Die Harder-Völkmann-Orgel in Gröbenzell im oberbayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck ist die weltweit größte Orgel in einem Bürocenter, dem Stockwerk, welches auch als Kulturzentrum dient. Sie wurde von Harder-Völkmann Orgelbau unter Verwendung historischer Substanz neu erbaut. Neben 69 Orgel-Registern, Akkordeon und Klavier besitzt sie ein umfangreiches Orgelglockenspiel und eine Orgelmarimba. Insgesamt werden 76 klingende Register auf drei Manualen und Pedal in Multiplextechnik erzeugt. Integriert ist ein 1953 von der Orgelbauanstalt Paul Faust in Schwelm in traditioneller Orgeltechnik gefertigtes Instrument mit ursprünglich 16 Registern Pfeifen-Werk auf elektropneumatischer Traktur. Diese stand bis 2005 in der evangelischen Johannis-Kirche in Duisburg-Walsum. Wegen Einsturzgefahr des Gebäudes veräußerte die Gemeinde das Instrument bei guter, restaurierungswürdiger Substanz.
Zudem wurden 2016 in einem ergänzenden Schwellwerk von insgesamt elf Reihen in zwei Kammern sechs Hochdruck-Register einer 1923 in den USA gebauten „Residence“-Orgel der Firma Aeolian Company auf originalen Windladen eingefügt. 2023 wurde der neue viermanualige Spieltisch fertig installiert, der den alten zweimanualigen Spieltisch ersetzt.
Standort mini|Stockwerk in Gröbenzell
Im Juni 2005 ließ der Orgelliebhaber Christian Stock, Eigentümer des Bürozentrums Stockwerk, das Basis-Instrument in Duisburg abbauen und nach München überführen. Das Bürozentrum im Münchner Vorort Gröbenzell (Nähe der A8) umfasst mehrere Gebäudekomplexe.
Künstlerisch-musikalisches Konzept Zielsetzung des Initiators Christian Stock ist es, die untergegangenen, früher selbstverständlichen säkularen Nutzungen der „Königin der Instrumente“ wiederzubeleben und Wege zu neuen Experimentierfeldern zu bahnen. Dabei werden auch die Teiltonexperimente der späten Orgelbewegung in den 1950/1960er Jahren wieder aufgenommen, die neue synthetische Klangräume für avantgardistische Kompositionen schufen – mittels Orgelpfeifen auf rein akustischem Weg. Kunstinstallationen in Interaktion mit der Orgel, Kombinationen von Orgel und Rockmusik, modernem Tanz, elektronischen Klangerzeugern u. a. m. sollen angeregt werden.
Umsetzung mini|alt=Harder-Völkmann-Orgel im Stockwerk Orgelprospekt|Orgelprospekt
Die Firma Harder-Völkmann Orgelbau hat hier ein Instrument konzipiert, das sieben verschiedene historische Stränge des Orgelbaus integriert, teils kontinentaler, teils angelsächsisch-amerikanischer Tradition.
Die jeweiligen Einflüsse aus den so heute (seit den 1920er beziehungsweise 1960er Jahren) nicht mehr angewandten Klangkonzepten begründen die Sonderstellung dieser Orgel. Ihr dadurch spezieller Dispositionsaufbau ermöglicht erst die weitgefächerte Nutzung für verschiedenste, auch weltliche Literatur.
Um dies auf engem Raum bereitzustellen, dabei aber nicht zu einer sog. „Universalorgel“ zu gelangen, war von Beginn an eine komplexe elektronische Ansteuerung des rein akustischen Klangkörpers Bestandteil der Entwicklung.
Die diese Orgel prägenden Aspekte aus verschiedenen Epochen sind:
Baugruppen einer restaurierten neobarocken Kirchenorgel steiler Disposition bei strengem Werkscharakter bilden das klangliche Fundament der Gesamtanlage. Sie ermöglichen die adäquate Darstellung barocker Kompositionen, sind aber, in Verbindung mit einem neuen Aliquotenwerk, auch Ausgangspunkt für expressiv-mystische und experimentell-aggressive Klänge. Neue Teilwerke nehmen Ideen des frühromantischen Orgeltheoretikers Georg Joseph Vogler zur Umbildung der Orgel zu einem klassischen „Orchester“ auf. In der Harder-Völkmann-Orgel verwirklichte Aspekte sind Verteilung des Pfeifenwerks auf diverse „Orchestergruppen“ statt auf die weitgehend gleichberechtigten „Teilorgeln“ barocken Konzepts. diese besetzt mit stark imitativen Registerfarben wie „Streicher, Holzbläser, Blechbläser“ möglichst stufenloses Registercrescendo zur Dynamisierung des Orgelklangs durchschlagende Zungenregister als Basis eines Werkes Grundtonverstärkung durch Kombinationstonbildung tiefliegender Aliquoten Dies fördert die Darstellung von transkribierten Orchesterwerken der Klassik bis Frühromantik auf diesem Instrument. Orchestral ausgerichtete Vorstellungen und technische Erfindungen des englischen Orgelvisionärs Robert Hope-Jones um 1900 werden aufgegriffen. Hier angewendete Merkmale sind: Die technische Ansteuerung der neuen Baugruppen im sogenannten „Multiplex- oder Unitsystem“, das aus einer begrenzten Zahl von Pfeifen–Grundreihen eine Vielzahl von Registern als sogenannte „Auszüge“ gewinnt. Die einzelne Pfeife im erweiterten Teil wird hier in verschiedenen Registern mehrfach verwendet; im Gegensatz zum barocken Werksprinzip bereitgestellt auf allen Manualen. Das Einfügen von Hochdruckregistern mit der ihnen eigenen intensiven, den Raum durchdringenden Grundtonbildung. Insbesondere die Hochdruck – „Tibia clausa“ ist eine unverzichtbare Begleit- und Solostimme eines solchen Klangaufbaus. Die Aufnahme der Perkussion als voll ausgebaute Orchestergruppe und des Klaviers in die Orgel Der „2nd-touch“ auf erstem Manual und dem Pedal. Diese Charakteristika dienen vor allem dem Einsatz als Kinoorgel, die in den 1920er Jahren die Dramaturgie des Stummfilms belebt. Einflüsse von Georg Ashdown Audsleys „Straight“-Konzept (im Gegensatz zum „Unit“-Konzept alle Register aus eigenständigen Reihen) werden aufgenommen, da geeigneter für charakteristischen Orgelklang und Basis der Disposition der riesigen Konzertorgeln in den USA der Zwischenkriegsära, so beispielsweise die Orgel des Wanamaker Department Store (Philadelphia). Sein Konzept spiegelt sich in dieser Orgel in: der Beibehaltung der den reinen Orgelton prägenden hochliegenden Mixturen der Beibehaltung der werksweisen Bindung aller Prinzipale und Mixturen als jeweiliges Plenum der Anlage eines vielreihigen Streicherchores im Sinne einer Orchestergruppe als „Floating Division“ (siehe Voglers Konzept) einer eigenen Windlade mit rein gestimmten, damit verschmelzungsfähigen Aliquoten aller Lagen als „Harmonic Division“ die teilweise Platzierung des Pfeifenwerks in mehreren hoch-effektiven Schwellkammern, deren „Orchestergruppen“ somit dynamisch gegeneinander ausgespielt werden können. Es befähigt dieses Instrument zur Darstellung der großen romantischen Orgelliteratur und spätromantischer Orchesterwerke. John Comptons Experimente der 1930er Jahre zeigen sich in der Anlage ergänzender „virtueller“ Mixturen, die ohne eigenes Pfeifenwerk rein steuertechnisch aus den vorhandenen Reihen in reiner Stimmung gezogen werden. Harder-Völkmann nutzt hier die Möglichkeiten der Registereinzelkanzellen-Architektur auf elektrischer Traktur im Sinne eines Mixturensetzers und stellt so expressionistische Klangräume zur Verfügung. Das zugefügte Akkordeon ist ein typisches Charakteristikum der selbstspielenden belgischen Tanzorgel der 1960er Jahre, bildet als kleine Zungenorgel aber auch die Basis des III. Manuals entsprechend Voglers Konzept (um 1810), Hier bevorzugt Unterhaltungsmusik fördernd (Tango, Jazz), ersetzt es gleichfalls eine spätromantische Phyharmonika und ist auf seinem Windschweller ein weiteres dynamisierendes Element. Externkoppeln ermöglichen per Ausspeisung des Datenstroms die Integration digitaler Klangerzeuger (z. B. Synthesizer) für weiterführende Experimente.
Architektonisches Konzept alt=Harder-Völkmann-Orgel im Stockwerk Orgelprospekt Architektur|mini|Architektur Orgelprospekt
Die bewusst offene technische Anlage des Werkes ohne umfassendes Gehäuse ermöglicht Einblick in den Aufbau des Instruments. Das Publikum kann die Schaltvorgänge beim Spiel teilweise direkt optisch erleben.
Die Dynamisierung erfolgt sowohl über Register- und Windschweller als auch über zwei sehr effektive Schwellkammern für die Hochdruckstimmen. Stilistisch hat Harder-Völkmann Bezug auf die „offenen Prospekte“ des deutschen Orgelbauers Johannes Klais genommen, der schon um 1930 in engem Kontakt zu Bauhaus-Architekten fassadenlose, rein durch Rhythmisierung der funktionellen Baugruppen geprägte Gestaltungen fand.
Walter Holtkamp experimentierte zeitgleich ähnlich in den USA. In den Farbwerten werden die Raumelemente Stahl, Terracotta, Pflanzengrün reflektiert. Zur optischen Unterstützung ist die gesamte Orgelarchitektur durch eine professionelle Theaterlichtanlage ausgeleuchtet. Sie kann per Pult oder vorprogrammiert ereignisentsprechend angefahren werden.
Aufbau des Werkes mini|Orgelkonzert im Stockwerk
Verteilung des klanglichen Materials Das Instrument ist nach klanglichen und architektonischen Gesichtspunkten so über den Raum verteilt aufgestellt, dass der Hörer inmitten des „Orchesters“ Platz nimmt.
Es setzt sich folgendermaßen zusammen: 16 Register Pfeifenwerk und 5 Windladen der 1953 gefertigten „Faust“-Orgel auf elektropneumatischer Versorgung. Diese stellt den neobarocken Kern dar. 13 sogenannte „Ranks“ (= Unitpfeifenreihen) von bis zu 92 Noten auf Einzelregisterladen mit jeweils eigener Tonschaltung pro Reihe ergänzen diese nicht nur, sondern bilden das Instrument in seiner Klangarchitektur völlig um. Steuerungstechnisch stellt jede dieser Reihen ein ganzes Werk mit Oktavkoppeln dar, jeweils eine Art „Floating Division“ in Multiplextechnik. 12 dieser Reihen stellen 37 weitere Register auf allen drei Manualen und Pedal(en) zur Verfügung, die 13. Reihe dient im Hintergrund allein der Bildung „virtueller“ Register. 7 in ihrem Klangcharakter echten Orchesterinstrumenten äußerst nahekommende Hochdruckstimmen begründen die besondere Befähigung dieses Instruments zur Darstellung von Orchestertranskiptionen auf Orgel. 6 dieser Stimmen entstammen einer 1923 für einen Privatmann in Tacoma/Washington erbauten „Aeolian Duo Art Pipe Organ“ aus den USA auf ihren originalen Windladen, ergänzt um eine Hochdruck-Tibia sowie 6 weitere Register, die die Klangpyramide im derart besetzten Schwellwerk ergänzen. Akkordeon, Klavier, Glockenspiel, Marimba und Trommel vervollständigen den orchestralen Charakter.
Im Hauptteil auf der Galerie sind platziert: I. Manual und Pedal der Basisorgel Flötengruppe Aliquoten und „virtuelle“ Mixturen Solo-Trompeteria (horizontal) Glockenspiel Klavier Der Schwerpunkt liegt hier auf plenum- und füllebezogenen Stimmen und diesen sich eingliedernder Perkussion.
Gegenüberliegend über dem Eingangsbereich sind platziert: mini|alt=Harder-Völkmann-Orgel im Stockwerk Gröbenzell – Nebenwerk|Nebenwerk
II. Manual der Basisorgel Streichergruppe Solozungen Lieblich-Trompete Akkordeon Marimba und Perkussion Tendenziell vereinigt dieser Teil die Solostimmen (mit ihren Unterstützern) und Perkussion entsprechender Prägung.
Seitlich des Hauptteils ragt das Schwellwerk als eigener Turm mit zwei übereinanderliegenden Kammern auf. Es beherbergt: In Kammer 1: Die 6 Hochdruckstimmen der Aeolian-Orgel in 8´- Lage, darunter eine durchschlagende Klarinette In Kammer 1: 6 die Teiltonpyramide ergänzende Register auf Niederdruck In Kammer 2: Eine Tibia clausa in 4 Oktavauszügen Versorgt werden die Windladen durch eine neu konzipierte, in den Winddrücken ausdifferenzierte Balganlage mit vier Tremulanten, gespeist durch fünf Gebläse.
Steuerelektronik Bestandteil des komplexen Konzepts des Instruments ist die Steuerelektronik, die die über den Raum verteilten, elektrisch oder elektropneumatisch traktierten Werke per Datenbus mit dem Spieltisch verbindet.
Sie wurde durch den Physiker Jürgen Scriba und den Orgelbauer Markus Harder-Völkmann konzipiert und patentiert (Bundespatent Nr. 10 2006 032 800, erteilt am 5. Juli 2007). Scriba übernahm deren weitere technische Entwicklung und Realisierung.
Kernpunkte der Patentierung sind die insbesondere für die Unitreihen wichtige „Tonlochmaskierung“ und die dezentrale Verarbeitung.