Wilson, den er auch nach dem Umzug 1933/1936 weiter nutzte und der gegenwärtig als Sitz des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (UNHCHR) fungiert. Zwischen 1933 und 1936 zog er in den neu errichteten Gebäudekomplex Palais des Nations (Völkerbundpalast) im Genfer Ariana-Park um, wo der Hauptsitz der Institution bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1946 blieb.
Nach der Gründung der Vereinten Nationen 1945, die vor dem Umzug 1952 nach New York City ihren Hauptsitz zunächst in London hatten, übernahmen diese das Palais 1945 vom Völkerbund, erweiterten es in den folgenden Jahren baulich und nutzen es bis heute. Seit 1966 ist das Palais des Nations der europäische Hauptsitz der Vereinten Nationen (Büro der Vereinten Nationen in Genf) und beherbergt unter anderem den UN-Menschenrechtsrat und die UN-Vertragsorgane.
Organisationsstruktur mini|Organigramm des Völkerbundes (1930)mini|Der Völkerbund-Sitzungssaal in Genf, vor dem Bau des Palais des Nations Die Organisation des Völkerbundes nahm in Grundzügen bereits die Organisation der Vereinten Nationen vorweg. Der größte Unterschied zu heute bestand zum einen in der wesentlich kleineren Zahl an hauptamtlichen Mitarbeitern, zum anderen darin, dass fast alle Beschlüsse einstimmig gefasst werden mussten. Die Handlungsfähigkeit des Völkerbundes war daher stark eingeschränkt. Ein Vetorecht der ständigen Mitglieder erübrigte sich so.
Organe des Völkerbundes:
Völkerbundversammlung: Sie tagte einmal jährlich, jedes Mitgliedsland hatte eine Stimme, die meisten Beschlüsse erforderten Einstimmigkeit. Völkerbundsrat: Er hatte ständige Mitglieder (Vereinigtes Königreich, Frankreich, Italien (bis 1937), Japan (bis 1933https://www.britannica.com/topic/League-of-Nations/Third-period-1931-36), Deutsches Reich (1926–1933), UdSSR (1934–1939)) und zwölf nichtständige Mitglieder. Entscheidungen mussten einstimmig gefällt werden, beteiligte Konfliktparteien hatten in der entsprechenden Abstimmung kein Stimmrecht. Präsident Robert Cecil 1923–1946 Ständiges Generalsekretariat und Generalsekretär. Verwaltungsgericht des Völkerbundes, zuständig für die arbeitsrechtlichen Belange der Bediensteten des Völkerbundes
Die Generalsekretäre des Völkerbundes waren:
James Eric Drummond, Vereinigtes Königreich, 1920–1933 Joseph Avenol, Frankreich, 1933–1940 Seán Lester, Irland, 1940–1946
Gesundheitsorganisation des Völkerbunds Den Anstoß für die Gründung der Gesundheitsorganisation des Völkerbunds gab eine Typhusepidemie, die von 1916 an Osteuropa und Russland betraf. Bis 1920 wurden rund 30 Millionen Fälle und rund drei Millionen Tote gezählt. Im April 1920 diskutierten Vertreter westlicher Staaten, des Roten Kreuzes und des Office international d’hygiène publique eine Gesundheitsorganisation im Rahmen des kurz zuvor gegründeten Völkerbunds. Im Dezember des Jahres beschloss die Völkerbundversammlung die Gründung eines Gesundheitskomitees. Mitte 1921 wurde Ludwik Rajchman zum medizinischen Direktor des Völkerbunds und damit zum Leiter des Komitees und später der Gesundheitsorganisation berufen. Rajchman war Bakteriologe und hatte in seinem Heimatland Polen erfolgreich die Typhusepidemie bekämpft. Er blieb bis 1939 an der Spitze der Gesundheitsorganisation.
Bis 1923 wurde das Komitee offiziell als „vorläufig“ bezeichnet und wurde anschließend der sozialen Sektion des Völkerbunds zugeordnet. 1928 wurde aus dem Komitee die unter dem Dach des Völkerbunds eigenständige Gesundheitsorganisation.