Die Vogelspinnen (Theraphosidae) sind eine Familie der Vogelspinnenartigen (Mygalomorphae), einer Unterordnung der Webspinnen (Araneae). Sie umfassen 168 Gattungen und 1101 Arten, die sich auf 12 Unterfamilien verteilen. (Stand: Juli 2024)
Vogelspinnen traten bereits im Karbon vor 350 Millionen Jahren auf. Ihr Lebensraum sind vorrangig tropische bis subtropische Klimazonen. Umgangssprachlich werden unter dem Begriff „Vogelspinnen“ manchmal auch Vertreter anderer Vogelspinnenartiger bezeichnet.
Herkunft der Namen mini|Kolorierter Kupferstich von Maria Sibylla Merian aus Metamorphosis insectorum Surinamensium, Bildtafel XVIII, 1705.
Ihren deutschen Trivialnamen „Vogelspinne“ verdanken sie wahrscheinlich der berühmten Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian. Ihre Eindrücke von einer Reise nach Surinam veröffentlichte sie 1705 in dem Werk Metamorphosis insectorum Surinamensium. Auf Seite 18 findet sich darin eine Illustration mit einer großen Spinne, die, auf einem Ast sitzend, einen Kolibri verspeist. Dies inspirierte wiederum Carl von Linné 1758 dazu, eine Spinne mit dem wissenschaftlichen Namen Aranea avicularia (mit dem Epitheton ) zu beschreiben (heute: Avicularia avicularia (Linnaeus, 1758)).
Körperbau mini|Aufbau einer Vogelspinne mini|1: Fuß (Tarsus) 2: Mittelfuß (Metatarsus) 3: Schiene (Tibia) 4: Knie (Patella) 5: Schenkel (Femur) 6: Schenkelring (Trochanter) 7: Hüfte (Coxa) 8: Taster (Pedipalpen) auf dem unteren Bild mit Bulben 9: Beißklauen (Chelizeren) 10: Augen 11: Vorderkörper/Oberseite (Prosoma/Peltidium) 12: Vertiefung der Oberseite (Thoraxgrube) 13: Hinterleib (Opisthosoma/Abdomen) 14: großes Spinnwarzenpaar 15: kleines Spinnwarzenpaar 16: oberes Buchlungenpaar 17: unteres Buchlungenpaar 18: Geschlechtsöffnung (Epigastralfurche) 19: Unterseite Vorderkörper (Sternum) 20: Mundöffnung (Labium) 21: männliches Geschlechtsorgan (Bulbus)
Vogelspinnen zählen zu den Gliederfüßern. Ihr Körper ist in mehrere Abschnitte unterteilt. Bei Webspinnen unterscheidet man zwischen dem Vorderkörper (Prosoma) mit den vier Laufbeinpaaren (Extremitäten), den (Kiefern-)Tastern (Pedipalpen) und den Beißklauen (Cheliceren) sowie dem Hinterleib (Opisthosoma) mit den Spinnwarzen.
Mit bis zu 12 Zentimetern Körperlänge und einer Spannweite von bis zu 28 Zentimetern gilt die Art Theraphosa blondi als größte bisher beschriebene Vogelspinne der Welt.
Vorderkörper Der Vorderkörper (Prosoma, 11) einer Vogelspinne besteht aus dem zusammengewachsenen Kopf- und Bruststück. Der große Schild auf der Oberseite wird als Carapax oder Peltidium (11), der auf der Unterseite als Sternum (19) bezeichnet. Vorn am Vorderkörper befinden sich die Beißklauen (9), die Mundöffnung (20) und die Taster (8). Seitlich befinden sich die vier Laufbein-Paare. Auf der Oberseite ist auch die Thoraxgrube (12) erkennbar. Diese Grube wird in vielen Bestimmungsschlüsseln verwendet, um z. B. die verschiedenen Vogelspinnen-Gattungen zu unterscheiden. Am Ende befindet sich die Verbindung (Petiolus) zum Hinterleib (13). Im Inneren des Vorderkörpers befindet sich der Saugmagen. Mit diesem wird die vor der Mundöffnung verflüssigte Nahrung aufgesaugt.
Laufbeine Die vier Laufbein-Paare von Vogelspinnen sind in je sieben Segmente unterteilt: Fuß (Tarsus, 1) Mittelfuß (Metatarsus, 2) Schiene (Tibia, 3) Knie (Patella, 4) Schenkel (Femur, 5) Schenkelring (Trochanter, 6) Hüfte (Coxa, 7)
Bei einigen Gattungen, z. B. Grammostola, Psalmopoeus oder Avicularia, haben die erwachsenen Männchen am ersten Beinpaar am Schienensegment sogenannte Schienbeinhaken (Tibiaapophysen). Diese dienen dem Männchen beim Paarungsakt dazu, die Chelizeren (Giftklauen) des Weibchens zu blockieren. Sie kommen aber nicht immer zum Einsatz.
Taster Die Taster (Pedipalpen, 8) sind wie die Laufbeine aufgebaut, sie bestehen aber nur aus sechs Segmenten. Diese werden wie bei den Laufbeinen bezeichnet, der Mittelfuß (Metatarsus, 2) fehlt. Bei ausgewachsenen männlichen Tieren befinden sich an den Tasterenden die Bulbi. Diese sind im Ruhezustand eingeklappt. Jungtiere und Weibchen benutzen die Taster wie ein fünftes Laufbeinpaar. Mit den Tastern trommelt das ausgewachsene Männchen, um das Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. Das Weibchen antwortet, wenn es paarungsbereit ist, ebenfalls mit Trommeln der Taster. Teilweise werden auch noch das erste und zweite Beinpaar dazu benutzt, zum Beispiel bei Avicularia.
Cheliceren mini|Cheliceren einer Acanthoscurria geniculata Die Beißklauen (Cheliceren, 9) dienen der Spinne zum Beutefang, dabei schlagen sie gerade nach unten und leicht nach innen. Diese parallel zur Längsachse ausgerichteten (orthognathen) Beißklauen unterscheiden die Vogelspinnenartigen von den meisten echten Webspinnen (Araneomorphae).
Beim Beutefang dringen die Beißklauen in das Opfer ein und durch einen feinen Kanal wird das Gift injiziert. Die Giftdrüse liegt im basalen Glied der Beißklauen. Gleichzeitig dient das eingespritzte Gift zur Verdauung, d. h., es zersetzt den Körper des Beutetieres, so dass ihn die Vogelspinne anschließend aussaugen kann.
Augen Die Augen (10) der Vogelspinne sind relativ klein und sitzen alle nahe beisammen auf dem Augenhügel. Bei Vogelspinnen ist der Sehsinn nur schwach ausgebildet. Sie haben Hauptaugen und Nebenaugen. Die Hauptaugen nehmen Bilder und Farben wahr und sind nützlich für das Erkennen der Beute. Die Nebenaugen hingegen nehmen Bewegungen wahr.
Hinterleib Der Hinterleib (Opisthosoma, 13) ist der empfindlichste Teil der Spinne, da er nicht wie der Vorderleib mit einem durchgängigen Exoskelett umgeben ist. Tergite und Sternite, welche nicht voll ausgehärtet sind, sind durch weichhäutige Pleuren verbunden. Dadurch kann sich der Hinterleib bei jeder Mahlzeit ausdehnen, so erkennt man den Ernährungszustand an dessen Fülle. Jedoch können Stürze aus relativ geringer Höhe tödlich sein, wenn der Hinterleib aufplatzt und die Tiere verbluten. Im Hinterleib befinden sich die meisten Organe der Vogelspinnen, darunter das schlauchförmige Herz, die Geschlechtsorgane, die zwei Buchlungenpaare (obere = 17, untere = 16) und Teile des Darmes.
Einige amerikanische Gattungen (alle Gattungen der Unterfamilie Theraphosinae) besitzen auf dem Hinterleib Brennhaare, zum Beispiel Brachypelma, Grammostola oder Theraphosa, im Gegensatz zu Psalmopoeus. Diese Haare sitzen locker auf der Hinterleibshaut und werden bei Störung des Tieres durch schnelles Reiben mit den Hinterbeinen dem Feind entgegengeschleudert. Avicularia streifen die Brennhaare nicht aktiv ab, sondern strecken den Hinterleib entgegen. Die spitzen Brennhaare besitzen Widerhaken und können starke Hautreizungen verursachen. Exemplare der Gattung Brachypelma machen recht häufig von ihren Brennhaaren Gebrauch. Bei Spinnen, die stark „bombardiert“ haben, kann man die „nackte“ Haut erkennen. Färbt sich diese Haut dunkel bis schwarz, kann von einer bevorstehenden Häutung ausgegangen werden. Die schwarze Farbe kommt von der Exuvialflüssigkeit, die die alte von der neuen Haut trennt.
Am Ende des Hinterleibes befinden sich der Darmausgang und die beiden Spinnwarzen-Paare. Vogelspinnen besitzen ein großes (14) und ein kleines Paar Spinnwarzen (15). Die fingerförmigen Spinnwarzen sind in drei Glieder unterteilt und sind jede für sich beweglich. Mit speziellen Drüsen an den Spinnwarzen produziert die Spinne Spinnenseide. Diese Seide setzen die Tiere u. a. zum Kokonbau, zum Auskleiden der Wohnhöhle und bei der Nahrungsaufnahme ein.
Geschlechtsöffnung Die Geschlechtsöffnung (18) befindet sich auf der Unterseite des Hinterleibes. Sie wird als Epigastralfurche bezeichnet. Beim Paarungsakt führt das Männchen hier die Enden (die Bulben) seiner Taster ein. Das Weibchen speichert das Sperma in den Samentaschen (Receptacula seminis oder Spermathek). Baut es später einen Kokon, passieren die Eier bei der Ablage die Spermathek und werden besamt. Die Spermathek wird bei der Häutung mitgehäutet, sodass jedes Weibchen nach der Häutung wieder „jungfräulich“ ist.
Beim Männchen tritt an der Geschlechtsöffnung die Samenflüssigkeit aus und wird auf ein zuvor gesponnenes Spermanetz abgegeben. Dieses Spermanetz wird zwischen zwei Gegenständen (z. B. Terrarienwand/Pflanze) gesponnen. Um die Samenflüssigkeit abzugeben, kriecht das Männchen mit der Unterseite nach oben unter das Netz. Danach klettert es auf das Netz und nimmt die Flüssigkeit mit den Bulben durch Pumpbewegung auf. Anschließend wird das Netz meistens zerstört.
Entwicklung Die Entwicklung von Vogelspinnen vollzieht sich in drei Abschnitten: Zeit im Kokon (Ei und Larve), Nymphe und Imago (erwachsenes Tier).
Der Kokon mini|Chilobrachys fimbriatus Weibchen mit ihrem Kokon mini|Kokon nach Entnahme Durch das Muttertier wird ein Teppich aus Spinnenseide gesponnen, auf den die Eier abgelegt werden. Während der Ablage werden die Eier mit dem in den Samentaschen gespeicherten Sperma besamt und schließlich von den Spermien befruchtet. Nachdem das Muttertier seine Eier gelegt hat, werden die Eier mit einer Lage Spinnenseide bedeckt. Aus der Unterlage, den Eiern und der oberen Schicht formt das Weibchen den Kokon. Oft wird der Kokon mit weiteren Lagen Spinnenseide umwoben, in die bei „Bombardierspinnen“ häufig Brennhaare eingewoben werden. Der Kokon wird durch das Muttertier bewacht.
Die Zeit im Kokon mini|Prälarven („Ei mit Beinen“) von Chilobrachys fimbriatus mini|Chromatopelma cyaneopubescens im Larvenstadium Im Kokon schlüpfen nach einiger Zeit aus den Eiern die Larven. Diese haben mit Spinnen noch nicht viel Ähnlichkeit. Die Bezeichnung „Ei mit Beinen“ beschreibt das Aussehen gut. Es ist die Unterteilung in Vorder- und Hinterkörper erkennbar. Vom Vorderkörper spreizen sich die vier Beinpaare und das Tasterpaar ab. Der Augenhügel ist auch schon zu erkennen. Die Eireste bilden den Hinterleib. Im Kokon häuten sich die Tiere nach einiger Zeit dann zur Larve II. Die Jungtiere sehen einer Spinne nun schon sehr ähnlich. Die Proportionen stimmen fast überein. Die Beißklauen (Cheliceren) sind ausgebildet und erkennbar, ebenso die Spinnwarzen. Als Larven nehmen die Tiere keine Nahrung an. Teilweise wurde aber schon beobachtet, dass Larven nicht befruchtete Eier oder schwächere Geschwistertiere aussaugen. Noch im Kokon häuten sich die Larven zu Nymphen. Durch das Muttertier wird der Kokon meistens erst geöffnet, wenn sich die Larven zu Nymphen gehäutet haben, dies kann aber auch schon früher geschehen. Es passiert immer wieder, dass der Kokon in dieser Entwicklungsphase vom Muttertier gefressen wird, vermutlich, weil die Bewegungen der Nymphen den Fressreiz der Mutter ansprechen, die während des Bewachens meist keine Nahrung zu sich nimmt. Die frisch gehäuteten Nymphen bleiben zunächst beim Kokon. Die Entwicklungszeit ist abhängig von der Art und von der vorherrschenden Temperatur.
Die Nymphe mini|Chromatopelma cyaneopubescens nach der Häutung in die 1. Fresshaut mini|Phormictopus cancerides, Exuvie nach Häutung zur 3. FH Die Nymphe wird in Terrarianerkreisen auch als Spiderling bezeichnet. Des Weiteren gibt es noch die umgangssprachliche Bezeichnung Fresshaut. Als Fresshäute bezeichnet der Vogelspinnenhalter juvenile Entwicklungsstadien der Tiere, in denen sie Nahrung – nach alter Lehrbuchmeinung – selbst zu sich nehmen (Nymphe). Das erste Nymphenstadium ist die „erste Fresshaut“. Mit jeder Häutung vergrößert sich die Nummer der Fresshaut (FH), also 1. FH, 2. FH, 3. FH, und so weiter.
Bis die Spinne geschlechtsreif (adult) ist, benötigt sie je nach Art unterschiedlich viele Häutungen. Die Zeitabstände zwischen den Häutungen sind vom Mikroklima abhängig. Die Abstände zwischen den Häutungen betragen am Anfang vier bis acht Wochen. Der Abstand vergrößert sich mit jeder Häutung. Die Anzahl der Häutungen ist teils auch vom Geschlecht abhängig. Die Männchen werden oft früher erwachsen.