mini|Allgemein­anästhesie über die Atemwege

Anästhesie (von „Empfindungslosigkeit, Unempfindlichkeit“) ist in der Medizin ein (meist von einem Arzt bewirkter) reversibler Zustand der Empfindungslosigkeit, meist zum Zweck einer operativen oder diagnostischen Maßnahme, und zugleich das auch als Betäubung bezeichnete medizinische Verfahren, um diesen Zustand der (reversiblen) UnempfindlichkeitVgl. auch Henry Jacob Bigelow: Insensibility during surgical operations produced by inhalation. In: The Boston Medical and Surgical Journal. Band 35, Nr. 16, 18. November 1846. des Nervensystems herbeizuführen.

Die Anästhesie als medizinische Fachdisziplin ist ein Teilgebiet der Anästhesiologie, zu welcher auch die Gebiete Intensivmedizin, Schmerztherapie und Notfallmedizin gerechnet werden.

Die modernen Anästhesieverfahren der Allgemeinanästhesie (als Inhalationsanästhesie, als intravenöse Anästhesie bzw. deren Sonderform Analgosedierung oder als balancierte Anästhesie), der Lokalanästhesie (als Oberflächenanästhesie, Regionalanästhesie oder Infiltrationsanästhesie) und der KombinationsanästhesieHans Anton Adams, Eberhard Kochs, Claude Krier: Heutige Anästhesieverfahren – Versuch einer Systematik. In: Anästhesiologie Intensivmedizin Notfallmedizin Schmerztherapie. 36. Jahrgang, Nr. 5, Mai 2001, S. 262–267; auch in: Eberhard Kochs, Claude Krier, Walter Buzello, Hans Anton Adams (Hrsg.): Anästhesiologie. Band 1. Thieme, Stuttgart 2001. haben sich im 19. Jahrhundert entwickelt. In Krankenhäusern ist die Durchführung der Anästhesie meist einem Arzt der Fachdisziplin Anästhesiologie vorbehalten. In Deutschland gilt der sogenannte Facharztstandard. Wird die Anästhesie durch einen nichtfachärztlichen Kollegen durchgeführt, so steht dieser unter Aufsicht eines Facharztes für Anästhesiologie. In der Regel steht dem Anästhesisten eine Fachpflegekraft für Anästhesie und Intensivmedizin zur Seite. Eines der Teilgebiete der Anästhesie als Disziplin ist die Kinderanästhesie.

Systematik der Anästhesieformen mini|Systematik der Anästhesieverfahren

Die Einteilung der Anästhesieformen erfolgt in der Regel anhand der Wirkorte der zur Anwendung kommenden Arzneimittel. In der weiteren Einteilung spielen häufig auch die Applikationsformen (inhalativ, intravenös, infiltrativ, …) eine Rolle. Es sind auch Kombinationen verschiedener Verfahren beschrieben. Die Begrifflichkeiten sind dabei nicht selten historischen Ursprungs.H. A. Adams, E. Kochs, C. Krier: Heutige Anästhesieverfahren – Versuch einer Systematik. In: Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther. 36, 2001, S. 262–267. doi:10.1055/s-2001-14470. PMID 11413694.

Allgemeinanästhesie Als Allgemeinanästhesie oder Narkose (umgangssprachlich häufig als „Vollnarkose“ bezeichnet) ist eine erweiterte Form der Anästhesie, mit der man eine Toleranz von diagnostischen oder operativen Eingriffen durch Angriff am zentralen Nervensystem (am Gehirn) herstellt.Vgl. Hans Anton Adams, Eberhard Kochs, Claude Krier: Heutige Anästhesieverfahren – Versuch einer Systematik. In: Anästhesiologie Intensivmedizin Notfallmedizin Schmerztherapie. 36. Jahrgang, Nr. 5, Mai 2001, S. 262–267, hier: S. 262–263. Traditionell werden darunter die Kombination von zentralnervöser Schmerzausschaltung (im Zentralnervensystem ausgelöste Analgesie), Aufhebung des Bewusstseins (Hypnose) und Dämpfung vegetativer Funktionen, gegebenenfalls erweitert durch eine Muskelentspannung (Muskelrelaxierung) verstanden. Üblicherweise geht damit eine Gedächtnislücke (Amnesie) einher. Eine strenge Trennung dieser Bestandteile ist nicht möglich, ebenso sind die genauen anatomischen Wirkorte und molekularen Mechanismen nicht komplett verstanden.

Diese unterscheidbaren Qualitäten werden durch unterschiedliche Medikamente (Anästhetika) hervorgerufen: Bewusstseinsverlust durch Hypnotika, Sedativa oder Inhalationsanästhetika, Analgesie durch hochwirksame Schmerzmittel (Opioide oder Ketamin), Relaxation durch Muskelrelaxanzien. Zugeführt werden diese Medikamente intravenös oder mittels inhalativer Applikation, oder einer Kombination aus beiden Verfahren, der balancierten Anästhesie.

Örtlich wirksame Anästhesieverfahren Als Lokalanästhesie (örtliche Betäubung) und Regionalanästhesie, umgangssprachlich auch als Teilnarkose bezeichnet, wird die örtliche Schmerzausschaltung im Bereich der Nervenbahnen- und/oder -endigungen ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins verstanden. Dies geschieht vor allem durch Medikamente, welche direkt an den jeweiligen Wirkort injiziert werden die elektrische Leitfähigkeit der Nerven für Nervenimpulse reversibel unterdrücken, und Lokalanästhetika genannt werden.

Die Bezeichnung Lokalanästhesie wird häufig uneinheitlich verwendet. Aus historischer und pharmakologischer Sicht häufig als Überbegriff verwendet, wovon sich Lokalanästhetika als solche Medikamente, die für die Lokal- oder Regionalanästhesie eingesetzt werden können, ableiten, steht Lokalanästhesie im engeren Sinne nur für die Blockade eines eng begrenzten Gebietes (örtliche Betäubung).

mini|Durchführung einer Spinalanästhesie Man unterscheidet bei der Lokalanästhesie die Oberflächenanästhesie, bei der das Lokalanästhetikum auf die Körperoberfläche aufgebracht wird, und die Infiltrationsanästhesie, bei der direkt im Operationsgebiet in das Gewebe injiziert wird, von den Regionalanästhesieverfahren bzw. Leitungsanästhesien.

Wesentliches Merkmal der Leitungsanästhesien ist das direkte Aufsuchen einer das operative Zielgebiet sensibel versorgenden Leitungsbahn (im Spinalkanal der Wirbelsäule bzw. im peripheren Nervenstrang) mit einer Hohlnadel, gefolgt von der Injektion des Lokalanästhetikums. Die Folge ist ein reversibler Leitungsblock, d. h. die Unterbrechung der aus dem operativen Zielgebiet fortgeleiteten Schmerzreize, die das Gehirn nicht mehr erreichen. Die Regionalanästhesieverfahren werden demzufolge in rückenmarksnahe oder neuroaxiale (Spinalanästhesie, Epiduralanästhesie) und eine Vielzahl an peripheren Verfahren unterteilt, beispielsweise die verschiedenen Formen der Lokalanästhesie in der Zahnmedizin. Eine Sonderform ist die intravenöse Regionalanästhesie, bei der Lokalanästhetikum in die entleerte venöse Blutbahn einer zuvor durch eine Manschette abgebundenen Extremität eingespritzt wird.

Kombinationsanästhesie Verfahren der Allgemeinanästhesie und der Lokalanästhesie bzw. Regionalanästhesie können kombiniert werden.

Geschichte der Anästhesie Siehe auch: Narkose#Geschichtliche Aspekte mini|hochkant|Johann Friedrich Dieffenbach führte 1847 mit seiner Schrift Der Äther gegen den Schmerz die Ätheranästhesie in Deutschland allgemein ein

Zeit vor 1846 Der Wunsch, Schmerzen zu lindern, ob bei Verletzungen, Krankheiten oder im Rahmen von operativen Eingriffen, ist oftmals erste Triebfeder heilerischen Handelns gewesen. Bereits in der Antike kannten zahlreiche Völker (so beispielsweise die Assyrer, Ägypter, Griechen oder Römer) die schmerzlindernde bzw. betäubende Wirkung von morphinhaltigem Mohn, aus dem auch schon im Altertum Opium (siehe auch Opiumtinktur) gewonnen wurde, den Nachtschattengewächsen Alraune (Mandragora) (Alraunen-Wein bei Plinius um 77 n. Chr. in Rom und zuvor bei dem griechischen, in Rom praktizierenden Arzt Dioskurides, der um 70 n. Chr. ein halbes Glas Mandragora-Wein vor Operationen und Punktionen zur Erzielung einer „Anästhesie“ empfahl) und Bilsenkraut sowie Wasserschierling und etlichen anderen Pflanzen. Das Wort „Anästhesie“ stammt aus dem Altgriechischen. Bei Platon ist um 400 v. Chr. erstmals der Begriff ἀναίσϑητος belegt.Rudolf Frey, Otto Mayrhofer, mit Unterstützung von Thomas E. Keys und John S. Lundy: Wichtige Daten aus der Geschichte der Anaesthesie. In: R. Frey, Werner Hügin, O. Mayrhofer (Hrsg.): Lehrbuch der Anaesthesiologie und Wiederbelebung. Springer, Heidelberg/Basel/Wien 1955; 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage. Unter Mitarbeit von H. Benzer. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 1971, ISBN 3-540-05196-1, S. 13–16, hier: S. 13. Bei rituellen Beschneidungen sollen gemäß Caspar HofmannCaspar Hoffmann: De thorace. Buch II, Kapitel 29. Frankfurt am Main 1625. die Assyrer zur Herbeiführung von Bewusstlosigkeit und Bewegungslosigkeit, Blutgefäße des Halses abgedrückt haben.H. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 2.

Eine frühe Anwendung von Mohnsaft und anderer Alkaloide zur lokalen Anästhesie am Auge findet sich um 990 bei dem Bagdader Arzt Jesus Haly. Als örtlich betäubend, z. B. als Pflaster aufgebracht, sind seit dem 12. Jahrhundert auch Pfeffer, Bilsenkräuter und die Gemeine Alraune belegt.