Die Narkose (von griechisch-) oder (meist synonym gebraucht) Allgemeinanästhesie ist die allgemeine Betäubung des Organismus mit zentraler Ausschaltung von Schmerz und Bewusstsein.Hans Anton Adams, Eberhard Kochs, Claude Krier: Heutige Anästhesieverfahren – Versuch einer Systematik. In: Anästhesiologie Intensivmedizin Notfallmedizin Schmerztherapie. 36. Jahrgang, Nr. 5, Mai 2001, S. 262–267, hier: S. 262 und 266. Es handelt sich um eine (erweiterte) Form der Anästhesie, um diagnostische oder therapeutische Eingriffe (Operationen) durchführen zu können und sowohl für den Patienten als auch für den Arzt optimale Voraussetzungen dafür zu schaffen. Dazu werden über das Blut oder die Lunge ein oder mehrere Narkosemittel (Allgemeinanästhetika) verabreicht, die auf das Gehirn als Bestandteil des zentralen Nervensystem wirken, unter Umständen auch Wirkstoffe zur Entspannung der Skelettmuskulatur. Der Patient ist dabei nicht erweckbar, im Unterschied zu Lokal- und Regionalanästhesieverfahren (fälschlich „Teilnarkosen“ genannt), bei denen die Schmerzausschaltung über die Blockade von Nervenfasern nur einzelne Regionen des Körpers umfasst.
Die Allgemeinanästhesie wird meist unter geplanten Umständen im Rahmen einer Operation durchgeführt, wird jedoch auch bei interventionellen Eingriffen sowie bei Eingriffen in der Veterinärmedizin eingesetzt. Bei der endotrachealen Intubation beim Atemwegsmanagement in der Notfall- und Intensivmedizin kann ebenfalls eine Narkose eingesetzt werden, zur Fortführung der Beatmungstherapie ist anschließend eine Sedierung oder Analgosedierung, eine Sonderform der intravenösen Anästhesie, ausreichend.
Die Hauptverfahren der Allgemeinanästhesie sind die Inhalationsanästhesie und die intravenöse Anästhesie. Die Analgosedierung stellt eine Sonderform der intravenösen AnästhesieHans Anton Adams, Eberhard Kochs, Claude Krier: Heutige Anästhesieverfahren – Versuch einer Systematik. In: Anästhesiologie Intensivmedizin Notfallmedizin Schmerztherapie. Band 36, 2001, S. 262–267, hier: S. 264. dar.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden erstmals, beginnend 1846 in Boston, Inhalationsnarkosen als Allgemeinanästhesien im heutigen Sinne durchgeführt, aber erst durch die Entwicklung moderner Narkosegeräte, Methoden der Atemwegssicherung, gut steuerbarer Anästhetika und technischer Überwachungsverfahren sowie durch die Etablierung des Fachgebietes der Anästhesiologie, der Ausbildung spezialisierter Fachärzte und der Entwicklung von Richtlinien und Algorithmen erreichte die Allgemeinanästhesie ihren Status als risikoarmes Routineverfahren, welches schmerzhafte Eingriffe in die Körperintegrität in heutigem Ausmaß und Verbreitung erst ermöglicht. Eine Narkose ist, ebenso wie eine Operation, ein ärztlicher Eingriff in die Körperintegrität (und somit juristisch eine Körperverletzung), der eine entsprechende Vorbereitung und Aufklärung des Patienten und dessen Einwilligung erfordert.
mini|Anästhesiearbeitsplatz zur Narkosedurchführung
Etymologie und Bezeichnungen Das Wort Narkose wird im Deutschen ab dem 18. Jh. verwendet und kommt über (seit 1709) von „Erstarrung, Lähmung, Betäubung“, dem nomen actionis von („betäuben“), das selbst eine Ableitung zu dem Substantiv „Lähmung, Schläfrigkeit“Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage ist. Das Adjektiv narkotisch im Sinne von „einschläfernd“ findet sich bereits 1525 bei Paracelsus,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 503. entlehnt aus , dieses von .
Neben Allgemeinanästhesie (Anästhesie setzt sich aus „un-, nicht“ (Alpha privativum) und „Wahrnehmung“ zusammen) sind weitere Bezeichnungen AllgemeinbetäubungMartin Kirschner: Eine psycheschonende und steuerbare Form der Allgemeinbetäubung. Der Chirurg. Band 1, 1929, S. 673 ff. und Allgemeine Anästhesie;M. Meyer, Manfred Schädlich (Hrsg.): Allgemeine Anästhesie. VEB-Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1983, vergleiche englisch general anaesthesia, umgangssprachlich auch Vollnarkose und seltener Allgemeinnarkose.
Die eine Narkose durchführende Person wird als Narkosearzt oder Anästhesist, früher (ohne spezielle akademische Ausbildung für das Fachgebiet) als Narkotiseur, bezeichnet; wer sich wissenschaftlich mit der Anästhesie beschäftigt als Anästhesiologe. Die Lehre der Narkose wurde im 20. Jahrhundert als NarkologieVergleiche W. B. Müller: Narkologie. Berlin 1908. bezeichnet.
Übersicht Komponenten und Definitionen der Allgemeinanästhesie Die beiden Bezeichnungen Allgemeinanästhesie und Narkose betonten bereits im 19. Jahrhundert verschiedene Aspekte, die eine Betäubung mit Äther bewirkte: auf der einen Seite die Abwesenheit unangenehmer Empfindungen, auf der anderen Seite die Bewegungslosigkeit, die eine Operation ermöglichte.B. W. Urban, M. Bleckwenn: Concepts and correlations relevant to general anaesthesia. In: Br J Anaesth. Band 89, Nr. 1, Jul 2002, S. 3–16. (Review: PMID 12173238) Die Begriffe Allgemeinanästhesie und Narkose werden heute als Beschreibung weitgehend synonym genutzt.Hans Anton Adams, Eberhard Kochs, Claude Krier: Heutige Anästhesieverfahren – Versuch einer Systematik. In: Anästhesiologie Intensivmedizin Notfallmedizin Schmerztherapie. Band 36, 2001, S. 262–267. doi:10.1055/s-2001-14470. PMID 11413694.I. Rundshagen: Intraoperative Wachheit. In: Anästh Intensivmed. 2009 50, S. 296–308. Review.
Heute werden von den meisten Autoren als Dimensionen einer Allgemeinanästhesie Bewusstseinsausschaltung (mentale Komponente), Schmerzausschaltung (Analgesie, sensorische Komponente) sowie Bewegungslosigkeit (motorische Komponente, gegebenenfalls als Muskelrelaxation) unterschieden. Üblicherweise geht dies mit der Dämpfung vegetativer Reaktionen (reflektorische Komponente auf Schmerzreize: Blutdruckanstieg, beschleunigte Herzfrequenz) und einem Gedächtnisverlust (Amnesie) einher. Ob und in welchem Ausmaß jede dieser Komponenten für die Durchführung benötigt wird, wird kontrovers diskutiert, beispielsweise stört eine leichte Bewegung des Patienten in Allgemeinanästhesie nicht notwendigerweise Eingriffe an anderen Körperregionen, so dass die Muskelentspannung als zusätzliche Qualität aus operativer Indikation zu den drei Komponenten (reine) Schmerzausschaltung (Analgesie), Bewusstseinsverlust (Hypnose) und (vegetative) Dämpfung hinzutritt.
Moderne Definitionsversuche definieren auf dieser Grundlage die Allgemeinanästhesie als eine medikamenteninduzierte Bewusstlosigkeit, während der die Patienten, auch durch Schmerzimpulse, nicht erweckbar sind (“General Anesthesia is a drug-induced loss of consciousness during which patients are not arousable, even by painful stimulation”, American Society of Anesthesiologists).Continuum of depth of sedation, definition of general anesthesia, and levels of sedation/analgesia. American Society of Anesthesiologists Standards, Guidelines, and Statements, October 27, 2004. Eine andere Formulierung definiert eine Allgemeinanästhesie als eine durch den Arzt (iatrogen) induzierte, umkehrbare (reversible) Unempfindlichkeit des gesamten Organismus mit dem Ziel, eine Intervention zu ermöglichen.
Abgrenzung Die Grenze einer Allgemeinanästhesie zu einer (Analgo-)Sedierung ist fließend. Bei dieser werden ebenfalls die Funktionen des zentralen Nervensystems gedämpft, der Patient ist jedoch erweckbar. Sedierung und Anästhesie unterscheiden sich jedoch auch in Hinsicht auf Beeinträchtigung der Atemfunktion und des Kreislaufes (vergleiche Tabelle). Je tiefer eine Sedierung ist, desto mehr ist von einer Beeinträchtigung dieser lebensnotwendigen Funktionen auszugehen. Als Konsequenz müssen bei zunehmender Sedierungstiefe weitgehendere Maßnahmen durch Überwachung und gegebenenfalls Stabilisierung durchgeführt werden, etwa die Verabreichung von Sauerstoff mittels Maske. Bei der Allgemeinanästhesie als maximale Ausprägung dieses Spektrums muss die Atemfunktion komplett übernommen werden und unter Umständen kreislaufstabilisierende Maßnahmen mit entsprechenden Mitteln (Infusionen, kreislaufunterstützende Medikamente) eingesetzt werden.
+ Übersicht über das Kontinuum Sedierung-Anästhesie (American Society of Anesthesiologists) Körperfunktion Leichte Sedierung Tiefe Sedierung Allgemeinanästhesie Ansprechbarkeit erweckbar erweckbar mit Stimulation oder Schmerzreiz nicht erweckbar Atemwegssicherung nicht notwendig möglicherweise notwendig in der Regel notwendig Eigene Atmung ausreichend möglicherweise reduziert in der Regel nicht mehr vorhanden Herz-Kreislaufsystem in der Regel nicht beeinträchtigt in der Regel nicht beeinträchtigt möglicherweise beeinträchtigt
Die Prämedikation vor einer Anästhesie/Operation bewirkt eine leichte Sedierung, das Hauptziel ist jedoch die angstlösende Wirkung (Anxiolyse).
Bei Lokal- und Regionalanästhesieverfahren wird über die Blockade von Nervenfasern eine Schmerzausschaltung in einzelnen Regionen des Körpers ermöglicht; das Bewusstsein ist im Unterschied zur Allgemeinanästhesie nicht betroffen, Atmung und Kreislauffunktion sind unverändert.
Hypnosetechniken werden zum Erreichen einer Trance, gekennzeichnet durch geänderte Aufmerksamkeit und Entspannung, eingesetzt. Die verschiedenen Qualitäten einer Allgemeinanästhesie werden nicht erreicht. Es gibt Hinweise, dass der Einsatz von Hypnose als schmerztherapeutisches Verfahren oder in Kombination mit Anästhesieverfahren (Hypnoanästhesie) positive Effekte auf das Ergebnis von Operationen hat. Es gibt jedoch keine guten Belege für eine Wirksamkeit, die bisher verfügbaren Daten beruhen auf sehr unterschiedlichen Studien mit kleinen Fallzahlen, so dass eine abschließende Bewertung nicht möglich ist.G. H. Montgomery, D. David, G. Winkel, J. H. Silverstein, D. H. Bovbjerg: The effectiveness of adjunctive hypnosis with surgical patients: a meta-analysis. In: Anesth Analg. Band 94, Nr. 6, Jun 2002, S. 1639–1645. PMID 12032044.A. H. Wobst: Hypnosis and surgery: past, present, and future. In: Anesth Analg. Band 104, Nr. 5, Mai 2007, S. 1199–1208. Review. PMID 17456675.
Pharmakologie Die unterscheidbaren Qualitäten einer modernen Allgemeinanästhesie werden im Gegensatz zu einer Mononarkose durch verschiedene Medikamente hervorgerufen, die als Anästhetika bezeichnet werden. Seit Einführung der Muskelrelaxantien zu Beginn der 1950er Jahre konnte die Intubation erleichtert werden und durch Kombinationsnarkosen unter Verwendung von Analgetika, Hypnotika und Relaxantien die Sicherheit von Allgemeinnarkosen durch weniger Bedarf an den potentiell toxisch auf Herz, Kreislauf und Stoffwechsel wirkenden Einzelkomponenten (einer höherdosierten Monoanästhesie) erhöht werden.H. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 23. Jede Kombination von Inhalationsanästhetika (über die Atemluft) und intravenösen Anästhestika (mittels Injektion oder Infusion) wird als balancierte Anästhesie (in Amerika als balanced anaesthesia entwickeltOtto Mayrhofer: Gedanken zum 150. Geburtstag der Anästhesie. In: Der Anaesthesist. Band 45, 1996, S. 881–883, hier: S. 882.) bezeichnet. Der Begriff der balancierten („ausgewogenen“) Anästhesie geht wahrscheinlich auf John Silas Lundy zurück, der damit in einer 1926 erschienenen PublikationJohn S. Lundy: Balanced anesthesie. In: Minn Med. 9, 1926, S. 399–404. damit die Supplementierung einer Inhalationsänsthesie mit einem intravenösen Anästhetikum bei gleichzeitiger Lokalanästhesie bezeichnete. Von einer balancierten Anästhesie im engeren Sinn kann gesprochen werden, wenn inhalative und der intravenöse Gabe ausgewogen zum Ergebnis beitragen.