Werner Bruno Erich Seelenbinder (* 2. August 1904 in Stettin; † 24. Oktober 1944 in Brandenburg an der Havel) war ein deutscher Ringer und kommunistischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Nach Verurteilung durch den Volksgerichtshof wurde er 1944 hingerichtet. 2008 wurde Werner Seelenbinder in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Leben Werner Seelenbinders Familie zog 1909 nach Berlin und bezog eine Wohnung in Friedrichshain. Dort betrieben die Eltern einen Kolonialwarenladen.Michaela Behrens: Stadtgespräche aus Neukölln. Berlin 2014, S. 138. Werner Seelenbinder übte nach dem Besuch der Volksschule Gelegenheitstätigkeiten aus und war auch längere Zeit arbeitslos.Walter Radetz: Werner Seelenbinder. Leben Haltung Wirkung. Berlin 1968, S. 11 f.

Er trat dem Arbeitersportclub Sparta Lichtenberg bei und trainierte als Gewichtheber und Ringer. Nebenbei studierte Seelenbinder die Schriften von Karl Marx und Lenin und näherte sich dem kommunistischen Gedankengut an. Im Jahr 1928 gewann Seelenbinder bei der Spartakiade in Moskau als einziger deutscher Arbeitersportler seinen Wettbewerb. Nach der Rückkehr trat er in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein und arbeitete hier an der Herstellung von Informationsmaterialien, auch von Flugblättern.Hans Maur: Gedenkstätten der Arbeiterbewegung in Berlin-Friedrichshain. Hrsg. von der Bezirksleitung der SED, Bezirkskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung in Zusammenarbeit mit der Kreiskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der Kreisleitung Berlin-Friedrichshain der SED. 1981, S. 64–66.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Zerschlagung der Arbeitersportvereine 1933 (siehe Gleichschaltung) trat er der Sportvereinigung Ost Berlin bei. Er engagierte sich heimlich in der Roten Hilfe und wurde 1933 von der geheimen KPD-Organisation beauftragt, sich sportlich für internationale Wettkämpfe zu qualifizieren und die dadurch möglichen Auslandskontakte für die kommunistische Untergrundarbeit zu nutzen.

Im August 1933 gewann er den ersten von insgesamt sechs Titeln als Deutscher Meister im Ringen in der Halbschwergewichtsklasse. Er verweigerte bei der Siegerehrung den Hitlergruß. Eine Woche später wurde er dafür von der Gestapo verhaftet und eine Zeitlang im Columbiahaus eingesperrt. Anschließend bekam er ein Jahr Wettbewerbssperre und wurde kurz darauf erstmals auch verhört.

1935 erhielt er eine Anstellung als Transportarbeiter in den AEG-Apparatefabriken TreptowWalter Radetz: Werner Seelenbinder. Leben Haltung Wirkung. Berlin 1968, S. 66. (in der DDR VEB EAW Treptow). Als Seelenbinder sich 1936 für die Olympischen Sommerspiele in Berlin qualifizierte, plante er in Absprache mit der KPD bei der Siegerehrung mit einem Appell gegen die NS-Diktatur zu protestieren.Walter Radetz: Werner Seelenbinder. Leben Haltung Wirkung. Berlin 1968, S. 56 f.ausführlich: Klaus Ullrich (d. i. Klaus Huhn): Werner Seelenbinder. Noch nach dem Tode eingesperrt. In: Klaus Ullrich: Sie spielten gerade Carmen … Berlin 2000, ISBN 3-933544-25-4, S. 29–60. Nach zwei Niederlagen belegte Seelenbinder jedoch nur Platz 4 im olympischen Wettkampf und konnte die beabsichtigte politische Aktion nicht ausführen. Im gleichen Jahr bekam er Kontakt zum soeben aus dem Zuchthaus entlassenen Robert Uhrig und damit zur Berliner Untergrundleitung der KPD. 1937 und 1938 wurde er bei den Ringer-Europameisterschaften jeweils Dritter in seiner Gewichtsklasse und nutzte seine Sportreisen zum Austausch von Informations- und Propagandamaterial, obwohl er ständig unter Beobachtung der Gestapo stand.

1939 wurde Seelenbinder nach dem Eisenwerk Wanheim, einem Rüstungsbetrieb in der Attilastr. 61–67 in Berlin-Tempelhof, zwangsverpflichtet. Dort gelang es ihm, eine Widerstandszelle zu organisieren, in der an der Seite deutscher Kommunisten auch polnische Zwangsarbeiter mitwirkten. In jener Zeit intensivierte Seelenbinder seine Kontakte zu den Mitgliedern der kommunistischen Widerstandsgruppe um Robert Uhrig und Alfred Kowalke, für den Seelenbinder Unterkunft und Kontakte besorgte.Walter Radetz: Werner Seelenbinder. Leben Haltung Wirkung. Berlin 1968, S. 64 ff. Als die Gruppe um Robert Uhrig zerschlagen wurde, nahm die Gestapo auch Seelenbinder am 4. Februar 1942 in seiner damaligen Wohnung Palisadenstraße 56 in Friedrichshain fest.Walter Radetz: Der Stärkere. Berlin 1961, S. 391 ff.

Nach über zwei Jahren Haft in verschiedenen Konzentrationslagern und Zuchthäusern (unter anderem im Arbeitserziehungslager Wuhlheide und in Landsberg an der Warthe) wurde er durch den Volksgerichtshof in Potsdam zum Tode verurteilt.Auszüge aus dem Todesurteil: S.1, 2, 3 Am 24. Oktober 1944 wurde Seelenbinder, nachdem mehrere von ihm gestellte Gnadengesuche abschlägig beschieden worden waren, im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet.Karl Heinz Jahnke: Ermordet und ausgelöscht. Zwölf deutsche Antifaschisten (= Unerwünschte Bücher zum Faschismus. Bd. 8). Mit einem Geleitwort von Karl Kielhorn. Ahriman-Verlag, Freiburg im Breisgau 1995, ISBN 3-89484-553-8, S. 110.

Unter diesem Datum ist folgender Abschiedsbrief Seelenbinders überliefert:Abbildung bei: Walter Radetz: Werner Seelenbinder. Leben Haltung Wirkung. Berlin 1968, S. 75

Nach der Hinrichtung wurde sein Leichnam im Krematorium Brandenburg eingeäschert.

Sportlicher Werdegang Werner Seelenbinder begann 1917 beim Athletikklub „Eiche 1900“ in Berlin-Friedrichshain mit dem Ringen und Gewichtheben. Etwa 1920 startete er beim Sportclub „Berolina 03“ Neukölln und konzentrierte sich auf das Ringen. Diese Vereine gehörten dem Deutschen Arbeiter-Athleten-Bund an. Zwischen 1918 und 1932 wurde er vielfacher Berliner Meister der Arbeiterringer vom Federgewicht bis zum Halbschwergewicht.

Im Einzelnen sind folgende Erfolge und Wettkämpfe bekannt: 1925, 1. Platz bei der Arbeiterolympiade in Frankfurt am Main im Ringen, griechisch-römischer Stil (GR), Halbschwergewicht (Hs) 1926, Sieger in einem Ländervergleichskampf der deutschen Arbeiterringer gegen die Sowjetunion in Berlin im GR, (Hs) 1926, 1. Platz beim internationalen Ringerturnier anlässlich des Arbeiter-Turn- und Sportfestes in Berlin, GR, Mittelgewicht (Mi) 1927, Teilnahme an einer Wettkampfreise einer Mannschaft des Arbeiter-Athleten-Bundes in die Sowjetunion. Einzelne Ergebnisse sind nicht bekannt 1927, 3. Platz, Turnier des finnischen Arbeiter-Sportverbandes TUL in Helsinki, GR, Hs, hinter Juha Juhola u. Timo Aalto, beide Finnland und vor Viljo Lindquist, Paavo Oksa und H. Rönkas, alle Finnland 1928, 1. Platz bei der internationalen Arbeiter-Spartakiade in Moskau, GR, Hs (kam einer Weltmeisterschaft der Arbeiterringer gleich) 1930, 1. Platz beim internationalen Turnier der Arbeiterringer in Moskau, GR, (Hs) 1931, 2. Platz, Weltmeisterschaft der Arbeiterringer in Oslo, GR, (Hs)

1933 erfolgte die Zwangseingliederung der Ringer des Arbeiter-Athleten-Bundes in den Deutschen-Amateur-Schwerathletik-Verband DASV von 1891. Werner Seelenbinder setzte seine Ringerkarriere bei der Sportvereinigung Berlin-Ost, die diesem Verband angehörte, fort und erzielte dabei folgende herausragende Ergebnisse:

1936, 4. Platz, Olympische Spiele in Berlin, GR, Hs, mit Siegen über Georg Argast, Schweiz und Franz Foidl, Österreich und Niederlagen gegen Edvīns Bietags, Lettland und Axel Cadier, Schweden 1937, 3. Platz, Europameisterschaft in Paris, GR, Hs, mit Siegen über Umberto Silvestri, Italien, Henri Vermersch, Frankreich und Olaf Knutsen, Norwegen und Niederlagen gegen Nils Åkerlindh, Schweden und August Neo, Estland 1938, 3. Platz, Europameisterschaft in Tallinn, GR, Hs, mit Siegen über Tomasz Gwóźdź, Polen und Elmar Härmä, Finnland und Niederlagen gegen Umberto Silvestri und Nikolai Karklin, Estland

Bei den deutschen Meisterschaften im DASV erzielte er folgende Ergebnisse: 1933, 1. Platz, GR, Hs, vor Karl Engelhardt, Freising und Heinrich Heitmann, Dortmund-Hörde 1935, 1. Platz, GR, Hs, vor Karl Engelhardt und Paul Böhmer, Bad Reichenhall 1936, 1. Platz, GR, Hs, vor Erich Siebert, Mainz und Karl Ehret, Ludwigshafen am Rhein 1937, 1. Platz, GR, Hs, vor Paul Böhmer und Josef Litters, Mannheim-Sandhofen 1938, 1. Platz, GR, Hs, vor Karl Ehret und Karl Engelhardt 1941, 1. Platz, GR, Hs, vor Gerhard Strumpf und Hans Brönnigmann, beide Berlin

Von 1937 bis 1941 vertrat er Deutschland in sieben Länderkämpfen, wobei er zwei Siege erzielte.

Ehrungen Die Medaillen der von 1954 bis 1989 in der DDR verliehenen Ehrentitel „Meister des Sports“ und „Verdienter Meister des Sports“ tragen auf ihrer Vorderseite das Porträt Werner Seelenbinders. Am 6. Mai 2008 wurde Werner Seelenbinder in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen. Der Berliner Ringerverein SV Berlin-Buch veranstaltet regelmäßig ein Turnier zu Ehren von Werner Seelenbinder. Zudem werden Gedenkturniere im Judo, Handball und Badminton abgehalten. Auf der Radrennbahn in Berlin-Neukölln im Werner-Seelenbinder-Sportpark wurde 1949 ein Steherrennen „Seelenbinder-Memorial“ begründet.

Gedenktafeln und Gedenksteine Am einstigen Wohnhaus der Familie im Bezirk Friedrichshain, Glatzer Straße 6, wurde um 1956 eine GedenktafelGedenktafel am Haus Glatzer Straße 6 in Friedrichshain angebracht, die folgenden Text enthält: „In diesem Hause wohnte der antifaschistische Widerstandskämpfer Werner Seelenbinder, geb. am 2.8.1904. Von den Faschisten ermordet am 24.10.1944 in Brandenburg. Ehre seinem Andenken.“ Am ehemaligen Wohnhaus Seelenbinders in der Palisadenstraße 56, wo er von 1936 bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1942 wohnte, wurde Seelenbinder 1957 durch eine vom Bildhauer Hans Kies gestaltete Gedenktafel geehrt.Berliner Zeitung, 15. Mai 1957. Das Wohnhaus wurde um 1982 im Zuge einer Sanierung des Palisadendreiecks durch einen Neubau ersetzt. Eine weitere Gedenktafel gab es mindestens ab 1957 am Gebäude des EAW Treptow in der Hoffmannstraße.Neues Deutschland, 8. September 1957. Eine im Jahr 2003 gestohlene Gedenktafel am Amtsgericht Köpenick, Mandrellaplatz, Ecke Seelenbinderstraße in Berlin-Köpenick wurde 2018 als Nachguss der aus den 1970er Jahren stammenden Tafel mit der Inschrift „Dem mutigen Kämpfer gegen Faschismus, Imperialismus und Krieg“ wieder angebracht. An der ehemaligen Neuköllner Trainingsstätte Werner Seelenbinders, der Konrad-Agahd-Grundschule, Thomasstraße 39–40, damals Nr. 20–21, weist seit 1992 eine Berliner Gedenktafel auf ihn hin. In der Turnhalle der Schule hatten die Boxer und Ringer des SC „Berolina 03“ von 1925 bis 1930 trainiert und Wettkämpfe veranstaltet.Matthias Heisig, Frieder Boehne: Schwieriges Gedenken. Werner Seelenbinder und Neukölln. In: Frieder Boehne, Bernhard Bremberger, Matthias Heisig (Hrsg.): „Da müsst ihr euch mal drum kümmern“ – Werner Gutsche (1923–2012) und Neukölln. Spuren, Erinnerungen, Anregungen. Metropol Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-86331-322-7, S. 275 f. In der Fritz-Riedel-Straße 53 in Berlin-Prenzlauer Berg befand sich eine Bronzebüste für den Kommunisten und Arbeitersportler. Im Ehrenmal für die im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichteten antifaschistischen Widerstandskämpfer in Brandenburg an der Havel ist Werner Seelenbinder als einer von vier Hingerichteten herausragend erwähnt. In Lassahn, einem Ortsteil der Stadt Zarrentin am Schaalsee im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern ist ein Gedenkstein mit seinem Geburts- und Todesdatum errichtet.Gedenkstätte Werner Seelenbinder in den Wikimedia Commons Am Eingang des Sportparks Neukölln in der Oderstraße 182 wurden im 120. Geburtsjahr und zum 80. Jahrestag der Ermordung von Werner Seelenbinder im Oktober 2024 eine Informationstafel und ein lebensgroßes Portraitfoto angebracht.

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