Die Lobau ist ein nördlich der Donau und großteils innerhalb, teilweise aber auch östlich Wiens gelegener Teil des Auengebietes der Donau, das sich am linken Donauufer zwischen Wien und der Mündung der March (Grenze zur Slowakei) erstreckt. Sie ist rund 22 QuadratkilometerFelix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Band 4: Le – Ro. Kremayr & Scheriau, Wien 1995, ISBN 3-218-00546-9, S. 77. groß und wird von der Magistratsabteilung 49 – Forstamt und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien verwaltet und betreut.Donau-Auen (Lobau) – Erholungsgebiet in Wien. Wiener Webservice, abgerufen am 29. April 2013.
Der Teil innerhalb Wiens gehört verwaltungstechnisch dem 22. Gemeindebezirk Donaustadt an, grundbuchmäßig besteht er aus den Katastralgemeinden Landjägermeisteramt und Kaiserebersdorf Herrschaft (bis auf den äußersten nordwestlichen Rand, der zu Aspern gehört). Der kleinere Teil außerhalb Wiens gehört zu Groß-Enzersdorf.
Landschaftsgeschichte mini|Plan des Donaudurchstichs, Die Gartenlaube 1870 Vor der Donauregulierung Von Nordwesten kommend, erreicht die Donau bei der Wiener Pforte (zwischen Leopoldsberg im Westen und Bisamberg im Osten) das heutige Wiener Stadtgebiet. Vor der 1875 fertiggestellten Donauregulierung mäanderte der Strom von hier bis zur Hainburger Pforte an der östlichen Grenze Österreichs durch das flache Marchfeld. Entstandene Flussauen erhielten durch Hochwässer mit Überschwemmungen immer wieder neue Gestalt, Flussarme bildeten sich und versandeten wieder, der „Stromstrich“ nahm neue Wege. Für die Ufergegenden der Donau wurden die Augebiete in zwei Gruppen eingeteilt: harte Auen für Festlandsauen sowie Haufen (beispielsweise in Biberhaufenweg) für die dem Strom ausgesetzten Gebiete.
Nach der Donauregulierung mini|Das Aufnahmeblatt der Landesaufnahme mit Stand 1873 zeigt die Eingriffe in die Lobau im Rahmen der Donauregulierung Die Regulierung beseitigte einen beträchtlichen Teil der bis dahin bestehenden Donauarme und Augebiete im Wiener Raum: Die Altarme am südlichen, stadtseitigen Ufer des neuen Hauptstromes wurden fast zur Gänze zugeschüttet und verbaut. Am nördlichen, der Stadt abgewandten Stromufer war der Siedlungsdruck wesentlich geringer oder gar nicht vorhanden. Daher konnte hier die Lobau – mit Altarmen als stehenden Gewässern, durch den Hubertusdamm vom Strom getrennt – als Jagd-, Forst- und Landwirtschaftsgebiet, später auch als Naherholungsgebiet bestehen bleiben. mini|Satellitenbild der Lobau, Kartenausrichtung siehe Nordpfeil. Die Lobau ist das große, dunkelgrüne Areal am linken Donauufer, der von der Donau abzweigende und am Rande des westlichen Teils der Lobau gelegene Ölhafen ist links von der Bildmitte erkennbar. Im 19. Jahrhundert war die Lobau Jagdrevier des kaiserlichen Hofes; Kronprinz Rudolf jagte häufig hier. Am 2. September 1903 unternahm Kaiser Franz Joseph I. mit König Eduard VII. von Großbritannien, der auf Staatsbesuch in Wien war, einen Jagdausflug in die Lobau. Die beiden Monarchen schossen je einen Zehnender.Fred Hennings: Solange er lebt. – Band 2: Die Weichen werden gestellt. Herold-Verlag, Wien 1969, S. 27.
1905 wurde die Lobau zum Schutzgebiet erklärt, 1918 schenkte Kaiser Karl I. die heutige Obere Lobau der Stadt Wien.
Unweit des Lobauhofs im Zentrum der Lobau findet sich ein 1921 errichtetes, 1975 restauriertes Gedenkkreuz für den Stadtschutzwachmann Heinrich Deml, der am 11. April 1920 an dieser Stelle ermordet wurde. Deml hatte im Morgengrauen eine Bande gestellt, die in Wittau Schweine, Wein und Kartoffeln gestohlen hatte; als er sein Gewehr zog, hatten die Diebe ihm in den Kopf geschossen. Die Täter konnten zwei Jahre später gefasst und verurteilt werden.https://www.bmi.gv.at/magazinfiles/2014/09_10/files/kriminalgeschichte_iii.pdf
Am 23. Mai 1927 versammelten sich vor dem Wiener Rathaus etwa 300 Mitglieder des Vereins „Kolonien in der Heimat“, um in die Lobau abzumarschieren, wo ihnen die Gemeinde Wien ein Kolonisationsgebiet zugewiesen hatte. sowie(Bildunterschriften:) Arbeitslose bewirtschafteten eigens angelegte Ackerflächen, anfangs zur Selbstversorgung, später, um 1929 in Einzelfällen, zum Absatz von Produkten auf dem Wiener Markt.In: Heller: Die Lobau, 1975. Aus: Monika Pusz: Die Entwicklung der anthropogenen Nutzungen im Wiener Anteil am Nationalpark Donauauen, der Lobau, zwischen 1826 und 2006. Diplomarbeit. Universität für Bodenkultur Wien, Wien 2009, S. 33 und 62. – Volltext online (PDF; 1,1 MB).
Eingriffe in die Landschaft Ein Donau-Oder-Kanal durch die Lobau existiert als Projekt seit 1719. Konkrete Planungen gab es um 1900 unter der Regierung Koerber, der Baubeginn erfolgte allerdings erst zur NS-Zeit (1939). Bis zum Abbruch der Arbeiten waren 4,2 Kilometer schiffbarer Kanal entstanden;Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Band 2: De – Gy. Kremayr & Scheriau, Wien 1993, ISBN 3-218-00544-2, S. 71 f. an der Abzweigung von der Donau wurde der Ölhafen Lobau mit einer Raffinerie der Ostmärkische Mineralölwerke GmbH sowie ein Großtanklager der WiFo angelegt. Der Kanaltorso teilt seither die Lobau in die Obere und die Untere Lobau; diese wurde 1919 in das Eigentum der Republik Österreich übernommen und ist bis heute wesentlich naturbelassener erhalten als die Obere. Bei den Arbeiten für den Ölhafen und den Kanal während der NS-Zeit wurden Zwangsarbeiter (vorwiegend sowjetische Kriegsgefangene und Juden) eingesetzt, die in ihrem Lager den Luftangriffen ohne Schutzvorrichtungen, die dem Wachpersonal vorbehalten waren, ausgeliefert waren.Joseph Gepp: . In: falter.at, Juli 2008, abgerufen am 29. April 2013.1942 bestand das Lagerbordell Clarissa, für das unter anderem Frauen aus Polen zur Zwangsprostitution rekrutiert wurden. – Siehe: F(riedrich) Heller: „Clarissa“. In: Robert Eichert: Kuriose Ideen, G’schicht’ln und Geschichte. Lagerbordell Clarissa. Donaustädter Bezirkszeitung, Nr. 4/2010, . Erdia, Wien 2010, S. 18, .
Der Ölhafen ist heute ein insgesamt etwa 1,7 km langes, parallel donauaufwärts führendes Gewässer. Der Donau-Oder-Kanal zweigt in dessen Mitte mit einer etwa 1 km langen Rechtskurve nach Nordosten ab und ist hier durch eine Landbrücke unterbrochen. Nach 1 km Unterbrechung durch Land folgen – schon außerhalb der Lobau – zwei Teilstücke sehr geradlinigen Kanals mit 2,4 bzw. 1,4 km Länge, unterbrochen von 100 m Land über das eine Straße quert.
Kleine Gebiete wurden auch für Übungen des Bundesheeres benützt (seit der Widmung als Nationalpark sind die Übungen eingestellt). Außerdem wurde hier das Grundwasserwerk Lobau, das die Stadt Wien zusätzlich zu der I. und II. Wiener Hochquellenwasserleitung in Spitzenzeiten mit Trinkwasser versorgen kann, errichtet.
Naturschutz mini|Nationalparkhaus der Lobau In der Lobau befinden sich wichtige Rückzugsgebiete von vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten.Lobau – Wiens Beitrag zum Nationalpark. In: wien.gv.at. Sie war daher von 1977 bis 2016, nicht zuletzt auf Betreiben des Limnologen Heinz Löffler, von der UNESCO als Biosphärenreservat/Biosphärenpark (Untere) Lobau (AUS03), im Ausmaß von 1.037 Hektar anerkannt.Lobau, Datenblatt, unesco.org → Biosphere Reserve Information;Ingrid Klaffl, Irene Oberleitner, Maria Tiefenbach: Biogenetische Reservate und Biosphärenreservate in Österreich. Umweltbundesamt: Report R-161, Wien 1999, Datenblatt Biosphärenreservat Untere Lobau, S. 228 ff. (PDF, umweltbundesamt.at).Biosphärenpark Untere Lobau, Informationen und Materialien, biosphaerenparks.at (an der Uni Wien: cvl.univie.ac.at/biosphaerenparks);im ViennaGIS wird dieser Biosphärenpark nicht geführt Da das Gebiet nicht vollständig auf die Sevilla-Strategie umgestellt werden konnte und ausschließlich aus einer Kernzone bestand, mit 75 % Naturzone und 25 % Naturzone mit Managementmaßnahmen, hat Österreich das Gebiet 2016 aus dem Weltnetz der UNESCO abgemeldet.
Seit 1978 ist, teilweise überlappend mit dem früheren Biosphärenpark, ein Naturschutzgebiet Lobau (32/1978, 2.088 ha), wien.gv.at; NSG Lobau im ViennaGIS und stadteinwärts anschließend ein Landschaftsschutzgebiet (Obere) Lobau (32/1978, 461 ha) ausgewiesen,beide . LGBl. 1978/32, vom 9. August 1978 (i.d.g.F. online, wien.gv.at). das Naturschutzgebiet umfasst über der Bezirksfläche, zusammen stehen der Donaustadt hier unter Schutz. Das Landschaftsschutzgebiet umfasst die Gebiete bis Aspern und den A23-Knoten Kaisermühlen.
1983 wurde auch 915 ha nach der Ramsar-Konvention für Feuchtgebiete, das Ramsargebiet Untere Lobau (Nr. 273), ausgewiesen, vom alten Donau-Oder-Kanal gegen den Stadtrand hin.Ramsar-Gebiet Untere Lobau, wien.gv.at
Seit 1996 ist das Naturschutzgebiet Lobau Teil des Nationalparks Donau-Auen (NP 1996), seit 2004 auch Europaschutzgebiet (Wiener Teil: FFH-Gebiet/GGB und Europäisches Vogelschutzgebiet/BSG, AT1301000, 2.258 ha).
Der Nationalpark setzt sich donauabwärts in Niederösterreich fort, dort schließen auch die Europaschutzgebiete Donau-Auen östlich von Wien (FFH AT1204000, BSG AT1204V00) an, die sich bis an die österreichisch-slowakische Grenze erstrecken. Darin direkt anliegend befindet sich das Naturschutzgebiet Lobau–Schüttelau–Schönauer Haufen (NSG 20). Donauabwärts setzen sich weitere Schutzgebiete fort, bei Hainburg mündet mit den March-Thaya-Auen ein weiterer bedeutender ökologischer Korridor (gemeinsam mit dem Landschaftsschutzgebiet Donau–March–Thaya-Auen, LSG 20). Zusammen mit dem dort liegenden Ramsar-Gebiet Donau–March-Auen (Nr. 2732), und dem anschließenden Ramsar-Gebiet Moravské luhy in der Slowakei (Nr. 604) und dem Ramsar-Gebiet Mokrady dolního Podyjí in Tschechien (Nr. 635) bildet die Lobau das trilaterale grenzübergreifende Ramsargebiet (TRS) Auen im Zusammenfluss von March, Thaya und Donau.
Über die Parndorfer Platte besteht auch eine – wenn auch unterbrochene – Anbindung an das Neusiedlersee-Gebiet. Der Kontakt zu den Biotopkomplexen Tullnerfelder Donau-Auen und Wienerwald westlich Wiens ist durch die Stadt naturgemäß unterbrochen, das wurde aber durch das Entlastungsgerinne und die Donauinsel (Wiener Donauregulierung der 1970er/80er) in einem gewissen Maß entschärft.vergl. W. Reckendorfer, R. Schmalfuß, C. Baumgartner et al.: The Integrated River Engineering Project for the free-flowing Danube in the Austrian Alluvial Zone National Park: contradictory goals and mutual solutions. In: Archiv für Hydrobiologie, Supplementband Large Rivers, 15, 1–4, 2005, S. 613–630; (full text online, schweizerbart.de);siehe auch Flussmorphologische Entwicklung der Donau im Wiener Teil des Nationalparks Donau-Auen in den Jahren 1726–2001 (Bereich Lobau, Strom-km 1924–1908), Steckbrief zum Forschungsprojekt, boku.ac.at (mit Literaturliste).
Die Lobau als Naherholungsgebiet mini|Erholungsgebiet Lobau Josefsteg mini|Gründung des Josefsteges Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Lobau als Naherholungsgebiet beliebt. Man konnte mit der (1922 eröffneten und 1970 eingestellten) Straßenbahnlinie 317 (Kagran – Groß-Enzersdorf) anreisen und hier ausgedehnte Wanderungen unternehmen und Badetage verbringen, ohne auf viele Menschen zu stoßen. 1927 schrieb Alois Klampferer-Eckhardt unter Mitwirkung von Fritz Löhner-Beda (Text) und Heinrich Strecker (Musik) das bald populäre Wienerlied Drunt' in der Lobau, das 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, Titelmelodie des Films Drunt' in der Lobau hab' ich ein Mädel geküsst (Regie: Hubert Marischka) wurde: Drunt' in der Lobau, wenn ich das Platzerl nur wüßt, Drunt' in der Lobau hab ich ein Mädel geküßt; Ihre Äugerln war'n so blau Als wie die Veigerln in der Au Auf dem wunderlieben Platzerl in der Lobau!
An Altarmen in der Lobau etablierte die Freikörperkultur, erlaubt oder nicht, in den 1920er Jahren ihre bis heute bestehenden Treffpunkte.