mini|Mulai Abd ar-Rahman (1859) mini|Eugène Delacroix – Sultan Abd ar-Rahman empfängt den französischen Botschafter vor den Toren von Meknès Mulai Abd ar-Rahman () (* 1778 in Marrakesch;Geburtsort und -jahr von Abd ar-Rahman sind umstritten. Laut Ph. de Cossé-Brissac (Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage, Bd. 1 (1960), S. 84) wurde er 1789/1790 geboren; ebenso laut dem Artikel in der Encyclopædia Britannica online. † 28. August 1859 in Meknès) war von 1822 bis zu seinem Tod Sultan der Alawiden in Marokko. Am Anfang seiner Regierung und auch wiederholt später musste er innere Aufstände unterdrücken und konnte die Zentralmacht stärken. Mit den europäischen Seemächten geriet er wegen von Marokko ausgehender Piraterie in Konflikt. Nach der Annexion des damals vom Osmanischen Reich abhängigen Algerien durch Frankreich (1830) unterstützte er den Unabhängigkeitskampf Abd el-Kaders gegen die Kolonialmacht. Deshalb kam es 1844 zum Krieg mit Frankreich, den Marokko verlor. Der Sultan musste im folgenden Friedensvertrag Algerien als französischen Besitz anerkennen, die Hilfe für Abd el-Kader einstellen und den Fortbestand des früheren Grenzverlaufs zwischen Marokko und Algerien akzeptieren. Abd ar-Rahman schloss aber auch Handelsverträge mit europäischen Staaten und verstand es, die Unabhängigkeit seines Landes zu bewahren.
Leben Abstammung; Bekämpfung von Aufständen in den ersten Regierungsjahren Mulai Abd ar-Rahman war ein Sohn des marokkanischen Sultans Mulai Hischam († 1798) sowie Neffe des anschließend regierenden Sultans Mulai Sulaiman (regierte 1798–1822). Von Letzterem wurde er zweimal als dessen erwählter Nachfolger bezeichnet. Nach dem Tod seines Onkels Mulai Sulaiman erreichte er ohne größere Probleme seine Anerkennung als neuer Herrscher Marokkos, indem er am 30. November 1822 in Fès zum Sultan proklamiert wurde. Es gab zwar zwei Konkurrenten auf den Thron, sein Vetter Sulaiman sowie Ibrahim ibn Yazid, doch unterwarfen sie sich ihm rasch.G. Yver: Abd al-Rahman b. Hisham. In: Encyclopaedia of Islam. 1. Auflage, Bd. 1 (1913), S. 57.
Beim Regierungsantritt Abd ar-Rahmans befand sich Marokko im Aufruhr. Verschiedene Adelsfamilien und ländliche Stammesverbände versuchten, sich der Macht der Zentralregierung zu entziehen. In Fès war die religiöse Bedeutung der Marabuts größer als die politische Macht des Sultans. Auch die Finanzen des Reichs waren zerrüttet. Abd ar-Rahman musste in den ersten Regierungsjahren mehrere Aufstände niederschlagen. So erhob sich 1824 der Stamm der Bani Zemmur, erlitt aber eine Niederlage; sein Anführer Muhammad ibn al-Ghazi wurde in Mogador interniert. 1825 wurde die Revolte des Banu Zarwal unterdrückt. Die Shrarda rebellierten 1828 gegen den Statthalter von Marrakesch. Bei diesem kriegerischen Konflikt griff der Sultan persönlich ein und besiegte die Shrarda nach einer siebentägigen Schlacht entscheidend.Ph. de Cossé-Brissac: Abd al-Rahman b. Hisham. In: Encyclopaedia of Islam. 2. Auflage, 1960, S. 84.
Nach der Befriedung der Bruderschaften und der Marabuts begann Abd ar-Rahman den Ausbau der Reichsverwaltung. Infolgedessen wurde die Kontrolle der Berberstämme im Atlasgebirge und in Südmarokko verstärkt. Mehrere Aufstände gegen diese zunehmende Einbindung in den Staat konnten unterdrückt werden. Um sich die Unterstützung der Bevölkerung für seine Politik zu sichern, mussten allerdings die muslimischen Bruderschaften gefördert werden, die großen Einfluss auf die einfache Bevölkerung und die Stämme hatten.
Handelsbeziehungen mit europäischen Mächten; Konflikte mit ihnen wegen Piraterie Während im Inneren die noch schwache Zentralregierung (makhzen) ausgebaut wurde, versuchte Abd ar-Rahman ausbleibende Steuereinnahmen durch die Neubelebung des internationalen Handels, der von seinem Vorgänger ausgesetzt worden war, auszugleichen. Er schloss mehrere Handelsabkommen mit europäischen Nationen, so 1823 mit Portugal und 1824 mit Großbritannien. Den 1767 zwischen Frankreich und dem damaligen marokkanischen Herrscher Mulai Muhammad vereinbarte Handels- und Freundschaftsvertrag wurde von Abd ar-Rahman 1825 erneuert. Auch mit Sardinien unterzeichnete er 1825 einen Handelskontrakt. Dabei hatte Marokko wenig zu exportieren, da ab 1825 im Land eine Periode geringer Regenfälle und damit verbundener schlechter Ernten einsetzte.G. Yver: Abd al-Rahman b. Hisham. In: Encyclopaedia of Islam. 1. Auflage, Bd. 1 (1913), S. 58.Richard Pennell: Morocco since 1830. A History, 2000, S. 24.
Abd ar-Rahman entschied sich aber auch, die einträgliche Institution der Piraterie der Barbaresken-Korsaren wieder zu gestatten, was zur militärischen Konfrontation mit den europäischen Handelsmächten führte. So errichteten die Briten 1828 nach der Kaperung mehrerer ihrer Schiffe eine Blockade des Hafens von Tanger. Im Sommer 1828 wurde ein österreichisches Handelsschiff vor Cádiz aufgebracht und nach Rabat geschleppt sowie die Mannschaft in Ketten gelegt. Der von Österreich zu einer Expedition gegen Marokko entsandte Korvettenkapitän Franz Bandiera beschoss im Juni 1829 mit seinem Geschwader die Stadt Larache, doch sah sich ein daraufhin dort gelandeter Trupp einem plötzlichen Angriff marokkanischer Reiter ausgesetzt und musste sich zurückziehen. Die österreichische Flotte bombardierte auch die Städte Arzila und Tétouan. Im März 1830 unterzeichneten beide Seiten einen Friedens- und Handelsvertrag.Richard Pennell: Morocco since 1830. A History, 2000, S. 24; Jacques Caillé: Une ambassade autrichienne au Maroc en 1805, 1957, S. 31. Erst danach wurde die Piraterie durch Abd ar-Rahman unterbunden. Die letzte militärische Vergeltungsaktion aufgrund von Piraterie erfolgte im Jahr 1851 gegen die Stadt Salé.
Wadaya-Rebellion Nach dem Rückzug von Abd ar-Rahman aus Tlemcen im März 1831 probten die in ländlichen Gebieten Marokkos wohnenden Wadaya den Aufstand und riefen einen Verwandten des Sultans, Mohammed ibn al-Tayyib, zum Herrscher aus. Von Norden breitete sich die Revolte über ganz Marokko einschließlich der Hauptstadt Fès aus. Es handelte sich um die gefährlichste Rebellion während Abd ar-Rahmans Regierung. Der Sultan wollte sich von Fès in die geschütztere Stadt Meknès begeben, wurde aber unterwegs von Streitkräften der Rebellen aufgehalten und musste nach Fès zurückkehren. Als er von der Unbeliebtheit seines wichtigsten Ministers hörte, entließ er diesen und übergab dessen eingezogenes Vermögen den Wadaya, die dennoch im Aufstand verharrten. Einige Monate später vermochte der Sultan von Fès nach Meknès zu fliehen, wo er die Armee durch Rekrutierung weiterer Krieger verstärkte. Mit diesen Truppen zog er gegen Fès und belagerte es 40 Tage, bis die Wadaya 1832 kapitulierten. Daraufhin befahl er die Hinrichtung der beiden wichtigsten Anführer der Rebellion und ließ die übrigen Angehörigen der Wadaya von Fès nach Marrakesch, Larache und Rabat umsiedeln. Durch diese Maßnahme brach der Aufstand zusammen.Susan Miller: A History of Modern Morocco, 2013, ISBN 978-0-521-81070-8, S. 15 ff.
Erste Konflikte mit Frankreich; Unterstützung Abd el-Kaders Die größte Konfrontation Marokkos während Abd ar-Rahmans Herrschaft mit einer ausländischen Macht war jene mit Frankreich. Dessen Truppen hatten 1830 eine Invasion der Regentschaft Algier unternommen, die ein autonomes Eyâlet des Osmanischen Reichs im Norden des heutigen Algerien darstellte und von Deys regiert wurde. Unterteilt war die Regentschaft Algier in drei Provinzen, das westliche Beylik mit der Hauptstadt Oran, das Beylik Titteri und das Beylik Constantine (auch östliches Beylik genannt). Der Einmarsch der Franzosen ins Nachbarland und ihr Sieg in der Schlacht von Staoueli (19. Juni 1830) beunruhigte die Marokkaner und führte zu ihrer Solidarisierung mit den Algeriern. Beim weiteren Vormarsch der Franzosen ins Landesinnere ersuchten die Bewohner des westlichen Beylik Marokko um Hilfe. Im Sommer 1830 nahm Abd ar-Rahman zahlreiche algerische Flüchtlinge in den Häfen von Tanger und Tétouan auf und ließ ihnen Unterkünfte anweisen.Susan Miller: A History of Modern Morocco, 2013, S. 12 f.
Nach dem Fall Algiers im Juli 1830 forderten die Einwohner von Tlemcen Abd ar-Rahman durch eine Delegation zur Intervention in ihrer Region, dem westlichen Beylik, auf und versprachen ihm dafür den Treueid. Die vom Sultan konsultierten Ulama von Fèz äußersten dagegen Bedenken, da die Einwohner von Tlemcen schon dem osmanischen Sultan die Treue geschworen hatten.Richard Pennell: Morocco since 1830. A History, 2000, S. 42; Susan Miller: A History of Modern Morocco, 2013, S. 13. Auf eine weitere Einladung zur Intervention ernannte Abd ar-Rahman aber im Oktober 1830 seinen erst 15-jährigen Neffen Mulai Ali ben Slimane zum Regenten von Tlemcen, woraufhin dieser mit einem als Militärführer fungierenden Onkel des Sultans, Idris al-Djarari, und einem Truppenaufgebot nach Tlemcen zog.Richard Pennell: Morocco since 1830. A History, 2000, S. 42–43. Das marokkanische Heer wurde nicht nur dort, sondern auch in den Beyliks Titteri und Constantine herzlich begrüßt und die Oberhoheit von Abd ar-Rahman in der ganzen Regentschaft Algier anerkannt.Charles Henry Churchill: The life of Abdel Kader, 1867, S. 21.
Die Truppen des Sultans konzentrierten sich aber nicht auf die Eroberung der von osmanischen Truppen besetzten Zitadelle von Tlemcen, sondern plünderten das Land. Im März 1831 berief Abd ar-Rahman seinen Neffen Mulai Ali ab und ernannte an seiner Stelle den Statthalter von Tétouan, Ibn al Hami. Ein im Januar 1832 von der französischen Regierung geschickter Gesandter, der Graf Charles-Edgar de Mornay, forderte den Sultan zum Truppenabzug aus Tlemcen auf. Abd ar-Rahman stimmte diesem Begehren erst nach dem Erscheinen eines französischen Kriegsschiffs vor Tanger zu. Bei der Abreise im Mai 1832 ernannte Ibn al Hami als seinen Nachfolger einen lokalen Anführer einer Sufi-Bruderschaft, Muhyi ad-Din, der den Widerstanden gegen die Franzosen organisierte und dessen weitere Führung im November 1832 seinem Sohn Abd el-Kader übergab.
Im Jahr 1834/1835 brachte der Marabut Sidi Muhammad ibn Taiyib die Stadt Fès unter seine Kontrolle und vermochte sich hier eine Weile zu halten. Letztlich war er aber zur Kapitulation gezwungen und musste in die Verbannung nach Tafilalet gehen. 26 seiner Anhänger wurden lebendig eingemauert. Unterdessen unterstützte Abd ar-Rahman den fortgesetzten Guerilla-Krieg Abd el-Kaders in Algerien gegen die französischen Truppen, allerdings nur zögerlich, um keine Vergeltungsaktionen der Kolonialmacht gegen Marokko zu provozieren. Einem weiteren französischen Abgesandten, Oberst Larue, versprach er 1836, sich in dem Konflikt neutral zu verhalten. Die marokkanischen Grenzstämme halfen Abd el-Kader jedoch weiterhin sehr aktiv. Dies veranlasste die Franzosen zu Gegenangriffen auf Gebiete im marokkanischen Grenzgebiet, wo sie Vorposten errichteten. Bis 1843 gewannen sie die Oberhand im Kampf gegen Abd el-Kader, der schließlich nach Marokko flüchten musste, wo ihm Abd ar-Rahman eine Zufluchtsstätte anbot.
Gleichzeitig kam es zwischen Marokko und Spanien zu einem schweren Konflikt. Der spanische Konsularagent Darmon war nämlich, weil er einen Marokkaner auf der Jagd verwundet hatte, trotz der Intervention des sardinischen Konsularagenten auf Befehl des Gouverneurs von Massagran 1843 enthauptet worden. Auf die Satisfaktions-Forderung der in Tanger residierenden auswärtigen Konsuln vom 11. Februar 1844 antwortete der Sultan mit der Zusammenziehung eines Beobachtungsheers bei Ceuta. Spanien sandte eine Dampffregatte mit einer Gesandtschaft nach Tanger, die erneut Genugtuung fordern sollte, ließ es aber aus Rücksicht auf England und Frankreich nicht zum Äußersten kommen und nahm die Vermittlung Englands an. Infolge dieser Vereinbarung wurde der Gouverneur von Massagran bestraft und die Familie Darmons entschädigt.Marokko, in: Pierers Universal-Lexikon, 4. Auflage, Bd. 10 (1860), S. 911 f.
Französisch-Marokkanischer Krieg